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Full text of "Alraune, die Geschichte eines lebenden Wesens"

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H. H. EWERS 

ALRAUNE 

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Titel und Bildbeigaben zeichnete 
Ilna Ewers-Wundcrwald 



Alle Rechte, insbesondere das der Überseuunf, sind vorbe- 
halten. — Copyright 1911 by Georg MttUer in Manchen 



Von diesem Werke wurden fünfzig 
Exemplare auf van Gelder -Bütten ab- 
gezogen und in der Presse numeriert. 



AUFTAKT 



Wie willst du leugnen, liebe Freundin, dass es 
Wesen gibt — keine Menschen, keine Tiere — 
seltsame Wesen, die aus der verruchten Lust ab- 
surder Gedanken entsprangen? 

Gut, weisst du, meine sanfte Freundin, gut 
ist das Gesetz, gut ist alle Regel und alle strenge 
Norm. Gut ist der grosse Gott, der diese Normen 
schuf, diese Regeln und Gesetze. Und gut ist der 
Mensch, der sie wohl achtet, der seine Wege geht 
in Demut und Geduld und in der treuen Nach- 
folge seines guten Gottes. 

Ein anderer aber ist der Fürst, der den Guten 
hasst. Er zerschlägt die Gesetze und Normen. 
Er schafft — merk es wohl — wider die i\atur. 



Er ist schlecht, ist böse. Und böse ist der 
Mensch, der so tut wie er. Er ist ein Kind des 
Satan. 

Böse ist es, sehr böse, hineinzugreifen in die 
ewigen Gesetze, mit frecher Hand sie herauszu- 
reissen aus ihren ehernen Fugen. 

Der Böse mag es wohl tun — weil ihm Satan 
hilft, der ein gewaltiger Herr ist; er mag schaffen 
nach seinem eigenen stolzen Wunsche und Wil- 
len. Mag Dinge tun, die alle Regeln zertrüm- 
mern, alle Natur umkehren und auf den Kopf stel- 
len. Aber er hüte sich wohl : es ist Lüge nur und 
irres Blendwerk, was immer er schafft. Es ragt 

auf und wächst in alle Himmel aber es 

stürzt zusammen am letzten Ende und begräbt im 
Sturze den hochmütigen Narren, der es dachte — 



Seine Exzellenz Jakob ten Brinken, Dr. med., 
Ord. Professor und Wirkl. Geh. Rat, schuf das 
seltsame Mädchen, schuf es — — wider alle 
Natur. Er schuf es, ganz allein, wenn auch der 
Gedanke einem andern gehörte. Und dieses We- 
sen, das sie taufen Hessen und Alraune nannten, 
wuchs heran und lebte wie ein Menschenkind. 
Was es anfasste, das ward zu Gold, wo es hin- 
blickte, da lachten die wilden Sinne. Wohin aber 
sein giftiger Atem traf, schrie alle Sünde, und aus 
dem Boden, den seine leichten Füsse traten, wuch- 
sen des Todes bleiche Blumen. Einer schlug es 

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tot, der war es, der es einst dachte: Frank Braun, 
der neben dem Leben herlief. 



Nicht für dich, blondes Schwesterchen, schrieb 
ich dies Buch. Deine Augen sind blau und sind 
gut und wissen nichts von den Sünden. Deine 
Tage sind wie die schweren Trauben blauer Gly- 
zenen, tropfen hinab zum weichen Teppich: so 
schreitet mein leichter Fuss weich dahin durch die 
sonnenglitzernden Laubengänge deiner sanften 
Tage. Nicht für dich schrieb ich dies Buch, mein 
blondes Kind, holdes Schwesterlein meiner traum- 
stillen Tage — 

Dir aber schrieb ich es, du wilde, sündige 
Schwester meiner heissen Nächte. Wenn die 
Schatten fallen, wenn das grausame Meer die 
schöne Goldsonne frisst, da zuckt über die Wogen 
ein rascher giftgrüner Strahl. Das ist das erste 
schnelle Lachen der Sünde über des bangen Tages 
Todesfurcht. Und sie reckt sich über die stillen 
Wasser, hebt sich hoch, brüstet sich in brandigen, 
gelben und roten, tief violetten Farben. Und die 
Sünde atmet durch die tiefe Nacht, speit ihren 
Pesthauch weit hinaus über alle Lande. 

Und du fühlst wohl ihren heissen Hauch. Da 
weitet sich dein Auge, hebt sich frecher die junge 
Brust. Da fliegt ein Zittern über deine Nüstern, 
spreizen sich weit die fieberfeuchten Hände. Da 
fallen die bürgerlichen Schleier aller sanften Tage, 
da gebiert sich die Schlange aus schwarzer Nacht. 



Da reckt sich, Schwester, deine wilde Seele, aller 
Schanden froh, voll aller Gifte. Und aus Qualen 
und Blut, und aus Küssen und Lüsten jauchzt sie 
hinauf — schreit sie hinab — durch alle Himmel 
und Höllen — 

Schwester meiner Sünden, dir schrieb ich dies 
Buch — 



ERSTES KAPITEL, DAS ZEIGT, WIE DAS HAUS 

WAR, IN DEM DER GEDANKE ALRAUNE IN DIE 

WELT SPRANG 



Das weisse Haus, in dem Alraune tcn Brin- 
ken wurde — lange Zeit, ehe sie geboren, ehe 
sie noch gezeugt ward — dies Haus lag am Rhein. 
Ein wenig hinaus aus der Stadt, in der grossen 
Villenstrasse, die hinausführt vom alten erzbi- 
schöflichen Palast, der heute die Universität hält. 
Dort lag es. Und damals bewohnte es der Herr 
Justizrat Sebastian Gontram. 

Man schritt, von der Strasse her, durch den lan- 
gen hässlichen Garten, der nie einen Gärtner sah. 
Man kam zu dem Hause, von dem der Stuck fiel, 
suchte nach einer Schelle und fand keine. Man 
rief und schrie und es kam niemand. Endlich stiess 
man die Türe auf und ging hinein, stieg über die 
schmutzige, nie gewaschene Holztreppe. Und ir- 
gendeine grosse Katze sprang durch die Dunkel- 
heit. 

Oder aber — der grosse Garten lebte von tau- 
send Affen. Das waren die Gontramkinder : Frie- 
da, Philipp, Paulche, Emilche, Jösefche und Wölf- 
ehe. Sie waren überall, staken in den Aesten der 
Bäume, krochen in tiefen Gruben in der Erde. 



Dann die Hunde, zwei freche Spitze und ein Ba- 
stardfox. Und dazu der Zwergpinscher des Herrn 
Rechtsanwalt Manasse, so ein Ding, wie eine 
braune Quittenwurst, kugelrund, kaum grösser 
wie eine Hand. Cyklop hiess er. 

Und alles lärmte und schrie. Wölfchen, kaum 
ein Jahr alt, lag im Kinderwagen und brüllte, 
hoch, hartnäckig, stundenlang. Nur Cyklop konnte 
diesen Rekord halten, er kläffte, heiser und zer- 
brochen, unaufhörlich. Rührte sich nicht vom 
Platze, wie Wölfchen, schrie nur, heulte nur. 

Die Gontrambuben rasten durch die Büsche, 
spät am Nachmittage. Frieda, die älteste, sollte 
aufpassen; achtgeben, dass die Brüder artig seien. 
Aber sie dachte: sie sind artig. Und sie sass hin- 
ten, in der zerfallenen Hollunderlaube, mit ihrer 
Freundin, der kleinen Prinzessin Wolkonski. Die 
beiden schwatzten und stritten sich, meinten, dass 
sie nun bald vierzehn Jahre alt würden und dann 
wohl heiraten könnten. Oder wenigstens könnte 
man einen Liebhaber haben. Aber sie waren 
fromm alle beide und beschlossen, noch ein wenig 
zu warten, vierzehn Tage noch, bis nach der er- 
sten heiligen Kommunion. 

Dann bekam man lange Kleider. Dann war man 
erwachsen. Dann konnte man einen Liebhaber 
haben. 
' Sie kamen sich sehr tugendhaft vor bei diesem 
Entschluss. Und sie überlegten, dass es gut 
wäre, sogleich zur Kirche zu gehen, in die Mai- 

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andacht. Man musste sich sammeln in diesen 
Tagen, musste ernst sein und vernünftig. 

„Und dann ist auch vielleicht der Schmitz dal" 
sagte Frieda Gontram. 

Aber die kleine Prinzess rümpfte das Naschen: 
„Bah — der Schmitz!" machte sie. 

Frieda fasste sie unter den Arm. „Und die 
Bavaren, die mit den blauen Mützen!" 

Olga Wolkonski lachte. „Die — ? Das sind 

Blasen! — Weisst du, Frieda, feine 

Studenten gehen überhaupt nicht in die Kirche." 

Das war nun wohl wahr, feine Studenten taten 
so etwas nicht. 

Frieda seufzte. Sie schob rasch den Wagen 
mit dem schreienden Wölfchen zur Seite imd 
trat nach Cyklop, der sie in den Fuss beissen 
wollte. 

Nein, nein, die Prinzess hatte recht, es war 
nichts mit der Kirche. „Lass uns hierbleiben!" 
entschied sie. Und die Mädchen kehrten zurück 
zur Hollunderlaube. 

— Alle die Gontramkinder hatten eine un- 
endliche Gier zimi Leben. Sie wussten es nicht 
— aber sie ahnten es, fühlten es so im Blute, dass 
sie sterben mussten, jung, frisch, mitten im Blü- 
hen. Dass sie nur einen kleinen Teil der Spanne 
Zeit hatten, die andern Menschen gegeben war. 
Und sie nahmen diese Zeit dreifach, lärmten und 
rasten, frassen und tranken sich übersatt am Le- 
ben. Wölfchen schrie in seinem Wagen, schrie 
für sich allein so viel wie drei andere Babies. 

ZI 



Seine Brüder aber flogen durch den Garten, 
machten sich zahlreich, taten, als ob ihrer vier 
Dutzend wären, und nicht nur vier. Schmutzig, 
rotznasig und zerlumpt, immer irgendwo blu- 
tend, vom Schnitt in den Finger, vom zerschun- 
denen Knie, oder irgendeinem tüchtigen Kratz. 

Wenn die Sonne sank, schwiegen die Gontram- 
buben. Kehrten ins Haus zurück, gingen in die 
Küche. Schlangen gewaltige Haufen von Butter- 
bröten, dick belegt mit Schinken und Wurst. Und 
tranken ihr Wasser, das die grosse Magd leicht 
färbte mit rotem Wein. Dann wusch sie die 
Magd. Zog sie aus, steckte sie in die Kübel, nahm 
schwarze Seife und die harte Bürste. Schrubbte 
sie, wie ein Paar Stiefel. Aber rein wurden sie 
doch nicht. — Und wieder schrien und tobten 
die wilden Jungen in ihren hölzernen Kübeln. 

Dann, todmüde, krochen sie ins Bett, plump- 
sten hin wie Kartoffelsäcke, rührten sich nicht 
mehr. Stets vergassen sie sich zuzudecken; das 

besorgte die Magd. 

* * 

* 

Meist um diese Stunde kam Rechtsanwalt Ma- 
nasse ins Haus. Er stieg die Treppe hinauf, 
schlug mit dem Stock an ein paar Türen; bekam 
keine Antwort und trat endlich ein. 

Frau Gontram kam ihm entgegen. Sie war 
gross, fast doppelt so gross wie Herr Manasse. 
Der war ein Zwerg nur, kugelrund, und glich 
genau seinem hässlichen Hund, dem Cyklop. 
Kurze Stoppeln wuchsen ihm überall aus Wan- 

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gen, Kinn und Lippen, und mitten heraus schaute 
die Nase, klein und rund, wie ein Radieschen. 
Wenn er sprach, kläffte er, es war, als wollte er 
immer zuschnappen. 

„Guten Abend Frau Gontram," sagte er. „Ist 
der Herr Kollege noch nicht zu Haus?" 

„Juten Nahend Herr Rechtsanwalt," sagte die 
grosse Frau. „Machen Sie et sich bequem." 

Der kleine Manasse schrie: „Ob der Herr Kol- 
lege noch nicht zu Haus ist!? — Und lassen Sie 
das Kind hereinholen, man versteht ja sein eigen 
Wort nicht!" 

„Wat?" fragte Frau Gontram. Dann nahm sie 
die Antiphone aus den Ohren. „Ach so!" fuhr 
sie fort. „Dat Wolf che! — Sie sollten sich doch 
auch so 'ne Dinger anschaffe, Herr Rechtsan- 
walt, dann höre Se nix." Sie ging zur Tür und 
schrie: „Billa, Billa! ~ Oder Frieda! Hört ihr 
nit? Schafft dat Wölfehe int Haus!" 

Sie war noch im Morgenkleid, aprikosenfar- 
big. Sie hatte gewaltiges, kastanienbraunes 
Haar, unordentlich aufgesteckt, halb herunterfal- 
lend. Ihre schwarzen Augen schienen unendlich 
gross, weit, weit aufgerissen, und voll sengenden, 
unheimlichen Feuers. Aber die Stirne höhlte sich 
an den Schläfen, eingefallen war die schmale Nase 
und die bleichen Wangen spannten sich eng über 
die Knochen. Grosse hektische Flecken brannten 
hell auf — 

„Haben Sie 'ne jute Zigarre, Herr Rechtsan- 
walt?" fragte sie. 

»3 



Er nahm sein Etui heraus, ärgerlich, wütend 
fast. „Wie viele haben Sie denn schon geraucht 
heute, Frau Gontram?" 

„*n Stücker zwanzig," lachte sie. „Aber Sie 
wissen ja, dat dreckige Zeug für vier Pfennig et 
Stück! — 'ne Abwechslung würd' mir jut tun. 
Da, jeben Sie mich die dicke da!" — Und sie 
nahm eine schwere, fast schwarze Mexiko. 

Herr Manasse seufzte: „Na, was meinen Sie? 
Wie lang soll das noch so gehn?" 

„Böh!" machte sie. „Regen Se sich nur nich 
auf. Wie lang? Vorjestem meinte der Herr Sa- 
nitätsrat: noch sechs Monat. — Aber wissen Se, 
jenau datselbe hat er vor zwei Jahren auch schon 
emal jemeint. Ich denk immer: et jaloppiert sich 
jarnix, et jeht hübsch im Trab mit die jaloppie- 
rende Schwindsucht." 

„Wenn Sie wenigstens nicht so viel rauchen 
wollten!" kläffte der kleine Rechtsanwalt. 

Sie sah ihn gross an, zog die blauen, dünnen 
Lippen hoch über die blanken Zähne. „Wat? 
Wat, Manasse? Nich mehr rauche? Nu halten Se 
aber freundlichst die Luft an! Wat soll ich denn 
sonst tun? Kinder kriegen — alle Jahr eins — 
Haushalt führen mit all die Bäljer — dabei de 

Jaloppierende un nich mal rauche dürfe?" 

— Sie paffte ihm den dicken Qualm ins Gesicht, 
dass er hustete. 

Er blickte sie an, halb giftig, halb liebend und 
bewundernd. Dieser kleine Manasse war frech 

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wie keiner, wenn er vor der Barre stand, nie ver- 
legen um einen Witz, um ein scharfes, schnei- 
dendes Wort. Kläffte, schnappte, biss um sich, 
ohne jeden Respekt und jede kleinste Furcht. — 
Hier aber, vor dieser dürren Frau, deren Leib 
ein Gerippe war, deren Kopf grinste wie ein To- 
tenschädel, die seit Jahr und Tag zu dreiviertel 
im Grabe stand, und lachend das letzte Viertel 
selbst aufschaufelte, hier empfand er Angst. 
Diese unbändigen, schimmernden Locken, die 
immer noch wuchsen, immer stärker, immer vol- 
ler wurden, als ob ihren Boden der Tod selbst 
düngte, diese ebenmässigen, strahlenden Zähne, 
die den schwarzen Stumpf der dicken Zigarre 
fest umschlossen, diese Augen, übergross, ohne 
Hoffnung, ohne Sehnsucht, fast ohne ein Be- 
wusstsein ihrer leuchtenden Gluten Hes- 
sen ihn stumm werden und kleiner noch als er 
war, kleiner fast als sein Hund. 

Oh, er war sehr gebildet, der Rechtsanwalt Ma- 
nasse. Sie nannten ihn ein wanderndes Konver- 
sationslexikon, und es gab nichts, über das er 
nicht Bescheid wusste im Augenblick. Nun 
dachte er: sie schwört auf Epikur. Der Tod geht 
sie nichts an, meint sie. Solange sie lebt, ist er 
nicht da. Und wenn er da ist, so ist sie fort. 

Er aber, Manasse, sah recht gut, dass der Tod 
da war, obwohl sie noch lebte, fängst war er 
da, schlich überall herum in diesem Hause. 
Spielte Blindekuh mit dieser Frau, die sein Mal 
trug, Hess ihre gezeichneten Kinder schreien und 

25 



rasen im Garten. Freilich — er galoppierte nicht. 
Ging hübsch im Trab, da hatte sie recht. Aber 

nur so aus Laune. Nur so weil es ihm 

Spass machte, zu spielen mit dieser Frau und 
ihren lebensgierigen Kindern wie die Katze mit 
den Fischlein im Goldfischglas — 

Ohe, er ist gar nicht da! meinte diese Frau 
Gontram, die auf dem Longchair lag den langen 
Tag, die grosse schwarze Zigarren rauchte, nie 
endende Romane las und Antiphone in den Ohren 
trug, um der Kinder Lärm nicht zu hören. — 
Ohe, er ist gar nicht da!? — Nicht da? grinste 
der Tod und lachte den Rechtsanwalt an aus 
dieser jämmerlichen Maske heraus, paffte ihm den 
dicken Rauch ins Gesicht — 

Der kleine Manasse sah ihn, sah ihn deutlich 
genug. Er starrte ihn an, überlegte lang, welcher 
Tod es wohl sei aus der grossen Gemeinde. Der 
von Dürer? Oder der von Böcklin? Oder irgend- 
ein wilder Harlekintod von Bosch oder Breughel? 
Oder gar so ein wahnsinniger, unverantwortli- 
cher Tod von Hogarth, von Goya, von Rowland- 
son, Rops oder Callot? 

Keiner war es von diesen. Der da vor ihm sass, 
war ein Tod, mit dem man umgehen konnte, war 
gut bürgerlich und dazu romantisch, war ein 
rheinländischer Tod, ein Rethelscher. War einer, 
der mit sich reden Hess, einer, der Witz im Leibe 
hatte, der rauchte und Wein trank und lachen 
konnte — 

i6 



„Es ist gut, dass er raucht!" dachte Manasse. 
„Das ist sehr gut: so riecht man ihn nicht — " 



* * ♦ 



Dann kam der Justizrat Gontram. 

„Guten Abend, Collega!" sagte er. „Auch 
schon da? Das ist recht." Und er begann eine 
lange Geschichte, erzählte genau, was alles pas- 
siert War heute, auf dem Bureau und vor Gericht. 

Lauter merkwürdige Sachen. Was nur Juristen 
passieren kann im langen Leben, das passierte 
Herrn Gontram Tag für Tag. Höchst seltsame 
Begebnisse, manchmal lustig und komisch genug 
und manchmal blutig und höchst tragisch. 

Nur — nicht ein Wort war wahr daran. Der 
Justizrat hatte dieselbe unbesiegbare Scheu vor 
der Wahrheit, die er auch vor dem Bad, ja vor 
der Waschschüssel hatte, er log, wenn er den 
Mund aufsperrte, und wenn er schlief, träumte er 
von neuen Lügen. Jedermann wusste, dass er log, 
aber jedermann hörte doch gerne ihm zu, denn 
seine Lügengeschichten waren lustig und gut, 
und waren sie es einmal nicht, so war doch gut 
die Art, wie er sie auftischte. 

Ein guter Vierziger war er, mit schon grauem, 
kurzem, sehr lückigem Barte und schütterem 
Haar. Einen goldenen Zwicker trug er an 
langer schwarzer Schnur, der stets schief über 
der Nase hing, und die blauen kurzsichtigen Au- 
gen sehen Hess. Unordentlich war er, schlampig 
und ungewaschen, stets mit Tintenflecken auf 
den Fingern. 

a Ewers, Alraune Z? 



Er war ein schlechter Jurist und war sehr ge- 
gen jede Arbeit. Die überliess er seinen Referen- 
daren — die aber auch nichts taten, nur zu ihm 
kamen aus diesem Grunde und sich oft wochen- 
lang nicht sehen Hessen im Bureau. Ueberliess 
sie dem Bureauvorsteher und den Schreibern: 
die schliefen. Und wenn sie einmal wachten, so 
machten sie einen Schriftsatz, der lautete: „Ich 
bestreite." Und stempelten den Namenszug des 
Justizrats darunter. 

Und dennoch hatte er eine sehr gute Praxis, 
viel besser wie die des so kenntnisreichen und 
gewitzten Manasse. Er verstand die Sprache des 
Volkes und konnte schwatzen mit den Leuten. 
Er war beliebt bei allen Richtern und Anwälten, 
weil er nie Schwierigkeiten machte, alles seinen 
Gang gehen Hess. Vor der Strafkammer und vor 
den Geschworenen war er Goldes wert, das 
wusste man wohl. Einmal sagte ein Staatsan- 
walt: „Ich beantrage, dem Angeklagten mil- 
dernde Umstände nicht zu versagen: Herr Ju- 
stizrat Gontram verteidigt ihn." 

Mildernde Umstände die bekam er stets 

für seine Klienten. Aber Manasse bekam sie sel- 
ten genug, trotz seiner Gelehrsamkeit und seiner 
scharfen Rede. 

Und dann war da noch etwas. Justizrat Gon- 
tram hatte ein paar Fälle gehabt, grosse, gewal- 
tige Prozesse, die Aufsehen erregten durchs ganze 
Land. Hatte sie durchgekämpft durch lange 
Jahre, in allen Instanzen, und sie schliesslich 

i8 



gewonnen. Dann nämlich erwachte plötzlich in 
ihm eine seltsame, irgendwo schlafende Energie. 
So eine völlig verfahrene Sache, ein sechsmal ver- 
lorener, beinahe unmöglicher Prozess, der von 
Anwalt zu Anwalt ging, so ein Fall mit ver- 
zwicktesten internationalen Fragen — von de- 
nen er keine Ahnung hatte — das mochte ihn 
interessieren. Die Brüder Koschen aus Lennep, 
dreimal zum Tode verurteilt, hatte er schliess- 
lich doch freibekommen, im vierten Wiederauf- 
nahmeverfahren, trotz eines haarscharfen Indi- 
zienbeweises. Und in dem grossen Millionenstreit 
der Galmeibergwerke von Neutral-Moresnet, in 
dem kein Jurist in drei Ländern sich auskannte — 
— und gewiss Gontram am allerwenigsten — 
hatte er doch letzten Endes ein obsiegendes Ur- 
teil erzielt. Nun führte er, seit drei Jahren, den 
grossen Ehegültigkeitsprozess der Fürstin Wol- 
konski. 

Und merkwürdig: nie sprach dieser Mensch 
je über das, was er wirklich geleistet hatte. Je- 
dem, den er traf, log er die Ohren voll mit seinen 
frech erfundenen juristischen Heldentaten — 
nicht eine Silbe aber kam über seine Lippen über 
das, was er wirklich durchsetzte. So war es 
schon: er verabscheute alle Wahrheit. 

— Frau Gontram sagte: „Dat Abendessen 
kommt jleich. Und en Böwlche hab ich auch als 

anjesetzt. Frischer Waldmeister. Soll ich 

mich noch umziehe jehn?" 

„Bleib nur so, Frau," entschied der Justizrat, 

a* 19 



„der Manasse hat nichts dagegen." Er unterbrach 
sich: „Herrgott, wie das Kind schreit! Kannst 
du es denn nicht still kriegen?" 

Die Frau ging mit langen, langsamen Schrit- 
ten an ihm vorbei. OefFnete die Tür zum Vorzim- 
mer; dorthin hatte die Magd den Kinderwagen 
geschoben. Und sie nahm Wölfchen, trug es hin- 
ein und setzte es in den hohen viereckigen Baby- 
stuhl. 

„Kein Wunder, dat et so schreit!" sagte sie 
ruhig. „Et is janz nass." Aber sie dachte nicht 
daran, es trocken zu legen. „Bis doch still, kleine 
Teufel," fuhr sie fort, „siehst du denn nich, dass 
mer Besuch haben?" 

Aber das Wölfchen Hess sich durchaus nicht 
stören durch den Besuch. Herr Manasse stand 
auf, klopfte es, streichelte es auf die dicken 
Backen, brachte ihm den grossen Hampelmann 
zum Spielen. Doch das Kind stiess den Hampel- 
mann fort, brüllte, schrie unaufhörlich. Und Cy- 
klop begleitete es unter dem Tisch her. 

Da sagte die Mama: „Wart nur, lieb Zucker- 
plätzche. Ich hab wat für dich." Sie nahm den 
schwarzen, zerkauten Stummel aus den Zähnen 
und schob ihn dem Baby in den Mund. „Da, 
Wolf che, dat is lecker!? Wat?" 

Und das Kind war still im Augenblick, lutschte 
und sog, strahlte überglücklich aus grossen, la- 
chenden Augen. 

„Na, sehen Se, Herr Rechtsanwalt, wie man 
mit Kinder umjehen muss?" sagte die grosse 

20 



Frau. Sicher und still sprach sie, völlig ernst. 
„Aber ihr Männer versteht nix von Kinder." 

— Die Magd kam, meldete, dass gedeckt sei. 
Dann, während die Herrschaft ins Speisezimmer 
ging, ging sie mit tappigen Schritten auf das 
Kind zu. „Bäh!" machte sie und riss ihm den 
Stummel aus dem Mund. 

Sofort begann Wölfchen wieder zu heulen. 
Sie nahm es auf den Arm, wiegte es hin und her, 
sang ihm ein schwermütiges Liedchen aus ihrer 
wallonischen Heimat. Doch hatte sie nicht mehr 
Glück wie Herr Manasse; das Kind schrie nur 
und schrie. Da nahm sie den Stummel wieder her, 
spuckte darauf, rieb ihn ab an der schmutzigen 
Küchenschürze, um das immer noch glimmende 
Feuer zu ersticken. Gab ihn zurück in Wölfchens 
roten Mund. 

Nahm das Kind, zog es aus, wusch es, gab 
ihm reine Sachen und bettete es weich in sein 
Bettchen. Wölfchen rührte sich nicht, Hess alles 
ruhig geschehen, still und zufrieden. Und es 
schlief ein, selig strahlend, immer in den Lippen 
den grässlichen schwarzen Stummel. 

O ja, sie hatte schon recht, diese grosse Frau. 
Sie verstand eben was von Kindern. Wenigstens 
— von den Gontramkindem. 

Drinnen speisten sie zu Nacht und der Justiz- 
rat erzählte, Sie tranken einen leichten Wein 
von der Ruwer; erst zum Schlüsse brachte Frau 
Gontram die Bowle. 

ai 



Ihr Mann schnüffelte kritisch. „Lass doch was 
Sekt heraufholen," sagte er. 

Aber sie setzte die Bowle auf den Tisch: „Mer 
han keine Bowlesekt mehr. — — Un nur noch 
eine Flasch Pommery is im Keller." 

Er sah sie gross an, über seinen Zwicker weg, 
schüttelte bedenklich den Kopf. „Na, weisst du, 
du bist eine Hausfrau! Wir haben keinen Sekt 
und du sagst nicht ein Wörtchen davon? So was! 
Keinen Sekt im Haus! — Lass die Flasche Pom- 
mery heraufholen. — Eigentlich viel zu schad 
für die Bowle." 

Er wiegte den Kopf hin und her. „Kein Sekt! 
So was!" wiederholte er. „Wir müssen gleich wel- 
chen anschaffen. Komm Frau, bring mir Feder 
und Papier; ich muss der Fürstin schreiben." 

Aber als das Papier vor ihm lag, schob er's 
wieder hinüber. „Ach," seufzte er, „ich hab den 
ganzen Tag soviel gearbeitet. Schreib du, Frau, 
ich diktiere dir." 

Frau Gontram rührte sich nicht. Schreiben? 
Das hätte ihr gerade gefehlt! „Fällt mich nicht 
ein," sagte sie. 

Der Justizrat sah zu Manasse hinüber. „Wie 
war es, Herr Collega? Könnten Sie mir nicht den 
Gefallen tun? Ich bin so abgespannt." 

Der kleine Rechtsanwalt sah ihn wütend an. 
,, Abgespannt?" höhnte er. „Wovon denn? Vom 
Geschichtenerzählen? — Ich möchte nur mal 
wissen, wovon Sie immer alle Finger voll Tinte 

22 



haben, Herr Justizrat! Vom Schreiben doch ge- 
wiss nicht." 

Frau Gontram lachte. „Ach, Manasse, dat is 
noch von letzte Weihnachte her, als er den Jun- 
gens die schlechten Zeugnisse unterschreiben 

musstef Ucbrigens, wat zankt ihr euch? 

Lasst doch die Frieda schreiben." 

Und sie schrie durch das Fenster hinaus nach 
Frieda. 

Frieda kam und mit ihr kam Olga Wolkonski. 

„Das ist nett, dass du auch da bist!" begrüsste 
sie der Justizrat. „Habt ihr schon zu Abend ge- 
gessen?" 

Doch die Mädchen hatten gegessen, unten in 
der Küche. 

„Setz dich her, Frieda," gebot der Vater, „hier- 
her." Frieda gehorchte. „So! Nun nimm die Fe- 
der und schreib, was ich dir sage." 

Aber die Frieda war ein echtes Gontramkind, 
sie hasste das Schreiben. Im Nu war sie aufge- 
sprungen vom Stuhl. „Nee, nee!" schrie sie. 
„Olga soll schreiben, die kann das viel besser als 
ich." 

Die Prinzess stand am Sofa; sie wollte auch 
nicht. Aber ihre Freundin hatte ein Mittel, sie ge- 
fügig zu machen. „Wenn du nicht schreibst," 
flüsterte sie, „leih ich dir keine Sünden für über- 
morgen!" 

Das half. Uebermorgen war Beichttag, und 
ihr Beichtzettel sah noch sehr dürftig aus. Sün- 
digen durfte man nicht in dieser ernsten Kommu- 

«3 



nionzeit, aber Sünden beichten musste man doch. 
Musste sich streng erforschen, nachdenken und 
suchen, ob man nicht irgendwo noch eine Sünde 
finde. Und das verstand die Prinzess ganz und 
gar nicht. Frieda aber konnte es prächtig. Ihr 
Beichtzettel war der Neid der ganzen Klasse, be- 
sonders Gedankensünden erfand sie grossartig, 
gleich dutzendweise auf einmal. Sie hatte das vom 
Papa: sie konnte mit ganzen Haufen von Sünden 
aufwarten, nur wenn sie einmal wirklich eine be- 
ging, so erfuhr der Beichtvater gewiss nichts da- 
von. 

„Schreib, Olga," flüsterte sie, „dann leih ich 
dir acht dicke Sünden." 

„Zehn," forderte die Prinzessin. Und Frieda 
Gontram nickte; es kam ihr gar nicht darauf an, 
sie hätte zwanzig Sünden gegeben, um nicht 
schreiben zu müssen. 

Olga Wolkonski setzte sich an den Tisch, nahm 
die Feder und sah fragend auf. 

„Also schreib!" sagte der Justizrat. „Verehrte 
Frau Fürstin " 

„Ist das für die Mama?" fragte die Prinzess. 

„Natürlich, für wen denn sonst? Schreib! — 
Verehrte Frau Fürstin — " 

Die Prinzess schrieb nicht. „Wenn es für die 
Mama ist, kann ich doch auch schreiben: Liebe 
Mama!" 

Der Justizrat wurde ungeduldig. „Schreib, was 
du willst, Kind, nur schreib." 

Und sie schrieb: „Liebe Mama!" 

24 



Und dann weiter nach dem Diktat des Justiz- 
rats: 

„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass unsere 
Angelegenheit nicht recht weiterkommt. Ich muss 
soviel nachdenken und man kann nicht nachden- 
ken, wenn man nichts zu trinken hat. Wir haben 
aber keinen Tropfen Sekt mehr im Hause. 
Schicken Sie uns also gefälligst, im Interesse Ihres 
Prozesses, einen Korb Bowlensekt, einen Korb 
Pommery und sechs Flaschen " 

„St. Marceaux!" rief der kleine Rechtsanwalt. 

„St. Marceaux — " fuhr der Justizrat fort. 
„Das ist nämlich die Lieblingsmarke von Collega 
Manasse, der auch manchmal hilft. 

Mit besten Grüssen 

Ihr—" 

— „Nun sehen Sie, Collega," sagte er, „wie 
bitter unrecht ihr mir tut! Nicht allein diktier 
ich den Brief, ich unterschreib ihn auch noch 
eigenhändig!" Und er setzte seinen Namen hin. 

Frieda wandte sich halb um vom Fenster. 
„Seid ihr fertig? Ja? Na, dann will ich euch nur 
sagen, dass es ganz unnötig war. Eben ist Olgas 
Mama vorgefahren und kommt nun gerade durch 
den Garten." — Sie hatte die Fürstin längst ge- 
sehen, hatte aber hübsch still geschwiegen und 
nicht unterbrochen. Wenn die Olga schon zehn 
schöne Sünden bekam, so sollte sie doch auch 
etwas arbeiten dafür! So waren alle die Gon- 
trams, Vater, Mutter und Kinder: sie arbeiteten 

35 



sehr, sehr ungern, aber sie sahen recht gerne zu, 
wenn das andere taten. 

Die Fürstin trat ein, dick und aufgeschwemmt, 
grosse Brillanten an den Fingern und den Ohren, 
am Halse und im Haar, masslos ordinär. Sie war 
eine ungarländische Gräfin oder Baronin; irgendwo 
im Orient hatte sie den Fürsten kennen gelernt. 
Eine Heirat war zustande gekommen, das war 
sicher; aber sicher war auch, dass gleich von An- 
fang an von beiden Seiten geschwindelt wurde. 
Sie wollte diese Ehe, die aus irgendwelchen Grün- 
den von vornherein unmöglich war, dennoch ge- 
setzlich durchsetzen, und der Fürst wollte die- 
selbe Ehe, die er wohl für möglich hielt, durch 
kleine Formfehler gleich beim Abschluss zu einer 
ungültigen machen. Ein Netz von Lügen und fre- 
chem Schwindel: ein wahres Fressen für Herrn 
Sebastian Gontram. Alles v/ankte hier, nichts 
stand fest, jede kleinste Behauptung wurde 
prompt von der Gegenseite widerlegt, jeder 
Schatten eines festen Gesetzes wurde durch das 
eines andern Staates wieder ausgelöscht. Nur eins 
blieb: die kleine Prinzess — — sowohl Fürst 
wie Fürstin bekannten sich als Vater und Mut- 
ter und beanspruchten Olga für sich: dieses Pro- 
dukt ihrer seltsamen Ehe, dem so viele Millionen 
zufallen mussten. Die Mutter war im Vorteil zur 
Zeit, war im Recht der Besitzenden — 

„Setzen Sie sich, Frau Fürstin!" Der Justiz- 
rat hätte sich eher die Zunge abgebissen, als diese 
Frau , Durchlaucht* anzureden; sie war seine 

26 



Klientin und er behandelte sie nicht um ein Haar 
besser, wie die letzte Bauernfrau. „Legen Sie 
doch ab!" Aber er half ihr nicht. 

„Wir haben gerade an Sie geschrieben,*' fuhr 
er fort. Und er las ihr den schönen Brief vor. 

„Aber bitte sehr!" rief die Fürstin Wolkonski. 
„Aber gewiss doch! Wird morgen in der Früh 
besorgt!" Sie öffnete ihre Tasche und zog einen 
schweren Brief heraus. „Sehen Sie, verehrter 
Herr Justizrat, gerade wegen unserer Sache kam 
ich. Da ist ein Schreiben vom Obergespan Grafen 
Ormos aus Gross-Becskerekgyartelep, wissen 
Sie — " 

Herr Gontram runzelte die Stirne; das fehlte 
noch! Selbst der König hätte ihm keine Ar- 
beit zumuten dürfen, wenn er abends zu Hause 
war. Er stand auf, nahm den Brief. „Ist schon 
gut," sagte er, „schon gut, das erledigen wir al- 
les morgen im Bureau." 

Sie wehrte sich. „Aber es ist sehr eilig. Ist 
sehr wichtig — " 

Der Justizrat unterbrach sie. „Eilig? Wichtig? 
Nun sagen Sie mir bloss, was verstehen Sie da- 
von, ob etwas eilig oder wichtig ist? Gar nichts! 
Nur im Bureau kann man das beurteilen." Dann, 
im Tone wohlwollenden Vorwurfs: „Frau Für- 
stin, Sie sind doch eine gebildete Frau! Sie ha- 
ben doch auch so eine Art von Erziehung genos- 
sen!? — Da müssen Sie doch wissen, dass man 
Leute nicht des Abends zu Hause mit Geschäften 
belästigt." 

27 



Sie beharrte noch immer. „Aber im Bureau 
kann ich Sie ja doch nie erwischen, verehrter 
Herr Justizrat. Ich war in dieser Woche allein 
viermal — " 

Nun wurde er fast ärgerlich. „Kommen Sie 
nächste Woche! Meinen Sie denn, dass man nur 
Ihren Kram allein hätte? Was glauben Sie wohl, 
was man sonst noch alles zu tun hat? Was mich 
allein der Mörder Houten für eine Zeit kostet? 
Und da handelt es sich um den Kopf und nicht 
nur um eine Handvoll Milliönchen." Und er be- 
gann, schnurrte ab, unaufhörlich, erzählte eine 
ewige Geschichte von diesem merkwürdigen Räu- 
berhauptmann, der nur in seiner Phantasie lebte, 
und von den juristischen Heldentaten, die er für 
diesen unvergleichlichen Lustmörder vollbrachte. 

Die Fürstin seufzte, aber sie hörte zu. Lachte 
auch manchmal, immer am falschen Platze. Sie 
war die einzige von all seinen vielen Zuhörern, 
die nie fühlte, wie er log, und sie war auch die 
einzige, die seinen Witz nicht verstand. 

„Nette Geschichten für die Kinder!" kläffte 
Rechtsanwalt Manasse. Die beiden Mädchen hör- 
ten gierig zu, starrten den Justizrat an mit weit 
offenen Augen und Mündern. 

Aber der Hess sich nicht unterbrechen. „Ach 
was, an so was kann man sich nicht früh genug 
gewöhnen." Er tat so, als wenn Lustmörder das 
Allergewöhnlichste seien, was es gäbe im Leben, 
als ob man ihnen jeden Tag dutzendweise be- 
gegne. 

28 



Endlich war er zu Ende, sah nach der Uhr. 
„Zehn schon! Die Kinder müssen zu Bett! Trinkt 
noch rasch eine Glas Bowle." 

Die Mädchen tranken, aber die Prinzess er- 
klärte, dass sie auf keinen Fall nach Hause ginge. 
Sie habe solche Angst und könne nicht allein 
schlafen. Und mit ihrer Miss auch nicht — — 
vielleicht sei die auch so ein verkleideter Lust- 
mörder. Sie wolle bei ihrer Freundin bleiben. Sie 
fragte ihre Mama erst gar nicht, nur Frieda und 
deren Mutter. 

„Meinswegen!" sagte Frau Gontram. „Aber 
verschlaft euch nicht, dass ihr zur rechten Zeit 
in die Kirch kommt." 

Die Mädchen knixten und gingen hinaus. Arm 
in Arm, eng umfasst. 

„Fürchtest du dich auch?" fragte die Prinzess. 

Frieda sagte: „Es ist alles gelogen, was der 
Papa sagt." Aber Angst hatte sie trotzdem. 
Angst und daneben ein seltsames Wunsch- 
gefühl nach diesen Dingen. Nicht sie zu erleben 
— o nein, gewiss nicht. Aber sie sich auszuden- 
ken, sie auch so erzählen zu können. „Ach, das 
wären Sünden für die Beichte!" seufzte sie. 

Oben trank man die Bowle aus, Frau Gontram 
rauchte noch eine letzte Zigarre. Herr Manasse 
war aufgestanden, hinausgegangen ins Neben- 
zimmer. Und der Justizrat erzählte der Fürstin 
eine neue Geschichte. Sie versteckte ihr Gähnen 
hinter dem Fächer, versuchte immer wieder auch 
einmal zu Wort zu kommen. 

99 



„Ach ja, liebster Herr Justizrat," sagte sie 
rasch, „ich vergass es fast! Darf ich Ihre Frau 
Gemahlin morgen mittag mit dem Wagen abho- 
len? Ein bisschen mitnehmen nach Rolandseck?" 

„Gewiss," antwortete er, „gewiss — wenn 
sie will." 

Aber Frau Gontram sagte : „Ich kann nich aus- 
fahre." 

„Und warum denn nicht?" fragte die Fürstin. 
„Es würde Ihnen doch gewiss recht gut tun, ein 
wenig hinauszukommen in die frische Früh- 
lingsluft." 

Frau Gontram nahm langsam die Zigarre aus 
den Zähnen. „Ich kann nich ausfahre. Ich han 
keine anständige Hut aufzusetze — " 

Die Fürstin lachte, tat, als ob das ein Scherz 
hätte sein sollen. Sie wolle gleich morgen die 
Modistin schicken, mit neuen Frühlingsmodellen 
zum Aussuchen — 

„Meinswegen," sagte Frau Gontram. „Aber 
dann schicken Se die Becker, die von der Quiri- 
nusjass — die hat de besten." Sie erhob sich lang- 
sam, betrachtete bedächtig ihren ausgebrannten 
Stummel. „Un jetzt jeh ich schlafe — gute Nacht!* 

„O ja, es ist Zeit, ich muss auch gehen!" rief 
die Fürstin hastig. Der Justizrat brachte sie hin- 
unter, durch den Garten zur Strasse. Half ihr 
in die Equipage, schloss dann bedächtig das Gar- 
tentor. 

Als er zurückkam, stand seine Frau in der 
Haustüre, die brennende Kerze in der Hand. 

30 



„Mer könne nich zu Bett jehe," sagte sie ruhig. 

„Was?" fragte er. „Warum denn nicht?" 

Sie wiederholte: „Mer könne nich zu Bett jehe. 
— Da Manasse liegt als im Bett!" 

Sie stiegen die Treppen hinauf in den zweiten 
Stock, gingen ins Schlafzimmer. In dem riesigen 
Ehebett lag, hübsch quer und fest schlafend, der 
kleine Rechtsanwalt. Seine Kleider hingen sorg- 
fältig über dem Stuhl, die Stiefel standen da- 
neben. Ein reines Nachthemd hatte er aus dem 
Schrank genommen und angezogen. Neben ihm, 
wie ein Igeljunges, knüllte sich sein Cyklop. 

Justizrat Gontram nahm die Kerze und leuch- 
tete. 

„Und der Mann schimpft mich aus, dass ich 
faul sei!" sagte er in kopfschüttelnder Verwun- 
derung. „Und ist selbst zu faul, um nach Haus zu 
gehen!" 

„Sss!" machte Frau Gontram. „Sss, sonst 
weckste se alle beide auf." 

Sie nahmen Bettzeug und Nachtwäsche aus 
dem Schranke und gingen. Ganz leise. Frau 
Gontram machte unten zwei Lager zurecht, auf 
den Sofas. 

Da schliefen sie. 

♦ * * 
Alle schliefen im weiten Hause. Unten neben 
der Küche Billa, die starke Küchenmagd, bei ihr 
die drei Hunde; im Nebenzimmer die vier wilden 
Buben, Philipp, Paulche, Emilche und Jösefche. 
Oben schliefen die beiden Freundinnen, in Friedas 

31 



grossem Balkonzimmer; schlief nebenan Wolf che 
mit seinem schwarzen Tabakschnuller; schliefen 
im Salon Herr Sebastian Gontram und seine Frau. 
Im zweiten Stock schnarchten um die Wette Herr 
Manasse und sein Cyklop, und ganz oben, in der 
Mansarde, schlief Söfchen das Stubenmädchen, 
das vom Tanzboden zurückgekommen und leise 
hinaufgeschlichen war über die Treppen. Sie 
alle schliefen, schliefen. Zwölf Menschenkinder 
und vier scharfe Hunde. 

Aber irgend etwas schlief nicht. Schlürfte lang- 
sam um das weite Haus — 

Draussen, am Garten vorbei, zog der Rhein. 
Hob seine in Mauern geschnürte Brust, schaute 
in die schlafenden Villen, drängte sich eng an den 
Alten Zoll. Katzen und Kater schoben sich durch 
die Büsche, fauchten, bissen, schlugen einander, 
führen los mit runden, heiss funkelnden Augen. 
Nahmen sich, lüstern, versagend, in schmerzen- 
der, quälender Lust — 

Und hinten, weit hinten aus der Stadt her, 
tönte der trunkene Sang wilder Studenten — 

Etwas kroch um das weisse Haus am Rhein. 
Schlich durch den Garten, vorbei an zerbrochenen 
Bänken und lahmen Stühlen. Schaute wohlgefäl- 
lig auf das Sabbathtreiben der liebegierigen Kat- 
zen — 

Stieg um das Haus. Kratzte mit hartem Nagel 
an die Wände, dass der Stuck klirrend herab- 
fiel. Knipste auch an die Türe, dass sie leise er- 
bebte. Wie ein Wind, so leicht. 

32 



Dann war es im Haus. Schlurfte über alle 
Treppen, kroch bedächtig durch alle Zimmer. 
Blieb stehn, sah sich rings um, still lächelnd. 

Schweres Silber stand im Mahagonibüfett, 
reiche Schätze aus der Kaiserzeit. Aber die Fen- 
sterscheiben waren gesprungen und die Sprünge 
mit Papier verklebt. Holländer hingen an den 
Wänden, gute Bilder vonKoekkoek, Verboekhvoe- 
ven, Verw6e und Jan Stobbaerts. Aber sie hatten 
Löcher und die alten Goldrahmen waren schwarz 
von Spinnweben. Aus des Erzbischofs bestem 
Saale stammte der herrliche Lüster — aber seine 
zerbrochenen Kristalle klebten von Fliegendreck. 

Etwas schlich durch das stille Haus. Und wo 
es hinkam, da brach etwas. Nur ein Nichts fast, 
nur eine unnennbare Kleinigkeit. Aber wieder 
und immer wieder. 

Wo es hinkam, wuchs aus der Nacht ein klein- 
stes Geräusch. Knirschte hell eine Diele, löste sich 
ein Nagel, bog sich ein altes Möbel. Knarrte es in 
den verquollenen Läden oder klirrte seltsam zwi- 
schen den Gläsern — 

Alles schlief in dem grossen Hause am Rhein. 
Aber irgend etwas schlurfte langsam herum — 



3 Ewers, Alraune 33 



ZWEITES KAPITEL, DAS ERZÄHLT, WIE ES GE- 
SCHAH, DASS MAN ALRAUNE ERDACHTE 



Die Sonne war schon herunter, und die Kerzen 
brannten im Kronleuchter des Festzimmers, 
als Geheimrat ten Brinken eintrat. Er sah feierlich 
genug aus, war im Frack, den grossen Stern auf 
dem weissen Hemd und die Goldkette im Knopf- 
loch, von der zwanzig kleine Orden baumelten. 
Der Justizrat stand auf, begrüsste ihn, stellte 
ihn vor, und der alte Herr ging herum um die 
Tafel mit einem abgetragenen Lächeln, sagte 
jedem ein süsses Wort. Bei den Festmädchen 
blieb er stehn, überreichte ihnen hübsche Leder- 
etuis mit Goldringen, einen Saphir für die blonde 
Frieda und einen Rubin für die schwarze Olga. 
Hielt ihnen beiden eine sehr weise Ansprache. 

„Wollen Sie nachexerzieren, Herr Geheimrat?" 
fragte Herr Sebastian Gontram. „Wir sitzen 
schon seit vier Uhr da — siebzehn Gänge! Fein, 
was? Da ist das Menü — suchen Sie sich was 
aus-!" Aber der Geheimrat dankte, er habe schon 
gegessen — 

Dann trat Frau Gontram ins Zimmer. Im 
blauen, etwas altmodischen, seidenen Schlepp- 
kleide, hochfrisiert, 

34 



„Mer könne kein Eis esse," rief sie, „dat Billa 
hat da Fürst Pückler in der Backofe jestellt!" 

Da lachten die Gäste: so etwas musste ja kom- 
men, sonst fühlte man sich nicht wohl im Gon- 
tramhause. Und Rechtsanwalt Manasse rief, man 
solle die Schüssel hereinholen, das sähe man nicht 
alle Tage: Fürst Pückler frisch aus dem Back- 
ofen! 

Geheimrat ten Brinken suchte nach einem 
Stuhle. Er war ein kleiner Mann. Glattrasiert, 
dicke Tränensäcke unter den Augen; er war 
hässlich genug. Wülstig hingen die Lippen, flei- 
schig die grosse Nase. Tief hing deckend das 
Lid über dem linken Auge, aber das rechte stand 
weit offen, schielte lauernd hinaus. 

Jemand sagte hinter ihm: „Tag, Ohm Jakob." 

Das war Frank Braun. 

Der Geheimrat wandte sich, es schien ihm we- 
nig angenehm, den Neffen hier zu treffen. „Du 
hier?" fragte er. „Nun, ich hätte es mir eigent- 
lich denken können." 

Der Student lachte. „Aber natürlich! Bist ja 
so weise, Onkel. Uebrigens bist du ja auch da. 
Und bist da, ganz offiziell, als Wirklicher Gehei- 
mer und als Universitätsprofessor, im stolzen 
Schmucke all deiner Orden. Ich aber bin nur ganz 

inkognito da das Korpsband steckt in der 

Westentasche." 

„Das beweist eben dein schlechtes Gewissen," 
sagte der Onkel. „Wenn du erst — " 

„Ja, ja!" unterbrach ihn Frank Braun. „Ich 

3* 35 



weiss es schon. Wenn ich erst so alt bin wie du, 
dann darf — und so weiter — das wolltest 
du doch sagen? Allen Heiligen sei Dank, dass 
ich noch nicht zwanzig bin, Ohm Jakob. Ich be- 
finde mich ganz wohl dabei." 

Der Geheimrat setzte sich. „Ganz wohl, das 
kann ich mir denken. Bist im vierten Semester 
und tust nichts als raufen und saufen, fechten, 
reiten, lieben und dumme Streiche machen! Hat 
dich darum deine Mutter zur Universität ge- 
schickt? — Sag, Junge, warst du überhaupt schon 
einmal in einem Kolleg?" 

Der Student füllte zwei Kelche. „Da, Ohm 
Jakob, trink, dann wirst du's leichter ertragen! 
Also: im Kolleg war ich schon, und zwar nicht 
nur in einem, sondern in einer ganzen Reihe. In 

jedem genau einmal und öfter gedenke ich 

auch nicht mehr hinzugehen. — Prosit!" 

„Prosit!" sagte der Geheimrat. „Und du 
meinst, das sei völlig genug?" 

„Genug?" lachte Frank Braun. „Ich meine, es 
sei sogar viel zu viel. Sei vollkommen überflüs- 
sig gewesen! Was soll ich im Kolleg? Es ist 
schon möglich, dass andere Studenten eine ganze 
Masse lernen können bei euch Professoren, aber 
ihr Hirn muss dann eingestellt sein auf diese Me- 
thode. Meins ist es nicht. Ich finde euch alle, je- 
den einzelnen, unglaublich albern und langweilig 
und dumm." 

Der Professor sah ihn gross an. „Du bist unge- 

36 



heuer arrogant, mein lieber Junge," sagte er 
ruhig. 

„Wirklich?" Der Student lehnte sich zurück, 
schlug die Beine übereinander. „Wirklich? Ich 
glaube es kaum, aber ich meine, wenn's auch so 
wäre, möchte es nichts schaden. Denn sieh mal, 
Ohm Jakob, ich weiss doch genau, warum ich 
das sage. Erstens, um dich ein bisschen zu ärgern 

du siehst nämlich sehr komisch aus, wenn 

du dich ärgerst. Und zweitens, um nachher von 
dir zu hören, dass ich doch recht habe. Du, On- 
kel, zum Beispiel, bist ganz gewiss ein recht 
schlauer alter Fuchs, sehr gescheit und sehr klug 
und du weisst eine ganze Menge. Aber im Kol- 
leg, siehst du, bist du ebenso unerträglich wie 
deine verehrten Herren Kollegen. — Sag selber, 
möchtest du sie vielleicht im Kolleg geniessen?" 

„Ich? — Nun, ganz gewiss nicht," sagte der 
Professor. „Aber das ist auch ein ander Ding. 
Wenn du erst — na ja, du weisst es schon. — 
Aber nun sag mir. Junge, was in aller Welt führt 
dich hierher? Du wirst mir zugeben müssen, dass 
es nicht ein Haus ist, in dem dich deine Mutter 
gerne sehen möchte. Was mich anbetrifft — " 

„Schon gut!" rief Frank Braun. „Was dich 
angeht, so weiss ich Bescheid. Du hast dieses 
Haus an Gontram vermietet und da er sicher 
kein pünktlicher Zahler ist, so ist es immer gut, 
wenn man sich von Zeit zu Zeit sehen lässt. Und 
seine schwindsüchtige Frau interessiert dich na- 
türlich als Mediziner alle Aerzte der Stadt 

37 



sind ja begeistert von diesem Phänomen ohne 
Lungen. Dann ist da noch die Fürstin, der du 
gerne dein Schlösschen in Mehlem verkaufen 
möchtest. — Und schliesslich, Onkelchen, sind 
die zwei Backfische da, hübsches frisches Ge- 
müse, nicht wahr? — Oh, in allen Ehren natür- 
lich, bei dir ist immer alles in allen Ehren, Ohm 
Jakob!" 

Er schwieg, brannte eine Zigarette an und 
stiess den Rauch aus. Der Geheimrat schielte ihn 
an mit dem rechten Auge, giftig und lauernd. 

„Was willst du damit sagen?" fragte er leise. 

Der Student lachte kurz auf. „O nichts, gar 
nichts!" Er stand auf, nahm vom Ecktisch eine 
Zigarrenkiste, öffnete sie, reichte sie dem Ge- 
heimrat hin. „Da rauch, lieber Oheim. Romeo 
und Juliette, deine Marke! Der Justizrat hat sich 
gewiss nur für dich in die Unkosten gestürzt." 

„Danke!" knurrte der Professor. „Danke! — 
Noch einmal: was willst du damit sagen?" 

Frank Braun rückte seinen Stuhl näher heran. 

„Ich will dir antworten, Ohm Jakob. — Ich 
mag nicht mehr leiden, dass du mir Vorwürfe 
machst, hörst du? Ich weiss selbst recht gut, dass 
das Leben ein wenig wüst ist, das ich führe. Aber 

lass. das dich geht's nichts an. Ich bitte 

dich ja nicht, meine Schulden zu zahlen. Nur ver- 
lang ich, Onkel, dass du nie wieder solche Briefe 
schreibst nach Hause. Du wirst schreiben, dass 
ich sehr tugendhaft, sehr moralisch sei, tüchtig 

38 



arbeite, Fortschritte mache. Und solches Zeug. 
— Verstehst du?" 

„Da müsste ich ja lügen," sagte der Geheimrat. 
Es sollte liebenswürdig klingen und witzig, aber 
es klang schleimig, als ob eine Schnecke ihren 
Weg zöge. 

Der Student sah ihn voll an. „Ja, Onkel, da 
sollst du eben lügen. Nicht meinetwegen, das 
weisst du wohl. Der Mutter wegen." Er stockte 
einen Augenblick, leerte sein Glas. „Und um 
diese Bitte, dass du der Mutter was vorlügen mö- 
gest, ein wenig zu unterstützen, will ich dir nun 

auch erzählen, was ich vorhin damit sagen 

wollte." 

„Ich bin neugierig." sagte der Geheimrat. Ein 
wenig fragend, unsicher. 

„Du kennst mein Leben," fuhr der Student fort 
und seine Stimme klang bitter ernst, „du weisst, 
dass ich — heute noch — ein dummer Junge bin. 
So meinst du, weil du ein alter und kluger Mann 
bist, hochgelehrt, reich, überall bekannt, bedeckt 
mit Titeln und Orden, weil du dazu mein Oheim 
bist und meiner Mutter einziger Bruder, dass 
du ein Recht habest, mich zu erziehen. Recht 
oder nicht — du wirst es nie tun; niemand wird 
es tun — nur das Leben." 

Der Professor klatschte sich auf die Knie, lachte 
breit. 

»Ja, ja — das Leben! Warte nur, Junge, es 
wird dich schon erziehen. Es hat scharfe Kanten 

39 



und Ecken genug. Hat auch hübsche Regeln und 
Gesetze, gute Schranken und Stachelzäune." 

Frank Braun antwortete: „Die sind nicht für 
mich da. Für mich so wenig wie für dich. Hast 
du, Ohm Jakob, die Kanten abgeschlagen, die 
Stacheldrähte durchschnitten und gelacht über 
alle Gesetze — nun wohl, so werde ich es auch 
können." 

„Hör zu, Onkel," fuhr er fort, „ich kenne auch 
dein Leben gut genug. Die ganze Stadt kennt 
es und die Spatzen pfeifen deine kleinen Scherze 
von den Dächern. Aber die Menschen tuscheln 
nur, erzählen sich's in den Ecken, weil sie Angst 
haben vor dir, vor deiner Klugheit und deinem 
Gelde, vor deiner Macht und deiner Energie. — 
Ich weiss, woran die kleine Anna Paulert starb, 
weiss warum dein hübscher Gärtnerbursche so 
schnell fort musste nach Amerika. Ich kenne 
noch manche deiner kleiner Geschichten. Ah, 
ich goutiere sie nicht, gewiss nicht. Aber ich 
nehme sie dir auch nicht übel. Bewundere dich 
vielleicht ein wenig, weil du, wie ein kleiner Kö- 
nig, so viele Dinge ungestraft tun kannst. — Nur 
begreif ich nicht recht, wie du Erfolg haben 

kannst bei all den Kindern du, mit deiner 

hässlichen Fratze." 

Der Geheimrat spielte mit seiner Uhrkette. 
Sah dann seinen Neffen an, ruhig, fast geschmei- 
chelt. Er sprach: „Nicht wahr, das begreifst du 
nicht recht?" 

Und der Student sagte: „Nein, ganz und gar 

40 



nicht. Aber ich begreife gut, wie du dazu 
kommst! Längst hast du alles, was du willst, 
alles, was ein Mensch haben kann in den norma- 
len Grenzen des Bürgertums. Da willst du hin- 
aus. Der Bach langweilt sich in seinem alten 
Bett, tritt hier und da frech über die engen Ufer. 

— Es ist das Blut." 

Der Professor hob sein Glas, rückte es hinüber. 
„Giess mir ein, mein Junge," sagte er. Seine 
Stimme zitterte ein wenig und es klang eine ge- 
wisse Feierlichkeit heraus. „Du hast recht: es 
ist das Blut. Dein Blut und mein Blut." Er 
trank und streckte seinem Neffen die Hand hin. 

„Du wirst an Mutter so schreiben, wie ich es 
gerne möchte?" fragte Frank Braun. 

„Ja, das werde ich!" antwortete der Alte. 

Und der Student sagte: „Danke, Ohm Jakob." 
Dann nahm er die ausgestreckte Hand. „Und 
nun geh, alter Don Juan, ruf dir die Kommuni- 
kantinnen! Sehen hübsch aus in ihren heiligen 
Kleidchen, alle beide, was?" 

„Hm!" machte der Onkel, „Dir scheinen sie 
auch nicht schlecht zu gefallen?" 

Frank Braun lachte. „Mir? Ach du mein Gott! 

— Nein, Ohm Jakob, da bin ich kein Rivale — 
heute noch nicht, heute hab ich noch höhere Am- 
bitionen. Vielleicht — wenn ich einmal so alt 
bin wie du! — Aber ich bin nicht ihr Tugend- 
wächter und die zwei Feströschen wollen ja nichts 
Besseres, als gepflückt werden. Einer tut's, und 

4» 



in kürzester Zeit — warum du nicht? Heh, Olga, 
Frieda! Kommt einmal her!" 

Aber die beiden Mädchen kamen gar nicht her- 
an, drängten sich an Herrn Dr. Mohnen, der ihre 
Gläser füllte und ihnen zweideutige Geschichten 
erzählte. 

Die Fürstin kam; Frank Braun stand auf und 
bot ihr seinen Platz. „Bleiben Sie, bleiben Sie!" 
rief sie. „Ich habe ja noch gar nicht mit Ihnen 
plaudern können!" 

„Einen Augenblick, Durchlaucht, ich will nur 
eine Zigarette holen." sagte der Student. „Und 
mein Onkel freut sich schon die ganze Zeit dar- 
auf, Ihnen seine Komplimente machen zu dürfen." 

Der Geheimrat freute sich gar nicht darauf, 
hätte viel lieber die kleine Prinzess da sitzen ge- 
habt. Nun aber unterhielt er die Mutter — 

Frank Braun trat zum Fenster, als der Justiz- 
rat Frau Marion zum Flügel führte. Herr Gon- 
tram setzte sich nieder, drehte sich im Klavier- 
stuhl und sagte: „Ich bitte um ein wenig Ruhe. 
Frau Marion wird uns ein Liedchen vorsingen." 
— Er wandte sich zu seiner Dame. „Na, was 
denn, liebe Frau? — Wahrscheinlich wieder mal 
,Les Papillons'? Oder vielleicht ,11 baccio' von 
Arditi? — Also geben Sie nur her!" 

Der Student schaute hinüber. Sie war immer 
noch schön, diese alte, aufgemachte Dame, und 
man glaubte ihr schon die vielen Aventüren, die 
über sie erzählt wurden. Damals, als sie die ge- 
feiertste Diva Europas war. Nun aber lebte sie 

42 



schon seit bald einem Vierteljahrhundert in dieser 
Stadt, still, zurückgezogen in ihrer kleinen Villa. 
Machte jeden Abend einen langen Spaziergang 
durch ihren Garten, weinte dort eine halbe Stunde 
an dem blumigen Grabe ihres Hündchens — 

Jetzt sang sie. Längst gebrochen war diese 
herrliche Stimme, aber doch war ein seltener Zau- 
ber in ihrem Vortrage aus alter Schule. Auf den 
geschminkten Lippen lag das alte Lächeln der 
Siegerin und unter dem dicken Puder versuchten 
die Züge ihre ewige Pose bestrickender Lieblich- 
keit. Ihre dicke, verfettete Hand spielte mit dem 
Elfenbeinfächer und die Augen suchten wie einst 
aus allen Ritzen den Beifall zu ziehen. 

O ja, sie passte hierher, Madame Marion Vere 
de Vere, passte in dies Haus, wie alle andern, dit 
zu Gast waren. Frank Braun sah sich um. Da 
sass sein teurer Onkel mit der Fürstin, und hin- 
ter ihnen, ah die Tür gelehnt, standen Rechts- 
anwalt Manasse und Hochwürden Kaplan Schrö- 
der. Dieser dürre, lange, schwarze Kaplan Schrö- 
der, der der beste Weinkenner war an der Mosel 
und an der Saar, der den erlesensten Keller 
führte und ohne den eine Weinprobe schier un- 
möglich schien im Lande. Schröder, der ein un- 
endlich kluges Buch geschrieben hatte über des 
Plotinus krause Philosophie und der zugleich die 
Possen schrieb für das Puppentheater des Kölner 
Hänneschen. Der ein glühender Partikularist 
war, der die Preussen hasste, der, wenn er vom 
Kaiser sprach, nur an den ersten Napoleon dachte 

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und alljährlich am fünften Mai nach Köln hinüber- 
fuhr, um in der Minoritenkirche dem feierlichen 
Hochamte für die Toten der ,Grande Armee* bei- 
zuwohnen. 

Da sass der gewaltige, goldbebrillte Stanislaus 
Schacht, cand. phil. im sechzehnten Semester, zu 
behäbig, zu faul sich auch nur zu erheben vom 
Stuhle. Seit Jahren wohnte er, als möblierter 
Herr, bei Frau Witwe Prof. Dr. v. Dollinger 
— nun waren ihm längst Hausherrnrechte dort 
eingeräumt. Und diese kleine, hässliche, über- 
schlanke Frau sass bei ihm, füllte ihm immer von 
neuem das Glas, lud immer höhere Portionen Ku- 
chen auf seinen Teller. Sie ass nichts — aber sie 
trank nicht weniger wie er. Und mit jedem neuen 
Glas wuchs ihre Zärtlichkeit; liebend strich sie 
die knochigen Finger über seine mächtigen 
Fleischerarme. 

Neben ihr stand Karl Mohnen, Dr. jur. und 
Dr. phil. Er war ein Schulkamerad von Schacht 
und dessen grosser Freund, studierte nun ebenso- 
lange wie der. Nur musste er immer Examina 
machen, musste immer umsatteln; augenblicklich 
war er Philosoph und dicht vor seinem dritten 
Examen. Er sah aus wie ein Kommis im Waren- 
haus, rasch, hastig und immer bewegt; Frank 
Braun dachte, dass er sicher noch einmal zum 
Kaufmann übergehen würde. Da würde er ge- 
wiss sein Glück machen, so in der Konfektions- 
branche, wo er Damen zu bedienen hätte. Er 
suchte immer nach einer reichen Partie — 

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auf der Strasse. Machte Fensterpromenaden, 
hatte auch ein artiges Geschick, Bekannt- 
schaften anzuknüpfen. Besonders reisende Eng- 
länderinnen krallte er gern an, aber leider — 
hatten sie nie Geld. 

Noch einer war da, der kleine Husarenleutnant 
mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, der jetzt 
plauderte mit den Mädchen. Er, der junge Graf 
Geroldingen, der in jeder Theatervorstellung hin- 
ter den Kulissen zu finden war, der ganz hübsch 
malte, talentvoll geigte und dabei doch der beste 
Rennreiter war im Regiment. Und der nun Olga 
und Frieda etwas von Beethoven erzählte, was sie 
grässlich langweilte und was sie nur anhörten, 
weil er ein so hübscher kleiner Leutnant war. 

O ja, sie gehörten alle hierher, ohne Ausnahme. 
Hatten alle ein wenig Zigeunerblut — trotz ihrer 
Titel und Orden, trotz Tonsuren und Uniformen, 
trotz Brillanten und goldener Brillen, trotz aller 
bürgerlichen Stellungen. Waren irgendwo an- 
gefressen, machten irgendwie kleine Umwege, 
seitab von den eingefassten Pfaden bürgerlichen 
Anstandes. 

Ein Gebrüll ertönte, mitten hinein in Frau Ma- 
rions Gesang. Es waren die Gontrambuben, die 
sich prügelten auf der Treppe; ihre Mutter ging 
hinaus, sie zur Ruhe zu bringen. Dann kreischte 
Wölfchen im Nebenzimmer und die Mädchen 
mussten das Kind hinauftragen in die Mansarden. 
Sie nahmen Cyklop mit, betteten beide zusammen 
in den engen Kinderwagen. 

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Und Frau Marion begann ihr zweites Lied: 
den , Schattentanz' aus Meyerbeers Dinorah. 

— Die Fürstin fragte den Geheimrat nach sei- 
nen neuesten Versuchen. Ob sie wieder einmal 
kommen dürfe, die merkwürdigen Frösche zu se- 
hen, die Lurche und die hübschen Aeffchen? 

Ja gewiss, sie möge nur kommen. Auch die 
neue Rosenzucht solle sie sich ansehen, in seinem 
Mehlemer Schlösschen, und die grossen weissen 
Kamelienhecken, die sein Gärtner dort anpflanzte. 

Aber der Fürstin waren die Frösche und Affen 
interessanter als die Rosen und Kamelien. Und 
so erzählte er von seinen Versuchen der Ueber- 
tragung von Keimzellen und der künstlichen Be- 
fruchtung. Sagte ihr, dass er gerade ein hüb- 
sches Fröschlein da habe mit zwei Kopfenden und 
ein anderes mit vierzehn Augen auf dem Rücken. 
Setzte ihr auseinander, wie er die Keimzellen aus- 
schneide aus der Kaulquabbe und sie übertrage 
auf ein anderes Individuum. Und wie sich die Zel- 
len fröhlich weiter entwickelten im neuen Leibe 
und nach der Verwandlung Köpfe und Schwänze, 
Augen und Beine hervortrieben. Sprach ihr dann 
von seinen Affenversuchen, erzählte, dass er zwei 
junge Meerkatzen habe, deren jungfräuliche Mut- 
ter, die sie nun säugte, nie einen männlichen Affen 
sah -r- 

Das interessierte sie am meisten. Sie fragte 
nach allen Details, Hess sich bis ins kleinste ge- 
nau auseinandersetzen, wie er es anstelle, Hess 
sich alle griechischen und lateinischen Worte, die 

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sie nicht verstand, hübsch in deutsch wiedergeben. 
Und der Geheimrat triefte von unflätigen Redens- 
arten und Gebärden. Der Speichel tropfte ihm aus 
den Mundwinkeln, lief über die schleppende, hän- 
gende Unterlippe. Er genoss dieses Spiel, dieses 
koprolale Geschwätz, schlürfte wollüstig die 
Klänge schamloser Worte. Und dann, dicht bei 
einem besonders widerlichen Worte, warf er sein 
,Durchlaucht' hinein, trank mit Entzücken den 
Kitzel dieses Gegensatzes. 

Sie aber lauschte ihm, hochrot, aufgeregt, zit- 
ternd fast, sog mit allen Poren diese Bordell- 
atmosphäre, die sich breit aufputzte in dem dün- 
nen wissenschaftlichen Fähnchen — 

„Befruchten Sie nur Aeffinnen, Herr Geheim- 
rat?" fragte sie atemlos. 

„Nein," sagte er, „auch Ratten und Meer- 
schweinchen. Wollen Sie einmal zusehen, Durch- 
laucht, wenn ich — " Er senkte seine Stim- 
me, flüsterte beinahe. 

Und sie rief: „Ja, ja! Das muss ich sehen! 
Gerne, sehr gerne! — Wann denn?" — Und 
sie fügte hinzu, mit schlecht gemachter Würde: 
„Denn wissen Sie, Herr Geheimrat, nichts inter- 
essiert mich mehr als medizinische Studien. — 
Ich glaube, ich wäre ein sehr tüchtiger Arzt ge- 
worden." 

Er sah sie an, breit grinsend. „Zweifellos, 
Durchlaucht!" Und er dachte, dass sie gewiss 
noch eine viel bessere Bordellmutter geworden 
wäre. Aber er hatte sein Fischlein im Garn. Be- 

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gann wieder von der Rosenzucht und den Kame- 
lienhecken und seinem Schlösschen am Rhein. 
Es sei ihm so lästig, und er habe es nur aus Gut- 
mütigkeit übernommen. Und die Lage sei eine 
so ausgezeichnete — und erst die Aussicht. 
— Und vielleicht, wenn Ihre Durchlaucht sich 
nun endlich entschliessen wolle, könne — 

Die Fürstin Wolkonski entschloss sich, ohne 
einen Augenblick zu zögern. „Ja, Herr Geheim- 
rat, ja gewiss, natürlich nehme ich das Schlöss- 
chen!" — Sie sah Frank Braun vorbeigehn und 
rief ihn an: „Ach, Herr Studiosus! Herr Studio- 
sus! Kommen Sie doch! Ihr Herr Onkel hat mir 
versprochen, mir einige seiner Experimente zu 
zeigen — ist das nicht entzückend liebens- 
würdig ? Haben Sie es auch schon einmal ge- 
sehen?" 

„Nein," sagte Frank Braun. „Es interessiert 
mich gar nicht." 

Er wandte sich, aber sie hielt ihn am Aermel 
fest. „Geben Sie — geben Sie mir eine Zigarette! 
Und — ach ja, bitte ein Glas Sekt." Sie zitterte 
in heissem Kitzel, über ihre Fleischmassen kroch 
ein perlender Schweiss. Ihre groben Sinne, auf- 
gepeitscht von den schamlosen Reden des Alten, 
suchten ein Ziel, brachen wie breite Wogen über 
den. jungen Burschen. 

„Sagen Sie mir, Herr Studiosus — " ihr 
Atem keuchte, ihre mächtigen Brüste drohten das 
Mieder zu sprengen. — „Sagen Sie mir — 
glauben Sie, dass — dass der Herr Geheimrat 

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— seine Wissenschaft, seine Experimente mit 
der — der künstlichen Befruchtung — auch auf 
Menschen anwenden könnte?" 

Sie wusste recht gut, dass er's nicht tat. Aber 
sie musste dieses Gespräch fortsetzen, weiterfüh- 
ren um jeden Preis. Da, mit diesem jungen und 
frischen, hübschen Studenten. 

Frank Braun lachte, verstand instinktiv ihre 
Gedanken. „Aber natürlich, Durchlaucht." sagte 
er leicht. „Ganz gewiss! — Der Onkel ist ge- 
rade dabei — hat ein neues Verfahren entdeckt, 
so fein, dass die betreffende arme Frau gar nichts 
davon merkt. Rein nichts — bis sie eines schönen 
Tages fühlt, dass sie schwanger ist — so im vier- 
ten oder fünften Monat! — Nehmen Sie sich in 
acht, Durchlaucht, vor dem Herrn Geheimrat, 
wer weiss, ob Sie nicht schon — " 

„Um's Himmels willen!" schrie die Fürstin. 

„Ja, nicht wahr," rief er, „das wäre doch unan- 
genehm? — Wenn man so gar nichts davon ge- 
habt hat!" 

— Krach! Da fiel etwas von der Wand her- 
unter, fiel Söfchen, dem Stubenmädchen, grad auf 
den Kopf. Und das Mädchen schrie laut auf, 
Hess im Schreck das silberne Tablett fallen, auf 
dem sie den Kaffee servierte. 

„Schad um das schöne Sevres!" sagte Frau 
Gontram gleichmütig. „Wat war et denn?" 

Dr. Mohnen nahm sich sogleich des weinen- 
den Dienstmädchens an. Schnitt ihr einen Strang 
Haare weg, wusch die klaffenden Wundränder, 

4 Ewers, Alraune 49 



stillte das Blut mit gelber Eisenchloridwatte. 
Vergass dabei nicht, das hübsche Mädchen auf 
die Wangen zu klopfen und verstohlen an die 
straffen Brüste zu fassen. Gab ihr auch Wein zu 
trinken, sprach ihr zu, leise ins Ohr — 

Aber der Husarenleutnant bückte sich, nahm 
das Ding auf, das das Unheil gestiftet hatte. Hob 
es hoch, betrachtete es von allen Seiten. 

Da, an der Wand hingen alle möglichen merk- 
würdigen Gegenstände. Ein Kanakengötze, halb 
Mann und halb Weib, bunt bemalt mit gelben 
und roten Streifen. Zwei alte Reiterstiefel, un- 
förmig schwer, mit mächtigen spanischen Sporen 
versehen. Allerhand rostige Waffen, dann, auf 
grauer Seide gedruckt, das Doktordiplom irgend- 
eines alten Gontram, von der Jesuitenhochschule 
zu Sevilla. Hing ein wundervolles elfenbeinernes 
Kruzifix, mit Gold eingelegt; hing ein schwerer 
buddhistischer Rosenkranz aus grossen grünen 
Jadesteinen. 

Ganz oben aber hatte das Ding gehangen, das 
nun heruntergesprungen war; man sah gut den 
breiten Riss in der Tapete, wo es den Nagel weg- 
gezerrt hatte aus dem zermürbten Mörtel. Es war 
ein braunes staubiges Ding aus steinhartem Wur- 
zelholz; wie ein uraltes, verrunzeltes Männlein 
sah es aus. 

„Ach, et is unser Alräunche!" sagte Frau Gon- 
tram. „Na, et is nur jut, dat jrad dat Söfche vor- 
beijing: dat is aus der Eifel und hat ene harte 
Schädel! — Wenn et et Wölfehe jewesen war, 

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hätt ihm dat ekliche Männche jewiss dat weiche 
Köppche zerschlagen." 

Und der Justizrat erklärte: „Wir haben es nun 
schon ein paar hundert Jahre in der Familie. Es 
soll schon einmal eine solche Dummheit gemacht 
haben; mein Grossvater erzählte, dass es ihm ein- 
mal in der Nacht auf den Kopf gesprungen sei. 
— Aber er wird wohl nur betrunken gewesen 
sein — er trank immer gern ein gutes Tröpf- 
chen." 

„Was ist's denn eigentlich? Und was macht 
man damit?" fragte der Husarenleutnant. 

„Nun, es bringt Geld ins Haus," antwortete 
Herr Gontram. „Es ist so eine alte Sage. — Der 
Manasse wird Ihnen das sagen können. — Kom- 
men Sie, Herr Collega, schnurren Sie ab, Herr 
Polyhistor! — Wie ist die Sage von den Alrau- 
nen?" 

Aber der kleine Rechtsanwalt wollte nicht. 
„Ach was, jeder Mensch weiss es ja." 

„Keiner weiss es, Herr Rechtsanwalt." rief ihm 
der Leutnant zu. „Keiner. Sie überschätzen mäch- 
tig die moderne Bildung." 

„So lejen Se doch los, Manasse," sagte Frau 
Gontram. „Ich wollt et auch immer schon jern 
wisse, wat dat hässliche Ding eijentlich zu be- 
deute hat." 

Da begann er. Er sprach trocken, sachlich, als 
ob er irgendein Stück vorlese aus einem Buche. 
Ueberstürzte sich nicht, hob kaum seine Stimme. 
Und schwang dabei, wie einen Taktstock, das 

4* 51 



Wurzelmännchen in der rechten Hand, auf und 
nieder. 

„Alraun, Albraune, Mandragora — auch Man- 
dragola genannt, — Mandragora officinarum. 
Eine Pflanze, die zu den Solanazeen gehört, sie 
findet sich um das Mittelmeerbecken, dann in 
Südosteuropa und in Asien bis hin zum Hima- 
laja. Blätter und Blüten halten ein Narkotikum, 
wurden früher häufig als Schlafmittel benutzt, 
auch geradezu bei Operationen verwandt von 
der berühmten Aerztehochschule zu Salerno. 
Auch rauchte man die Blätter und gab die 
Früchte in Liebestränke. Sie sollten zur Wollust 
reizen und dabei fruchtbar machen. Schon Jakob 
machte damit seinen kleinen Schwindel bei La- 
baans Herden: Dudaim nennt das Pentateuch die 
Pflanze. Aber die Hauptrolle in der Sage spielt 
die Wurzel. Ihre seltsame Aehnlichkeit mit einem 
alten Männlein oder Weiblein erwähnt bereits 
Pythagoras; schon zu seiner Zeit glaubte man 
sich mit ihr unsichtbar machen zu können, ver- 
wandte sie als Zaubermittel oder auch umgekehrt 
als einen Talisman gegen Hexerei. Im frühen 
Mittelalter, im Anschluss an die Kreuzzüge, ent- 
wickelte sich dann die deutsche Alraunsage. Der 
Verbrecher, splinternackt am Kreuzwege ge- 
henkt, verliert in dem Augenblicke, in dem das 
Genick bricht, seinen letzten Samen. Dieser Sa- 
men fällt zur Erde und befruchtet sie: aus ihm 
entsteht das Alräunchen, ein Männlein oder Weib- 
lein. Nachts zog man aus, es zu graben; wenn 

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es zwölf Uhr schlug, musstc man die Schaufel 
unter dem Galgen einsetzen. Aber man tat wohl, 
sich die Ohren fest zu verstopfen, mit Watte und 
gutem Wachs, denn wenn man das Männlein 
ausriss, schrie es so entsetzlich, dass man nieder- 
fiel vor Schreck — noch Shakespeare erzählt das. 
Dann trug man das Wurzelwesen nach Hause, 
verwahrte es wohl, brachte ihm von jeder Mahl- 
zeit ein wenig zu essen und wusch es in Wein 
am Sabbathtage. Es brachte Glück in Prozessen 
und im Kriege, war ein Amulett gegen Hexerei 
und zog viel Geld ins Haus. Machte auch liebens- 
wert den, der es hatte, war gut zum Wahrsagen 
und brachte den Frauen Liebeszauber, dazu Frucht- 
barkeit und leichte Niederkünfte. Aber bei alle- 
dem schuf es doch Leid und Qualen, wo immer 
es war. Die übrigen Hausbewohner wurden ver- 
folgt vom Unglück, und es trieb seinen Besitzer zu 
Geiz, Unzucht und allen Verbrechen. Liess ihn 
schliesslich zugrunde gehen und zur Hölle fah- 
ren. — Trotzdem waren die Alräunlein sehr be- 
liebt, kamen auch in den Handel und erzielten 
recht hohe Preise. Man sagt, dass Wallenstein 
zeit seines Lebens ein Alräunchen mit sich her- 
umschleppte, und dasselbe erzählt man von Hein- 
rich dem Achten, Englands heiratstüchtigem Kö- 
nige." 

Der Rechtsanwalt schwieg, warf das harte 
Holz vor sich auf den Tisch. 

„Sehr interessant, aber wirklich sehr interes- 
sant/' rief Graf Geroldingen. „Ich bin Ihnen sehr 

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verbunden für den kleinen Vortrag, Herr Rechts- 
anwalt." 

Aber Madame Marion erklärte, dass sie nicht 
eine Minute lang ein solches Ding in ihrem Hause 
dulden würde. Und sie sah mit erschreckten, aber- 
gläubischen Augen auf die starre Knochenmaske 
der Frau Gontram. 

— Frank Braun war rasch hingetreten zu dem 
Geheimrat. Seine Augen leuchteten, er griff auf- 
geregt den alten Herrn an der Schulter. „Ohm 
Jakob," flüsterte er, „Ohm Jakob — " 

„Na, was ist denn, mein Junge?" fragte der 
Professor. Aber er stand auf, folgte dem Neffen 
ans Fenster. 

„Ohm Jakob," wiederholte der Student, „das 
ist es! — Da ist das, was dir fehlt. Das ist bes- 
ser, wie dumme Witze machen mit Fröschen und 
Affen und kleinen Kindern. Greif zu, Ohm Jakob, 
geh den neuen Weg, den kein anderer vor dir 
ging!" Seine Stimme bebte, in nervöser Hast 
stiess er den Rauch aus der Zigarette. 

„Ich verstehe kein Wort!" sagte der Alte. 

„Oh, du musst es verstehen, Ohm Jakob! — 
Hörtest du nicht, was er erzählte? — Schaff 
ein Alraunwesen: eines das lebt, eines 
das Fleisch hat und Blut! — Du kannst 
es, Onkel, du allein und sonst kein 
Mensch auf der Welt!" 

Der Geheimrat sah ihn an, unsicher, fragend. 
Aber in der Stimme des Studenten lag eine solche 
Ueberzeugung, eine solch starke Kraft des Glau- 

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bens, dass er stutzig wurde, gegen seinen Wil- 
len. 

„Drück dich klarer aus, Frank," sagte er. „Ich 
weiss wirklich nicht, was du willst." 

Sein Neffe schüttelte hastig den Kopf. „Jetzt 
nicht, Ohm Jakob. Ich werde dich nach Hause 
begleiten, wenn du erlaubst." Er wandte sich 
rasch, trat zu Minchen, die den Kaffee herum- 
reichte, nahm eine Tasse und noch eine, leerte sie 
in raschen Zügen. 

Söfchen, das andere Mädchen, war ihrem 

Tröster entronnen. Und Dr. Mohnen lief herum, 
war da und war dort, geschäftig wie ein Kuh- 
schwanz zur Fliegenzeit. In den Fingern immer 
noch das Bedürfnis, etwas auswaschen, angreifen 
zu müssen, nahm er das Alräunchen, rieb mit 
einer grossen Serviette daran herum, wischte den 
Staub ab, der es rings umklebte. Es nutzte kaum 
etwas: seit Jahrhunderten nicht gereinigt machte 
das Alräunchen wohl eine Serviette schmutzig 
nach der andern, aber selbst wurde es darum 
doch nicht blanker. Da fasste es der geschäftige 
Doktor, schwang es hoch und warf es mit ge- 
schicktem Schwung mitten hinein in die grosse 
Bowle. 

„Da trink, Alräunchen!" rief er. „Bist schlecht 
behandelt worden in diesem Hause. Wirst gewiss 
Durst haben." Dann stieg er auf einen Stuhl und 
redete eine lange feierliche Rede auf die beiden 
weissgekleideten Jungfräulein. „Mögen sie es 

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ewig bleiben," schloss er, „das wünsche ich von 
ganzem Herzen!" 

Er log; er wünschte es gar nicht. Keiner 
wünschte es und die zwei jungen Dämchen am 
allerwenigsten. Aber sie klatschten doch mit den 
andern, gingen zu ihm, knixten und bedankten 
sich. 

— Kaplan Schröder stand bei dem Justizrat, 
schimpfte mächtig, dass nun der Termin immer 
näher rücke, an dem das neue Bürgerliche Gesetz- 
buch eingeführt werden solle. Kaum zehn Jahre 
mehr — und aus war's mit dem Code Napo- 
leon. Und man hatte dasselbe Recht im Rhein- 
lande, wie — drüben in Preussen. Gar nicht 
auszudenken ! 

„Ja," seufzte der Justizrat, „und die Arbeit! 
Was man da alles wieder lernen muss. Als ob man 
nicht gerade genug zu tun hätte." — Ihm war's 
im Grunde völlig gleichgültig: er würde sich 
ebensowenig mit der Lektüre des Bürgerlichen 
beschäftigen, wie er je das Rheinische Recht stu- 
diert hatte. Gott sei Dank, seine Examina hatte 
man ja gemacht. 

Die Fürstin empfahl sich, nahm Frau Marion 
mit sich in ihrem Wagen. Aber Olga blieb wie- 
der zurück bei ihrer Freundin. Auch die andern 
gingen, verabschiedeten sich, einer nach dem an- 
dern. 

„Willst du nicht auch gehen, Ohm Jakob?" 
fragte der Student. 

„Ich muss noch warten," sagte der Geheim- 

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rat, „mein Wagen ist noch nicht da. Er wird wohl 
kommen im Augenblick." 

Frank Braun sah aus dem Fenster. Da jagte die 
kleine Frau von Dollinger über die Treppe, flink 
wie ein Eichhorn, trotz ihrer vierzig Jahre, hin- 
unter in den Garten. Fiel hin, sprang wieder auf, 
flog zu auf die starke Buche, umschlang den 
Stamm mit beiden Armen und Beinen. Und sinn- 
los, völlig betrunken von Wein und Gier, küsste 
sie den Stamm mit heissen, brünstigen Lippen. 
Stanislaus Schacht löste sie ab, wie einen Käfer, 
der sich festhält. Nicht roh, aber kräftig und 
stark, immer noch nüchtern, trotz der ungeheuren 
Mengen Wein, die er trank. Sie schrie, klammerte 
sich fest, wollte nicht fort von dem glatten 
Stamm. Aber er hob sie hoch, nahm sie auf seine 
Arme. Da erkannte sie ihn, riss seinen Hut ab, 
küsste ihn, laut schallend, wild schreiend, mitten 
auf die Glatze — 

Der Professor war aufgestanden, sprach noch 
ein letztes Wort mit dem Justizrat. 

„Ich habe eine Bitte," sagte er. „Wollen Sic 
mir das Unglücksmännchen schenken?" 

Frau Gontram ersparte ihrem Manne die Ant- 
wort: „Jewiss, Herr Jeheimrat, nehme Sie et nur 
mit, dat fiese Alräunche! — Dat is sicher mehr 
wat für Jungjeselle!" 

Sie griff in die grosse Bowle, zog das Wurzel- 
männchen heraus. Aber sie stiess mit dem harten 
Holz an den Rand, ein heller Klang flog durch 
den Raum. Und zersprungen bis zum Grunde 

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brach der herrliche alte Kristall auseinander, zer- 
fiel zu Scherben, goss seinen süssen Inhalt über 
Tisch und Boden. 

„Heilije Mutter Jottes!" rief sie aus. „Et is 
jewiss jut, dat dat freche Ding nu endlich aus 'm 
Haus kömmt!" 



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DRITTES KAPITEL, DAS ZU WISSEN TUT, WIE FRANK 

BRAUN DEN GEHEIMRAT ÜBERREDETE, ALRAUNE 

ZU SCHAFFEN 



Sie Sassen im Wagen, Professor ten Brinken 
undsetn Neffe. Sie sprachen nicht. Frank Braun 
lehnte sich zurück, starrte vor sich hin, tief ver- 
sunken in seine Gedanken. Still beobachtete ihn 
der Geheimrat, schielte lauernd zu ihm hinüber. 

Kaum eine halbe Stunde dauerte die Fahrt. Sie 
rollten über die Landstrasse, bogen rechts ein, 
rappelten über das holprige Pflaster von Lende- 
nich. Dort, mitten im Dorf, lag der grosse Stamm- 
sitz der Brinken, ein mächtiger, fast viereckiger 
Komplex, Garten und Park, und darin, nach der 
Strasse zu, eine Reihe kleiner unansehnlicher al- 
ter Gebäude. Sie bogen um die Ecke, vorbei an 
dem Schutzpatron des Dorfes, dem heiligen Nepo- 
muk; sein Standbild, geschmückt mit Blumen 
und zwei ewigen Lämpchen war in eine Eck- 
nische des Herrenhauses eingelassen. Die Pferde 
standen; ein Diener schloss das innere Tor auf, 
öffnete den Schlag der Kutsche. 

„Bring uns Wein, Aloys," befahl der Geheim- 
rat, „wir gehen in die Bibliothek." Er wandte sich 
zu seinem Neffen. „Willst du hier schlafen, 
Frank? Oder soll der Kutscher warten?" 

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Der Student schüttelte den Kopf. „Beides nicht. 
Ich werde zu Fuss zurückgehen zur Stadt." 

Sie schritten über den Hof, betraten das lange 
niedere Haus zur rechten Seite. Es war eigent- 
lich nur ein riesiger Saal, dazu ein winziges Vor- 
zimmer und ein paar kleine Nebengelasse. Rings 
an den Wänden standen die langen, ungeheuren 
Regale, dicht besetzt mit Tausenden von Bänden. 
Niedere Glaskasten standen hier und da, voll von 
römischen Ausgrabungen; viele Gräber waren 
hier ausgeleert, beraubt um ihre geizig bewahrten 
Schätze. Den Boden deckten grosse Teppiche; 
ein paar Schreibtische, Sessel und Sofas standen 
herum. 

Sie traten ein, der Geheimrat warf sein Alräun- 
chen auf den Diwan. Sie brannten die Kerzen an, 
rückten ein paar Sessel zusammen, setzten sich 
nieder. Und der Diener entkorkte die staubige 
Flasche. 

„Du kannst gehen," sagte sein Herr, „aber leg 
dich nicht nieder; der junge Herr geht wieder 
und du musst das Tor schliessen." 

— „Nun?" wandte er sich dann seinem Nef- 
fen zu. 

Frank Braun trank. Er nahm das Wurzelmänn- 
chen auf und spielte damit. Es war immer noch 
ein wenig feucht und schien jetzt fast biegsam 
zu sein. 

„Es gibt sich deutlich genug," murmelte er. 
„Da sind die Augen — alle beide. Da quillt die 
Nase vor und da öffnet sich der Mund. Schau 

60 



doch, Ohm Jakob, sieht es nicht aus, als ob es 
grinse? Die Aermchen sind etwas verkümmert 
und die Beinchen zusammengewachsen bis zum 
Knie hinab. Es ist ein seltsames Ding." Er hielt 
es hoch, drehte es nach allen Seiten. „Schau dich 
um, Alräunchen!" rief er. „Hier ist deine neue 
Heimat. Hier passt du her, zu Herrn Jakob ten 
Brinken, besser noch als in das Haus der Gon- 
trams. 

„Du bist alt," fuhr er fort, „vierhundert, viel- 
leicht sechshundert Jahre alt und noch mehr. Dei- 
nen Vater henkten sie, weil er ein Mordbube war, 
oder ein Rossdieb, oder auch, weil er Spottversc 
machte auf irgendeinen grossen Herrn im Panzer 
oder im Priesterhemd. Einerlei was er tat, er war 
ein Verbrecher in seiner Zeit, und sie henkten 
ihn. Da spie er sein letztes Leben hinein in die 
Erde, zeugte dich, du seltsames Wesen. Und die 
Mutter Erde empfing dieses Lebewohl des Ver- 
brechers in ihrem fruchtbaren Schoss und geheim- 
nisvoll kreisste sie und gebar — dich. Sie, die 
Riesige, die Allgewaltige — dich, du armseliges, 
hässliches Männlein! — Und sie gruben dich 
aus, zur Mitternachtstunde, am Kreuzwege, zit- 
ternd vor Angst, unter heulenden, kreischenden 
Beschwörungen. Da sahst du, als du zum ersten 
Male des Mondes Licht erblicktest, deinen Vater 
hängen, oben am Galgen: brüchige Knochen und 
faulige Fleischfetzen. Und sie nahmen dich mit, 
sie — die ihn aufgeknüpft hatten dort oben: dei- 
nen Vater. Dich aber griffen sie, schleppten sie 

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heim: du solltest ihnen Geld bringen ins Haus! 
Rotes Gold und junge Liebe. 

„Sie wussten es gut: du würdest auch Qualen 
bringen, elende Verzweiflung und am Ende 
schmählichen Tod. Sie wussten das gut — und 
gruben dich doch aus, nahmen dich doch mit; 
tauschten alles gern ein um Liebe und Gold." 

Der Geheimrat sagte: „Du hast eine hübsche 
Art, das alles zu sehen, mein Junge. — Du bist 
ein Phantast." 

„Ja," sagte der Student, „das bin ich wohl. Bin 
es — so wie du." 

„Wie ich?" lachte der Professor. „Nun ich 
denke, mein Leben ist real genug dahingelau- 
fen." 

Aber sein Neffe schüttelte den Kopf. „Nein, 
Ohm Jakob, das ist es nicht. Nur nennst du das 
schon sehr real — was andere Leute Phantaste- 
reien nennen. Denk nur an all deine Experimente ! 
Für dich sind es mehr wie Spielereien, sind es 
Wege, die vielleicht einmal zu irgendeinem Ziele 
führen werden. Nie aber, nie wäre ein normaler 
Mensch auf deine Gedanken gekommen: nur ein 
Phantast konnte das tun. — Und nur ein wilder 
Kopf, nur ein Mann, durch dessen Adern ein Blut 
fliesst, heiss wie das von euch Brinkens, nur der 
darf es wagen, das zu tun, was du jetzt tun sollst, 
Ohih Jakob." 

Der Alte unterbrach ihn, unwillig und doch 
wieder geschmeichelt. 

„Du schwärmst Junge. — Und du weisst ja 

62 



gar nicht, ob ich überhaupt Lust dazu haben 
werde, das Geheimnisvolle zu tun, von dem du 
redest. — Und von dem ich noch immer keine 
Ahnung habe." 

Aber der Student gab nicht nach; seine Stimme 
klang hell, zuversichtlich, überzeugungsstark in 
jeder kleinen Silbe. 

„Doch, Ohm Jakob, du wirst es tun. Ich weiss, 
dass du es tun wirst. — Wirst es schon darum 
tun, weil es kein anderer kann, weil du der ein- 
zige Mensch in der Welt bist, der es vollbringen 
kann. Gewiss, es gibt noch einige andere Ge- 
lehrte, die heute dieselben Versuche machen, mit 
denen du begannst, die ebenso weit sind wie du, 
vielleicht viel weiter noch. Aber sie sind normale 
Menschen, trockene, hölzerne — Männer der 
Wissenschaft. Sie würden mich auslachen, wenn 
ich ihnen mit meinen Gedanken käme, würden 
mich einen Narren schelten. Oder sie würden mich 
gar zur Türe hinauswerfen, weil ich es wagte, 
ihnen mit solchen Sachen zu kommen — solchen 
Gedanken, die sie unsittlich nennen, unmoralisch 
und verwerflich. Solchen Ideen, die es wagen, dem 
Schöpfer ins Handwerk zu pfuschen, die aller 
Natur ein Schnippchen schlagen sollen. Du nicht, 
Ohm Jakob, du nicht I Du wirst mich nicht aus- 
lachen und nicht zur Türe hinauswerfen. Dich 
wird es reizen, wie es mich reizt: und darum bist 
du der einzige Mensch, der es kann!" 

„Aber was denn, bei allen Göttern?" rief der 
Geheimrat. „Was denn nur?" 

63 



Der Student erhob sich, füllte die beiden Glä- 
ser zum Rande. „Stoss an, alter Zauberer," rief 
er, „stoss an! Es soll ein neuer junger Wein flies- 
sen aus deinen alten Schläuchen. Stoss an, Ohm 

Jakob, es lebe dein Kind!" Er stiess an 

des Onkels Glas, leerte das seine im Zuge und 
warf es hoch an die Decke. Oben klirrte es — 
aber lautlos fielen die Scherben hinab auf die 
schweren Teppiche. 

Er rückte seinen Sessel näher heran. „Und nun 
hör an, Oheim, wie ich's meine. Wirst schon unge- 
duldig sein über meine langen Einleitungen — 
nimm sie mir nicht übel. Sie helfen mir nur, 
die Gedanken zurechtzudenken, sie zu kneten, sie 
fasslich zu machen und greifbar. 

„So aber fass ich's: 

„Du sollst ein Alraunwesen schaffen, Ohm Ja- 
kob, sollst diese alte Sage zur Wahrheit machen. 
Was tut's, ob es Aberglauben ist, mittelalterlicher 
Gespensterwahn, mystischer Schnickschnack aus 
uralter Zeit? Du, du machst die alte Lüge zur 
Wahrheit. Du schaffst sie: sie steht da, klar im 

Lichte der Tage, greifbar vor aller Welt 

kein dümmster Professor wird sie leugnen dür- 
fen. 

„Gib acht, wie du es machen sollst! 

„Den Verbrecher, Onkel, wirst du leicht fin- 
den. Es ist gleich, denk ich, ob er am Galgen starb 
und am Kreuzwege. Wir sind fortgeschrittene 
Leute; der Gefängnishof und unsere Guillotine 
sind ja viel bequemer. Auch für dich bequemer: 

64 



dank deiner Verbindungen wirst du es leicht an- 
stellen können, den seltenen StofT zu bekommen, 
dem Tode selbst ein neues Leben zu entreis- 
sen. 

„Und die Erde? — Greif das Symbol heraus, 
Oheim, das ist: die Fruchtbarkeit. Die Erde ist 
das Weib, sie nährt den Samen, der ihrem Schosse 
anvertraut wurde. Nährt ihn, lässt ihn keimen, 
wachsen, blühen und Früchte tragen. So nimm 
du das, was fruchtbar ist, wie die Erde selbst — 
nimm das Weib. 

„Aber die Erde ist auch die ewige Metze, sie 
ist allen dienstbar. Sie ist die ewige Mutter, ist die 
immer feile Dirne für unendliche Milliarden. Kei- 
nem versagt sie den geilen Leib, jeder, der will, 
mag sie haben. Alles, was Leben hat, befruchtet 
ihren gebärfreudigen Schoss, durch die Jahrtau- 
sende hin. 

„Und darum, Ohm Jakob, musst du eine Dirne 
wählen. Nimm die schamloseste, nimm die frech- 
ste von allen, nimm eine, die geboren wurde zur 
Metze. Nicht eine, die ihr Gewerbe treibt aus 
Not, eine die der Verführung erlegen ist. O nein, 
die nicht! Nimm eine, die schon Buhlerin war, als 
sie gehen lernte, eine, der ihre Schande eine Lust 
ist und das einzige Leben. Die musst du wählen. 
Ihr Schoss wird sein wie der der Erde. Du bist 
reich — o du wirst sie finden. Bist ja kein Schul- 
bub in solchen Dingen, du magst ihr viel Geld 
geben, sie dir kaufen für deinen Versuch. Und 
wenn sie die rechte ist, wird sie sich winden vor 

5 Ewers, Alraune 65 



Lachen, wird dich an ihren fettigen Busen pres- 
sen und dich abküssen vor Lust. Weil — du ihr 
etwas bietest, was ihr kein anderer Mann je bot 
— vor dir! 

„Was dann kommt, weisst du besser als ich. 
Wirst das ja wohl auch mit Menschen zustande 
bringen, was du mit Affen machst und mit Meer- 
schweinchen. Bereit sein ist alles, bereit für den 
Augenblick — in dem deines Mörders Kopf flu- 
chend in den Sack springt!" 

Er war aufgesprungen, lehnte sich an den 
Tisch, sah zu dem Alten hinüber mit starren, ein- 
dringlichen Augen. Und der Geheimrat fing sei- 
nen Blick, parierte ihn schielend. Wie ein schmut- 
ziger krummer Türkensäbel, der sich kreuzt mit 
schwankem Florett. 

„Und dann, Herr Neffe?" sagte er. „Und dann? 
Wenn das Kind zur Welt kommt? Was dann?" 

Der Student zögerte; langsam, tropfend, fielen 
seine Worte. „Dann — v/erden wir — ein Zau- 
berwesen haben." Seine Stimme schwang leise, 
schmiegsam und klingend, wie Saitentöne. „Dann 
werden wir sehen — was Wahres ist an der alten 
Geschichte. Werden hineinschauen können in den 
tiefsten Bauch der Natur." 

Der Geheimrat öffnete die Lippen, aber Frank 
Braun fiel ihm ins Wort, ehe er noch sprach. 
„Dann mag sich zeigen, ob es etwas gibt, irgend- 
ein Geheimnisvolles, das stärker ist als alle Ge- 
setze, die wir kennen. Mag sich zeigen, ob es der 

66 



Mühe wert ist, dies Leben zu leben auch 

für uns." 

„Auch für uns?" wiederholte der Professor. 

Frank Braun sagte: „Ja, Ohm Jakob, — auch 
für uns! Für dich und für mich und die paar hun- 
dert Menschen, die — über dem Leben stehn. 
Und die doch gezwungen sind, die Strassen zu 
gehen, die alle Herden ziehen." — Und plötzlich, 
unvermittelt, fuhr er auf: „Ohm Jakob, glaubst 
du an Gott?" 

Der Geheimrat schnalzte ungeduldig die Lip- 
pen. „Ob ich an Gott glaube? Was soll das 

hier?" 

Aber der Neffe drängte ihn, Hess ihn nicht über- 
legen: „Antworte mir, Ohm Jakob, antworte: 
glaubst du an Gott?" Er beugte sich nieder zu 
dem Alten, hielt ihn fest im Blick. 

Und der Geheimrat sagte : „Was geht's dich an, 
Junge? — Mit dem Verstände — nach alle- 
dem, was ich erkannt habe — glaube ich ganz 
gewiss nicht an einen Gott. Nur mit dem Gefühl 
— aber das Gefühl ist etwas so Unkontrollier- 
bares, etwas so — " 

»Ja. ja. Onkel," rief der Student, „mit dem Ge- 
fühl also — ?" 

Der Professor wehrte sich noch immer, rückte 
hin und her in seinem Sessel. „Nun — wenn ich 
offen sein soll — manchmal — selten genug —• 
in langen Zwischenräumen — " 

Da schrie Frank Braun : „Glaubst du — glaubst 
du an einen Gott ! ! Oh, ich wusste das wohl. Alle 

5* 67 



die Brinkens taten es, alle — bis hinab zu dir." 
Er warf den Kopf hoch, hob die Lippen und zeigte 
die blanken Zahnreihen. Und er fuhr fort, jedes 
Wort hart ausstossend: „Dann wirst du es tun, 
Ohm Jakob. Dann musst du es tun, und nichts 
wird dich mehr retten. Denn es ist dir etwas ge- 
geben, was nur einem wird unter aber Millionen 
Menschen: es ward dir die Möglichkeit — 
— Gott zu versuchen! Wenn er lebt, dein 
Gott, so muss er dir Antwort geben 
auf diese freche Frage!" 

Er schwieg, ging mit grossen Schritten hin 
und wieder durch den langen Saal. Nahm dann 
seinen Hut auf, trat hin zu dem Alten. 

„Gute Nacht, Ohm Jakob." sagte er. „Wirst 
du es tun?" Er streckte ihm seine Hand hin. 

Aber der Alte sah es nicht. Starrte vor sich hin, 
brütete. „Ich — ich weiss es nicht," antwortete 
er endlich. 

Frank Braun nahm das Alräunchen vom Tisch, 
schob es dem Alten in die Hände. Seine Stimme 
klang höhnisch und hochmütig. „Da — berat es 
mit dem da!" Aber dann, im Augenblick, änderte 
sich der Tonfall. Still sagte er: „Oh, ich weiss es: 
du wirst es tun." 

Er schritt rasch der Türe zu. Blieb noch einmal 
stehen. Wandte sich, kam zurück. 

„Noch eins, Ohm Jakob! Wenn du es tust 

<( 

Aber der Geheimrat fuhr auf: „Ich weiss nicht, 
ob ich's tue." 

68 



„Gut," sagte der Student. „Ich frage ja nicht 
darnach. — Nur — für den Fall, dass du es tun 
solltest — willst du mir etwas versprechen?" 

„Was denn?" forschte der Professor. 

Er antwortete: „Lade nicht — die Fürstin 
als Zuschauerin einl" 

„Warum denn nicht?" fragte der Geheimrat. 

Und Frank Braun sprach, weich und sehr 
ernst: „Weil — weil diese Sache zu — heilig 
ist." 

Dann ging er. 

♦ « * 

Er trat aus dem Haus, schritt über den Hof. 
Der Diener öffnete das Tor, schloss es dann knar- 
rend hinter ihm. Frank Braun trat auf die Strasse. 
Blieb stehn vor dem Bilde des Heiligen, schaute 
es prüfend an. 

„O lieber Heiliger," sagte er, „Blumen bringt 
man dir und frisches Oel für deine Lämpchen. 
Aber nicht dies Haus sorgt für dich, das dir Ob- 
dach gewährt: hier schätzt man dich höchstens 
als ein Altertum. Gut für dich, dass das Volk 
noch baut auf deine Macht." 

Und er sang, leise surrend : 

„Johann von Nepomuk, 
Retter vor Flutgefahr. 
Schütze mein Haus! 
Vor Fluten sollst du es hüten, 
Lass Wasser anderswo wüten, 

69 



Johann von Nepomuk, 
Schütze mein Haus!" 

„Ach, alter Götze," fuhr er fort, „du hast es 
leicht, dies Dorf zu schützen vor Flutgefahr — 
— seit es dreiviertel Stunden abliegt vom Rhein. 
Und seit der Rhein so hübsch reguliert ist und 
zwischen Steinmauern läuft. — Aber versuch es 
doch, du frommer Nepomuk, dies Haus zu erret- 
ten vor der Flut, die nun über ihm zusammen- 
brechen soll! Sieh, ich liebe dich, steinerner Hei- 
liger, weil du meiner Mutter Schutzpatron bist: 
Johanna Nepomucena heisst sie — heisst dazu 
Hubertina, da wird sie nie von einem tollen Hund 
gebissen. Erinnerst du dich, wie sie zur Welt kam 
in diesem Hause, an dem Tage, der dir geweiht 
ist? Darum trägt sie deinen Namen, Johann von 
Nepomuk! Und weil ich sie liebe, mein Heiliger, 
will ich dich warnen — um ihretwillen. 

„Da drinnen, weisst du, ist heute Nacht ein 
anderer Heiliger eingezogen — ein recht Un- 
heiliger eigentlich. Ein kleines Männchen, nicht 
aus Stein, wie du, und nicht schön angezogen im 
Faltengewande — nur aus Holz ist es und 
jämmerlich nackt. Aber es ist alt wie du, und 
älter vielleicht, und man sagt, dass es eine selt- 
same Macht habe. So versuche es doch, Sankt 
Nepomuk, beweise deine Kraft! Einer muss fal- 
len von euch, du oder das Männchen : da mag sich 
entscheiden, wer Herr sein wird über das Haus 
der Brinken. Zeig nun, mein Heiliger, was du 
kannst." 

70 



Frank Braun grüsste und schlug ein Kreuz. 
Lachte kurz auf, zog mit raschen Schritten durch 
die Gassen. Kam hinaus auf die Felder, sog in vol- 
len Zügen die frische Nachtluft ein, schritt auf 
die Stadt zu. Dann, in den Alleen, unter den blü- 
henden Kastanien, verlangsamte er seinen Schritt, 

Schlenderte träumend, leise summend daher. 

Aber plötzlich blieb er stehn, zögerte einen Au- 
genblick, wandte sich. Bog schnell links ab, hin- 
ein in den breiten Baumschuler-Weg. Blieb ste- 
hen, sah sich um nach beiden Seiten. Schwang 
sich hinauf auf die niedere Mauer, sprang hinun- 
ter an der anderen Seite. Lief durch den stillen 
Garten auf eine breite rote Villa zu. 

Dort blieb er stehn, blickte hinauf, spitzte die 
Lippen. Und sein wilder kurzer Pfiff jagte durch 
die Nacht, zweimal, dreimal, rasch nacheinander. 

Irgendwo schlug ein Hund an. Ueber ihm aber 
öffnete sich leise ein Fenster, zeigte in weissem 
Nachtkleide eine blonde Frau. 

Ihre Stimme flüsterte durch das Dunkel: „Bist 
du's?" 

Und er sagte: „Ja! Ja!" 

Sie huschte ins Zimmer, kam gleich wieder zu- 
rück. Nahm ihr Taschentuch, band etwas hinein, 
warf es hinunter. 

„Da, Lieber, der Schlüssel! — Aber sei leise 
— leise! Dass die Eltern nicht aufwachen." 

Frank Braun nahm den Schlüssel auf, stieg die 
kleine Marmortreppe hinauf. Oeffnete die Türe, 
trat hinein. 

7» 



Und, während er hinauftappte im Dunkeln, 
leise und vorsichtig, bewegten sich seine jungen 
Lippen : 

„Johann von Nepomuk, 

Retter von Flutgefahr, 

Schütz mich vor Lieb ! 

Lass andere liebestoll werden, 

Lass mir die Ruh auf Erden. 

Johann von Nepomuk 

Schütz mich vor Lieb!" 



72 



VIERTES KAPITEL, DAS KUNDE GIBT, WIE SIE 
ALRAUNES MUTTER FANDEN 



Frank Braun sass auf der Veste. Oben auf 
Ehrenbreitstein. Sass schon zwei Monate dort 
und hatte noch drei zu sitzen. Den ganzen Som- 
mer hindurch. Und das alles, weil er ein Loch in 
die Luft geschossen hatte und sein Gegner auch. 

Er langweilte sich. 

Er sass oben auf der Brüstung des Brunnens, 
der weit hinabsah von dem steilen Fels in den 
Rhein. Liess die Beine baumeln, schaute ins 
Blaue und gähnte. Und genau dasselbe taten die 
drei Genossen, die mit ihm dasassen; keiner 
sprach ein Wort. 

Sie trugen gelbe Drillichjacken, die sie den Sol- 
daten abgehandelt hatten. Von ihren Burschen 
hatten sie sich riesige schwarze Ziffern auf den 
Rücken malen lassen, die sollten die Nummern 
ihrer Zellen bedeuten. Zwei, Vierzehn und Sechs 
waren da. Frank Braun aber trug die Nummer 
Sieben. 

Dann kam ein Trupp Fremder hinauf, Englän- 
der und Engländerinnen, die ein Sergeant von 
der Wache führte. Er zeigte ihnen die armen Ge- 
fangenen mit den grossen Nummern, die so trüb- 

73 



selig dasassen: da regte sich ihr Mitleid. Und 
mit Ach's und Oh's fragten sie den Sergeanten, 
ob man den elenden Menschen nichts geben 
dürfe? Das sei streng verboten, sagte der, und er 
dürfe so etwas nicht sehen. Aber in seines Her- 
zens grosser Güte drehte er sich um und erklärte 
den Herren die Gegend. Dort liege Coblenz, sagte 
er, und da hinten Neuwied. Und dort, unten am 
Rhein — 

Derweilen kamen die Damen heran. Die armen 
Gefangenen streckten die Hand nach hinten, hiel- 
ten sie gerade unter die dicke Nummer; dahinein 
tropften die Geldstücke, fielen Zigaretten und Ta- 
bak. Manchmal auch eine Visitenkarte mit einer 
Adresse. 

Das war das Spiel, das Frank Braun erfunden 
und eingeführt hatte hier oben. 

„Es ist eigentlich entwürdigend," meinte Nr. 
Vierzehn. Das war der Rittmeister Baron Flecht- 
heim. 

„Du bist ein Idiot." sagte Frank Braun. „Ent- 
würdigend ist nur, dass wir uns so vornehm dün- 
ken, dass wir alles den Unteroffizieren geben und 
nichts behalten. Wenn wenigstens die verdamm- 
ten englischen Zigaretten nicht so parfümiert wä- 
ren." — Er besah sich den Raub. „Da! Schon 
wieder ein Pfundstück dabei! Der Sergeant wird 
sich freuen. — Herrgott, ich könnt's gut selber 
gebrauchen heute!" 

„Wie viel hast du gestern verloren?" fragte Nr. 
Zwei. 

74 



Frank Braun lachte. „Pah — meinen ganzen 
Wechsel, der am Morgen ankam. Und dazu ein 
paar Ehrenscheine auf einige Blaue. Hol der 
Henker das Bac!" 

Nr. Sechs war ein blutjunger Fähnrich, ein 
Bübchen, das aussah wie Milch und Blut. Das 
seufzte tief: „Ich hab auch alles verjeut." 

„Na, und du meinst, uns geht es anders?" 
schnauzte ihn Nr. Vierzehn an. „Und zu denken, 
dass die drei Halunken sich jetzt mit unserm Geld 
in Paris amüsieren ! — Wie lange denkst du, dass 
sie bleiben werden?" 

Dr. Klaverjahn, Marinearzt, Festungsstubenge- 
fangener Nr. Zwei, sagte: „Ich schätze drei Tage. 
Länger können sie nicht gut wegbleiben, ohne 
dass man es merkt. Und länger reichen die auch 
mit dem Gelde nicht!" 

Die — das waren Nr. Vier, Nr. Fünf und Nr. 
Zwölf. Sie hatten in der letzten Nacht tüchtig 
gewonnen und waren gleich am Morgen den Berg 
hinuntergeklettert, um mit dem Frühzuge nach 
Paris zu fahren. Sich — ein bisschen auszuspan- 
nen, wie man das auf der Festung nannte. 

„Was wollen wir anfangen, diesen Sonntag- 
nachmittag?" fragte Nr. Vierzehn. 

„Streng deinen blöden Schädel einmal selber 
an!" rief Frank Braun dem Rittmeister zu. Er 
sprang von der Mauer hinab, ging durch den Ka- 
sernenhof in den Offiziersgarten. Er war miss- 
gestimmt genug, pfiff laut vor sich hin. 

75 



Nicht der Spielverlust war's — das war ihm 
öfter passiert und drückte ihn durchaus nicht. 
Aber dieser klägliche Aufenthalt hier oben, dieses 
unerträgliche Einerlei. Gewiss, die Festungsbe- 
stimmungen waren leicht genug und es war dazu 
keine dabei, die die Herrn Gefangenen nicht in 
jeder Stunde verletzten. Sie hatten ihr eigenes 
Kasino hier oben, in dem ein Klavier stand und 
ein Harmonium; zwei Dutzend Zeitungen hielten 
sie. Hatten jeder seinen eigenen Burschen und 
als Zelle einen mächtigen Raum, einen Saal fast, 
für den sie dem Staate eine tägliche Miete von 
einem Pfennig zahlten. Sie Hessen sich ihr Essen 
aus dem besten Gasthofe der Stadt kommen und 
ihr Weinkeller war in allerschönster Ordnung. 
Nur eines war zu tadeln: man konnte seine Zim- 
mertüre nicht von innen verschliessen. Das war 
der einzige Punkt, in dem die Kommandantur un- 
geheuer streng war: seitdem einmal ein Selbst- 
mord vorgekommen, wurde jeder Versuch, einen 
Riegel innen anzubringen, im Keime erstickt. 
„Sie sind ausgemachte Trottel dort unten," dachte 
Frank Braun. „Als ob man sich nicht geradeso- 
gut ohne Riegel Selbstmorden könnte!" 

Dieser fehlende Riegel quälte ihn jeden Tag, 
verdarb ihm alle Freude am Dasein. Denn so 
war es unmöglich, allein zu sein auf der Festung. 
Er hatte mit Seilen und mit Ketten die Türe fest- 
gemacht, hatte sein Bett davor gestellt und alle 
andern Möbel. Es nutzte nichts: nach einem 
mehrstündigen Kampf war alles zertrümmert und 

76 



zerschlagen, stand doch die ganze Gesellschaft 
triumphierend in seinem Zimmer. 

O diese Gesellschaft! — Jeder einzelne war ein 
harmloser, netter, gutmütiger Kerl. Jeder ein- 
zelne einer, mit dem man — allein — wohl ein- 
mal eine halbe Stunde plaudern konnte. — Aber 
zusammen, zusammen waren sie unerträglich. Es 
war der „Komment", der sie alle niederschlug, 
diese wilde Mischung von Offiziers- und Studen- 
tenkomment, aufgeputzt durch einige besondere 
Narrheiten der Festung. Man sang, man trank 
und man jeute, einen Tag, eine Nacht um die 
andere. Und dazwischen: ein paar Mädel, die 
man heraufschleppte, und ein paar Spritztouren, 
die man hinunter machte — das waren die Hel- 
dentaten. 

Und man sprach auch von nichts anderm mehr. 

Die, die am längsten oben waren, waren die 
schlimmsten, ganz verkommen in diesem ewigen 
Rundlauf. Dr. Bermüller, der seinen Schwager 
erschossen hatte und nun schon seit zwei Jahren 
hier oben sass, und sein Nachbar, der Dragoner- 
leutnant Graf von Vallendar, der noch ein halbes 
Jahr länger die gute Luft hier oben genoss. Und 
die, die neu kamen, taten es in kaum einer Woche 
schon den andern gleich; wer am rohesten war 
und am wildesten — der stand hoch im Ansehn. 

Frank Braun stand im Ansehn. Er hatte 
gleich am zweiten Tag das Klavier abgeschlossen, 
weil er des Rittmeisters grässliches .Frühlings- 
lied* nicht länger anhören wollte, hatte den 

77 



Schlüssel in die Tasche genommen und dann hin- 
untergeworfen vom Festungswall. Er hatte auch 
seinen Pistolenkasten mitgebracht und schoss nun 
den lieben langen Tag. Und saufen konnte er 
und fluchen, so gut wie einer hier oben. 

Eigentlich hatte er sich gefreut auf diese Som- 
mermonate auf der Veste. Er hatte einen gros- 
sen Stoss Bücher mitgeschleppt; neue Federn 
und blankes Papier. Er glaubte hier arbeiten zu 
können, freute sich auf den Zwang in der Einsam- 
keit. 

Aber er hatte kein Buch aufmachen können, 
hatte nicht einmal einen Brief geschrieben. War 
hineingezogen in diesen wilden kindischen Stru- 
del, der ihn ekelte, und den er doch so gründlich 
mitmachte, Tag um Tag. Er hasste seine Ka- 
meraden, jeden einzelnen unter ihnen — 

Sein Bursche kam in den Garten, salutierte: 
„Herr Doktor, ein Brief." 

Ein Brief? Am Sonntagnachmittag? Er nahm 
ihn dem Soldaten aus der Hand. Es war ein Eil- 
brief, der ihm nachgeschickt war hierher. Er er- 
kannte die dünnen Züge seines Onkels. Von dem? 
Was wollte der plötzlich von ihm? Und er wog 
den Brief in der Hand — ah, er hatte gute Lust, 
ihn zurückgehen zu lassen: Annahme verweigert. 
Was ging ihn dieser alte Professor an?! 

Ja, das war das letzte, was er von ihm sah, als 
er mit ihm nach Lendenich fuhr — nach jenem 
Fest bei den Gontrams. Als er ihm einzureden 

78 



versuchte, er müsse ein Alraunwesen schaffen. 
Damals — vor zwei Jahren. 

Ah, wie weit lag das nun schon zurück! 

Er war auf eine andere Universität gegangen, 
hatte zur rechten Zeit seine Examina gemacht. 
Sass nun in einem lothringischen Loch — war 
tätig als Referendar. War tätig — ? Bah, er setzte 
das Leben fort, das er geführt hatte auf der ho- 
hen Schule. War gern gesehen bei den Frauen 
und bei allen denen, die ein lockeres Leben lieb- 
ten und wilde Sitten. Und war sehr ungern ge- 
sehen bei seinen Vorgesetzten. O ja, er arbeitete 
auch wohl hie und da — so für sich. Aber es 
war sicher stets etwas, was seine Vorgesetzten 
groben Unfug nannten. 

Wenn er eben konnte, drückte er sich, fuhr 
nach Paris. War besser zu Hause auf der Butte 
Sacree, als im Gericht. Und er wusste nicht 
recht, wohin das alles führen sollte. 

Das war ja gewiss, dass er nie ein Jurist sein 
würde, Rechtsanwalt oder Richter oder sonst ein 
Beamter. Aber was sollte er sonst machen? Er 
lebte dahin, in den Tag hinein, machte neue 
Schulden — 

Immer noch hielt er den Brief in der Hand, 
begierig ihn aufzureissen, und doch voller Lust, 
ihn so zurückzugeben, wie er war. Als eine späte 
Antwort auf den andern Brief, den ihm der On- 
kel schrieb vor zwei Jahren. 

Das war kurz nach jener Nacht gewesen. Mit 
fünf andern Studenten war er zur Mitternacht 

79 



durchs Dorf geritten, zurück von einem Ausflug 
in die sieben Berge. Und er hatte alle eingeladen, 
aus einer plötzlichen Laune heraus, zum Nacht- 
mahle im Hause ten Brinken. 

Sie rissen die Schelle ab, schrien laut, häm- 
merten gegen das schmiedeeiserne Tor. Machten 
einen Heidenlärm, dass das Dorf zusammenlief. 
Der Geheimrat war verreist, aber der Diener 
Hess sie ein auf des Neffen Befehl. Sie brachten 
die Gäule zum Stalle und Frank Braun Hess die 
Dienerschaft wecken. Liess ein grosses Essen 
herrichten und holte selbst die besten Weine aus 
des Oheims Keller. Und sie schmausten und 
tranken und sangen, tobten herum durch Haus 
und Garten, lärmten, heulten und zerschlugen, 
was vor ihre Fäuste kam. Früh erst am Morgen 
ritten sie heim, johlend und gröhlend, hingen auf 
ihren Gäulen, wie wilde Cowboys die einen und 
die andern wie alte Mehlsäcke. 

„Die jungen Herrn benahmen sich wie die 
Schweine." berichtete Aloys dem Herrn Geheimrat. 

Doch das war es nicht, was diesen so erboste, 
kein Wort hätte er darüber verloren. Aber auf 
dem Büfett lagen seltene Aepfel, taufrische Nek- 
tarinen, Birnen und Pfirsiche aus seinen Treib- 
häusern. Edle Früchte, mit unsäglicher Mühe ge- 
zogen. Erstlinge von neuen Bäumen, lagen auf 
Watte dort auf goldenen Tellern zum Nachrei- 
fen. Aber die Studenten hatten keinerlei Pietät 
vor des Professors Liebe, waren respektlos dar- 
über hergefallen. Hatten sie angebissen, dann, 

80 



da sie halb unreif noch waren, wieder liegen las- 
sen. Das war es. 

Er schrieb seinem Neffen einen erbitterten 
Brief, ersuchte ihn, nie wieder sein Haus zu be- 
treten. 

Und Frank Braun wieder war tief verletzt 
über den Grund dieses Schreibens, den er als 
jämmerliche Kleinlichkeit empfand. 

— Ah, hätte ihn der Brief, den er nun in der 
Hand hielt, dort erreicht, wohin er gesandt war, 
in Metz, oder gar auf dem Montmartre — er 
würde keine Sekunde gezögert haben, ihn zurück- 
gehen zu lassen. 

Hier aber — hier — in dieser grässlichen Lan- 
geweile der Festung? 

Er entschloss sich. „Auf alle Fälle ist's eine 
Abwechslung," murmelte er. Oeffnete den Brief. 

Der Onkel teilte ihm mit, dass er, nach reif- 
licher Ueberlegung, gewillt sei, der Anregung, 
die er, sein Neffe, ihm damals gegeben, Folge zu 
leisten. Er habe nun auch schon einen geeigne- 
ten Vaterkandidaten: die Revision des Raubmör- 
ders Noerrissen sei zurückgewiesen und es sei 
nicht anzunehmen, dass das Begnadigungsgesuch 
mehr Erfolg habe. Nun suche er nach einer 
Mutter. Er habe schon einige Versuche nach die- 
ser Richtung hin gemacht, diese seien aber lei- 
der durchaus negativ verlaufen; es scheine doch 
nicht ganz so leicht, hier das Richtige zu finden. 
Aber die Zeit dränge und er frage nun seinen 

6 Ewers, Alraune 8l 



Neffen, ob er bereit sei, ihn in dieser Angelegen- 
heit zu unterstützen. 

Frank Braun starrte den Burschen an: „Ist 
der Briefträger noch da?" fragte er. 

„Zu Befehl, Herr Doktor," meldete der Sol- 
dat. 

„Sag ihm, er solle warten. Da, gib ihm ein 
Trinkgeld !" Er suchte in seinen Taschen, schliess- 
lich fand er noch ein Markstück. Den Brief in 
der Hand, eilte er zurück, dem Gefangenenhause 
zu. 

Doch kaum war er auf dem Kasernenhofe an- 
gelangt, als ihm die Frau des Feldwebels mit 
einem Depeschenboten entgegenkam. „Ein Te- 
legramm für Sie!" rief die Frau. 

Es war von Dr. Petersen, dem Assistenzarzt 
des Geheimrats. Es lautete: 

„Exzellenz befinden sich seit vorgestern in 
Berlin, Hotel de Rome. Erwarten umgehend 
Nachricht, ob Sie eintreffen, lassen herzlich grüs- 
sen. 

Exzellenz? Also der Onkel war Exzellenz ge- 
worden. Und darum war er in Berlin. — In 
Berlin — ah, das war schade. Er wäre lieber 
nach Paris gefahren, dort hätte er gewiss viel 
leichter etwas gefunden und etwas Besseres wohl 
auch — 

Einerlei, nun war es einmal Berlin. Zum min- 
desten war es eine Unterbrechung in dieser Oe- 
de. Er überlegte einen Augenblick. Er musste 
fort, heute abend noch. Aber — er hatte kei- 

Sa 



nen Pfennig Geld. Und die Kameraden hatten 
ja auch nichts. 

Er sah die Frau an. „Sie, Frau Feldwebel — " 
begann er. Aber nein, das ging nicht. Und er 
schloss: „Geben Sie dem Mann ein Trinkgeld. 
Schreiben Sie's mir auf die Rechnung." 

Er ging in sein Zimmer, Hess den Handkoffer 
packen, befahl dem Burschen ihn gleich zum 
Bahnhofe zu bringen und dort zu warten. Dann 
ging er hinunter. 

In der Türe stand der Feldwebel, der Aufseher 
des Gefangenenhauses, händeringend, fast aufge- 
löst. „Sie wollen auch fort, Herr Doktor?" 
jammerte er. — „Und die drei Herren sind schon 
weg — nach Paris — ins Ausland! Herrgott, 
das kann ja kein gutes Ende nehmen! Ich falle 
herein, ich allein — ich trag die Verantwortung." 

„Na, es wird nicht so schlimm sein," antwortete 
Frank Braun. „Ich reise ja nur auf ein paar Ta- 
ge, und die andern Herren werden dann auch 
wohl zurück sein." 

Der Feldwebel klagte weiter: „Es ist ja nicht 
wegen mir. Ich sag gewiss nichts! Aber die an- 
dern sind alle so neidisch auf mich. Und heut hat 
gar der Sergeant Becker die Wache, der — " 

„Der wird's Maul halten!" entgegnete ihm 
Frank Braun. „Der hat erst eben über dreissig 
Mark von uns bekommen — mildtätige Gaben 
der Engländerinnen. — Uebrigens geh ich nach 
Coblenz zur Kommandantur, Urlaub zu erbitten. 
— Sind Sie nun zufrieden?" 

6* 83 



Aber der Gefangenenaufseher war gar nicht 
zufrieden: „Was? Zur Kommandantur? — Aber 
Herr Doktor? Sie haben ja keinen Urlaub von 
hier oben fortzugehen, hinunter zur Stadt. Und 
Sie wollen gar zur Kommandantur?" 

Frank Braun lachte: „Jawohl, gerade dahin! 
— Ich muss nämlich den Kommandanten um 
Reisegeld anpumpen." 

Der Feldwebel sagte kein Wort mehr, stand da, 
rührte sich nicht, völlig versteinert, mit weit of- 
fenem Munde. 

„Gib mir zehn Pfennige, Schorsch," rief Frank 
Braun seinem Burschen zu, „fürs Brückengeld." 

Er nahm das Geldstück und ging mit schnel- 
len Schritten über den Hof. In den Offiziersgar- 
ten und von dort auf das Glacis. Schwang sich 
auf die Mauer, fasste an der andern Seite den 
Ast einer mächtigen Esche und kletterte hinab 
an ihrem Stamm. Stieg, durch das dichte Unter- 
holz, den mächtigen Fels hinab. 

In zwanzig Minuten schon war er unten. Das 
war der Weg, den sie gewöhnlich einschlugen 
auf ihren nächtlichen Streifzügen. 

Er ging den Rhein entlang bis zur Schiffbrük- 
ke, dann hinüber nach Coblenz. Er kam zur 
Kommandantur, erfuhr, wo der General wohnte, 
und eilte dorthin. Er gab seine Karte ab und Hess 
sagen, dass er in sehr dringlicher Angelegenheit 
komme. 

Der Herr General empfing ihn, hielt seine 
Karte in der Hand. 

84 



„Womit kann ich Ihnen dienen?" 

Frank Braun sagte: „Gestatten Exzellenz, ich 
bin Festungstubengefangener." 

Der alte General musterte ihn ziemlich un- 
gnädig, sichtlich verstimmt über die Störung. 

„Nun, was wollen Sie? — Wie kommen Sie 
übrigens hinunter in die Stadt? Haben Sie Ur- 
laub?" 

„Jawohl, Exzellenz," sagte Frank Braun. 
„Kirchenurlaub." 

Er log, aber er wusste gut: der General wollte 
nur eine Antwort haben. „Ich komme, um Exzel- 
lenz zu bitten, mir drei Tage Urlaub zu geben 
nach Berlin. Mein Onkel liegt im Sterben." 

Der Kommandant fuhr auf: „Was geht mich 
Ihr Onkel an? Ist vollkommen ausgeschlossen! 
Sie sitzen da oben nicht zu Ihrem Vergnügen, 
sondern weil Sie Staatsgesetze übertreten haben, 
verstehen Sie? Da könnte jeder kommen mit ster- 
benden Onkeln und Tanten! Wenn es nicht we- 
nigstens die Eltern sind, verweigere ich einen 
solchen Urlaub grundsätzlich." 

„Ich danke gehorsamst, Exzellenz," erwiderte 
er. „Ich werde meinem Onkel, Seiner Exzellenz, 
dem Wirklichen Geheimen Rat Professor ten 
Brinken sofort drahten, dass es seinem einzigen 
Neffen leider nicht erlaubt wurde, an sein Ster- 
bebett zu eilen, um ihm die müden Augen zu- 
drücken zu können." 

Er verbeugte sich, machte eine Wendung zur 
Türe hin. Aber der General hielt ihn zurück, wie 

85 



er erwartet hatte. „Wer ist Ihr Herr Onkel?" 
fragte er zögernd. 

Frank Braun wiederholte den Namen und die 
schönen Titel, nahm dann das Telegramm aus 
der Tasche und reichte es hinüber. „Mein ar- 
mer Onkel versuchte in Berlin eine letzte Ret- 
tung, leider ist die Operation sehr unglücklich 
verlaufen." 

„Hm!" machte der Kommandant. „Fahren Sie, 
junger Freund, fahren Sie sofort. Vielleicht ist 
doch noch Hilfe möglich." 

Frank Braun machte eine Jammermiene, sag- 
te: „Das steht nur bei Gott. Wenn mein Gebet 
da etwas nützen könnte — " Er unterbrach ei- 
nen schönen Seufzer und fuhr fort: „Ich danke 
gehorsamst, Exzellenz. — Ich habe noch eine 
Bitte." 

Der Kommandant gab ihm das Telegramm zu- 
rück. „Welche?" fragte er. 

Und Frank Braun platzte heraus: „Ich habe 
kein Reisegeld. Ich möchte Exzellenz bitten, mir 
dreihundert Mark zu leihen." 

Der General sah ihn an, misstrauisch genug: 
„Kein Geld — hm — so — also kein Geld? — 
Aber gestern war doch der Erste? Wechsel nicht 
eingetroffen — was?" 

„Wechsel prompt eingetroffen, Exzellenz." er- 
widerte er rasch. „Aber: ebenso prompt in der 
Nacht verjeut!" 

Da lachte der alte Kommandant. „Ja, ja, das 
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ist zur Sühne Ihres Verbrechens, Sie Missetäter! 
Also dreihundert Mark brauchen Sie?" 

„Jawohl, Exzellenz! Mein Onkel wird sich ge- 
wiss sehr freuen, wenn ich ihm mitteilen darf, 
dass Exzellenz mir aus der Patsche geholfen ha- 
ben." 

Der General wandte sich, ging zum Arnheim, 
öffnete ihn und entnahm drei Scheine einer klei- 
nen Kasse. Er reichte seinem Gefangenen Feder 
und Papier und Hess sich einen Schuldschein 
ausstellen; dann gab er ihm das Geld. Frank 
Braun nahm es mit einer leichten Verbeugung. 
„Danke gehorsamst, Exzellenz." 

„Keinen Dank!" sagte der Kommandant. „Rei- 
sen Sie glücklich und kommen Sie pünktlich zu- 
rück. Und dann — empfehlen Sie mich ergebenst 
Seiner Exzellenz." 

Noch einmal: „Danke gehorsamst, Exzellenz." 
Dann eine letzte Verbeugung und er war draus- 
sen. Er sprang die sechs Stufen der Vordertrep- 
pe mit einem Satz hinab, musste sich fest zu- 
sammennehmen, dass er nicht einen lauten Juch- 
zer ausstiess. 

„So, das wäre gelungen." — Er rief einen Wa- 
gen an, fuhr hinüber nach Ehrenbreitstein zum 
Bahnhofe. 

Er blätterte im Fahrplan, fand, dass er noch 
drei Stunden zu warten hatte. Er rief den Bur- 
schen, der mit dem Koffer wartete, befahl ihm, 
schleunigst hinaufzulaufen und den Fähnrich von 

87 



Plessen herunterzuschicken zum „Roten Hah- 
nen". 

„Aber bring den richtigen, Schorsch!" schärf- 
te er dem Soldaten ein. „Den jungen Herrn, der 
erst unlängst kam, den, der die Nummer Sechs 
auf dem Rücken trägt. — Da, warte noch! Dein 
Groschen hat Zinsen getragen." Er warf ihm ein 
Zehnmarkstück zu. 

Er ging in das Weinhaus, überlegte lange und 
bestellte ein ausgesuchtes Nachtmahl. Sass. am 
Fenster, blickte hinab auf die Sonntagsbürger, 
die am Rhein wandelten. 

Endlich kam der Fähnrich. „Na, was ist los?" 

„Setz dich." sagte Frank Braun. „Halt's Maul. 
Frag nicht. Iss und trink und sei froh." Er gab 
ihm einen Hundertmarkschein. „So, die Zeche 
wirst du zahlen. Der Rest ist für dich. — Und 
sag denen droben, ich sei nach Berlin gefahren 
— mit Urlaub! — Aber ich würde ihn wohl 
überschreiten, käme erst Ende der Woche zu- 
rück." 

Der blonde Fähnrich starrte ihn an, voll ehr- 
licher Bewunderung. „Sag nur — wie hast du 
denn das angefangen?" 

„Mein Geheimnis." sagte Frank Braun. „Aber 
es würde euch auch nichts nützen, wenn ich's 
euch .verriete. Auf den Bluff fällt auch die gut- 
mütigste Exzellenz nur einmal herein. Prosit!" 

— Der Fähnrich brachte ihn zum Zuge, 
hob ihm den Koffer hinein, winkte dann mit dem 
Hut und dem Taschentuch. Frank Braun trat 

88 



zurück vom Fenster, vergass in demselben Au- 
genblick den kleinen Fähnrich und all seine Mit- 
gefangenen und die ganze Festung. Er sprach 
mit dem Schaffner, streckte sich lang aus in sei- 
nem Halbcoupe. Machte die Augen zu, schlief. 

Der Schaffner musste ihn tüchtig schütteln, 
bis er aufwachte. „Wo sind wir denn?" fragte 
er schlaftrunken. 

„Gleich Bahnhof Friedrichstrasse." 

Er suchte seine Sachen zusammen, stieg aus, 
fuhr zum Hotel. Liess sich ein Zimmer geben, 
badete, wechselte die Kleider. Ging dann hin- 
unter zum Frühstückszimmer. 

In der Tür schon kam ihm Dr. Petersen ent- 
gegen. 

„Ah, Sie sind da, lieber Herr Doktor!" rief er. 
„Wie sich Exzellenz freuen werden!" 

Exzellenz! Wieder: Exzellenz! Diese drei 
„E's" taten ihm ordentlich weh in den Ohren. 
„Wie geht es denn meinem Onkel?" fragte er. 
„Besser?" 

„Besser?" wiederholte der Arzt. „Wieso bes- 
ser? Exzellenz sind doch nicht krank!" 

„So, so," sagte Frank Braun. „Nicht krank?! 
Schade, ich dachte, der Onkel läge im Sterben." 

Dr. Petersen sah ihn verwundert an: „Ich 
verstehe Sie gar nicht — " 

Er unterbrach ihn: „Ist auch nicht nötig. Es 
tut mir nur leid, dass der Geheimrat nicht im 
Sterben liegt. Das wäre doch sehr nett! Da wür- 
de ich ihn doch beerben, nicht wahr? Vorausge- 

89 



setzt, dass er mich nicht enterbt hat. — Was 
auch möglich ist — sogar höchst wahrscheinHch/' 
Er sah den verblüfften Arzt vor sich stehn, wei- 
dete sich einen Augenblick an seiner Verlegen- 
heit. Dann fuhr er fort: „Aber sagen Sie mir 
doch, Doktor, seit wann ist denn mein Onkel 
eigentlich Exzellenz?" 

„Seit vier Tagen, bei Gelegenheit — " 

Er unterbrach ihn: „Seit vier Tagen also! Und 
wie viele Jahre sind Sie jetzt bei ihm als -7- als 
— rechte Hand?" 

„Nun, das mögen nun wohl zehn Jahre sein," 
erwiderte Dr. Petersen. 

„Und zehn Jahre lang haben Sie nun zu ihm 
,Geheimrat' gesagt und ihn mit Sie angeredet. 
Nun aber, in den vier Tagen, ist er so völlig 
schon Exzellenz für Sie, dass Sie selbst ihn nicht 
einmal anders denken können, als in dritter Per- 
son Pluralis." 

„Erlauben Sie, Herr Doktor," sagte der Assi- 
stenzarzt, eingeschüchtert und betreten — „er- 
lauben Sie — wie meinen Sie das eigentlich?" 

Aber Frank Braun nahm ihn unter den Arm, 
führte ihn zum Frühstückstisch. „Oh, ich meine, 
Doktor, dass Sie eben ein Mann von Welt sind! 
Einer, der Formen hat und Manieren. Einer, der 
einen angeborenen Instinkt hat für wirkliche Bil- 
dung. — So mein ich's. — Und nun, Doktor, wol- 
len wir frühstücken, und Sie erzählen mir, was 
Sie ausgerichtet haben inzwischen." 

Befriedigt setzte sich Dr. Petersen nieder, 

90 



durchaus ausgesöhnt, beglückt beinahe. Dieser 
junge Referendar, den er noch als kleinen Schul- 
buben gekannt hatte, war ja freilich ein Wind- 
hund, war ein rechter Durchgänger — aber 
er war doch immer der Neffe — von Exzellenz. 

Der Assistenzarzt mochte ein Sechsunddreissi- 
ger sein, er war mittelgross. Und Frank Braun 
dachte, dass alles „mittel" sei an diesem Men- 
schen. Nicht gross und nicht klein war seine 
Nase, nicht hässlich und nicht hübsch sein Ge- 
sicht. Er war nicht mehr jung und noch nicht 
alt, seine Haarfarbe hielt genau die Mitte zwi- 
schen dunkel und hell. Nicht dumm und nicht 
klug war er, nicht gerade langweilig und doch 
nicht unterhaltend; seine Kleidung war nicht 
elegant und doch auch nicht ordinär. So der gute 
Durchschnitt war er, in allem: das war der rech- 
te Mann, den der Geheimrat brauchte. Ein tüch- 
tiger Arbeiter, gescheit genug, um alles zu be- 
greifen und alles zu leisten, was man von ihm 
verlangte, und doch nicht so intelligent, um dar- 
über hinauszugehen, klar hineinzublicken in das 
bunte Spiel, das sein Herr spielte. 

„Wieviel Gehalt bekommen Sie eigentlich bei 
meinem Onkel?" fragte ihn Frank Braun. 

„Oh, nicht gerade sehr glänzend — aber 
doch recht reichlich." war die Antwort. „Ich 
kann schon zufrieden sein. Zu Neujahr habe ich 
wieder vierhundert Mark Zulage erhalten." Er 
bemerkte mit einer gewissen Bewunderung, dass 

91 



der Herr Neffe sein Frühstück mit Obst begann, 
einen Apfel ass und eine Handvoll Kirschen. 

„Was für Zigarren rauchen Sie?" inquirierte 
der Referendar. 

„Was ich rauche? — So eine Mittelsorte, nicht 
zu stark — " Er unterbrach sich. „Aber warum 
fragen Sie das eigentlich, Herr Doktor?" 

„Nur so," sagte Frank Braun. „Es interessierte 
mich eben. — Aber nun erzählen Sie mir, was 
Sie eigentlich schon getan haben in dieser Sache. 
Hat Ihnen der Geheimrat seine Pläne mitge- 
teilt?" 

„Gewiss," nickte Dr. Petersen stolz, „ich bin 
der einzige, der darum weiss — ausser Ihnen 
natürlich. Der Versuch ist von allerhöchster wis- 
senschaftlicher Bedeutung." 

Der Referendar räusperte sich. „Hm — mei- 
nen Sie?" 

„Ganz zweifelsohne." bekräftigte der Arzt. 
„Und es ist geradezu genial, wie Seine Exzel- 
lenz es herausklügelten, jede Möglichkeit einer 
eventuellen Anfeindung von vornherein zu er- 
sticken. Sie wissen ja, wie vorsichtig man sein 
muss, wie wir Aerzte immer wieder von einem tö- 
richten Laienpublikum angegriffen werden, we- 
gen so mancher, doch so absolut notwendiger 
Versuche. Da ist die Vivisektion — Gott, die 
Leute werden ja krank, wenn sie nur das Wort 
hören. Alle unsere Experimente mit Krankheits- 
erregern, Impfungen und so weiter, sind der 
Laienpresse schon ein Dorn im Auge, obwohl wir 

92 



doch fast nur mit Tieren arbeiten. Nun erst, wo 
es sich um künstliche Befruchtung handelt und 
wo Menschen in Frage kommen! — Da fanden 
Exzellenz das einzig Mögliche: einen hingerichte- 
ten Mörder und eine eigens für diesen Zweck be- 
zahlte Dirne. Sagen Sie selbst: für ein solches 
Material wird auch der humanitätsduseligste Pa- 
stor sich nicht gerne einsetzen wollen." 

„Ja, es ist grossartig," bestätigte ihm Frank 
Braun. „Sie haben wirklich recht, wenn Sie die 
Kapazität Ihres Herrn Chefs so anerkennen." 

Dr. Petersen berichtete dann, dass Seine Ex- 
zellenz mit seiner Hilfe in Köln verschiedentlich 
Versuche gemacht hätten, die geeignete Frauens- 
person herbeizuschaffen, leider ohne jeden Erfolg. 
Es habe sich herausgestellt, dass in den Bevölke- 
rungsklassen, aus denen diese Geschöpfe hervor- 
zugehen pflegten, ganz absonderliche Begriffe 
über die künstliche Befruchtung bestehen müss- 
ten. Es sei ihnen beiden beinahe unmöglich ge- 
wesen, den Weibern überhaupt nur beizubringen, 
um was es sich eigentlich handle, geschweige 
denn, die eine oder die andere zu bewegen, auf 
den Handel einzugehen. Obwohl Seine Exzellenz 
das Aeusserste aufgeboten hätten an Beredsam- 
keit, obwohl auch er immer wieder ihnen vor 
Augen gehalten habe, dass einmal gar nichts Ge- 
fährliches dabei sei, dass zweitens sie doch ein 
recht schönes Stück Geld verdienen würden und 
dass sie drittens der medizinischen Wissenschaft 
einen sehr grossen Dienst erweisen würden. 

93 



Eine habe gar laut geschrien: die ganze Wis- 
senschaft könne ihr — Und sie habe einen sehr 
hässlichen Ausdruck gebraucht. 

„Pfui!" sagte Frank Braun. „Wie konnte sie 
nur!" 

Und da habe es sich dann ja sehr gut getroffen, 
dass Seine Exzellenz bei Gelegenheit des inter- 
nationalen Gynäkologenkongresses nach Berlin 
hätten fahren müssen. Hier, in der Weltstadt, 
würde man ja zweifellos eine weit grössere Aus- 
wahl haben, auch sei anzunehmen, dass die Be- 
griffe der in Frage kommenden Personen nicht 
ganz so beschränkt seien, wie in der Provinz. 
Dass man auch in diesen Kreisen weniger aber- 
gläubische Furcht vor dem Neuen und dafür mehr 
praktischen Sinn für den materiellen Vorteil und 
mehr ideelles Interesse für die Wissenschaft habe. 

„Besonders letzteres!" unterstrich Frank Braun. 

Und Dr. Petersen pflichtete ihm bei. Es sei ja 
unglaublich gewesen, auf welch veraltete An- 
schauungen sie da in Köln gestossen seien! Jedes 
Meerschwein, jede Aeffin sei ja unendlich viel ein- 
sichtsvoller und vernünftiger, als diese Weibs- 
stücke. Er habe ordentlich verzweifelt an dem 
überragenden Intellekt der Menschheit. Aber er 
hoffe, dass sein erschütterter Glaube hier wieder 
gefestigt würde. 

„Ohne jeden Zweifel!" ermutigte ihn der Re- 
ferendar. „Das wäre ja auch eine wahre Schande, 
wenn sich Berliner Dirnen ausstechen lassen wür- 
den von Aeffinnen und Meerschweinen ! — Uebri- 

94 



gens, wann wird denn mein Onkel kommen? — 
Ist er schon aufgestanden?" 

„Aber längst!" erklärte der Assistenzarzt eif- 
rig. „Exzellenz sind bereits fort, haben gegen 
zehn Uhr eine Audienz im Ministerium." 

„Na, und dann?" fragte Frank Braun. 

„Ja, ich weiss nicht, wie lange das dauern wird," 
meinte Dr. Petersen. „Auf jeden Fall haben mich 
Exzellenz gebeten, ihn gegen zwei Uhr in der 
Kongresssitzung zu erwarten. Gegen fünf haben 
Exzellenz dann wieder eine wichtige Zusammen- 
kunft hier im Hotel mit einigen Berliner Kollegen 
und um sieben sind Exzellenz zum Essen beim 
Rektor geladen. Vielleicht, Herr Doktor, könn- 
ten Sie zwischendurch — " 

Frank Braun überlegte. Im Grunde war es 
ihm ganz lieb, dass sein Onkel den ganzen Tag 
beschäftigt war, da brauchte er sich nicht um ihn 
zu bekümmern. „Wollen Sie meinem Onkel aus- 
richten," sagte er, „dass wir uns um elf Uhr 
heute nacht hier unten im Hotel treffen wollen." 

„Um elf Uhr?" Der Assistenzarzt machte 
ein etwas bedenkliches Gesicht. „Ist das nicht 
etwas reichlich spät? Seine Exzellenz pflegen um 
diese Zeit schon zu Bett zu sein. Und gar nach 
einem so anstrengenden Tag." 

„Seine Exzellenz werden sich eben heute noch 
ein bisschen länger anstrengen müssen. Richten 
Sie das aus, Doktor." entschied Frank Braun. 
„Die Stunde ist durchaus nicht zu spät für unsere 
Zwecke, eher zu früh — bestimmen wir also lic- 

95 



ber zwölf Uhr. Wenn der arme Onkel so sehr abge- 
spannt ist, kann er sich ja vorher ein bisschen aus- 
ruhen. — Und nun addio, Doktor — auf heute 
nacht." Er stand auf, nickte kurz und ging weg. 

Er biss die Zähne aufeinander; empfand in 
demselben Augenblicke, als er die Lippen schloss, 
wie kindisch, wie tollpatschig das alles gewesen 
war, was er dem guten Doktor vorgeschwatzt 
hatte. Wie klein war sein Spott gewesen, wie 
billig sein Witz! Er schämte sich fast. Alle Ner- 
ven und Sehnen schrien nach irgendeiner Betäti- 
gung — und er Hess sie Disteln köpfen; sein Hirn 
sprühte in tausend Funken — und er schmiedete 
Studentenwitze ! 

Dr. Petersen sah ihm lange nach. „Er ist hoch- 
mütig," sagte er zu sich selbst. „Nicht einmal die 
Hand hat er mir gegeben." Er schenkte sich noch 
einmal Kaffee ein, mischte ihn hübsch mit Milch 
und schmierte bedächtig ein neues Butterbrot. 
Dann mit innerster Ueberzeugung : „Hochmut 
kommt vor dem Fall!" 

Und, sehr befriedigt über seine gesunde bür- 
gerliche Weisheit, biss er in die weisse Semmel 
und hob die Tasse zum Munde. 

* ^ * 
* 

Es war beinahe ein Uhr in der Nacht, als 
Frank Braun erschien. „Entschuldige, Oheim," 
sagte er leichthin. 

„Na, lieber Neffe," erwiderte der Geheimrat, 
„hast uns lange genug warten lassen." 

96 



Der Referendar sah ihn gross an. „Ich hatte 
weiss Gott Besseres zu tun, Onkel. Im übrigen 
wartest du ja nicht um meinetwillen, sondern nur 
wegen deiner Zwecke." 

Der Professor schielte zu ihm hinüber: „Junge 
— " begann er. Aber er beherrschte sich. „Na 
— lassen wir's. Ich danke dir, Neffe, dass du 
herkamst, mir zu helfen. Bist du nun bereit, mit- 
zukommen?" 

„Nein!" erklärte Frank Braun, blind in kind- 
lichem Trotz. „Ich will erst noch einen Whisky- 
soda trinken, wir haben Zeit genug." Das war 
nun seine Natur, alle Dinge auf die Spitze zu trei- 
ben. Feinfühlig, überempfindlich fast gegen jedes 
kleinste Wort, jeden leisesten Ton eines Vorwur- 
fes, liebte er doch, jeden, mit dem er zusammen- 
traf, auf das frechste zu brüskieren. Immer schrie 
er gröbste Wahrheiten heraus und konnte selbst 
nicht die sanfteste vertragen. 

Er fühlte wohl, wie er den alten Herrn ver- 
letzte. Aber die Tatsache gerade, dass der Onkel 
verletzt war, dass er seine Dummenjungenmanic- 
ren so ernst nahm und tragisch — das gerade 
kränkte und beleidigte ihn. Er empfsmd es fast 
wie eine Herabsetzung, dass ihn der Geheimrat 
so gar nicht verstand, dass er nicht durchsah durch 
den blonden Trotzkopf, durch das bisschen lum- 
pige Oberfläche. Und er musste sich dagegen 
wehren, ob er wollte oder nicht, musste noch einen 
halben Korsaren draufsetzen auf den, der schon 
da war. Musste die Maske noch fester ziehen und 

7 Ewers, Alraune 97 



den frechen Weg gehen, den er auf dem Mont- 
martre gefunden: epater le bourgeois. 

Er leerte langsam sein Glas, erhob sich dann 
nachlässig, wie ein melancholischer Prinz, der sich 
langweilt. „Wenn es den Herren beliebt?" Seine 
Geste war von oben herab, wie zu etwas unendlich 
tief unter ihm Stehenden. „Einen Wagen, Kell- 
ner." 

Sie fuhren. Der Geheimrat schwieg, seine Ober- 
lippe hing tief herab, seine dicken Tränensäcke 
läppten sich über die Wangen. Weit standen nach 
beiden Seiten die mächtigen Ohren ab, das rechte 
Auge leuchtete grünschillernd im Dunkel. ,Wie 
eine Eule sieht er aus,* dachte Frank Braun, ,wie 
eine hässliche alte Eule, die auf ihr Mäuschen 
lauert.* 

Dr. Petersen sass im Vordersitz, mit offenem 
Mund. Er begriff das alles gar nicht — dieses un- 
glaubliche Benehmen des Neffen Exzellenz gegen- 
über. 

Aber der junge Mann fand bald genug sein 
Gleichgewicht wieder. — Ach, wozu sich ärgern 
über den alten Esel?! Hat ja auch seine guten Sei- 
ten am Ende — 

Er half dem Geheimrat aus dem Wagen. 
„Hier!" rief er. „Bitte einzutreten!" 

,Cafe Stern* stand auf dem grossen Schilde, das 
die Bogenlampe bestrahlte. Sie traten ein, gin- 
gen durch die langen Reihen der kleinen Marmor- 
tische, durch eine Fülle schreiender und lärmen- 
der Menschen. Setzten sich endlich. 

98 



Hier war ein guter Markt. Viele Dirnen saisen 
herum, aufgetakelt, mit gewaltigen Hüten und 
bunten Seidcnblusen. Riesige Massen von Fleisch, 
das auf den Käufer wartete, sich möglichst breit 
hinrekelte, wie in Schaufensterauslagen. 

„Ist dies eines der besseren Lokale?" fragte der 
Geheimrat. 

Der Neffe schüttelte den Kopf. „Nein, Ohm 
Jakob, durchaus nicht. Wir würden da kaum das 
finden, was wir nötig haben. Aber vielleicht ist 
selbst das noch zu gut — Wir brauchen die 
letzte Hefe." 

Hinten sass ein Mann im fettigen, verschlisse- 
nen Frack am Klavier. Spielte unaufhörlich einen 
Gassenhauer nach dem andern. Zuweilen gröhl- 
ten mit seinem Spiel ein paar Angetrunkene; dann 
kam der Direktor, wies sie zur Ruhe, erklärte, dass 
es das nicht gäbe in diesem anständigen Lokale. 

Kleine Kommis liefen herum; ein paar gute 
Bürger aus der Provinz sassen am Nebentische, 
kamen sich sehr fortgeschritten vor und sehr un- 
moralisch in ihrem Geschwätz mit den dicken 
Dirnen. Und die unappetitlichen Kellner zwäng- 
ten sich zwischen die Tische, brachten braune 
Saucen in Gläsern und gelbe in Tassen, die sie 
dann Bouillon nannten oder Melange. Auch volle 
Schnapskaraffen, die jedes kleine Gläschen in Stri- 
chen markierten. 

Zwei Weiber kamen an ihren Tisch, baten um 
einen Kaffee. Machten keine Umstände, setzten 
sich und bestellten. 

7* 99 



„Die Blonde vielleicht?" flüsterte Dr. Petersen, 

Aber der Referendar winkte ab. „Nein, nein, 
das ist gar nichts. — Ist nur Fleisch. Da behal- 
ten Sie besser Ihre Aeffinnen." 

Eine Kleine fiel ihm auf, hinten im Räume. Sie 
war schwärz und ihre Augen kochten vor Gier. 
Er stand auf, winkte sie in den Gang. Sie machte 
sich los von ihrem Begleiter, kam auf ihn zu. 

„Hör mal — " begann er. Aber sie sagte: 
„Heute nicht. Hab schon einen Kavalier. — Mor- 
gen, wenn du willst." 

„Lass ihn laufen," drängte er. „Komm mit, wir 
gehen ins Separee." 

Das war verlockend. „Morgen — geht's nicht 
morgen, Schatz?" bat sie. „Kann wirklich nicht 
heute, es ist ein alter Kunde. Er zahlt zwanzig 
Mark." 

Frank Braun fasste ihren Arm: „Ich zahl viel 
mehr, sehr viel mehr, verstehst du! Du kannst 
dein Glück machen. Es ist nicht für mich — 's 
ist für den Alten dort. Und es handelt sich um 
eine bessere Sache." 

Sie stutzte, ihr Blick folgte seinem Auge, das 
auf den Geheimrat wies. „Der da?" sagte sie ent- 
täuscht. „Und was wird der wieder verlangen?!" 

„Lucy!" schrie der Mensch von ihrem Tisch. 

„Ich komm schon," antwortete sie. „Also 
nochmal — heute nicht. Morgen können wir dar- 
über reden, wenn du willst. Komm hierher, so 
um diese Zeit!" 

„Blödes Frauenzimmer!" flüsterte er. 

100 



Sie sagte: „Sei nicht bös! Er schlägt mich tot, 
wenn ich nicht mit ihm gehe heute. Er ist immer 
80, wenn er betrunken ist! — Komm morgen, 
hörst du? Und lass den Alten — komm allein. 
Brauchst auch nicht zu zahlen, wenn du nicht 
magst." 

Sie Hess ihn stehen, lief zurück an ihren Tisch; 
Frank Braun sah, wie der schwarze Herr mit dem 
steifen Filzhut ihr erbitterte Vorwürfe machte. 
O ja, sie musste ihm schon treu bleiben — für 
diese Nacht. 

Er ging langsam durch den Saal, betrachtete die 
Dirnen. Aber er fand keine, die ihm lasterhaft ge- 
nug erschien. Da war überall noch ein letzter 
Rest bürgerlicher Ehrbarkeit, irgendein instink- 
tives Sicherinnem der Zugehörigkeit zu irgend- 
einer Gesellschaft. Nein, nein, da war keine, die 
losgelöst war von allem, die frech und selbstbe- 
wusst ihren Weg ging: da seht — ich bin eine 
Hure. 

Er hätte es kaum definieren können, was er 
eigentlich suchte. Es lag im Gefühl. Es musste 
so eine sein, dachte er, die dahergehört an ihren 
Platz und nirgend anders. Nicht eine, wie diese 
alle, die irgendein bunter Zufall hierher verschla- 
gen hatte. Die geradesogut kleine Frauen hät- 
ten werden können, Arbeiterinnen, Dienstmäd- 
chen, Tippfräulein oder gar Telephondamen, wenn 
nur ihres Lebens Wind ein klein wenig anders ge- 
blasen hätte. Die nur Dirnen waren — weil sie 
des Mannes rohe Gier dazu machte. 

SOI 



Nein, nein, die er suchte, die sollte Dirne sein, 
weil sie nicht anders konnte, weil ihr Blut es so 
heischte, weil jeder Zoll ihres Leibes schrie nach 
immer neuen Umarmungen, weil, unter den Zärt- 
lichkeiten des einen, ihre Seele sich schon sehnte 
nach des anderen Küssen. 

Sie sollte Dirne sein, so wie er — Er stockte 
— ja was war er denn eigentlich? 

Müde, resigniert schloss er seine Gedanken: 
nun, so wie er — ein Träumer war. 

Er kehrte an den Tisch zurück. „Komm, 
Oheim, es ist hier nichts. Wir wollen ein Haus 
weiter gehen." 

Der Geheimrat protestierte, aber der Neffe hörte 
nicht darauf. „Komm Oheim," wiederholte er. „Ich 
versprach dir, eine zu finden, und ich finde sie." 

Sie standen auf, zahlten, gingen über die 
Strasse, immer weiter hinauf, dem Norden zu. 

„Wohin?" fragte Dr. Petersen. Der Referen- 
dar antwortete nicht, schritt weiter, betrachtete 
die grossen Schilder der Kaffeehäuser. Endlich 
blieb er stehen. 

„Cafe Trinkherr," murmelte er. „Das wird das 
richtige sein." 

In diesen verschmutzten Räumen war verzichtet 
auf jede Talmieleganz. Freilich standen auch hier 
die kleinen weissen Marmortische, klebten die 
roten Plüschsofas an den Wänden. Brannten 
auch hier überall die elektrischen Birnen, schoben 
sich plattfüssige Kellner in klebrigen Fracks. 
Aber es machte den Eindruck, als ob das alles 

102 



nichts anderes scheinen wollte, als es wirklich 
war. 

Die Luft war elend verräuchert und stickig — 
aber was hier atmete, fühlte sich doch freier und 
wohler in dieser Luft. Legte sich keinen Zwang 
auf, gab sich, wie es eben war. 

Am Nebentisch sassen Studenten, ältere Se- 
mester schon. Sie tranken ihr Bier, zoteten da- 
zwischen mit den Weibern. Sie waren sattelfest 
alle, kannten sich aus; eine gewaltige Flut von 
Schmutz, lustig springend, ergoss sich aus ihren 
Lippen. Einer von ihnen, klein und dick, das 
Gesicht zerfetzt von unzähligen Schmissen, schien 
unerschöpflich. Und die Weiber wieherten, bogen 
sich, krümmten sich in schallendem Lachen. 

Zuhälter sassen herum an den Wänden, spielten 
Karten. Oder hockten allein, starrten vor sich 
hin, pfiffen mit dem Spiel des betrunkenen Musi- 
kanten, tranken ihren Schnaps. Zuweilen kam, 
von der Strasse her, eine Dirne herein, schritt auf 
einen von ihnen zu, sprach ein paar rasche Worte 
und verschwand wieder. 

„Das wird stimmen!" sagte Frank Braun. Er 
winkte dem Kellner, bestellte Kirschwasser, gab 
ihm den Auftrag, ein paar Frauen an den Tisch 
zu holen. 

Vier kamen. Aber als sie sich setzten, sah er 
eine andere zur Tür hinausgehen. Eine grosse, 
starke Person in weissseidener Bluse; unter dem 
kleinen Girardihut quoll üppiges brandrotes Haar 

103 



hervor. Rasch sprang er auf, stürzte ihr nach 
auf die Strasse. 

Sie ging über den Fahrweg, lässig, langsam, 
die Hüften leicht wiegend. Bog zur Linken ab, 
trat in einen Torweg, über dem im Bogen ein ro- 
tes Glasplakat leuchtete. ,Festsäle zum Nordpol* 
las er. 

Er schritt ihr nach über den schmutzigen Hof, 
betrat fast zugleich mit ihr den verräucherten 
Saal. Aber sie beachtete ihn nicht, blieb vorne 
stehen, blickte über die tanzende Menge. 

Die schrie, johlte, riss weit die Beine ausein- 
ander — Männer und Weiber. Wirbelte herum, 
dass der Staub hochflog, heulte zur Musik die 
harten Worte des Rixdorfers. Schob sich quer 
durcheinander, wild, rauh und roh, aber sicher in 
diesem frechen Tanze, der auf ihrem eigenen Bo- 
den wuchs. 

Die Craquette fiel ihm ein und die Likette, 
die sie droben auf Montmartre tanzten, und im 
Quartier Latin, auf der andern Seite der Seine. 
Leichter, graziöser, lachend und voll von Charme. 
Nichts davon lag in diesem Geschiebe, nicht ein 
kleiner Hauch von dem, was die Midinette ,Flou* 
nannte. Aber ein heisses Blut schrie aus dem ge- 
waltigen Rasen des Rixdorfers, eine wilde Wut 
fast, die sich austobte durch den niedrigen 
Saal — 

Die Musik schwieg, in schmutzigen, ver- 
schwitzten Fingern sammelte der Tanzmeister 
das Geld ein, von den Weibern, nicht von den 

104 



Männern. Gab dann, ein Posa der Vorstadt, mit 
grossen Gesten zur Galerie hinauf das Zeichen 
zu einem neuen Tanze. 

Aber die Menge wollte den Rheinländer nicht. 
Sie Schrie hinauf zum Kapellmeister, brüllte ihn 
an, dass er abklappen solle. Die Musik spielte 
trotzdem weiter, kämpfte an gegen den Saal, si- 
cher in ihrer Höhe hinter der Ballustrade. 

Da drangen sie auf den Maitre. Der kannte 
seine Weiber und seine Kerle, hielt sie fest in der 
Hand, Hess sich durchaus nicht einschüchtern 
durch trunkenes Geschrei oder drohend erhobene 
Fäuste. Aber er wusste auch, wann er nachge- 
ben musste. 

„Den Emil!" schrie er hinauf. „Spielt den 
Emil!" 

Ein dickes Weib in gewaltigem Hute hob ihre 
Arme, schlang sie dem Tanzmeister um den stau- 
bigen Frack. „Bravo, Justav, dat haste jut jc- 
macht!" 

Wie Oel glitt sein Ruf über die tobende Menge. 
Sie lachten, drängten sich, schrien Bravo, schlu- 
gen ihn wohlwollend auf den Rücken oder sties- 
sen ihn vor den Bauch. Dann, als der Walzer ein- 
setzte, brach es los, kreischend und heiser: 

„Emil, du bist eene Flanze, 
Und so jefällst du mi — ir! 
Jehst immer jleich uffs Janze 
Und darum lieb ick di — ir!** 

„Die Alma!" schrie einer mitten aus dem Saale. 

X05 



„Da ist die Alma!" Er liess seine Partnerin stehen, 
sprang heran, griff die rothaarige Dirne am Ar- 
me. Ein kleiner, schwarzer Bursche, die glatte 
Pomadenlocke tief in die Stirne gekämmt, mit 
blanken stechenden Augen. 

„Komm!" rief er. Fasste sie fest imi die Taille. 

Die Dirne tanzte. Frecher wie die anderen 
schritt sie den schiebenden Walzer, liess sich 
schneller herumwirbeln von ihrem Tänzer. Nach 
wenigen Takten schon war sie völlig im Tanze, 
warf die Hüften heraus, bog sich hin und zurück. 
Drängte den Leib vor, blieb mit dem Knie in ste- 
ter Berührung mit ihrem Tänzer. Schamlos, ge- 
mein, in brutaler Sinnlichkeit. 

Frank Braun hörte eine Stimme neben sich, 
sah den Tanzmeister, der mit einer gewissen An- 
erkennung der Dirne nachblickte. „Verdammt, 
wie det Aas den Steiss schwingt!" 

O ja, sie schwang ihren Steiss! Schwang ihn hö- 
her und frecher, wie die „Baronin Gudel de Gu- 
delfeld", der „der Krone witziger Erbe" sein Lob 
zollte. Schwang ihn wie eine Flagge, wie ein 
sturmgefülltes Banner nacktester Sinnenlust. 

,Sie ziert sich nicht,' dachte Frank Braun. 
Er folgte ihr mit dem Blick hin durch den Saal 
und zurück. Trat rasch auf sie zu, als die Musik 
schwieg, legte ihr die Hand auf den Arm. 

„Erst zahlen!" lachte ihn der Schwarze an. 

Er gab ihm ein Geldstück. Die Dirne betrach- 
tete ihn mit raschem Blick, musterte ihn von oben 

io6 



bis unten. „Ich wohne nicht weit," sagte sie, 
„kaum drei Minuten, in der — " 

Er unterbrach sie. „Einerlei, wo du wohnst. 
Komm mit." 

— Derweilen bot im Cafe Trinkherr der Geheim- 
rat den Frauen zu trinken an. Sie nahmen Sherry- 
Brandy und baten dann, dass er ihnen doch gleich 
ihre andere Zeche mitzahlen möge: ein Bier, und 
noch ein Bier und einen Pfannkuchen und eine 
Tasse Kaffee. Der Geheimrat zahlte; dann ver- 
suchte er sein Glück. Er habe ihnen einen Vor- 
schlag zu machen, sagte er, und die, die wolle, 
möge zugreifen. Wenn aber, wie anzunehmen 
sei, auf seinen sehr vorteilhaften Vorschlag zwei 
eingehen wollten oder drei, oder gar alle vier — 
dann sollten sie darum würfeln. 

Die hagere Jenny legte ihren Arm um seine 
Schulter. „Weesste, Alterchen, dann lassen wir 
lieber jleich knobeln, det is jescheiter! Denn ich 
und die Damens da — wir machen allet, wat du 
ooch für neue Zicken uff Lager hast!" 

Und Elly, eine kleine mit blondem Puppenköpf- 
chen, sekundierte ihr: „Wat meine Freundin 
macht, mach ick ooch. Da jibt et nischt! Streng 
solide fort Jeld!" Sie sprang auf, holte einen Wür- 
felbecher. „Na, los Kinder, wer die Vorschläge 
von dem Ollen zu akzeptieren hat! — Max und 
Moritz wird jespielt." 

Aber die dicke Anna, die sie „die Henne" nann 
ten, protestierte. „Ick habe immer Pech im Kno- 

X07 



beln," sagte sie. „Zahlste vielleicht Trostjeld, 
Onkelchen, für die, die nicht jewinnen?" 

„Gewiss," sagte der Geheimrat, „fünf Mark 
für jede." Er legte drei dicke Silberstücke auf 
den Tisch. 

„Du bis nobel!" lobte ihn Jenny. Und um das 
zu bekräftigen, bestellte sie noch eine Runde 
Sherry-Brandy. 

Sie war es auch, die gewann. Sie nahm die drei 
Geldstücke und überreichte sie den Kolleginnen: 
„Da habt ihr euer Schmerzensjeld. Un nu, schiess 
los, oller Schieber: wie du mir hier siehst, bin ick 
zu allen Schandtaten bereit!" 

„Also höre, liebes Kind," begann der Geheim- 
rat, „es handelt sich um eine allerdings etwas 
aussergewöhnliche Sache — " 

„Hab dich man nich, jeliebter Jlatzkopp!" un- 
terbrach ihn die Dirne. „Mir sind alle keene Jung- 
fern mehr und die lange Jenny erst recht nich! 
Unser Herrjott hat ja allerhand komische Biester 
in seinem Tierjarten herumloofen — aber, wenn 
ma 'ne jute Praxis hat, lernt man alle Sauereien 
kennen. Mich wirste schwerlich wat Neuet bei- 
bringen." 

„Aber Sie missverstehen mich, liebe Jenny," 
sagte der Professor, „ich verlange durchaus nichts 
Besonderes von Ihnen, wie Sie anzunehmen schei- 
nen. Es handelt sich vielmehr um ein — rein wis- 
senschaftliches Experiment." 

„Kenn ick!" gröhlte die Jenny. „Kenn ick! — 
Du bis en Doktor, wat Oller? — Ich hatte auch 

io8 



mal so eenen, der immer erst mit die Wissen- 
schaft anfing — det sind de jrössten Schweine 
von allen! — Na Prost, Onkelchen, ick hab 
ja nischt dajejen. Bei mir kann ooch jeder uff 
seine Fasson selig werden!" 

„Prosit," trank ihr der Geheimrat zu. „Ich 
freue mich, dass du so vorurteilsfrei bist — da 
werden wir ja bald einig werden. Also kurz, lie- 
bes Kind, es handelt sich um den Versuch einer 
künstlichen Befruchtung." 

„Einer — wat?" fuhr das Mädchen auf. „Ei- 
ner — — künstlichen — Befruchtung? Wat 
braucht et denn dazu für 'ne jrosse Kunst? — 
Det pflegt doch im alljemeinen einfach jenug zu 
sein!" 

Und die schwarze Klara grinste: „Mich war 
jedenfalls 'ne künstliche Unfruchtbarkeit lieber!" 

Dr. Petersen kam seinem Herrn zu Hilfe. 
„Darf ich einmal versuchen, ihr die Sache aus- 
einanderzusetzen?" Und als der Geheimrat nick- 
te, hielt er einen kleinen Vortrag über die zu- 
grundeliegende Idee, über die bisher erzielten 
Resultate und über die Möglichkeiten für die Zu- 
kunft. Er betonte scharf, dass der Versuch völ- 
lig schmerzlos sei und dass sich alle Tiere, mit 
denen man bisher gearbeitet habe, stets sehr wohl 
dabei befunden hätten. 

„Wat für Tiere?" fragte die Jenny. 

Und der Assistenzarzt antwortete: „Nun Rat- 
ten, Affen und Meerschweinchen — " 

109 



Da fuhr sie auf. „Wat? Meerschweine? — 
En Schwein bin ick, meinswegen — sojar 
'ne olle Sau! Aber ein Meerschwein — dat hat 
mir noch keiner jesagt! Und du, jlatzköppiger 
Igel, willst, dat ick mir von euch behandeln las- 
sen soll wie en Meerschwein? — Nee, ver- 
stehste, det macht Jenny Lehmann nich!" 

Der Geheimrat versuchte sie zu beruhigen, 
schenkte ihr einen neuen Schnaps ein. „So ver- 
stehe doch recht, liebes Kind — " begann er. 

Aber sie Hess ihn nicht ausreden. „Ick verste- 
he recht jenug!" rief sie. „Ick soll mir herjeben 
für Sachen, wofür ihr sonst schmierige Biester 
gebraucht ! — Ruff uff'n Tiroler — und dann 
impfen mit so'n Serumdreck un mit Bazillen — 
— oder am Ende wollt ihr mir jar vivisezieren, 
wat?" Sie redete sich immer mehr hinein, wurde 
tiefrot vor Wut und Aerger. „Oder ick soll wohl 
irjend so'n Monstrum zur Welt bringen, damit 
ihr et uff'n Jahrmarkt sehen lassen könnt?! Ein 
Kind mit zwei Koppe und een Rattenschwanz, 
wat? Oder eins, wat halb wie ein Meerschwein 
aussieht? — Nu weess ick ooch, woher sie int 
Passagepanoptikum und bei Castan alle die villen 
Missjeburten herkriegen — ihr seid wohl 
Ajenten für die Briederü? — Und dazu soll 
ick mir herjeben, mir kinstlich von dir befruch- 
ten lassen? Pass uff, ollet Schwein — da haste 
deine kinstliche Befruchtung!" Sie sprang auf, 
bog sich über den Tisch, spie dem Geheimrat mit- 
ten ins Gesicht. 



HO 



Dann hob sie das kleine Glas, trank es ruhig 
aus, drehte rasch um und ging stolz davon. 

In diesem Augenblick erschien Frank Braun in 
der Türe, winkte ihnen herauszukommen. 

„Kommen Sie her, Herr Doktor, kommen Sic 
schnell her!" rief ihm Dr. Petersen aufgeregt zu, 
während er bemüht war, den Geheimrat abzuwi- 
schen. 

„Nun, was gibt's denn?" fragte der Referendar, 
als er an den Tisch trat. 

Der Professor schielte ihn an, bitterböse, wie 
ihm dünkte. Die drei Dirnen schrien durcheinan- 
der, während Dr. Petersen ihm auseinandersetzte, 
was geschehen war. „Was soll man nun machen?" 
schloss er. 

Frank Braun zuckte die Achseln. „Machen? 
— Nun gar nichts. Zahlen und gehen — sonst 
nichts. — Uebrigens habe ich gefunden, was wir 
brauchen." 

Sie gingen hinaus; vor der Türe stand die rot- 
haarige Dirne, die mit ihrem Schirme eine Drosch- 
ke heranwinkte. Frank Braun schob sie hinein, 
Hess dann den Geheimrat und seinen Assistenzarzt 
einsteigen. Er rief dem Kutscher eine Adresse zu 
und kletterte zu den andern. 

„Gestatten die Herrschaften, dass ich bekannt 
mache." rief er. „Fräulein Alma — Seine 
Exzellenz, Geheimrat ten Brinken — Herr 
Doktor Karl Petersen." 

„Bist du verrückt geworden?" fuhr ihn der 
Professor an. 

XII 



„Aber durchaus nicht, Ohm Jakob," sagte der 
Referendar ruhig. „Du wirst doch einsehen, dass 
Fräulein Alma, wenn sie sich längere Zeit in dei- 
nem Hause oder in deiner Klinik aufhält, sowieso 
deinen Namen erfährt, ob du's nun willst oder 
nicht." — Er wandte sich an die Dirne. „Entschul- 
digen Sie, Fräulein Alma, mein Onkel wird näm- 
lich schon ein bisschen alt!" 

Er sah in dem Dunkel den Geheimrat nicht, 
aber er hörte gut, wie sich in ohnmächtiger Wut 
seine breiten Lippen aufeinanderpressten. Er 
empfand das angenehm, es deuchte ihn, dass der 
Onkel nun endlich losfahren müsse. 

Aber er irrte sich. Der Geheimrat erwiderte 
ruhig: „So hast du dem Mädchen schon gesagt, 
um was es sich handelt? Und sie ist einverstan- 
den?" 

Frank Braun lachte ihm ins Gesicht. „Aber 
keine Ahnung! Ich habe nicht ein Wort davon 
gesprochen! Ich bin mit Fräulein Alma kaum 
hundert Schritt weit über die Strasse gegangen 
— habe kaum zehn Worte mit ihr geredet. 
Vorher — sah ich sie tanzen — " 

„Aber Herr Doktor," unterbrach ihn der As- 
sistenzarzt, „da könnten wir ja, nach den Erfah- 
rungen, die wir soeben wieder gemacht haben — " 

„Lieber Petersen," sagte der Referendar, sehr 
von oben herab, „beruhigen Sie sich. Ich habe 
mich eben überzeugt, dass dieses Fräulein das 
ist, was wir brauchen. Und ich denke — das ge- 
nügt wohl." 

112 



Die Droschke hielt vor einem Weinlokal. Sie 
traten ein. Frank Braun forderte ein Separee 
und der Kellner führte sie hinauf. Er hielt ihm 
die Weinkarte hin, der Referendar bestellte zwei 
Flaschen Pommery und eine Flasche Kognak. 
„Aber beeilen Sie sich!" rief er. 

Der Kellner brachte den Wein und entfernte 
sich. 

Frank Braun schloss die Türe. Dann trat er 
auf die Dirne zu. „Bitte, Fräulein Alma, legen 
Sie den Hut ab." 

Sie gab ihm den Hut; die wilden, von den Na- 
deln befreiten Haare quollen nach allen Seiten 
heraus über Stirn und Wangen. Ihr Gesicht zeigte 
die fast durchsichtige Farbe rothaariger Frauen, 
hier und da waren ein paar kleine Sommerspros- 
sen sichtbar. Die Augen schimmerten grün, klei- 
ne, blanke Zahnreihen leuchteten auf zwischen 
den dünnen bläulichen Lippen. Und über dem 
allen lag eine verzehrende, fast unnatürliche 
Sinnlichkeit. 

„Ziehen Sie die Bluse aus," sagte er. Sie ge- 
horchte schweigend. Er löste die beiden Knöpf- 
chen auf den Schultern und strich das Hemd 
hinunter. Man sah zwei fast klassisch geformte, 
nur ein wenig zu starke Brüste. 

Frank Braun blickte zu seinem Onkel hinüber. 
„Das genügt wohl." sagte er. „Das übrige könnt 
ihr ja so sehen. — Ihre Hüften lassen gewiss 
nichts zu wünschen übrig." — Dann wandte er 

8 Ewers, Alraune II3 



sich wieder zu der Dirne. „Ich danke Ihnen, Al- 
ma. Sie können sich wieder anziehen!" 

Das Mädchen gehorchte, nahm den Kelch, den 
er ihr reichte und leerte ihn. Und er gab wohl acht, 
in diesen Stunden, dass ihr Glas nicht einen Au- 
genblick leer stand. 

Dann plauderte er. Erzählte von Paris, sprach 
von hübschen Frauen im Moulin de la Galette 
und im Elysee Montmartre. Beschrieb genau, 
wie sie aussahen, schilderte ihre Stiefelchen, ihre 
Hüte und ihre Kleider. 

Und er wandte sich zu der Dirne. „Wissen 
Sie, Alma, es ist eine Schande, wie Sie herum- 
laufen! Bitte nehmen Sie mir das nicht übel. 
Können sich ja gar nirgends sehen lassen. — 
Waren Sie schon in der Union-Bar oder in der 
Arkadia?" 

Nein, da war sie noch nicht gewesen. Nicht 
einmal in den Amorsälen. Einmal hatte sie ein 
Kavalier mitgenommen ins Alte Ballhaus, aber 
als sie wiederkommen wollte, allein, in der näch- 
sten Nacht, war sie abgewiesen worden am Ein- 
gang. Ja, man müsste eben Toiletten haben — 

„Natürlich muss man!" bestätigte Frank 
Braun. Und ob sie glaube, dass sie jemals hoch- 
kommen könne, da draussen vor dem Oranien- 
burger Tor? 

Da lachte die Dirne: „Ach, im Grunde ist's ja 
ganz gleich — Mann ist Mann!" 

Aber er Hess das nicht gelten. Erzählte ihr 
fabelhafte Geschichten, von Frauen, die ihr 

114 



Glück gemacht hätten in den grossen Ballhäu- 
sern. Sprach von Perlenschnüren und von gros- 
sen Brillanten, erzählte von Equipagen, von 
Schimmelgespannen. Dann, plötzlich, fragte er: 
„Sagen Sie mal, wie lange laufen Sie nun so schon 
herum ?" 

Sie sagte ruhig : „Seit zwei Jahren. Seit ich weg 
bin von Hause." 

Er fragte sie aus, holte stückweise aus ihr her- 
aus, was er wissen wollte. Trank ihr zu, füllte 
immer von neuem ihr Glas. Und, ohne dass sie 
es merkte, goss er ihr Kognak in den Sekt. 

Sie war nun bald zwanzig Jahre alt, stammte 
aus Halberstadt. Ihr Vater war ein biederer 
Bäckermeister, brav und sehr ehrbar, wie die 
Mutter, wie ihre sechs Geschwister. Sie — nun 
ja, gleich als sie von der Schule kam, ein paar 
Tage nach der Konfirmation, hatte sie sich mit 
einem Manne eingelassen — einem von Vaters 
Gesellen. Ob sie ihn liebgehabt habe? Aber gar 
nicht — das heisst: sonst gar nicht — nur, 
wenn — 

Ja, und dann sei es ein anderer gewesen und 
wieder einer. Der Vater habe sie geschlagen und 
die Mutter auch, aber sie sei doch immer wieder 
fortgelaufen, die Nacht über weggeblieben vom 
Hause. Das sei so gegangen durch die Jahre — 
bis sie die Eltern eines Tages hinausgeworfen 
hätten. Da habe sie ihre Uhr versetzt und sei 
nach Berlin gefahren. Und nun sei sie eben da, 
seither — 

8* 1X5 



Frank Braun sagte: „Ja, ja, das ist schon so." 
Dann fuhr er fort: „Aber nun ist Ihr Glückstag 
gekommen heute!" 

„So?" fragte sie. „Wieso denn?" Ihre Stimme 
klang heiser, wie unter Schleiern. „Mir ist ein 
Tag so lieb wie der andere — nur einen Mann, 
weiter brauch ich nichts!" 

Aber er verstand wohl, wie er sie fassen konn- 
te. „Aber Alma, Sie müssen doch zufrieden sein 
mit jedem Mann, der Sie will! — Möchten Sie 
nicht mal, dass es umgekehrt wäre? — Dass Sie 
jeden nehmen könnten, der Ihnen zusagte?" 

Da leuchteten ihre Augen. „O ja, das möcht 
ich schon!" 

Er lachte. „Na, und ist Ihnen noch niemand be- 
gegnet auf der Strasse, den Sie gerne möchten? 
Und der doch sich gar nicht kümmerte um Sie, 
ruhig weiterging? Wäre es nicht famos, wenn 
Sie mal wählen könnten?" 

Sie lachte: „Dich, Bubi, möcht ich schon neh- 
men — " 

„Mich auch," stimmte er zu. „Und den und je- 
nen — wen du gerade willst! — Das kannst du 
dir aber nur leisten, wenn du Geld hast. Und 
darum meine ich, hast du heute deinen Glückstag, 
weil du heute viel Geld verdienen kannst, wenn 
du magst." 

„Wieviel denn?" fragte sie. 

Er sagte: „Geld genug, um dir die schönsten 
Toiletten kaufen zu können, die dir die Tore 
der besten und vornehmsten Ballsäle öffnen. — 

ii6 



Wieviel? Sagen wir zehntausend — auch zwölf- 
tausend Mark." 

„Was?" rief der Assistenzarzt dazwischen. Und 
der Professor, der nicht entfernt an eine solche 
Summe gedacht hatte, schnalzte: „Ich finde, dass 
du etwas flott mit dem Gelde anderer Leute um- 
gehst." 

Frank Braun lachte vergnügt: „Da hören Sie, 
Alma, wie der Herr Geheimrat ganz ausser sich 
ist über die Summe, die er dir geben soll. Aber 
ich sage dir: es kommt gar nicht darauf an. Du 
hilfst ihm — also soll er dir auch helfen. Ist 
dir's recht — fünf zehntausend?" 

Sie sah ihn gross an: „Ja — aber was soll 
ich dafür tun?" 

„Das ist's ja gerade, was so komisch ist," sagte 
er. „Du brauchst eigentlich gar nichts zu tun. 
Nur ein wenig stillhalten, das ist alles. — Prosit, 
trink aus." 

Sie trank. „Stillhalten?" rief sie fröhlich. „Ich 
halte nicht gern still. Aber wenn's sein muss — 
für fünfzehntausend Mark! — Prost, Bubi!" Und 
sie leerte ihr Glas, das er gleich wieder füllte. 

„Es ist nämlich eine grossartige Geschichte," 
erklärte er. „Da ist ein Herr — ein Graf ist es — 
oder eigentlich ein Prinz. Ein bildhübscher Kerl, 
weisst du — er möchte dir schon gefallen. Aber 
leider wirst du ihn nicht sehen können — sie 
haben ihn nämlich eingesperrt, und er soll näch- 
stens hingerichtet werden. Der arme Kerl — 
im Grunde ist er so unschuldig wie du und ich. 

117 



Nur etwas jähzornig ist er — und so ist das Un- 
glück passiert. Im Rausch bekam er Streit und 
da hat er seinen allerbesten Freund erschossen. 
Nun muss er sterben." 

„Und was soll ich dabei?" fragte sie schnell. 
Ihre Nüstern flogen, ihr Interesse für diesen selt- 
samen Prinzen war voll erwacht. 

„Ja — siehst du," fuhr er fort, „du sollst ihm 
helfen, seinen letzten Wunsch erfüllen — " 

„Ja!" rief sie rasch. „Ja, ja! — Er will vorher 
noch einmal mit einer Frau zusammen sein, nicht 
wahr? Ich tu's, tu es gern — und er soll mit 
mir zufrieden sein." 

„Bravo, Alma," sagte der Referendar, „bravo, 
du bist ein tüchtiges Mädchen. — Aber die Sache 
ist nicht ganz so einfach. Pass gut auf, dass du's 
begreifst. Also, als er den Freund totgestochen 
hatte — totgeschossen, mein ich — lief er zu 
seiner Familie. Die sollte ihn schützen, ihn ver- 
bergen, ihm zur Flucht helfen. Das tat sie nun 
aber gar nicht. Sie wusste ja, dass er so ungeheuer 
reich sei, und dachte, nun sei eine günstige Gele- 
genheit, ihn bald zu beerben. Und darum rief 
sie die Polizei." 

„Pfui Teufel!" sagte Alma mit Ueberzeugung. 

„Ja, nicht wahr," fuhr er fort, „es war schreck- 
lich gemein?! Er wurde also eingesteckt — — 
und was denkst du wohl, was der Prinz jetzt vor- 
hat?" 

„Sich rächen!" erwiderte sie prompt. 

Er klopfte ihr beifällig auf die volle Schulter. 

ii8 



„Richtig, Alma, du hast deine Romane mit gu- 
tem Erfolge gelesen. Also er beschloss, sich zu 
rächen an dieser verräterischen Familie. Und das 
kann er nur tun, wenn er ihnen ein Schnippchen 
schlägt mit der Erbschaft. — So weit verstehst 
du's, nicht?" 

„Natürlich versteh ich's." erklärte sie. „Die 
lumpige Familie soll nichts kriegen. Geschieht 
ihr recht." 

„Wie aber das anstellen," fuhr er fort, „das 
war die Frage! Doch nach langem Ueberlegen 
fand er den einzigen Weg; nur dann konnte die 
Familie um die vielen Millionen gebracht wer- 
den, wenn er selbst ein Kind hätte!" 

„Hat der Prinz denn eins?" fragte sie. 

„Nein," antwortete er, „er hat eben leider keins. 
Aber er lebt ja noch. Kann noch eins zeu- 
gen — 

Ihr Atem flog, ihre Brust hob sich rasch. „Ich 
begreife — " rief sie, „ich soll ein Kind von dem 
Prinzen bekommen." 

„Das ist es!" sagte er. „Willst du's?" 

Und sie schrie: „Ja, ich will!" Sie warf sich 
zurück in den Sessel, streckte die Beine lang von 
sich, öffnete weit die Arme. Eine schwere rote 
Locke löste sich, fiel hinab auf den Nacken. Dann 
sprang sie auf, leerte wieder ihr Glas. „Heiss ist's 
hier," sagte sie. „Sehr heiss!" — Sie riss ihre 
Bluse auf, fächelte sich mit dem Taschentuche. 
Hielt ihm dann ihr Glas hin. „Hast du noch 

119 



was? Komm, wir wollen auf den Prinzen trin- 
ken!" 

Die Gläser sticssen zusammen. „Eine nette 
Räubergeschichte erzählst du da," zischte der Ge- 
heimrat seinem Neffen zu. „Ich bin neugierig, wie 
du wieder heraus willst." 

„Hab keine Angst, Ohm Jakob," gab er zurück, 
„es kommt noch so ein Kapitel." Wandte sich 
dann wieder zu der roten Dirne. „Also, das ist 
abgemacht, Alma, du hilfst uns. Aber nun ist noch 
ein Haken dabei, den ich dir erklären muss. Der 
Baron sitzt, wie du weisst — " 

Sie unterbrach ihn : „Der Baron — ? Ich denke, 
es ist ein Prinz?" 

„Natürlich ist er ein Prinz," verbesserte Frank 
Braun. „Aber wenn er inkognito ist, nennt er sich 
nur Baron — das ist so Mode bei den Prinzen. 
Also, Seine Hoheit der Prinz — " 

Sie flüsterte: „Ist er Hoheit?" 

„Jawohl," rief er. „Kaiserliche und Königliche 
Hoheit! Aber du musst schwören, dass du nicht 
drüber redest — zu keinem Menschen. — Also der 
Prinz schmachtet nun im Kerker und wird aufs 
allerstrengste bewacht. Kein Mensch darf zu ihm, 
nur sein Rechtsanwalt. Es ist also ganz unmög- 
lich, dass er noch einmal mit einer Frau zusam- 
men sein könnte, ehe sein letztes Stündlein naht." 

„Ah!" seufzte sie. Ihr Interesse für den un- 
glücklichen Prinzen war sichtlich gemindert. 

Aber Frank Braun achtete es nicht. „Da" — 
deklamierte er unbeirrt mit vollklingendem Pa- 

120 



thos — „in seines Herzens schrecklicher Not, in 
seiner furchtbaren Verzweiflung und seinem un- 
stillbaren Durste nach Rache gedachte er 
plötzlich an die seltsamen Versuche Seiner Ex- 
zellenz des Wirklichen Geheimen Rates Professor 
Doktor ten Brinken, dieser strahlenden Leuchte 
der Wissenschaft. Der junge, schöne Prinz, dei 
nun in seines Lebens Lenz der Welt Valet sagen 
muss, erinnerte sich noch gut aus seiner goldenen 
Knabenzeit des gütigen alten Herrn, der ihn 
pflegte, als er den Keuchhusten hatte, und der 
ihm damals mehrmals Bonbons geschenkt hatte. 
— Da sitzt er, Alma, sehen Sie ihn sich an: das 
Werkzeug der Rache des unglücklichen Prinzen!" 
Und er wies mit einer grossartigen Gebärde auf 
seinen Onkel. 

„Dieser würdige Herr da", sprach er weiter, 
„ist seiner Zeit um einige Meilen vorausgegan- 
gen. — Wie Kinder zur Welt kommen, weisst 
du, Alma, und du weisst auch, wie sie gemacht 
werden. Aber du kennst nicht das Geheimnis, das 
dieser Wohltäter der Menschheit entdeckte: Kin- 
der zu zeugen, ohne dass Vater und Mutter sich 
überhaupt nur sehen. Der edle Prinz wird ruhig 
weiter in seinem Kerker klagen — oder auch 
schon im kühlen Grabe ruhen, während du, Mäd- 
chen, unter der gütigen Hilfe dieses alten Herrn 
und unter der sachkundigen Assistenz des braven 
Doktor Petersen zur Mutter seines Kindes wirst." 

Alma starrte zu dem Geheimrat hinüber — 
dieses plötzliche Quiproquo, dieses unheimliche 

zax 



Vertauschen eines schönen, edlen, todgeweihten 
jungen Prinzen gegen einen alten und sehr häss- 
lichen Professor gefiel ihr gar nicht. 

Frank Braun bemerkte es wohl, begann eine 
neue Suada, um ihre Bedenken zu ersticken. „Das 
Prinzenkind, Alma, dein Kind — muss natürlich 
in äusserster Verborgenheit zur Welt kommen. 
Und muss streng verborgen bleiben, bis es heran- 
gewachsen ist, um es vor den Nachstellungen und 
Intrigen der bösen Familie zu schützen. Es ist 
natürlich auch ein Prinz — wie der Vater!" 

„Mein Kind wird ein — Prinz!?" flüsterte sie. 

„Ja, natürlich!" bestätigte er. „Oder vielleicht 
eine Prinzess, das kann man nicht wissen. Es 
wird Schlösser haben und grosse Güter und viele 
Millionen Geld. — Aber du darfst dem Kind später 
keine Steine in seinen Weg legen, darfst ihm dich 
nicht aufdrängen wollen und es kompromittie- 
ren. 

Das sass; die dicken Tränen liefen ihr über die 
Wangen. Oh, sie fühlte sich schon in ihrer Rolle, 
empfand jetzt schon dieses stille, schmerzhafte 
Entsagen für das geliebte Kind. — Sie war eine 
Dirne — aber ihr Kind war ein Prinz! Wie durfte 
sie ihm nahen? O sie wollte schweigen und dul- 
den und ertragen — nur beten für ihr Kind. Nie 
sollte es wissen — wer seine Mutter war — 

Ein heftiges Schluchzen ergriff sie, schüttelte 
ihren Leib. Sie warf sich über den Tisch, vergrub 
den Kopf in die Arme, weinte bitterlich. 

Liebkosend, zärtlich fast, Hess er seine Hand 

122 



über ihren Nacken gleiten, streichelte ihre wilden, 
aufgelösten Locken. Er schmeckte wohl das 
Zuckerwasser der sentimentalen Limonade, die 
er selbst gemischt. Und nahm sie doch ernst in 
diesem Augenblick. „Magdalena," flüsterte er. 
„Magdalena — " 

Sie richtete sich auf, streckte ihm die Hand ent- 
gegen. „Ich — verspreche es Ihnen — dass ich 
mich nie aufdrängen will, nie wieder etwas von 
mir sehen und hören lasse. — Aber — aber — " 

„Was denn, Mädchen?" fragte er leise. 

Sie fasste seinen Arm, fiel vor ihm auf die Knie, 
schlug laut aufschlagend ihr Haupt in seinen 
Schoss. 

„Nur eines — nur eines!" rief sie. „Darf — 
darf ich es nicht manchmal sehen? Nur von wei- 
tem — oh, nur ganz aus der Ferne — ?" 

„Bist du nun endlich fertig mit deiner kitschi- 
gen Komödie?" warf ihm der Geheimrat zu. 

Frank Braun sah ihn wild an — gerade weil er 
genau fühlte, wie recht sein Onkel hatte, gerade 
darum empörte sich sein Blut. Er zischte hin- 
über: „Schweig, alter Narr! — Siehst du denn 
nicht, wie schön das ist?" Und er beugte sich hin- 
ab zu der Dirne. „Doch, Mädchen, du sollst ihn 
sehen, deinen jungen Prinzen. Ich werde dich mit- 
nehmen, wenn er einst ausreitet vor seinen Hu- 
saren. Oder ins Theater, wenn er oben in der 
Loge sitzt — da sollst du ihn sehn — " 

Sie antwortete nicht, aber sie presste seine 
Hände und mischte Küsse in ihre Tränen. 

133 



Dann richtete er sie langsam auf, setzte sie be- 
hutsam nieder, gab ihr wieder zu trinken. — Ein 
grosses Glas voll, das zur Hälfte Kognak enthielt. 

„Willst du also?" fragte er. 

„Ja," sagte sie leise, „ich will. — Was soll ich 
tun?" 

Er besann sich einen Augenblick. „Zuerst — 
zuerst — wollen wir einen kleinen Vertrag 
aufsetzen." Er wandte sich an den Assistenzarzt. 
„Haben Sie Papier da, Doktor? Und eine Füll- 
feder? — Gut! So schreiben Sie. Schreiben Sie 
alles gleich zweimal, wenn's beliebt." 

Er diktierte. Sagte, dass die Unterzeichnete 
für den Versuch, den Seine Exzellenz ten Brin- 
ken zu machen beabsichtige, sich freiwillig zur 
Verfügung stelle. Dass sie fest verspreche, allen 
Anordnungen dieses Herrn pünktlich Folge zu 
leisten. Dass sie weiter, nach der Geburt, allen 
Ansprüchen auf das Kind völlig entsage. Dafür 
verpflichte sich Seine Exzellenz sogleich fünf- 
zehntausend Mark in ein Sparkassenbuch auf den 
Namen der Unterzeichneten einzuzahlen und ihr 
dieses Buch nach der Entbindung zu übergeben. 
Er verpflichte sich ferner, bis zu diesem Zeit- 
punkte für ihren Unterhalt alle Kosten zu tragen, 
ihr dazu ein monatliches Taschengeld von hundert 
Mark bis dahin zu gewähren. 

Er nahm das Blatt, las es noch einmal laut vor. 
„Es steht ja nichts von dem Prinzen darin?" sagte 
sie. 

124 



„Natürlich nicht," erklärte er, „kein Wort. Das 
muss strengstes Geheimnis bleiben." 

Das sah sie wohl ein. Aber da war noch etwas, 
das sie beunruhigte. „Warum — " fragte sie, 
„warum nehmt ihr gerade mich? Für den armen 
Prinzen würden doch gewiss alle Frauen gern 
tun, was sie könnten." 

Er zögerte. Diese Frage kam ihm ein wenig 
unerwartet. Aber er fand eine Antwort. „Ja^ 
weisst du," begann er, „das ist — so: — Des 
Prinzen Jugendliebe nämlich war eine wunder- 
schöne Gräfin. Er liebte sie, mit all der Glut, mit 
der nur ein echter Prinz zu lieben imstande ist. 
Und sie liebte den schönen, edlen Jüngling nicht 
weniger. Aber sie starb." 

„Woran starb sie?" warf Alma dazwischen. 

„Sie starb an — an den Masern. — Und 
diese schöne Geliebte des edlen Prinzen nun hatte 
gerade so goldrote Locken wie du. Sah überhaupt 
genau so aus wie du. — Das ist nun des Prin- 
zen letzter Herzenswunsch, dass die Mutter sei- 
nes Kindes Aehnlichkeit haben möchte mit der 
Geliebten seiner Jugend. Er gab uns ihr Bild mit, 
beschrieb sie uns genau: so suchten wir in ganz 
Europa herum, aber wir fanden die Rechte nicht. 
— Bis wir heute abend dich sahen." 

Sie lachte geschmeichelt. „Seh ich der schö- 
nen Gräfin wirklich so ähnlich?" 

„Wie zwei Sternschnuppen!" rief er. „Ihr hät- 
tet Schwestern sein können. — Uebrigens werden 

las 



wir dich photographieren lassen; wie wird sich 
der Prinz freuen, wenn er dein Bild sieht!" 

Er reichte ihr die Feder hin. „So, Kind, nun 
unterschreib!" 

Sie nahm das Blatt und setzte an. „AI — " 
schrieb sie. Sie unterbrach sich. „Da ist ein dickes 
Haar in der Feder." Sie nahm die Serviette und 
reinigte die Feder damit. 

„Verflucht — " murmelte Frank Braun, „da 
fällt mir ein, sie ist ja noch nicht majorenn. Ei- 
gentlich müssten wir auch des Vaters Unter- 
schrift haben. — Ach was — für den Vertrag da 
wird's genügen. — Schreib nur!" rief er laut. — 
„Wie ist übrigens deines Vaters Name?" 

Sie sagte: „Mein Vater ist der Bäckermeister 
Raune in Halberstadt." 

Und sie schrieb, mit steilen unbeholfenen Zü- 
gen ihres Vaters Namen. 

Frank Braun nahm ihr das Blatt aus der Hand. 
Liess es sinken und hob es wieder hoch. Starrte 
es an. 

„Bei allen Heiligen!" rief er laut. „Das — das 
ist " 

„Nun, was gibt es, Herr Doktor?" fragte der 
Assistenzarzt. 

Er reichte ihm den Vertrag herüber. „Da — 
da ' — sehen Sie sich die Unterschrift an." 

Dr. Petersen blickte auf den Bogen. „Nun?" 
fragte er verwundert. „Was soll's? Ich finde 
nichts Merkwürdiges dabei." 

„Nein, nein, natürlich nicht, Sie nicht!" rief 

ia6 



Frank Braun. „Geben Sie den Kontrakt dem 
Geheimrat. So — nun lies, Ohm Jakob!" 

Der Professor betrachtete die Unterschrift. 
Das Mädchen hatte vergessen, ihren Vornamen 
zu Ende zu schreiben: AI Raune stand auf dem 
Blatt. 

„Allerdings — ein merkwürdiger Zufall," sagte 
der Professor. Er faltete den Bogen sorgfältig 
zusammen und steckte ihn in die Brusttasche. 

Aber sein Neffe rief: „Ein Zufall? — Gut — 
meinetwegen ein Zufall. — Alles was merkwür- 
dig ist und geheimnisvoll — ist ja ein Zufall für 
euch!" Er schellte dem Kellner. „Wein, Wein!" 
schrie er. „Gebt mir zu trinken. — Alma Raune 
— AI Raune auf dein Wohl!" 

Er setzte sich auf den Tisch, lehnte sich hin- 
über, dem Geheimrat zu. 

„Erinnerst du dich, Ohm Jakob, des alten 
Kommerzienrates Brunner aus Köln? Und sei- 
nes Sohnes, den er Marco nannte? Er war mit 
mir zusammen auf einer Schulklasse, obwohl er 
ein paar Jahre älter war. Das war ein Witz, dass 
ihn der Vater Marco nannte, so dass sein Junge 
nun als Marco Brunner durchs Leben lief! — Nun 
kommt der Zufall. Der alte Kommerzienrat ist 
der nüchternste Mensch auf der Welt und so ist 
seine Frau, so sind alle seine Kinder. — Ich 
glaube, in ihrem Hause am Neumarkt wurde nie 
etwas getrunken, als Wasser und Milch, Tee und 
Kaffee. — Aber der Marco trank. Trank schon, 

187 



als er noch Sekundaner war — oft genug brach- 
ten wir ihn betrunken nach Hause. Dann wurde 
er Fähnrich, auch Leutnant — da war's aus. Er 
trank, trank immer mehr, machte Dummheiten 
und wurde weggejagt. Dreimal hat ihn der Alte 
in Entziehungsanstalten gebracht und dreimal 
kam er heraus und war in wenigen Wochen ein 
noch schlimmerer Säufer wie jemals. Und nun 
kommt der weitere Zufall: er, Marco Brunner, 
trank — Marcobrunner. Das wurde seine fixe 
Idee, er lief in alle Weinhäuser der Stadt, suchte 
seine Marke, reiste herum am Rhein, trank auf, 
was er fand von seinem WeiAe. Er konnte sich's 
leisten, da er sein eignes Vermögen hatte von 
der Grossmutter her. ,Hallo!' schreit er im De- 
lirium. .Marcobrunner wird Marco Brunner ver- 
tilgen! Warum? Weil Marco Brunner Marco- 
brunner vertilgt!* Und die Leute lachten über 
seinen Witz. — Alles ein Witz, alles ein Zufall 
— wie das ganze Leben ein Witz und ein Zufall 
ist! — Ich weiss aber, dass der alte Kommer- 
zienrat viele Hunderttausende drum geben möch- 
te, wenn er nie diesen Witz gemacht hätte — 
weiss auch, dass er's sich nie verzeihen wird, 
dass er seinen armen Jungen Marco nannte und 
nicht Hans oder Peter, — Trotzdem — es 
ist eih Zufall, ein sehr närrischer grotesker Zu- 
fall — wie dies Geschreibsel des Prinzenbräut- 
chens." 

Das Mädchen war aufgestanden, hielt sich 
trunken mit der Hand am Stuhle. „Ein Prinzen- 

128 



bräutchen — " lallte sie. „Holt mir den Prinzen 
ins Bettr 

Sie nahm die Kognakflasche, goss ihr Glas 
hoch voll. „Den Prinz will ich, hört ihr nicht? 
Auf dein Wohl, zuckersüsser Prinz." 

„Er ist leider nicht da!" sagte Dr. Petersen. 

„Nicht da?" lachte sie, „Nicht da? So soll es 
ein anderer sein! Du — oder du — oder du, 
Alterchen! Einerlei — irgendein Mann!" Sie 
riss ihre Bluse herunter, streifte die Röcke ab, 
löste das Mieder, warf es krachend gegen den 
Spiegel. „Einen Mann will ich — kommt doch 
alle drei! Holt herein von der Strasse, wen ihr 
wollt !" 

Das Hemd glitt herab, nackt stand sie vor dem 
Spiegel, presste mit beiden Händen ihre Brüste 
hoch. „Wer will mich?" rief sie laut. „Herein- 
spaziert — alle zusammen! Kost' keinen Pfennig 
heute, weil Festtag ist — für Kinder und Sol- 
daten die Hälfte." Sie breitete die Arme aus, 
umarmte die Luft. „Soldaten — " schrie sie, 
„Soldaten — ein ganzes Regiment will ich ha- 
ben." 

„Schäm dich," sagte Dr. Petersen, „passt das 
für eine Prinzenbraut?" — Aber gierig hingen 
seine Blicke an ihren starken Brüsten. 

Sie lachte. „Ach was — Prinz oder nicht 
Prinz! Jeder, der will, soll mich haben! Meine 
Kinder sind Hurenkinder — die kann ein je- 
der machen — Bettler und Prinz!" 

Ihr Leib hob sich, ihre Brüste reckten sich, 

9 Ewers, Alraune 139 



den Männern zu. Heisse Lust jauchzte ihr 
weisses Fle-isch, geile Gier strömte ihr Blut durch 
die blauen Adern. Und ihre Blicke und ihre 
bebenden Lippen, und ihre verlangenden Arme 
und fordernden Beine und ihre Hüften und Brüste 
schrien die wilde Sehnsucht: Empfangen — emp- 
fangen ! Keine Dirne mehr schien sie — war, aller 
Hüllen entblösst, frei aller Fesseln, des Weibes 
letztes, gewaltiges Urbild: nur Geschlecht vom 
Scheitel zur Sohle. 

„Oh, sie ist die Rechte !" flüsterte Frank Braun. 
„Mutter Erde — die Mutter Erde — " 

Ein rasches Zittern überfiel sie. Ihre Haut 
fröstelte. Die Füsse schwer schleppend schwankte 
sie auf das Sofa zu. 

„Ich weiss nicht recht, was mir ist," murmelte 
sie, „das dreht sich alles!" 

„Hast einen Schwips," sagte der Referendar 
rasch. „Da trink und dann schlaf dich aus." Er 
führte ihr wieder ein volles Glas Kognak zum 
Munde. 

„Ja — schlafen möcht ich — " stotterte sie. 
„Schläfst mit mir, Junge?" 

Sie warf sich lang auf das Sofa, streckte beide 
Beine in die Luft. Lachte hell auf, schluchzte 
dann laut. Weinte endlich still vor sich hin, 
warf sich auf die Seite, schloss die Augen. 

Frank Braun schob der Schlafenden ein grosses 
Kissen unter den Kopf, deckte sie zu. Er be- 
stellte Kaffee, ging ans Fenster und öffnete es 

130 



weit. Aber er schloss es wieder im Augenblick, 
als der junge Morgen hell hereinbrach. 

Er wandte sich um: „Nun, meine Herren, sind 
Sie zufrieden mit diesem Objekt?" 

Dr. Petersen sah die Dirne an mit bewundern- 
den Blicken. „Ich glaube, sie wird sich sehr gut 
eignen," meinte er. „Wollen Exzellenz gütigst 
die Hüften betrachten — sie ist wie prädesti- 
niert für eine tadellose Geburt." 

Der Kellner kam und brachte den Kaffee. 
Frank Braun befahl ihm: „Telephonieren Sie zur 
nächsten Unfallstation. — Man soll eine Trag- 
bahre herschicken. — Die Dame ist recht krank 
geworden." 

Der Geheimrat sah ihn erstaunt an: „Was soll 
das?" 

„Das soll heissen — " lachte sein Neffe, „dass 
ich Nägel mit Köpfen mache, Ohm Jakob. Soll 
heissen, dass ich für dich denke, und, wie mich 
deucht, gescheiter als du. Bildest du dir denn ein, 
dass dies Mädchen, wenn es wieder nüchtern ist, 
auch nur einen Schritt mit dir gehen würde? — 
Solange ich sie trunken mache, mit Worten und 
mit Wein, immer wieder von neuem, so lange 
mag's am Ende gehen. Aber euch beiden Helden 
läuft sie an der nächsten Strassenecke davon, 
trotz allem Geld und allen Prinzen der Welt! — 
Und darum heisst es jetzt zufassen. Sie, Dr. Pe- 
tersen, werden, wenn die Bahre kommt, das 
Mädchen sofort zum Bahnhof schaffen lassen. Der 
Frühzug geht, wenn ich nicht irre, imi sechs Uhr, 

«• 131 



den werden Sie benutzen. Sie werden ein ganzes 
Coupe nehmen und Ihre Patientin dort hinbetten. 
Ich denke, sie wird nicht aufwachen, sollte sie es 
doch tun, so geben Sie ihr etwas Kognak. Sie 
mögen ja ein paar Morphiumtropfen noch hinein- 
tun. Auf diese Weise werden Sie am Abende be- 
quem in Bonn sein — mit Ihrer Beute. Tele- 
graphieren Sie, dass die Equipage des Geheim- 
rats Sie am Bahnhof erwartet, schaffen Sie das 
Mädchen in den Wagen und bringen Sie sie zu 
Ihrer Klinik. — Ist sie einmal dort, wird sie nicht 
so leicht wieder loskommen — dazu haben Sie ja 
Ihre Mittel und Wege." 

„Aber, verzeihen Sie, Herr Doktor," wandte 
der Assistenzarzt ein, „das sieht ja beinahe so aus, 
wie eine gewaltsame Entführung." 

„Ist es auch." nickte der Referendar. „Uebri- 
gens ist ja Ihr bürgerliches Gewissen salviert: 
Sie haben den Kontrakt! — Und nun reden Sie 
nicht lange herum — tun Sie, was man Ihnen 
sagt." 

Dr. Petersen wandte sich an seinen Chef, der 
schweigend und brütend mitten im Zimmer stand. 
Ob er erste Klasse nehmen könne? Und welches 
Zimmer man dem Mädchen einräumen solle? Ob 
es nicht zu empfehlen sei, noch einen besonderen 
Wärter zu nehmen? Und ob — 

Währenddessen trat Frank Braun zu der schla- 
fenden Dirne. „Schönes Mädchen," murmelte er. 
„Wie brennende Goldnattern kriechen deine 
Locken." Er zog einen schmalen Goldreif vom 

132 



Finger, der eine kleine Perle trug. Nahm ihre 
Hand und streifte ihn an. „Da nimm: Emmy 
Stcenhop gab mir den Ring, als mich ihr Blüten- 
zauber vergiftete. Sie war schön und stark und 
war wie du eine seltene Dirne! — Schlafe, Kind, 
träume von deinem Prinzen und deinem Prinzen- 
kind!" Er beugte sich und küsste leicht ihre 
Stirn — 

— Die Träger kamen mit der Krankenbahre. 
Sie betteten die schlafende Dirne, zogen sie not- 
dürftig an, deckten sie warm zu mit wollenen 
Decken, trugen sie hinaus. ,Wie eine Leiche', 
dachte Frank Braun. 

Dr. Petersen verabschiedete sich, ging ihnen 
nach. 



Nun waren die beiden allein. 

Einige Minuten verstrichen, keiner von ihnen 
sprach. Dann ging der Geheimrat auf seinen 
Neffen zu. 

„Ich danke dir," sagte er trocken. 

„Durchaus keine Ursache," erwiderte der Neffe. 
„Ich tat's nur, weil mir's selbst Spass machte und 
mir eine kleine Abwechslung war. Ich müsste 
lügen, wenn ich sagen wollte, dass ich es für dich 
tat." 

Der Geheimrat blieb dicht vor ihm stehen, 
drehte seine Daumen übereinander. „Das dachte 
ich mir wohl. Uebrigens möchte ich dir noch 
eine Mitteilung machen, die dich interessieren 

133 



dürfte. Mir ist da vorhin, als du von dem Prin- 
zenkind schwatztest, ein Gedanke gekommen. Ich 
werde, wenn das Kind zur Welt kommen sollte, 
es adoptieren." Er lächelte schleimig: „Du siehst, 
lieber Neffe, dass deine Theorie nicht so ganz un- 
recht war: dies kleine Alraunwesen nimmt dir, 
ehe es noch gezeugt ist, schon ein hübsches Ver- 
mögen weg. Ich werde es zum Erben einsetzen. 
Ich sage dir das nur, um dich vor unnützen Illu- 
sionen zu bewahren." 

Frank Braun fühlte den Hieb ; er blickte seinem 
Onkel offen ins Auge. „Ist gut, Ohm Jakob," 
sagte er ruhig. „Es wäre wohl über kurz oder 
lang doch so gekommen, dass du mich enterbt 
hättest, nicht wahr?" 

Aber der Geheimrat hielt seinen Blick aus, ant- 
wortete nicht. 

Da fuhr der Referendar fort : „Nun, dann wäre 
es vielleicht gut, wenn wir die Stunde benutzen 
würden, um unsere Rechnung miteinander abzu- 
machen. — Ich habe dich oft geärgert und ge- 
kränkt — dafür hast du mich enterbt : so sind wir 
quitt. Aber du wirst zugeben: den Gedanken da 
— hast du von mir. Und dass du ihn nun aus- 
führen kannst, hast du auch mir zu verdanken. 
Nun gut — dafür bist du mir wohl eine kleine 
Erkenntlichkeit schuldig. Ich habe Schulden — " 

Der Professor horchte auf. Ein rasches Grin- 
sen huschte über sein Gesicht. „Wieviel?" frag- 
te er. 

134 



Frank Braun antwortete: „ — Nun — es geht! 
Einige zwanzig Mille mögen es wohl sein." 

Er wartete, aber der Geheimrat Hess ihn ruhig 
warten. 

„Nun?" fragte er ungeduldig. 

Da sagte der Alte: „Wieso — nun? Du glaubst 
doch nicht im Ernst, dass ich dir diese Schulden 
bezahlen würde?" 

Frank Braun starrte ihn an, das heisse Blut 
schoss ihm in die Schläfen. Aber er bezwang sich. 
„Ohm Jakob," sagte er und seine Stimme zitterte, 
„ich würde dich nicht bitten, wenn ich es nicht 
müsste. Einige meiner Schulden sind dringend, 
sehr dringend sogar. Es sind Spielschulden da- 
bei, Ehrenscheine." 

Der Professor zuckte die Achseln: „Du hättest 
eben nicht spielen sollen — " 

„Das weiss ich recht gut," antwortete sein 
Neffe. Noch immer hielt er an sich, mit Aufbie- 
tung all seiner Nerven. „Gewiss hätte ich es 
nicht tun sollen. Aber nun tat ich's — und nun 
muss ich zahlen. Noch etwas — ich kann meiner 
Mutter nicht mehr kommen mit diesen Sachen. 
Du weisst so gut wie ich, dass sie mehr für mich 
tut, als sie kann; dazu hat sie erst — unlängst 
— meine Affären geregelt. Zudem ist sie jetzt 

krank kurz, ich kann es nicht tun und ich 

tu's nicht." 

Der Geheimrat lächelte, bittersüss: „Das tut 
mir ja sehr leid für deine arme Mutter, aber es 

135 



kann mich durchaus nicht bewegen, meinen Ent- 
schluss zu ändern." 

„Ohm Jakob!" rief er, ausser sich über diese 
kalte höhnische Maske. „Ohm Jakob, du weisst 
nicht was du tust. Ich bin auf der Festung ein 
paar Mitgefangenen einige Tausende schuldig 
und ich muss sie bezahlen zum Ende der Woche. 
Ich habe weiter eine Reihe jämmerlicher Schul- 
den an kleine Leute, die mir geborgt haben auf 
mein gutes Gesicht hin — ich kann sie nicht be- 
trügen. Ich habe auch den Kommandanten an- 
gepumpt, um hierher reisen zu können — " 

„Den auch?" unterbrach ihn der Professor. 

„Ja, den auch!" wiederholte er. „Ich habe ihm 
vorgelogen, dass du sterbenskrank seiest und ich 
dir nahe sein müsste in deiner letzten Stunde. 
Daraufhin gab er mir die Lappen." 

Der Geheimrat wiegte den Kopf hin und her. 
„So — das hast du ihm erzählt? — Du bist ja ein 
wahres Genie im Pumpen und im Schwindeln. 
— Das muss nun endlich ein Ende haben." 

„Heilige Jungfrau!" schrie der Neffe. „So 
nimm doch Vernunft an, Ohm Jakob! Ich muss 
das Geld haben — ich bin verloren, wenn du mir 
nicht hilfst." 

Da sagte der Geheimrat: „Nun — der Unter- 
schied scheint mir nicht eben gross zu sein. Ver- 
loren bist du ohnehin — ein anständiger Mensch 
wird nie aus dir werden." 

Frank Braun griff sich mit beiden Händen an 
den Kopf. „Und das sagst du mir, Onkel, du?" 

136 



„Gewiss," erklärte der Professor. „Wofür hast 
du denn dein Geld weggeworfen? — Immer nur 
auf die lumpigste Art und Weise." 

Da warf er ihm ins Gesicht: „Mag sein, Onkel 

— Aber nie hab ich Geld eingesteckt auf die 
lumpigste Weise — wie du." 

Er schrie und es schien ihm, als ob er eine Reit- 
peitsche schwinge und sie niedersausen lasse, mit- 
ten in des Alten hässliches Gesicht. Er fühlte, wie 
sein Hieb traf — aber er fühlte auch, wie er 
durchschnitt, rasch, ohne Widerstand, wie durch 
Schaum, wie durch klebrigen Schleim — 

Ruhig, fast freundlich, erwiderte ihm der Ge- 
heimrat: „Ich sehe, dass du noch recht dumm 
bist, mein Junge. — Erlaube deinem alten Onkel, 
dir einen guten Rat zu geben, vielleicht wird er 
dir einmal nützen im Leben. Wenn man etwas 
will von den Leuten, so muss man schon eingehen 
auf ihre kleinen Schwächen, merk dir das. Ich 
gebrauchte dich heute : du wirst mir zugeben, dass 
ich darum manches einsteckte, das du mir hin- 
warfst. Aber du siehst, dass es half. Nun habe 
ich, was ich von dir wollte. Jetzt ist es anders — 
du kommst, um mich zu bitten, aber du denkst 
nicht daran, den unteren Weg zu gehen. — Nicht, 
lieber Neffe, dass ich glaubte, dass es dir etwas 
genützt hätte — bei mir. O nein! — Aber 
vielleicht wird es dir bei andern einmal nützen 

— dann wirst du mir dankbar sein für den gu- 
ten Rat." 

Frank Braun sagte: „Onkel, ich ging den un- 

137 



teren Weg. Tat es — zum erstenmal im Leben; 
tat es, als ich dich bat — so bat, wie es geschah. 
— Und — ich werde ihn nie wieder gehen. Was 
willst du denn — soll ich mich noch mehr — de- 
mütigen vor dir? — Komm, lass es nun genug 
sein — gib mir das Geld." 

Da sprach der Geheimrat: „Ich will dir einen 
Vorschlag machen, Neffe. Versprichst du mir, 
ruhig zuzuhören? Nicht wieder aufzubrausen, was 
es auch sein möge?" 

Er sagte fest: „Ja, Ohm Jakob." 

„So höre. — Du sollst das Geld haben, das 
nötig ist, dich zu rangieren. Sollst auch mehr 
haben — wir werden einig werden über die 
Summe. Aber ich gebrauche dich — gebrauche 
dich zu Hause. Ich werde es durchsetzen, dass 
du dorthin versetzt wirst, auch dass dir der Rest 
deiner Festungshaft geschenkt wird." 

„Warum nicht?" antwortete Frank Braun. „Es 
ist mir völlig gleich, ob ich hier bin oder dort. 
Wie lang soll's dauern?" 

„Ein Jahr etwa. Nicht einmal ganz so lange," 
antwortete der Professor. 

„Einverstanden," sagte der Referendar. „Was 
hab ich zu tun?" 

„Ah, nicht viel," erwiderte der Alte. „Auch ist's 
eine kleine Nebenbeschäftigung, die du gewohnt 
bist und die dir nicht schwerfällt!" 

„Was also?" drängte er. 

„Sieh, mein Junge," fuhr der Geheimrat fort, 
„ich werde eine kleine Hilfe gebrauchen, für die- 

138 



ses Mädchen, das du mir da angeschafft hast. 
Du hast ganz recht: sie wird uns fortlaufen. Sic 
wird sich unsäglich langweilen in der Zeit des 
Wartens und gewiss versuchen, sie abzukürzen 
auf ihre Weise. Nun aber überschätzt du unsere 
Mittel, sie halten zu können. Das geht natürlich 
sehr gut und bequem in jeder Privatirrenanstalt, 
in der man einen Menschen viel sicherer bewa- 
chen kann, als im Zuchthaus oder Gefängnis. Lei- 
der sind wir aber gar nicht darauf eingerichtet. 
Ich kann sie doch nicht in das Terrarium sperren 
mit den Fröschen, oder in die Käfige zu den Affen 
oder Meerschweinchen, nicht wahr?" 

„Gewiss nicht, Onkil," sagte der Referendar. 
„Du musst etwas anderes finden." 

Der Alte nickte : „Ich habe gefunden, was nötig 
ist. Wir müssen etwas haben, das sie festhält. 
Nun scheint mir aber mein Doktor Petersen nicht 
die geeignete Persönlichkeit zu sein, um auf län- 
gere Zeit ihr Interesse zu fesseln, ich meine, er 
wird ihr kaum für eine Nacht genügen. Ein 
Mann aber muss es wohl sein: ich habe daher an 
dich gedacht — " 

Frank Braun presste die Stuhllehne, als wollte 
er sie zerbrechen. Sein Atem ging tief. „An 
mich — " wiederholte er. 

„Ja, an dich," fuhr der Geheimrat fort. „Es 
scheint das eines der wenigen Dinge zu sein, zu 
denen du zu gebrauchen bist. Du wirst sie hal- 
ten können. Wirst ihr immer von neuem irgend- 
einen Blödsinn vorerzählen — da hat deine 

239 



Phantasie endlich einmal einen vernünftigen 
Zweck. Und in Ermangelung ihres Prinzen wird 
sie sich in dich verlieben — du wirst also auch 
ihre sinnlichen Bedürfnisse befriedigen können. 
Wenn ihr das nicht genügt, so hast du ja gewiss 
Freunde und Bekannte genug, die sehr gern die 
Gelegenheit wahrnehmen werden, einmal auf ein 
paar Stunden mit so einem hübschen Geschöpf 
zusammen zu sein." 

Der Referendar keuchte, seine Stimme klang 
heiser. „Onkel," sprach er, „weisst du, was 
du verlangst? Ich soll der Geliebte dieser 
Dirne werden, während sie des Mörders Kind 
trägt? Soll dazu ihr Zuträger sein, soll sie jeden 
Tag neu verkuppeln — ich soll — " 

„Gewiss," unterbrach ihn der Professor ruhig. 
„Ich weiss es recht gut. Es scheint das einzige 
zu sein auf dieser Welt, wozu du gut bist, mein 
Junge." 

Er antwortete nicht. Er fühlte diese Streiche, 
fühlte, wie seine Wangen tiefrot wurden, wie seine 
Schläfen heiss glühten. Es war ihm, als brann- 
ten quer durch sein Gesicht diese langen Strie- 
men, die des Onkels scharfe Peitsche schlug. Und 
er empfand es gut: o ja, der Alte hatte seine 
Rache. 

Der Geheimrat merkte es wohl, ein zufriedenes, 
triefendes Grinsen legte sich breit über seine hän- 
genden Züge. „Ueberleg es dir in aller Ruhe, 
Junge," sagte er langsam. „Wir brauchen uns 
ja nichts vorzumachen, wir beide, du und ich. 

140 



Können die Dinge beim rechten Namen nennen: 
ich will dich engagieren als — Zuhälter für diese 
Dirne." 

Frank Braun fühlte: nun liegst du am Boden. 
Hilflos, völlig wehrlos, elend nackt. Kannst dich 
nicht rühren. Und der hässliche Alte tritt dich 
mit schmutzigem Fuss, speit in deine klaffenden 
Wunden seinen giftigen Speichel — 

Kein Wort fand er. Er wankte, taumelte. Ir- 
gendwie kam er die Treppe hinab. Stand auf der 
Strasse, starrte in die helle Morgensonne. 

Er wusste kaum, dass er ging. Hatte das Emp- 
finden, dass er daläge, lang in der schmutzigen 
Gosse, niedergeworfen durch einen dumpfen, 
furchtbaren Schlag auf den Kopf — 

Was es war, wusste er kaum mehr. Er schlich 
durch die Strassen, kroch dahin durch Jahrhun- 
derte. Blieb stehn vor einer Litfasssäule, las die 
Theateranzeigen, die Plakate. Aber er sah nur 
Worte — verstand nichts. 

Dann fand er sich am Bahnhofe. Er ging an 
den Schalter, verlangte ein Billett. 

„Wohin?" fragte der Beamte. 

Wohin? — Ja — wohin denn? Und er war 
erstaunt, wie er seine eigene Stimme hörte: „Co- 
blenz." 

Er suchte aus allen Taschen das Geld zusam- 
men. 

„Dritter Klasse," rief er. Dazu langte es noch. 

Er stieg die Treppe hinauf zum Perron, da erst 

MI 



bemerkte er, dass er ohne Hut war. — Er setzte 
sich auf eine Bank und wartete. 

Dann sah er, wie sie eine Bahre hinauftrugen, 
sah hinter ihr Dr. Petersen kommen. Er rührte 
sich nicht von seinem Platze, es war ihm, als ob 
das alles gar nichts zu tun habe mit ihm. Er 
sah, wie der Zug einlief, beobachtete, wie der 
Arzt ein Abteil erster Klasse öffnen liess, wie die 
Träger vorsichtig die Last hineinhoben. 

Und, hinten am letzten Ende des Zuges, stieg 
er ein. 

Irgendein Lachen krampfte sich in seine Kinn- 
backen. „So ist es recht — ," dachte er. „Dritte 
Klasse — das passt für den Knecht, für den — 
Zuhälter." 

Aber er vergass es wieder, wie er dasass auf 
der harten Bank. Drückte sich eng in seine Ecke, 
starrte auf den Fussboden. 

Und dieser dumpfe Druck wich nicht von sei- 
nem Kopf. Er hörte den Namen der Stationen 
rufen; manchmal schien es ihm, als ob drei, vier, 
gleich hintereinander kämen, als ob dieser Zug 
dahinsause, wie der Funke durch die Drähte da 
zur Seite. Und dann wieder lag eine Ewigkeit 
zwischen einer Stadt und der andern — 

In Köln musste er umsteigen, warten auf den 
Zug, der den Rhein hinauffuhr. Aber es deuchte 
ihn keine Unterbrechung, er merkte kaum den 
Unterschied, ob er dasass auf der Bank oder im 
Zuge. 

Dann war er in Coblenz, stieg aus, lief wieder 

142 



durch die Strassen. Die Nacht brach herein, da 
besann er sich, dass er doch hinauf wollte auf die 
Festung. Und er ging über die Brücke, stieg im 
Dunkel den Fels hinauf, den schmalen Fussweg 
der Gefangenen, durch das Unterholz. 

Plötzlich war er oben. Fand sich auf dem Ka- 
sernenhof, dann in seinem Zimmer, auf dem Bette 
sitzend. 

Jemand kam den Gang entlang. Trat hinein 
ins Zimmer, die Kerze in der Hand. Es war der 
starke Marinearzt, Dr. Klaverjahn. 

„Hallo!" rief er in der Tür. „Da hat also der 
Feldwebel doch recht gehabt ! Schon zurück, Bru- 
der? Na, komm gleich rüber — der Rittmeister 
hat die Bank." 

Frank Braun rührte sich nicht, hörte kaum, 
was der andere sprach. Da fasste ihn der an der 
Schulter, schüttelte ihn tüchtig. „Willst wohl 
schon einschlafen, Murmeltier? — Mach keine 
Dummheiten, konun mit !" 

Frank Braun sprang auf, irgend etwas war da, 
das ihn hochriss. Er griff einen Stuhl, hob ihn, 
trat einen Schritt näher. „Geh hinaus," zischte 
er, „geh hinaus, du Schuft!" 

Dr. Klaverjahn sah ihn dicht vor sich stehn. 
Blickte in diese bleichen, verzerrten Züge, dieses 
stiere, drohende Auge. Es erwachte alles, was 
noch in ihm war von einem Arzt, Hess ihn im 
Augenblicke die Lage erkennen. 

„Steht es so?" sagte er ruhig. — „Entschuldige 
bitte — " Dann ging er. 

M3 



Frank Braun stand eine Weile, immer den Stuhl 
in der Hand. Ein kaltes Lachen hing um seine 
Lippen. Aber er dachte nichts, gar nichts. 

Er hörte ein Klopfen an der Tür, hörte es wie 
in unendlicher Ferne. Dann schaute er auf — 
der kleine Fähnrich stand vor ihm. 

„Bist du wieder da?" fragte er. „Was fehlt 
dir?" — Er erschrak, lief dann zurück, als der an- 
dere nicht antwortete, kam wieder mit einem 
Glas und einer Flasche Bordeaux. „Trink. Es 
wird dir guttun." 

Frank Braun trank. Er fühlte, wie ihm der 
Wein in die Pulse drang, fühlte, wie seine Beine 
zitterten, zusammenzubrechen drohten unter ihm. 
Er Hess sich schwer auf das Bett fallen. 

Der Fähnrich stützte ihn. „Trink!" drängte er. 

Aber Frank Braun winkte ab. „Nein, nein," 
flüsterte er. „Es macht mich trunken." Er lä- 
chelte schwach. „Ich glaub nämlich — ich habe 
noch nichts gegessen heute — " 

Ein Lärm drang herüber, ein lautes Lachen und 
Schreien. 

„Was machen sie?" fragte er gleichgültig. 

Der Fähnrich antwortete: „Sie spielen. Es sind 
zwei neue gekommen gestern." Dann griff er in 
seine* Tasche. „Ich habe übrigens ein Telegramm 
für dich angenommen, eine Gelddepesche mit hun- 
dert Mark. Sie kam heute abend. Da!" 

Frank Braun nahm das Blatt, aber er musste es 
zweimal lesen, ehe er es verstand. 

144 



Sein Onkel schickte ihm hundert Mark, licM 
dabei melden: 

„Bitte als Vorschuss zu betrachten." 

Er sprang auf mit einem Satz. Der Nebel riss, 
ein roter Blutregen ging nieder vor seinen 
Augen — 

Vorschuss! Vorschuss? Für — ja für diese 

— Beschäftigung, die ihm der Alte anbot. Oh 

— dafür! 

Der Fähnrich hielt ihm den Schein hin: „Hier 
ist das Geld." 

Er griff den Schein. Er fühlte, wie er ihm die 
Fingerspitzen verbrannte, und dieser Schmerz, 
den er rein physisch empfand, tat ihm fast wohl. 
Er schloss die Augen, Hess diese sengende Glut 
in die Finger steigen, in die Hand und hinauf in 
den Arm. Liess sich versengen bis auf der Kno- 
chen Mark von diesem letzten, infamsten 
Schimpf — 

„Gib her!" rief er. „Gib mir Wein!" Und er 
trank, trank, es schien ihm, als lösche der dunkle 
Wein alle zischenden Gluten. 

„Was spielen sie?" fragte er. „Bac?" 

„Nein," sagte der Fähnrich. „Sie knobeln. Lu- 
stige Sieben." 

Frank Braun nahm seinen Arm. „Komm — 
wir wollen hinübergehen!" 

Sie traten in das Kasino. 

„Da bin ich!" schrie er. „Hundert Mark auf 

10 Ewers, Alraune *45 



die Acht." Und er warf seinen Schein auf den 
Tisch. 

Der Rittmeister zog den Becher. Es war 
Sechs — 



146 



FÜNFTES KAPITEL, DAS VERMELDET, WEN SIE 

ZU IHREM VATER WÄHLTEN, UND WIE DER TOD 

PATE STAND, ALS ALRAUNE ZUM LEBEN KAM 



Dr. Karl Petersen brachte dem Geheimrat ein 
grosses, hübsch gebundenes Buch, das er in 
dessen Auftrag hatte anfertigen lassen. Der rote 
Lederband zeigte in der linken Ecke oben das alte 
Wappen der Brinken; in der Mitte leuchteten die 
grossen goldenen Lettern: A. T. B. 

Die ersten Seiten waren frei; der Professor 
hatte sich selbst vorbehalten, hierhin die Vorge- 
schichte zu schreiben. So begann ein Abschnitt 
von Dr. Petersens Hand, der die kurze und ein- 
fache Lebensgeschichte der Mutter des Wesens 
enthielt, für dessen Leben dies Buch bestimmt 
war. Der Assistenzarzt hatte sich noch einmal der 
Dirne Lebenslauf erzählen lassen und dann gleich 
zu Papier gebracht. Sogar ihre Vorstrafen waren 
angegeben: Alma war bestraft zweimal wegen 
Vagabondage, fünf- oder sechsmal wegen Ueber- 
tretung der ihrem Gewerbe auferlegten polizei- 
lichen Vorschriften. Endlich auch einmal wegen 
Diebstahls — doch behauptete sie, in diesem Falle 
unschuldig zu sein: der Herr habe ihr die Bril- 
lantnadel geschenkt. 

10* 147 



Weiter hatte Dr. Petersen auch den zweiten 
Abschnitt niedergeschrieben, der von dem prä- 
sumptiven Vater handelte, dem beschäftigungs- 
losen Bergarbeiter Peter Weinand Noerrissen, im 
Namen des Königs zum Tode verurteilt durch das 
Urteil des Schwurgerichts. Die Staatsanwaltschaft 
hatte ihm in liebenswürdiger Weise die Akten zur 
Verfügung gestellt; an deren Hand hatte er seine 
Auszüge machen können. 

Danach schien der p. Noerrissen schon von Kin- 
desbeinen an zu dem Schicksal vorbestimmt 
zu sein, das ihm werden sollte. Die Mutter 
war eine notorische Trinkerin, der Vater, ein Ge- 
legenheitsarbeiter, häufig wegen Roheitsdelikten 
vorbestraft; einer seiner Brüder sass schon seit 
zehn Jahren aus gleichem Grunde im Zuchthaus. 
Peter Weinand Noerrissen selbst war nach Be- 
endigung seiner Schulzeit zu einem Schmied in 
die Lehre getan worden, der ihm übrigens im 
Laufe der Verhandlung wegen seiner Geschick- 
lichkeit und auch wegen seiner ungewöhnlichen 
Stärke ein recht gutes Zeugnis ausstellte. Trotz- 
dem habe er ihn wegjagen müssen, da er sich 
nichts habe sagen lassen wollen, auch die weibli- 
chen Hausgenossen stets belästigt habe. Er ar- 
beitete dann in einer Reihe verschiedener Fabri- 
ken,' kam endlich auf die Zeche Phönix im Ruhr- 
gebiet, nachdem er vom Militärdienst infolge 
eines Geburtsfehlers befreit war: an der linken 
Hand fehlten ihm zwei Finger. Irgendeiner ge- 
werkschaftlichen Bewegung schloss er sich nicht 

148 



an, weder dem Alten Sozialistischen Verbände, 
noch den Christlichen, noch endlich den Hirsch- 
Dunkerschen — was sein Verteidiger im Plädoyer 
als ein für ihn sprechendes Moment eifrig aus- 
zuschlachten versuchte. Er wurde entlassen, als 
er bei einem Streit mit einem Obersteiger sein 
Messer zog und diesen ziemlich gefährlich ver- 
letzte; hierfür erhielt er auch seine erste Strafe 
— ein Jahr Gefängnis. Von seiner Entlassung an 
fehlten begründete Angaben fast vollständig, man 
war hier lediglich auf seine eigenen Aussagen 
angewiesen. Danach war er auf die Landstrasse 
gekommen, hatte zweimal die Alpen überschrit- 
ten und sich durchgeschlagen von Neapel bis Am- 
sterdam. Gelegentlich hatte er auch gearbeitet, 
einige Male war er, meist wegen Landstreicherei 
und kleiner Eigentumsdelikte, festgesetzt worden. 
Doch schien, so war wenigstens die Ansicht der 
Staatsanwaltschaft, wohl anzunehmen zu sein, 
dass er auch im Laufe dieser sieben bis acht Jahre 
einige grössere Verbrechen auf dem Kerbholz 
hatte. 

Die Tat, wegen der er nun verurteilt war, war 
in ihrer Entstehung nicht so ganz klar, nament- 
lich blieb die Frage völlig offen, ob ein Raubmord 
oder ein Lustmord beabsichtigt war. Die Ver- 
teidigung suchte es so darzustellen, als ob der 
Angeklagte auf den Ellinger Rheinwiesen, als er 
in der Abenddämmerung die neunzehnjährige, 
gut gekleidete und sehr gut gewachsene Hausbe- 
sitzerstochter Anna Sibilla Trautwein habe kom- 

149 



men sehen, zunächst nur eine Notzucht habe be- 
gehen wollen. Dass er dann, während er das recht 
kräftige Mädchen zu vergewaltigen versuchte, le- 
diglich, um ihrem wilden Geschrei ein Ende zu 
machen, zum Messer gegriffen und sie niederge- 
schlagen habe. Weiter die Ohnmächtige gewalt- 
sam genommen, und ihr endlich, aus Furcht vor 
Entdeckung, ganz den Garaus gemacht habe. Wo- 
bei es dann natürlich gewesen sei, dass er, um die 
Mittel zur Flucht zu gewinnen, sie auch ihrer 
geringen Barmittel und v/enigen Schmuckgegen- 
stände beraubt habe. Dieser Darstellung stand al- 
lerdings der Befund der Leiche einigermassen 
entgegen, der eine schreckliche Zerstückelung des 
Opfers durch zum Teil fast kunstgerechte 
Schnitte nachwies. Der Bericht endete damit, dass 
die Revision vom Reichsgericht zurückgewiesen 
sei, dass die Krone von dem ihr zustehenden 
Rechte der Begnadigung keinen Gebrauch ge- 
macht habe und dass die Hinrichtung auf den 
morgigen Tag, frühmorgens um sechs Uhr fest- 
gesetzt sei. Zum Schlüsse war noch gesagt, dass 
der Delinquent auf den ihm von Dr. Petersen vor- 
gebrachten Wunsch bereitwillig eingegangen sei, 
nachdem er ihm dafür zwei Flaschen Kornbrannt- 
wein, die er abends um acht Uhr erhalten solle, 
zugesagt habe. 

Der Geheimrat beendete die Lektüre, gab dann 
das Buch zurück. „Der Vater ist billiger wie die 
Mutter!" lachte er. Er wandte sich an seinen As- 
sistenzarzt. „Sie werden also der Hinrichtung 

150 



beiwohnen. Vergessen Sie nicht, sich mit physio- 
logischer Kochsalzlösung zu versehen, nicht 
wahr? Und beeilen Sie sich nach Möglichkeit — 
jede Minute ist kostbar. Besondere Anordnungen 
hier brauchen ja wohl kaum getroffen zu werden. 
Ich erwarte Sie morgen früh in der Klinik. Es ist 
nicht nötig, eine der Wärterinnen zu bemühen: 
die Fürstin wird uns assistieren." 

„Die Fürstin Wolkonski, Exzellenz?" fragte 
Dr. Petersen. 

„Gewiss," nickte der Professor. „Ich habe 
Grund, sie zu der kleinen Operation zuzuziehen 
— für die sie übrigens viel Interesse hat. Uebri- 
gens — wie benimmt sich unsere Patientin 
heute?" 

Der Assistenzarzt sagte: „Ach, Exzellenz, es 
ist das alte Lied. Immer dasselbe seit den zwei Wo- 
chen, die sie nun hier ist. Sie weint und schreit 
und tobt — kurz, sie will hinaus. Heute hat 
sie wieder ein paar Waschschüsseln zerschlagen." 

„Haben Sie ihr nochmal ins Gewissen gere- 
det?" fragte der Professor. 

„Versucht hab ich's, aber sie Hess mich kaum 
zu Worte kommen," antwortete Dr. Petersen. 
„Es ist ein Glück, dass wir morgen endlich so 
weit sind. — Wie wir es dann freilich anstellen 
wollen, sie so lange zu halten, bis das Kind zur 
Welt kommt, ist mir ein Rätsel." 

„Das Sie nicht zu lösen brauchen, Petersen." 
Der Geheimrat klopfte ihm wohlwollend auf die 

151 



Schulter. „Da werden wir schon Mittel finden. — 
Tun Sie nur Ihre Pflicht." 

Und der Assistenzarzt sagte: „Darauf können 
sich Exzellenz fest verlassen." 
* ^ * 

Die frühe Morgensonne küsste die Geisblatt- 
laube des sauberen Gartens, in dem des Geheim- 
rats weisse Frauenklinik lag. Schmeichelte leicht 
über bunte taufrische Dahlienbeete, liebkoste an 
den Mauern grosse, tiefblaue Klematis. Bunte 
Finken und grosse Drosseln liefen über die glat- 
ten Wege, huschten durch die geschorenen Rasen- 
flächen. Flogen schnell auf, als acht eiserne Hufe 
aus dem Steinpflaster der Strasse helle Funken 
schlugen — 

Die Fürstin stieg aus dem Wagen, kam mit 
raschen Schritten durch den Garten. Ihre Wan- 
gen glühten, ihr starker Busen atmete heftig, als 
sie die hohen Stufen hinaufstieg zu dem Hause. 

Der Geheimrat kam ihr entgegen, öffnete 
selbst: „Nun, Durchlaucht, das nenne ich pünkt- 
lich! Treten Sie näher; ich habe Tee für Sie ma- 
chen lassen." 

Sie sagte — und ihre Stimme überschlug 
sich, hastete und sprang — : „Ich komme von — 
dort. Ich sah es. Es — es war — fabelhaft — 
aufregend." 

Er führte sie ins Zimmer: „Woher kommen 
Sie, Durchlaucht? Von der — Hinrichtung?" 

„Ja," sagte sie. „Ihr Doktor Petersen wird auch 
gleich hier sein. — Ich hatte eine Karte bekom- 

152 



men — gestern abend noch. Es war — unge- 
heuer — ganz ungeheuer — " 

Der Geheimrat bot ihr einen Stuhl. „Darf ich 
Ihnen einschenken?" 

Sie nickte. „Bitte, Exzellenz, sehr liebenswür- 
dig! — Ein Jammer, dass Sie das versäumt haben I 

— Es war ein Prachtkerl — gross — stark — " 
„Wer?" fragte er. „Der Delinquent?" 

Sie trank ihren Tee. „Ja gewiss, der! Der Mör- 
der! Sehnig und stramm — eine mächtige Brust 

— wie ein Ringkämpfer. Er trug eine Art blauen 
Sweater — sie hatten ihm den Nacken freigelegt. 
Kein Fett — nur Muskeln und Sehnen. Wie ein 
Stier — " 

„Und konnten Durchlaucht die ganze Exeku- 
tion gut sehen?" fragte der Geheimrat. 

„Aber ganz ausgezeichnet!" rief sie. „Ich stand 
an einem Fenster im Gang, gerade vor mir war 
das Gerüst. Er schwankte ein wenig, als er hin- 
aufschritt — sie mussten ihn stützen. — Bitte, 
noch ein Stück Zucker, Exzellenz." 

Der Geheimrat bediente sie. „Sprach er et- 
was?" 

„Ja," sagte die Fürstin. „Zweimal. Aber jedes- 
mal nur ein Wort. Das erstemal, während der 
Staatsanwalt das Urteil vorlas. Da rief er halb- 
laut — aber ich kann es wirklich nicht wieder- 
holen — " 

„Aber Durchlaucht!" Der Geheimrat grinste, 
tatschte ihr leicht auf die Hand. „Vor mir brau- 
chen Sie sich doch gewiss nicht zu genieren." 

153 



Sie lachte auf. „Nein, natürlich nicht. Also — 
— Aber reichen Sie mir eine Scheibe Zitrone. 
Danke — geben Sie sie nur gleich in die Tasse! — 
Also er sagte — nein, ich kann es nicht wieder- 
geben." 

„Durchlaucht!" sagte der Professor mit leich- 
tem Vorwurf. 

Und sie sagte: „Sie müssen die Augen zuma- 
chen." 

Der Geheimrat dachte: „Alte Aeffin!" Aber er 
schloss die Augen. „Nun?" fragte er. 

Sie zierte sich noch immer. „Ich — ich will 
es französisch sagen." 

„Also gut — französisch!" rief er ungeduldig. 

Da zog sie die Lippen zusammen, beugte sich 
vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Merde!" 

Der Professor bog sich zurück, das starke Par- 
füm der Fürstin irritierte ihn. „So, also das 
sagte er?" 

„Ja," nickte sie, „und er sprach es so, als ob er 
sagen wolle, dass ihm das alles gleichgültig sei. 
Ich fand das hübsch von ihm, fast kavaliermäs- 
sig." 

„Gewiss," bestätigte der Geheimrat. „Schade 
nur, dass er es nicht auch — französisch sagte. 
Na,, und was war das andere Wort?" 

„Ach, das war übel." Die Fürstin schlürfte ihren 
Tee, knabberte dazu ein Cake. „Es verdarb völlig 
den guten Eindruck, den er auf mich gemacht 
hatte! Denken Sie nur, Exzellenz, als ihn die Hen- 

154 



keniknechte recht packten, da begann er plötz- 
lich zu schreien, zu flennen, wie ein kleines Kind." 

„Ach!" sagte der Professor. „Noch ein Täss- 
chen, Durchlaucht? — Und was schrie er denn?" 

„Erst wehrte er sich," erzählte sie, „so gut er 
konnte, schweigend und stark, obwohl ihm beide 
Hände eng auf dem Rücken gefesselt waren. Drei 
Gehilfen waren da, die warfen sich auf ihn, wäh- 
rend der Henker im Frack und in weissen Hand- 
schuhen ruhig dastand und zusah. Anfangs gefiel 
es mir, wie der Mörder die drei Fleischer abschüt- 
telte von sich, wie sie immer von neuem an ihm 
rissen und stiessen, ohne ihn nur einen Fussbreit 
weiter bringen zu können. Oh, es war ungeheuer 
aufregend, Exzellenz." 

„Kann ich mir denken, Durchlaucht." warf er 
ein. 

„Dann aber," fuhr sie fort, „dann änderte es 
sich. Einer hatte ihm ein Bein gestellt, riss ihm 
zugleich von hinten die gefesselten Arme hoch, 
dass er nach vorne stolperte. In der Sekunde 
fühlte er wohl, dass sein Widerstand nichts nutze, 
dass er verloren sei. Vielleicht — vielleicht war 
er auch trunken gewesen — und wurde nun plötz- 
lich hell nüchtern. — Pfui — und da schrie 
er — " 

Der Geheimrat lächelte. „Was schrie er? 
Muss ich wieder die Augen dazu schliessen?" 

„Nein," rief sie, „Sie können sie ruhig offen 
lassen, Exzellenz. — Er war feige geworden, jäm- 
merlich feige, und voll von Angst. Und er schrie: 

Z55 



Mama — Mama — Mama! — Oh, Dutzende von 
Malen! Bis sie ihn auf den Knien hatten, heran- 
gezerrt unter das Fallbeil, den Kopf hineinge- 
zwängt in die kreisrunde Oeffnung des Bretts." 

„Also bis zum letzten Augenblick rief er nach 
seiner Mama?" fragte der Geheimrat. 

„Nein," antwortete sie, „nicht bis ganz zuletzt. 
Als das harte Brett den Hals fest umschloss und 
der Kopf auf der anderen Seite herausragte, da 
schwieg er. Irgend etwas schien in ihm vorzu- 
gehen." 

Der Professor wurde aufmerksam. „Konnten 
Sie sein Gesicht gut sehen, Durchlaucht? Konn- 
ten Sie irgendwie erraten, was in ihm vorging?" 

Die Fürstin sagte: „Aber so deutlich, wie ich 

Sie jetzt vor mir sehe. Was in ihm vorging 

ja, das weiss ich nicht. Es war ja auch nur ein 
Augenblick — während der Scharfrichter noch 
einmal sich ujnsah, ob alles in Ordnung sei, wäh- 
rend seine Hand schon nach dem Knopfe suchte, 
der das Messer herunterfallen Hess. — Ich sah 
die Augen des Mörders, die weit offen standen, 
wie in wahnsinniger Lust, sah den aufgerissenen 
Mund, der zu schnappen schien, und die gierigen, 
verzerrten Züge — " 

Sie stockte. „Das war alles?" forschte der Ge- 
heimrat. 

Sie schloss: „Ja. — Dann fiel das Beil. Und 
der Kopf sprang in den Sack, den einer der 
Knechte offen hielt. — Bitte, reichen Sie mir doch 
die Marmelade, Exzellenz." 

J.5Ö 



Es klopfte; Dr. Petersen öffnete die Tür und 
trat ein. Er schwang in der Hand ein langes 
Glas, wohl verkorkt und in Watte gewickelt. 

„Guten Morgen, Durchlaucht," sprach er. „Gu- 
ten Morgen, Exzellenz. — Hier — hier ist es." 

Die Fürstin sprang auf: „Lassen Sie sehen — " 

Aber der Geheimrat hielt sie zurück. „Gemach, 
Durchlaucht, Sie werden es noch früh genug se- 
hen. — Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir gleich 
an die Arbeit gehen." Er wandte sich an seinen 
Assistenzarzt. „Ich weiss nicht, ob es nötig sein 
wird, aber jedenfalls werden Sie guttun — " 
Seine Stimme sank, er näherte seine Lippen dem 
Ohr des Arztes. 

Der nickte. „Gut, Exzellenz. Ich werde so- 
fort die Anweisungen geben." 

Sie gingen durch den weissen Korridor, hiel- 
ten ganz hinten vor Nr. Siebzehn. 

„Hier liegt sie," sagte der Geheimrat und öff- 
nete behutsam die Türe. 

Das Zimmer war ganz weiss, strahlte von Licht 
und Sonne. Das Mädchen lag tief schlafend in 
dem Bett; ein heller Strahl huschte herein vom 
engvergitterten Fenster, zitterte auf dem Boden, 
kletterte auf goldener Leiter hinauf, schlich sich 
über die Linnen, schmiegte sich zärtlich an ihre 
süssen Wangen, tauchte die roten Haare in glü- 
hende Flammen. Ihre Lippen standen halb offen, 
bewegten sich — es schien, als ob sie leise Liebes- 
worte flüsterte. 

„Sie träumt," sagte der Geheimrat. „Wohl 

«57 



von ihrem Prinzen!" Dann legte er seine feuchte, 
kalte Hand auf ihre Schulter, schüttelte sie. 
„Wachen Sie auf, Alma." 

Ein leichter Schreck flog durch ihre Glieder; 
sie richtete sich auf, schlaftrunken. 

„Wa — as — was denn?" stotterte sie. Dann 
erkannte sie den Professor, warf sich zurück in 
die Kissen. „Lassen Sie mich." 

„Kommen Sie, Alma, machen Sie nun keine 
Faxen," ermahnte sie der Geheimrat. „Es ist 
endlich soweit. Seien Sie vernünftig und machen 
Sie uns keine Schwierigkeiten." Und er zog ihr 
mit einem schnellen Ruck die Leintücher weg, 
warf sie auf den Boden. 

Die Augen der Fürstin weiteten sich. „Sehr 
gut!" rief sie aus. „Das Mädchen ist sehr gut 
gewachsen. — Das wird schon passen." 

Aber die Dirne strich ihr Hemd herunter, be- 
deckte sich, so gut es gehen mochte mit den Kis- 
sen. „Weg! Fort!" schrie sie. „Ich will nicht." 

Der Geheimrat winkte dem Assistenzarzt. „Ge- 
hen Sie," befahl er. „Beeilen Sie sich, wir dür- 
fen keine Zeit verlieren." Dr. Petersen verliess 
rasch das Zimmer. 

Die Fürstin kam heran, setzte sich auf das Bett, 
redete dem Mädchen zu. „Kleine, seien Sie doch 
nicht töricht. Es tut ja gar nicht weh." Sie 
versuchte sie zu streicheln, strich ihr mit den 
dicken, beringten Fingern schwer über Hals und 
Nacken, hinunter zu den Brüsten. 

158 



Alma stiess sie fort. „Was wollen Sie denn? 
— Wer sind Sie? — Weg, weg — ich will nicht!" 

Die Fürstin Hess sich nicht abweisen. „Ich 
will ja nur dein Bestes, Kindchen. — Werde dir 
auch einen hübschen Ring schenken und ein neues 
Kleid — " 

„Ich will keinen Ring," schrie die Dirne. „Ich 
brauche kein Kleid. Ich will fort von hier, man 
soll mich in Ruhe lassen!" 

Der Geheimrat öffnete in lächelnder Ruhe das 
Glas. „Man wird Sie später in Ruhe lassen — 
und später können Sie auch fortgehen. Einst- 
weilen müssen Sie nur die kleinen Verpflichtun- 
gen erfüllen, die Sie uns gegenüber eingegangen 
sind. — Ah, da sind Sie, Doktor." Er wandte 
sich dem Assistenzarzt zu, der eben hereintrat, 
die Chloroformmaske in der Hand. „Kommen 
Sie schnell her." 

Die Dirne starrte ihn an, mit weit aufgerisse- 
nen, entsetzten Augen. „Nein!" jammerte sie. 
„Nein! Nein!" Sie machte Miene aus dem Bett 
zu springen, stiess den Assistenzarzt, der sie zu- 
rückzuhalten versuchte, mit beiden Händen vor 
die Brust, so dass er zurücktaumelte, beinahe nie- 
derfiel. 

Da warf sich, mit ausgebreiteten Armen, die 
Fürstin auf das Mädchen, drückte es mit dem 
mächtigen Gewicht ihres Körpers zurück in das 
Bett. Umfasste es rings, krallte die Finger in 
das leuchtende Fleisch, griff mit den Zähnen eine 
lange rote Haarsträhne. Die Dirne strampelte, 

159 



schlug mit den Beinen in die Luft, unfähig, ihre 
Arme zu gebrauchen, ihren Leib zu rühren unter 
dieser wuchtigen Last. 

Sie sah, wie der Arzt die Maske niedersenkte 
auf ihr Gesicht, hörte ihn leise zählen: „Eins — 
zwei — drei " Sie schrie, dass es wider- 
gellte von den Wänden: „Nein! Nein! Ich will 
nicht, ich will nicht! — Ach — ah — ich er- 
sticke — " 

Dann erstarb ihr Schreien. Wich einem kläg- 
lichen, elenden Wimmern. — „Mutter — ach — 
Mut — ter — " 

* 

Zwölf Tage später wurde die Prostituierte Al- 
ma Raune dem Gerichtsgefängnis zur Untersu- 
chungshaft eingeliefert. Der Haftbefehl wurde 
verhängt, weil die des Einbruchsdiebstahls Be- 
schuldigte ohne feste Wohnung und somit flucht- 
verdächtig war. Die Anzeige war von Seiner Ex- 
zellenz dem Wirkl. Geh. Rat ten Brinken erstat- 
tet worden. 

Gleich in den ersten Tagen hatte der Professor 
seinen Assistenzarzt wiederholt befragt, ob er 
nicht diese und jene Sache gesehen habe, die er 
vermisse. So fehlte ihm ein alter Siegelring, den 
er beim Waschen abgelegt und dann habe liegen 
lassen, fehlte ihm eine kleine Geldbörse, die er, 
wie er sich genau erinnere, in seinem Ueberzie- 
her hatte stecken lassen. Er bat Dr. Petersen, 
doch ganz unauffällig ein scharfes Auge auf die 
Angestellten zu haben. 

i6o 



Dann war die goldene Uhr des Assistenzarztes 
aus seinem Zimmer in der Klinik, aus einer ver- 
schlossenen Schublade seines Schreibtisches her- 
aus verschwunden. Und zwar war die Schublade 
mit Gewalt geöffnet worden. Eine eingehende 
Untersuchung der Klinik, zu der alle Angestell- 
ten sich sofort bereit erklärten, lieferte ein völ- 
lig negatives Resultat. 

„Es muss eine der Patientinnen gewesen sein," 
schloss der Geheimrat und ordnete eine Untersu- 
chung aller Krankenzimmer an. 

Auch diese leitete Dr. Petersen, auch hier ohne 
jeden Erfolg. „Haben Sie keinen Raum verges- 
sen?" forschte sein Chef. 

„Keinen, Exzellenz !" antwortete der Assistenz- 
arzt. „Bis auf das Zimmer der Alma." 

„Und warum haben Sie dort nicht nachge- 
forscht?" fragte der Geheimrat weiter. 

„Aber, Exzellenz!" entgegnete Dr. Petersen. 
„Das ist doch völlig ausgeschlossen. Das Mäd- 
chen ist ja Tag und Nacht bewacht, ist nicht ein- 
mal herausgekommen aus ihrem Zimmer. Und 
seitdem sie nun auch weiss, dass unser Eingriff 
geglückt ist, ist sie erst völlig ausser Rand und 
Band. Sie heult und schreit den ganzen Tag, 
droht uns völlig verrückt zu werden, denkt nur 
daran, wie sie hier herauskommen kann, und wie 
sie es anstellen soll, um unsere Bemühungen 
nachträglich wieder zu vereiteln. — Geradeher- 
aus gesagt, Exzellenz, es scheint mir völlig un- 

II Ewers, Alraune l6l 



möglich, das Mädchen die lange Zeit über hier 
zu halten." 

„So?" Der Geheimrat lachte. „Nun, Petersen, 
zuerst werden Sie einmal in Zimmer Siebzehn 
nachforschen. Die Täterschaft der Dirne scheint 
mir doch nicht so ganz ausgeschlossen." 

Nach einer Viertelstunde kam Dr. Petersen zu- 
rück, brachte ein zusammengeknüpftes Taschen- 
tuch. „Hier sind die Sachen," sagte er. „Ich fand 
sie versteckt, tief unten in dem Wäschesack des 
Mädchens." 

„Also doch!" nickte der Geheimrat. „Nun, te- 
lephonieren Sie gleich der Polizei." 

Der Assistenzarzt zögerte. „Verzeihen Exzel- 
lenz, wenn ich mir eine Einwendung erlaube. Das 
Mädchen ist sicher unschuldig, wenn auch der 
Schein vielleicht gegen sie spricht. Exzellenz hät- 
ten sie sehen sollen, als ich mit der alten Wärte- 
rin das Zimmer durchsuchte und schliesslich die 
Sachen fand. Sie war völlig apathisch, alles das 
berührte sie gar nicht. Sie hat ganz sicher nichts 
mit dem Diebstahl zu tun. Irgend jemand vom 
Personal muss die Gegenstände genommen, und 
dann, als eine Entdeckung drohte, in ihrem Zim- 
mer versteckt haben." 

Der Professor grinste. „Sie sind sehr ritterlich, 
Petersen. — Aber — einerlei ! Telephonieren Sie." 

„Exzellenz," bat der Assistenzarzt, „vielleicht 
könnten wir doch noch etwas warten. Vielleicht 
noch einmal das Personal eingehend verhören — " 

„Hören Sie, Petersen," sagte der Geheimrat. 

162 



„Sie sollten ein wenig mehr nachdenken. Ob die 
Dirne diese Sachen gestohlen hat oder nicht, ist 
doch ganz gleichgültig. Die Hauptsache ist, dass 
wir sie loswerden, und dass sie irgendwo durch- 
aus sicher aufgehoben wird, bis ihre Stunde ge- 
kommen ist, nicht wahr.' Im Gefängnis ist sie 
uns sicher — viel sicherer wie hier. Sie wissen, 
wie anständig wir sie bezahlen und ich bin so- 
gar gewillt, ihr für dies kleine Missgeschick noch 
etwas zuzulegen — wenn alles glücklich vor- 
über ist. — Schlechter hat sie es im Gefäng^nis 
auch nicht, wie hier: das Zimmer wird wohl et- 
was kleiner, das Bett etwas härter und das Es- 
sen etwas weniger gut sein, aber dafür hat sie 
dort Gesellschaft — und das ist viel wert in ih- 
rem Zustand." 

Dr. Petersen sah ihn an, noch immer ein wenig 
schwankend. „Ganz recht, Exzellenz, aber — 
wird sie dort nicht schwatzen? Es wäre doch sehr 
unangenehm, wenn — " 

Der Geheimrat lächelte. „Wieso denn? Lassen 
Sie sie schwatzen, soviel sie mag. Hysteria 
mendax — wissen Sie, sie ist hysterisch imd eine 
Hysterische hat ja das Recht zu lügen! Kein 
Mensch wird ihr glauben. Nun gar eine hysteri- 
sche Schwangere! — Und was ward sie denn er- 
zählen? Die Geschichte von dem Prinzen, die ihr 
mein sauberer Neffe vorgeschwindelt hat? Ja, 
glauben Sie denn, dass der Richter, der Staatsan- 
walt, der Gefängnisdirektor, der Pastor, oder 
sonst ein vernünftiger Mensch überhaupt nur hin- 

II* 163 



hören wird, wenn eine Dirne solch abstruses 
Zeug redet? — Uebrigens werde ich selbst mit 
dem Gefängnisarzt sprechen — wer ist es zur- 
zeit?" 

„Kollege Dr. Perscheidt," sagte der Assistenz- 
arzt. 

„Ah, Ihr Freund, der kleine Perscheidt," fuhr 
der Professor fort. „Ich kenne ihn auch. Ich wer- 
de ihn bitten, ein besonders wachsames Auge auf 
unsere Patientin zu haben. Ich werde ihm sagen, 
dass sie mir von einem Bekannten, der mit ihr ein 
Verhältnis hatte, in die Klinik geschickt wurde, 
und dass dieser Herr bereit sei, für das zu erwar- 
tende Kind in jeder Weise zu sorgen. Ich werde 
ihn dazu auf die ausserordentliche krankhafte Lü- 
genhaftigkeit der Patientin aufmerksam machen 
und ihm gleich von vornherein erzählen, was sie 
ihm mutmasslicherweise vorschwatzen wird. 
— Ausserdem werden wir auf unsere Kosten 
Herrn Justizrat Gontram mit der Verteidigung 
betrauen und auch ihm den Fall so erklären, dass 
er den Reden der Dirne auch nicht eine Sekunde 
lang Glauben schenkt. — Befürchten Sie noch 
etwas, Petersen?" 

Der Assistenzarzt sah seinen Chef voller Be- 
wunderung an. „Nein, Exzellenz!" sagte er. „Ex- 
zellenz denken an alles. — Was in meinen Kräf- 
ten steht, werde ich gewiss aufbieten, um Exzel- 
lenz behilflich zu sein." 

Der Geheimrat seufzte laut, dann reichte er ihm 
die Hand. „Ich danke Ihnen, lieber Petersen. Sie 

164 



glauben nicht, wie schwer mir diese kleinen Lüge- 
reien werden. Aber, was will man machen? Die 
Wissenschaft verlangt eben solche Opfer. Unsere 
tapfem Vorgänger, die Aerzte des späten Mittel- 
alters, waren gezwungen, sich die Leichen von 
den Friedhöfen zu stehlen, wenn sie Anatomie 
lernen wollten, sie mussten allen Gefahren einer 
hochnotpeinlichen Verfolgung wegen Leichen- 
schändung und ähnlichem Unsinn trotzen. — Da 
dürfen wir uns nicht beklagen. Müssen solche 
kleinen Schwindeleien schon mit in den Kauf neh- 
men — im Interesse unserer heiligen Wissen- 
schaft. — Und nun gehen Sie, Petersen, tele- 
phonieren Sie!" 

Und der Assistenzarzt ging, im Herzen eine 
grosse und ehrliche Hochachtung vor seinem 
Chef. 

* * * 

Alma Raune wurde verurteilt wegen Einbruch- 
diebstahls. Strafschärfend wirkte ihr hartnäcki- 
ges Leugnen, sowie die Tatsache, dass sie schon 
einmal vorbestraft war wegen Diebstahls. Trotz- 
dem wurden ihr mildernde Umstände zugebilligt, 
wahrscheinlich weil sie wirklich sehr hübsch aus- 
sah und dann auch, weil sie Justizrat Gontram 
verteidigte. Sie erhielt nur ein Jahr sechs Monate 
Gefängnis, auf die dazu die Untersuchungshaft 
noch angerechnet wurde. 

Aber Exzellenz ten Brinken erreichte es, dass 
ihr ein erheblicher Teil dieser Strafe geschenkt 

X65 



wurde, obwohl ihre Führung in der Anstalt durch- 
aus keine mustergültige war. Es wurde jedoch in 
Erwägung gezogen, dass diese schlechte Auffüh- 
rung wohl auf ihren hysterisch-krankhaften Zu- 
stand, den der Geheimrat in seiner Gnadeneingabe 
stark betonte, zurückzuführen sei; auch wurde 
berücksichtigt, dass sie nun bald Mutter werden 
sollte. 

Sie wurde entlassen, als sich die ersten Anzei- 
chen einer baldigen Geburt bemerkbar machten, 
wurde am frühen Morgen in die Klinik ten Brin- 
ken geschafft. Lag dort in ihrem alten weissen 
Zimmer, Nr. Siebzehn, am letzten Ende des Kor- 
ridors. Schon auf dem Transport hatten die We- 
hen begonnen : es würde sehr schnell vorüber sein, 
hatte sie Dr. Petersen beruhigt. 

Aber er irrte sich. Die Wehen hielten den gan- 
zen Tag an, die Nacht und den nächsten Tag. 
Liessen bald ein wenig nach, setzten dann wie- 
der ein mit erneuter Heftigkeit. Und das Mäd- 
chen schrie und wimmerte, wand sich in elenden 
Schmerzen. 

— Von dieser merkwürdigen Geburt handelt 
der dritte kurze Abschnitt in dem Lederbande 
A. T. B., auch von der Hand des Assistenzarztes 
geschrieben. Er leitete, in Gemeinschaft mit dem 
Gefängnisarzte, die sehr schw^ere Entbindung, die 
erst am dritten Tage stattfand und mit dem Tode 
der Mutter endete. Der Herr Geheimrat selbst 
war nicht dabei zugegen. 

In diesem Bericht betonte Dr. Petersen die 

i66 



überaus kräftige Konstitution und den ausge- 
zeichneten Bau der Mutter, die eine sehr leichte 
Entbindung geradezu bedingten. Nur die äusserst 
seltsame Querlage des Kindes bewirkten die ein- 
tretenden Komplikationen, die es letzten Endes 
unmöglich machten, beide, Mutter und Kind, zu 
retten. Weiter war erwähnt, dass das Kind, ein 
Mädchen, sogleich, fast noch im Mutterleibe, ein 
ganz ausserordentliches Geschrei erhob, so hef- 
tig und so durchdringend schrill, wie es weder die 
beiden Herren noch die assistierende Hebamme 
je bei einem Neugeborenen erlebt hätten. Dies 
Geschrei habe beinahe etwas Bewusstes gehabt, 
als ob das Kind bei der gewaltsamen Lostrennung 
von dem Mutterschosse ausserordentliche Schmer- 
zen empfunden habe; es sei so eindringend und 
entsetzlich gewesen, dass sie sich eines gewissen 
Grauens kaum hätten enthalten können, ja, dass 
sein Kollege, Dr. Perscheidt, sich habe nieder- 
setzen müssen, während ihm ein kalter Schweiss 
aus den Schläfen gebrochen sei. 

Dann allerdings sei das Kind sofort ruhig ge- 
wesen und habe nicht einmal mehr gewimmert. 
Die Hebamme habe beim Baden sofort bei dem 
überhaupt sehr zarten und dürftigen Kinde eine 
aussergewöhnlich stark entwickelte Atresia vagi- 
nalis festgestellt, so zwar, dass auch die Haut bei- 
der Beine, bis oberhalb der Knie, zusammenge- 
wachsen sei. Diese merkwürdige Erscheinung sei 
aber nach eingehender Untersuchung nur eine 
oberflächliche Verbindung der Epidermis, die 

167 



durch eine baldige Operation leicht behoben wer- 
den könne. 

Was die Mutter betreffe, so habe sie gewiss 
sehr heftige Schmerzen und Qualen aushalten 
müssen. An eine Chloroformierung, oder eine 
Lumbalanaesthesie habe man ebensowenig den- 
ken können, wie an eine Injektion von Scopola- 
min-Morphium, da die nicht zu stillende Blutung 
eine grosse Herzschwäche hervorrief. Sie habe 
alle die Stunden über in der grässlichsten Weise 
geschrien und gejammert, sei hierbei nur in dem 
Augenblicke der Geburt selbst durch das entsetz- 
liche Geschrei des Kindes übertönt worden. Spä- 
ter sei ihr Gestöhne langsam schwächer gewor- 
den, sie sei etwa zweieinhalb Stunden später, ohne 
Bewusstsein, entschlafen. Als direkte Todesur- 
sache müsse man einen Gebärmutterriss und die 
daraus resultierende Verblutung bezeichnen. 
* ^ * 

Der Körper der Dirne Alma Raune wurde der 
Anatomie überwiesen, da ihre benachrichteten 
Angehörigen in Halberstadt keinerlei Ansprüche 
darauf erhoben, auch erklärten, die Bestattungs- 
kosten nicht tragen zu wollen. Er diente dem 
Anatomieprofessor Holzberger zu Lehrzwecken 
und hat gewiss in allen seinen Teilen das Studium 
seiner Hörer wesentlich gefördert; mit Ausnahme 
des Kopfes, den der cand. med. Fassmann, i. a. 
C. B. der „Hansea" präparieren sollte. Er ver- 
gass ihn während der Ferien und Hess sich dann, 
da er schon genug Schädel hatte und das Ding 

i68 



zu einem sauberen Präparat doch nicht mehr zu 
gebrauchen war, aus der Schädeldecke einen 
hübschen Knobelbecher machen. Er besass schon 
fünf Würfel aus Wirbelknochen des hingerich- 
teten Mörders Noerrissen, und benötigte für diese 
nun einen geeigneten Becher. Herr cand. med. 
Fassmann war nicht abergläubisch, aber er be- 
hauptete, dass dieser Schädelbecher beim Aus- 
spielen von Frühschoppen ganz ausserordentliche 
Dienste leistete. Er sang sein Lob in so hohen 
Tönen, dass der beinerne Becher und seine knÖ« 
ehernen Würfel im Laufe der Semester allmäh- 
lich eine gewisse Berühmtheit erlangten, erst am 
Stammtische der Herren i. a. C. B. i. a. C. B., dann 
beim S. C. und schliesslich darüber hinaus in der 
ganzen Studentenschaft. Cand. med. Fassmann 
liebte seinen Becher und er sah es fast wie eine 
Art Erpressung an, als ihn — bei Gelegenheit sei- 
nes Examenbesuches bei Exzellenz ten Brinken — 
der Geheimrat bat, ihm doch den berühmten Be- 
cher und die Würfel zu überlassen. Und er wäre 
ganz gewiss nicht darauf eingegangen, wenn er 
sich nicht gerade in Gynäkologie so ausserordent- 
lich schwach gefühlt hätte und wenn nicht gerade 
dieser Professor ein so ausserordentlich scharfer 
und gefürchteter Examinator gewesen wäre. Tat- 
sache ist, dass der Kandidat diese Station mit 
Glanz bestand: so brachte ihm sein Becher gutes 
Glück, solange er ihn besass. 

Auch das, was sonst noch übrigblieb von den 
beiden Menschen, die, ohne einander je gesehen 

169 



zu haben, Alraune ten Brinkens Vater und Mut- 
ter wurden, trat nach deren Tode miteinander in 
eine gewisse Beziehung: der Anatomiediener 
Knoblauch warf die Knochen und Fleischfetzen 
wie gewöhnlich in eine schnell aufgeworfene 
Grube des Anatomiegartens. Hinten an der 
Mauer, wo die weissen Kletterrosen so üppig 
wuchern — 



170 




iimRimsLö 



laaammmM»»: 



»»»mam»»m»m»»m»»»^*m^mmam^»mmmm»a»ai»»a»»M»»a»»»mmmmm»mm»a 



INTERMEZZO 



Alle Sünde, du liebe Freundin, brachte der 
heisse Südwind aus den Wüsten her. Wo die Son- 
ne glüht durch endlose Jahrtausende, da schwebt 
über dem schlafenden Sande ein dünner weisser 
Schwaden. Und der Nebel ballt sich zu weichen 
Wolken, die rollt ringsherum der Wirbelwind, 
formt sie wie runde seltsame Eier: die halten 
aller Sonnen heisse Glut. 

Da schleicht zur bleichen Nachtzeit der Basi- 
lisk herum, den auf seltsame Art einst der Mond 
erzeugte. Er, der ewig unfruchtbare, er ist sein 
Vater; doch die Mutter ist ihm der Sand, un- 
fruchtbar wie jener: das ist das Geheimnis der 
Wüsten. Manche sagen, dass es ein Tier sei, aber 

171 



es ist nicht wahr: ein Gedanke ist es, der da 
wuchs, wo kein Boden war und kein Samen, der 
heraussprang aus dem ewig Unfruchtbaren und 
nun wirre Formen annahm, die das Leben nicht 
kennt. Daher kommt es auch, dass dies Wesen 
niemand beschreiben kann, weil es unbeschreib- 
lich ist, wie das Nichts selbst. 

Wahr aber ist, was die Leute sagen, dass es 
sehr giftig sei. Denn es frisst die Gluteier der 
Sonne, die der Wirbelwind rollte im Wüsten- 
sande. So kommt es auch, dass purpurne Flam- 
men aus seinen Augen schiessen und dass sein 
Atem heiss schwält von grauen Dünsten. 

Aber nicht alle die Nebeleier frisst der Basilisk, 
des bleichen Mondes Kind. Wenn er satt ist, rings 
angefüllt mit den heissen Giften, speit er seinen 
grünen Speichel über die, die noch daliegen im 
Sande, ritzt die weiche Haut mit scharfer Kralle, 
dass der widrige Schleim wohl eindringen möge. 
Und wenn zum Morgen sich der Frühwind hebt, 
sieht er ein seltsames Wogen und Wachsen unter 
den dünnen Schalen, wie von violetten und feucht- 
grünen Schleiern. 

Und wenn ringsum in den Landen des Mittags 
die Eier bersten, die die Glutsonne brütete, Kro- 
kodileier, Kröteneier, Schlangeneier — Eier von 
allen hässlichen Echsen und Lurchen, dann 
springen auch mit einem leichten Knall die gif- 
tigen Eier der Wüste. Kein Kern ist darin, kein 
Echslein und Schlänglein: nur ein luftiges, seltsa- 
mes Gebilde. Allfarbig, wie der Tänzerin Schlei- 

172 



er beim Flammentanze, allduftig, wie die bleichen 
Sangablüten von Labore, alltönend, wie des En- 
gels Israfel klingendes Herz. Und allgiftig auch, 
wie des Basilisken greulicher Leib. 

Da jagt der Südwind von Mittag her. Kriecht 
aus den Sümpfen des heissen Waldlandes, tanzt 
über die Sandwüsten. Der hebt die glühenden 
Schleier der Sonneneier, trägt sie weit fort über 
die blauen Meere. Reisst sie mit, wie leichte Wol- 
ken, wie lose Gewänder nächtlicher Priesterin- 
nen. 

So fliegt zum blonden Norden aller Lüste gif- 
tige Pest — 

Kühl, Schwesterlein, wie dein Norden, sind un- 
sere stillen Tage. Deine Augen sind blau und 
sind gut und wissen nichts von den heissen Lü- 
sten. Wie die schweren Trauben blauer Glyzenen 
sind deiner Tage Stunden, tropfen hinab zum 
weichen Teppich: da schreitet durch sonnenglit- 
zernde Laubengänge mein leichter Fuss. 

Wenn aber die Schatten fallen, blonde Schwe- 
ster, da kriecht ein Brennen über deine junge 
Haut. Nebelschwaden fliegen vom Süden her, die 
atmet deine gierige Seele. Und deine Lippen bie- 
ten in blutigem Kusse aller Wüsten glutheisses 
Gift — 



Dann nicht, du mein blondes Schwesterlein, 
schlafendes Kind meiner traumstillen Tage! — 
Wenn der Mistral leicht die blauen Wogen kräu- 



173 



seit, wenn aus meines Rosenlorbeers Krone der 
süssen Vögel Stimmen klingen, dann blättere ich 
wohl in dem schweren Lederbande des Herrn Ja- 
kob ten Brinken. Langsam wie das Meer flutet 
mein Blut durch die Adern, und ich lese mit dei- 
nen stillen Augen in unendlicher Ruhe Alraunens 
Geschichte. Gebe sie wieder, wie ich sie finde, 
schlicht, einfach — recht wie einer, der frei ist 
von allen Leidenschaften — 

Aber ich trank das Blut, das in Nächten aus 
deinen Wunden floss, das sich mischte mit meinem 
roten Blute, dies Blut, das vergiftet ward durch 
der heissen Wüsten sündige Gifte. Und wenn 
mein Hirn fiebert von deinen Küssen, die 
Schmerzen sind, und von deinen Lüsten, die Qua- 
len bedeuten — dann mag es wohl sein, dass ich 
mich losreisse aus deinen Armen, du wilde 
Schwester — 

Mag es sein, dass ich traumschwer dasitze an 
meinem Fenster zum Meer, in das der Scirocco 
seine Gluten wirft. Mag es sein, dass ich wieder 
greife zu dem Lederbande des Geheimrats, dass 
ich Alraunens Geschichte lese — mit deinen gift- 
heissen Augen. Das Meer schreit an die starren 
Felsen — so schreit mein Blut durch die Adern — 

Anders, ganz anders deucht mich nun das, was 
ich lese. Und ich gebe es wieder, wie ich es finde, 
wild, heiss — recht wie einer, der voll ist von 
allen Leidenschaften — 



174 



SECHSTES KAPITEL, DAS DAVON HANDELT, WIE 
DAS KINDLEIN ALRAUNE HERANWUCHS 



Den Erwerb des Würfelbechers erwähnt der 
Geheimrat in demLederbande, der vonnunan 
nicht mehr die deutliche, klare Hand des Dr. 
Petersen zeigt, sondern seine eigene dünne, lang- 
gezogene, kaum leserliche Schrift. Aber schon 
vor dieser kleinen Episode befinden sich in die- 
sem Bande manche kurze Eintragimgen, von de- 
nen einige für den Verlauf dieser Geschichte von 
Interesse scheinen. 

Die erste betrifft die Operation der Atresia 
vaginalis des Kindes, die ebenfalls Dr. Petersen 
vornahm und der sein vorzeitiges Ende zuzu- 
schreiben ist. Der Geheimrat erwähnt, dass er, 
in Ueberlegung einmal der Ersparnis, die ihm 
der Tod der Mutter gemacht habe, dann der gu- 
ten Hilfe seines Assistenzarztes in der ganzen 
Angelegenheit, diesem einen dreimonatlichen Ur- 
laub mit vollen Bezügen für eine Sommerreise 
bewilligt und ihm obendrein noch eine besondere 
Gratifikation von eintausend Mark versprochen 
habe. Dr. Petersen habe sich auf diese Reise, die 
erste grössere, die er in seinem Leben machen 
sollte, ganz ausserordentlich gefreut, habe aber 

X7S 



darauf bestanden, vorher noch die ziemlich leichte 
Operation vorzunehmen, obwohl man sie ohne 
besondere Bedenken ganz gut noch längere Zeit 
hätte hinausschieben können. Er habe also diese 
Operation ein paar Tage vor seiner beabsichtig- 
ten Abreise gemacht und zwar mit ausgezeichne- 
tem Erfolge für das Kind. Leider habe er sich 
selbst dabei eine schwere Blutvergiftung zugezo- 
gen — was um so erstaunlicher sei, als Dr. Pe- 
tersen sonst stets eine fast übertriebene Sorgfalt 
an den Tag legte — und sei im Laufe von kaum 
achtundvierzig Stunden nach sehr heftigen Lei- 
den gestorben. Die direkte Ursache dieser Blut- 
vergiftung sei nicht festzustellen gewesen; es 
habe sich um eine mit unbewaffneten Auge kaum 
wahrnehmbare Wunde am linken Unterarme ge- 
handelt, die vielleicht von einem leichten Kratze 
der kleinen Patientin herrührte. Der Professor 
hebt dann noch hervor, dass ihm dadurch nun 
schon zum zweiten Male in dieser Angelegenheit 
durch den Tod des Betreffenden die Auszahlung 
einer grösseren Summe erspart worden sei. Ir- 
gendein Kommentar ist an diese Bemerkung nicht 
geknüpft. 

Es wird dann weiter berichtet, dass das Baby, 
das er einstweilen in der Klinik selbst unter der 
Obhut der Oberwärterin gelassen habe, ein ganz 
aussergewöhnlich stilles und zartes Kind sei. Nur 
ein einziges Mal noch habe es geschrien und zwar 
bei Gelegenheit der heiligen Taufe, die der Ka- 
plan Ignaz Schröder im Münster vornahm. Da al- 

176 



lerdings habe es ganz fürchterlich gebrüllt, so 
dass die kleine Gesellschaft — die Wärterin, die 
es trug, die Fürstin Wolkonski sowie Justizrat 
Sebastian Gontram, die seine Taufpaten waren, 
endlich der Pfarrer, der Küster und er selbst — 
durchaus nichts mit ihm hätten anfangen können. 
Von dem Augenblick an, als man es hinaustrug 
aus dem Hause, habe es begonnen zu schreien 
und habe nicht eher wieder aufgehört, bis es wie- 
der von der Kirche dorthin zurückgebracht wor- 
den sei. Im Münster selbst sei sein Geschrei so 
unerträglich gewesen, dass Seine Hochwürden die 
heilige Handlung nach Möglichkeit beschleunigt 
habe, um nur sich selbst und die Anwesenden 
bald von diesem greulichen Ohrenschmause zu 
befreien. Man habe ordentlich aufgeatmet, als 
alles zu Ende gewesen, und die Wärterin mit dem 
Kinde in den Wagen gestiegen sei. 

Es scheint, dass in diesen ersten Lebensjahren 
des Mädchens, dem der Professor aus einer be- 
greiflichen Laune heraus den Namen „Alraune" 
gab, nichts Sonderliches vorgekommen sei, wenig- 
stens finden sich in dem Lederbande kaum be- 
merkenswerte Angaben. Es wird noch berichtet, 
dass der Professor seinen schon vor ihrem Er- 
scheinen in dieser Welt gefassten Entschluss 
wahr machte, das Mädchen adoptierte und in ei- 
nem beglaubigten Testamente als alleinige Er- 
bin, unter ausdrücklichem Ausschluss aller Ver- 
wandten einsetzte. Es wird weiter erwähnt, dass 
die Fürstin dem Kinde als Patengeschenk einen 

la Ewers, Ainune X77 



ganz ausserordentlichen kostbaren und ebenso 
geschmacklosen Halsschmuck übersenden Hess, 
der aus vier mit Brillanten besetzten Goldketten 
und zwei Schnüren grosser schöner Perlen be- 
stand. In der Mitte aber befand sich, wieder reich 
mit Perlen besetzt, eine Schnur brandroten Haa- 
res, die die Fürstin aus einer Locke hatte anferti- 
gen lassen, die sie bei der Erzeugung des Kindes 
der bewusstlosen Mutter abgeschnitten hatte. 

In der Klinik verblieb das Kind über vier Jahre, 
bis zu dem Zeitpunkte, als der Geheimrat dieses 
Institut, sowie die angegliederten Versuchssta- 
tionen, die er ohnehin mehr und mehr vernach- 
lässigt hatte, aufgab. Er nahm es dann heraus 
auf seine Besitzung in Lendenich. 

Dort erhielt das Kind einen Spielkameraden, 
der freilich um fast vier Jahre älter war : das war 
Wölfchen Gontram, der jüngste Sohn des Justiz- 
rates. Geheimrat ten Brinken erzählt wenig ge- 
nug von dem Zusammenbruche des Gontramhau- 
ses; er erwähnt nur kurz, dass dem Tode das 
Spiel in dem weissen Hause am Rhein doch ein- 
mal zu fade geworden sei und dass er in einem 
Jahre die Mutter und drei ihrer Söhne wegge- 
wischt habe. Den vierten der Jungen, Josef, der 
auf Wunsch der Mutter zum Geistlichen bestimmt 
war* habe Seine Hochwürden Kaplan Schröder 
zu sich genommen, während Frieda, die Toch- 
ter, mit ihrer Freundin Olga Wolkonski, die in- 
zwischen einen etwas zweifelhaften spanischen 
Grafen geheiratet hatte, nach Rom gezogen sei 

178 



und in deren Hause dort lebe. Zugleich mit die- 
sen Ereignissen sei der finanzielle Zusammen- 
bruch des Justizrates erfolgt, der trotz des glän- 
zenden Honorars, das ihm die Fürstin für ihren 
endlich gewonnenen Eheprozess gezahlt habe, 
nicht aufzuhalten gewesen wäre. Der Geheimrat 
stellt die Tatsache, dass er das jüngste Kind zu 
sich aufnahm, als eine Art menschenfreundlicher 
Handlung dar, vergisst aber nicht hinzuzufügen, 
dass gerade Wölfchen einige Weinberge mit klei- 
nen Baulichkeiten von einer Tante mütterlicher 
Seite geerbt hatte, so dass seine Zukunft durch- 
aus sichergestellt war. Er bemerkt auch, dass er 
sich die Verwaltung über dies Vermögen von dem 
Vater habe übertragen lassen, fügt sogar hinzu, 
dass er — aus Delikatesse: damit der Junge 
später einmal nicht das Gefühl habe, aus Gnade 
und Barmherzigkeit in fremdem Hause aufgezo- 
gen worden zu sein — von diesen Zinsen den 
Unterhalt des Pflegekindes bestreite. — Es ist 
anzunehmen, dass der Herr Geheimrat bei dieser 
Rechnung nicht zu kurz kam. 

Uebrigens lässt sich aus allen den Eintragun- 
gen, die Geheimrat ten Brinken in diesen Jahren 
in den Lederband machte, wohl schliessen, dass 
Wölfchen Gontram das Brot, das er in Lende- 
nich ass, reichlich selbst verdiente. Er war ein gu- 
ter Spielkamerad für sein Pflegeschwesterchen, 
war mehr als das : war ihr einziges Spielzeug und 
ihr Kindermädchen zugleich. Gewohnt mit seinen 
wilden Brüdern herumxutollen, übertrug sich 

la* 179 



seine Liebe im Augenblicke auf das kleine zarte 
Geschöpf, das allein in diesem weiten Garten, in 
den Ställen, Treibhäusern und allen Gebäuden 
herumlief. Das grosse Sterben im Elternhause, 
der jähe Zusammenbruch alles dessen, was für ihn 
die Welt war, hatte einen starken Eindruck auf 
ihn gemacht — trotz aller Gontramschen Indo- 
lenz. Der kleine hübsche Bursche, der seiner Mut- 
ter grosse schwarze Traumaugen hatte, war still 
geworden, schweigsam und in sich gekehrt. Und 
das so plötzlich erstickte Interesse für tausend 
Knabengedanken schlang sich nun wie leichte 
Ranken um dieses kleine Wesen Alraune, sog sich 
dort fest mit vielen dünnen Würzelchen. Was sei- 
ne junge Brust trug, gab er dem neuen Schwe- 
sterchen, gab es mit der grossen, unbegrenzten 
Gutmütigkeit, die seiner Eltern sonniges Erbteil 
war. 

Wenn er mittags zurückkam aus der Stadt, 
vom Gymnasium, wo er stets in den allerletzten 
Bänken sass, lief er an der Küche vorbei, so 
hungrig er auch war. Suchte im Garten herum, 
bis er Alraune fand. Und die Dienstboten muss- 
ten ihn oft genug mit Gewalt hereinholen, um 
ihm sein Essen zu geben. Niemand kümmerte 
sich so recht um die beiden Kinder, aber während 
sie alle vor dem kleinen Mädchen ein seltsames 
Misstrauen hatten, mochten sie doch Wölfchen 
gern leiden. So übertrug sich auf ihn diese etwas 
plumpe Liebe des Gesindes, die vordem durch 
so lange Jahre Frank Braun, dem Neffen des 

x8o 



Herrn galt, wenn er als Knabe seine Schulferien 
hier verbrachte. Wie einst ihn, so duldete Froits- 
heim, der alte Kutscher, jetzt Wölfchen gern bei 
den Pferden, hob ihn hinauf, Hess ihn reiten auf 
der Wolldecke durch Hof und Garten. Der Gärt- 
ner wies ihm die besten Früchte im Garten, 
schnitt ihm die schwanksten Gerten, und die 
Mägde stellten sein Essen warm, sahen zu, dass 
ihm nirgends etwas abging. Es war wohl so, dass 
der Junge es verstand, sie alle wie seinesgleichen 
zu nehmen, während das Mädchen, so klein es 
auch war, doch eine eigentümliche Art hatte, 
zwischen sich und ihnen allen einen breiten Gra- 
ben zu ziehen. Es plauderte nie mit ihnen und 
wenn es überhaupt sprach, so war das irgendein 
Wunsch, der fast wie ein Befehl klang: gerade 
das, was diese Leute vom Rhein in innerster 
Seele nicht ertragen konnten. Von ihrem Herrn 
nicht — und nun erst von diesem fremden 
Kinde — 

Sie schlugen es nicht; das hatte der Geheim- 
rat streng verboten. Aber sie Hessen auf jede 
Weise das Kind empfinden, dass sie sich durch- 
aus nicht um es kümmerten, taten so, als ob es 
gar nicht da sei. Es lief da herum — gut, sie 
Hessen es laufen. Sorgten für sein Essen, für 
sein Bettchen, für Wäsche und Kleider — — 
aber so, wie sie dem alten bissigen Hofhund sein 
Essen brachten, wie sie seine Hütte fegten und 
ihn losketteten zur Nacht. 

Der Geheimrat bekümmerte sich in keiner 

x8x 



Weise um die Kinder, er Hess sie völlig ihren eige- 
nen Weg gehen. Seitdem er kurz nach der Auf- 
lösung der Klinik auch seine Professur aufgege- 
ben hatte, beschäftigte er sich neben allerlei 
Grundstück- und Hypothekengeschäften nur mehr 
mit seiner alten Liebhaberei, der Archäologie. Er 
betrieb sie, wie alles was er anfasste, als kluger 
Kaufmann und verstand bei allen Museen der 
Welt seine geschickt zusammengestellten Samm- 
lungen zu recht hohen Preisen anzubringen. Die- 
ser Boden, rings um den Sitz der Brinken, bis 
hin zum Rhein und zur Stadt nach der einen 
Seite, bis weit hinaus an die Eifeler Vorgebirge 
nach der andern, stak ja voll von Dingen, die 
einst Rom hertrug und alle seine Hilfsvölker. 
Von jeher sammelten die Brinken, und wenn, auf 
zehn Meilen in der Runde, ein Bauer mit der 
Pflugschar auf irgend etwas stiess, dann grub er 
sorgfältig nach und brachte seine Schätze nach 
Lendenich in das alte Haus, das dem Johann von 
Nepomuk geweiht war. Der Professor nahm 
alles, ganze Töpfe von Münzen, verrostete Waf- 
fen und vergilbte Knochen, Urnen, Schnallen und 
Tränenkrüglein. Er zahlte mit Pfennigen, mit 
Groschen höchstens — aber der Bauer war 
immer gewiss, in seiner Küche einen guten 
Schnaps zu bekommen, auch, wenn es nötig war, 
das Geld, das er brauchte zur Aussaat, freilich 
auf sehr hohe Zinsen, aber ohne die Sicherung, 
die die Banken verlangten. 

Und das war gewiss, dass dieser Boden nie 
182 



mehr ausspie, als in den Jahren, seit Alraune im 
Hause war. Der Professor lachte: sie bringt 
Gold ins Haus. Er wusste gut, dass es zuging 
auf die natürlichste Weise der Welt, dass nur 
seine intensivere Beschäftigung mit all diesen 
Dingen der Grund war, aber er brachte es mit 
Absicht doch in Verbindung mit dem kleinen We- 
sen — spielte mit diesem Gedanken. Er Hess 
sich ein auf recht gewagte Spekulationen, kaufte 
mächtige Komplexe in der Fortsetzung der brei- 
ten Villenstrassc, Hess den Boden aufgraben, jede 
Handvoll Erde durchwühlen. Er machte Ge- 
schäfte mit denkbar grösstem Risiko, sanierte die 
Hypothekenbank, 3er jeder Vernünftige einen 
sicheren Bankerott in kürzester Frist prophe- 
zeite. Aber die Bank hielt sich; was er auch an- 
fasste, ging den rechten Weg. — Dann, durch 
einen Zufall, fand sich ein Sauerbrunnen auf 
einem seiner Grundstücke im Gebirge; er Hess 
ihn fassen und abfüllen. So kam er auf die 
Säuerlinge, kaufte auf, was zu haben war im 
rheinischen Lande, monopolisierte fast diese In- 
dustrie. Er bildete einen kleinen Trust, hing ihm 
ein nationales Mäntelchen um, erklärte, dass man 
gegen das Ausland Front machen müsse, gegen 
die Engländer, denen Apollinaris gehörte. Die 
kleinen Besitzer scharten sich rings um diesen 
Führer, schworen auf ,ihre Exzellenz*, Hessen ihn 
gerne mittun, wenn er bei der Gründung von Ak- 
tiengesellschaften eine Handvoll Anteile für sich 
ausbedang. Und sie taten wohl daran: der Ge- 

X83 



heimrat verdoppelte ihre Interessen und rechnete 
scharf genug ab mit den Aussenseitern, die nicht 
mittun wollten. 

Eine Menge Dinge trieb er durcheinander — 
nur das eine hatten sie gemein, dass sie alle mit 
dem Boden etwas zu tun hatten. Auch das war 
eine Marotte von ihm, ein bewusstes Spiel mit 
Gedanken. Die Alraune zieht Gold aus dem Bo- 
den, dachte er, und so blieb er bei dem, was mit 
der Erde zusammenhing. Er glaubte nicht eine 
Sekunde lang selbst daran; aber doch hatte er 
bei jeder wildesten Grundspekulation das sichere 
Vertrauen, dass sie gelingen müsse. Alles an- 
dere lehnte er ab, ohne es auch nur zu prüfen. 
Sehr vorteilhafte Börsengeschäfte, deren Chan- 
cen sonnenklar schienen, die kaum ein kleinstes 
Risiko boten. Dagegen kaufte er eine Menge 
äusserst fauler Kuxen, Erz sowohl wie Kohlen, 
wurde Gewerke in einer Reihe recht übel be- 
leumdeter Zechen. Er gewann auch hier. — Die 
Alraune tut es, sagte er lachend. 



Dann kam der Tag, wo ihm dieser Gedanke 
mehr wurde als nur ein Witz. 

Wölfchen grub im Garten, hinter den Ställen 
unter dem grossen Maulbeerbaum; dort wollte 
Alraune ihre unterirdische Burg haben. Er grub, 
Tag um Tag, und zuweilen half ihm einer der 
Gärtnerburschen. Das Kind sass dabei, sprach 
nicht, lachte nicht, sah still zu. 



iSi 



Und dann, eines Abends, gab des Knaben 
Schaufel einen hellen Klang. 

Der Gärtnerbursche half ihm; sie gruben vor- 
sichtig, holten mit den Händen die braune Erde 
zwischen den Wurzeln vor. Und sie brachten 
dem Professor ein Wehrgehenk, eine Schnalle und 
eine Handvoll Münzen. Nun Hess er nachgra- 
ben, kunstgerecht; er fand einen kleinen Schatz 

— lauter gallische Stücke, selten und kostbar 
genug. 

Freilich, absonderlich war das nicht. Wenn 
die Bauern ringsum bald hier und bald dort etwas 
fanden — warum sollte nicht auch in seinem 
eigenen Garten etwas verborgen sein? Aber das 
war es: er fragte den Jungen, warum er gerade 
dort gegraben habe, unter dem Maulbeerbaum. 
Und Wölfchen sagte, dass die Kleine es so ge- 
wollt habe — dort und nirgend anders. 

Er fragte auch Alraune. Aber Alraune schwieg. 

Der Geheimrat dachte: sie ist eine Wünschel- 
rute. Sie fühlt es, wo der Grund Schätze hält. 
Er lachte dabei — lachte immer noch. 

Manchmal nahm er sie mit. Hinaus zum Rhein, 
an die Villenstrasse. Ging mit ihr über die 
Grundstücke, wo seine Leute gruben. Fragte sie 

— trocken genug: „Wo soll man graben?" Und 
beobachtete sie scharf, wenn sie ging über die 
Wiesen, ob ihr zarter Leib irgendein Anzeichen 
gäbe, irgend etwas, das vermuten Hesse — 

Aber sie schwieg und ihr kleiner Körper sagte 
nichts. 

x8$ 



Dann, später begriff sie wohl. Manchmal blieb 
sie stehen, irgendwo an beliebiger Stelle. Sagte : 
„Graben." 

Man grub und fand nichts. Dann lachte sie 
hell. 

Der Professor dachte: ,Sie narrt uns.* Aber 
er Hess doch immer wieder graben, wo sie be- 
fahl. 

Ein- oder zweimal fand man etwas. Fand ein 
römisches Grab, dann eine grosse Urne mit frü- 
hen Silbermünzen. 

Jetzt sagte der Geheimrat: „Es ist Zufall." — 
Aber er dachte: ,Es — kann auch Zufall sein!* 



Eines Nachmittags, als der Geheimrat aus der 
Bibliothek trat, sah er den Jungen unter der 
Pumpe stehn. Halbnackt mit weit vorgerecktem 
Oberkörper. Und der alte Kutscher pumpte, liess 
ihm den kalten Strahl über Kopf und Nacken 
laufen, über den Rücken und beide Arme. Rot 
strahlte die Haut und überall waren kleine Bla- 
sen. 

„Was hast du, Wölfchen?" fragte er. 

Der Junge schwieg, biss die Zähne aufeinan- 
der, ob ihm auch die schwarzen Augen voll Trä- 
nen standen. 

Aber der Kutscher sagte: „Es sind Brennes- 
seln. Die Kleine hat ihn mit Brennesseln ge- 
schlagen.** 

Da wehrte er sich: „Nein, nein, sie hat mich 

i86 



nicht geschlagen. Ich bin selbst schuld — ich hab 
mich hineingeworfen." 

Der Geheimrat nahm ihn ins Verhör; mühsam 
genug, und nur mit Hilfe des Kutschers, gelang 
es ihm die Wahrheit herauszuholen. 

Es war schon so: er hatte sich ausgezogen bis zur 
Hüfte, sich hineingeworfen in die Brennesseln und 
darin gewälzt. Aber — auf den Wunsch des 
Schwesterchens. Die hatte bemerkt, dass er sich 
die Hand verbrannte, als er zufällig an das Kraut 
stiess, hatte gesehen, wie sie rot wurde und Bla- 
sen trieb. Da hatte sie ihn veranlasst, auch mit 
der andern Hand hineinzugreifen, dann sich darin 
zu wälzen mit der nackten Brust — 

„Dummer Junge!" schalt ihn der Geheimrat. 
Dann fragte er, ob Alraune auch in die Brenn- 
nesseln gefasst habe. 

„Ja," antwortete der Knabe, „aber sie ver- 
brannte sich nicht." 

Der Professor ging in den Garten, suchte, fand 
endlich sein Pflegekind. Sie stand hinten an der 
grossen Mauer, riss von einem Schutthaufen 
grosse Büschel von Brennesseln. Trug sie in ihren 
nackten Aermchen über den Weg in die Glyzenen- 
laube, schichtete sie dort auf den Boden auf. Ein 
richtiges Lager machte sie. 

„Für wen ist das?" fragte er. 

Die Kleine sah ihn an, sagte dann ernst: „Für 
Wölfchen!" 

Er nahm ihre Hände, betrachtete ihre dünnen 

X87 



Aernfichen. An keiner Stelle war etwas von einem 
Hautausschlag zu bemerken. 

„Komm mit," sagte er. 

Er führte sie in das Treibhaus, da standen in 
langen Reihen japanische Primeln. „Brich die 
Blumen," rief er. 

Und Alraune brach, eine Blüte um die andere. 
Sie musste hinauflangen, hoch sich recken, über- 
all kamen ihre Arme in Berührung mit den gifti- 
gen Blättern. Aber nirgend zeigte sich der bren- 
nende Ausschlag. 

„Sie ist also immun," murmelte der Professor. 

— Und er schrieb in den braunen Lederband 
eine saubere Abhandlung über das Auftreten von 
Urticaria beim Anfassen von Urtica dioica und 
von Primula obconica. Er setzte auseinander, dass 
die Wirkung eine rein chemische sei, dass die 
kleinen Härchen des Stengels und der Blätter, die 
die Haut verletzten, eine Säure ausschwitzten, 
welche an den verletzten Stellen eine lokale Ver- 
giftung hervorrufe. Er untersuchte, ob und in- 
wiefern die Immunität gegen diese Primeln und 
Brennesseln, die sich so selten findet, mit der 
Empfindungslosigkeit der Hexen und Besessenen 
verwandt sei, und ob man bei beiden Erschei- 
nungen die Ursache in einer Autosuggestion 
auf hysterischer Basis zu suchen habe, die diese 
Immunität erklären könne. Nun er einmal an- 
gefangen, in dem kleinen Mädchen etwas Ab- 
sonderliches zu sehen, suchte er gewissenhaft 
nach allen Zufälligkeiten, die ihm für diesen 

x88 



Gedanken zu sprechen schienen. So findet 
sich auch an dieser Stelle die nachgetragene Be- 
merkung — die Dr. Petersen in seinem Be- 
richt als völlig unwesentlich übersehen hatte — 
dass die eigentliche Geburt des Kindes in der Mit- 
ternachtsstunde vor sich ging. 

„Alraune wurde also in dies Leben geholt — 
— wie es sich gehörte," fügte der Geheimrat 
hinzu. 



Der alte Brambach war heruntergekommen 
vom Hügelland, vier Stunden weit vom Dorfe Fi- 
lip her. Er war ein Halbinvalide, zog durch die 
Dörfer des Vorgebirges, verkaufte Kirchenlose 
und dazu Heiligenbilder und billige Rosenkränze. 
Er hinkte in den Hof und Hess dem Geheimrat 
melden, dass er römische Sachen mitgebracht 
habe, die ein Bauer auf seinem Acker gefunden. 
Der Professor Hess ihm sagen, dass er keine Zeit 
habe, und dass er warten solle ; da wartete der alte 
Brambach, sass auf der Steinbank im Hofe und 
rauchte seine Pfeife. 

Dann, nach zwei Stunden, rief ihn der Geheim- 
rat herein. Er Hess immer die Leute warten, auch 
wenn er gar nichts zu tun hatte — nichts 
drückt so die Preise, wie warten lassen, sagte 
er. Aber diesmal war er wirklich beschäftigt; der 
Direktor des Germanischen Museums aus Nürn- 
berg war da und hatte gerade eine hübsche Samm- 
lung angekauft: gallische Funde im Rheinland. 

189 



Der Geheimrat Hess den lahmen Brambach 
nicht hereinkommen in die Bibliothek, hielt ihn 
fest in dem kleinen Vorraum. „Na, alter Hümpe- 
lepümp, zeigt her, was Ihr habt!" rief er. 

Der Invalide knüpfte das grosse rote Taschen- 
tuch auf, legte den Inhalt sorgfältig auf den mor- 
schen Rohrstuhl: viele Münzen, ein paar Helm- 
stücke, ein Schildknauf und ein entzückendes Trä- 
nenfläschchen. Der Geheimrat wandte sich kaum, 
nur ein rascher schielender Blick streifte das 
kleine Fläschchen. „Das ist alles, Brambach?" 
fragte er vorwurfsvoll. Und als der Alte nickte, 
begann er ihn tüchtig auszuschimpfen. So alt sei 
er nun und noch so dumm, wie ein Rotzjunge! 
Vier Stunden weit käme er her und vier müsse 
er zurück — ein paar Stunden müsse er warten 
dazu: so vertrödele er den ganzen Tag um den 
Quark da! Nichts sei der Plunder wert, er solle 
nur alles wieder einpacken und mitnehmen, kei- 
nen bergischen Stüber könne er dafür geben! Wie 
oft müsse er es immer wieder und wieder sagen: 
die dummen Bauern sollten doch nicht um jeden 
Dreck nach Lendenich laufen! Hübsch warten, 
bis sie etwas zusammen hätten und dann alles auf 
einmal bringen! Oder ob es ihm mit seiner krum- 
men Hinkepote so angenehm wäre, den weiten 
Weg von Filip in der Sonnenhitze hin und wieder 
zu traben, um nichts? Schämen solle er sich. 

Der Invalide kratzte sich hinter den Ohren, 
drehte dann verlegen die braune Mütze in den 
Fingern. Er hätte gern irgend etwas gesagt, um 

190 



den Professor umzustimmen; sonst konnte er doch 
ganz gut schwatzen, um seine Sachen anzuprei- 
sen. Aber es fiel ihm gar nichts ein, als der weite 
Weg, den er gekommen — und gerade den machte 
ihm ja der Professor so zum Vorwurf. Er war völ- 
lig zerknirscht und sah durchaus ein, wie dumm 
er war; so machte er gar keine Widerworte. Bat 
nur, die Sachen dalassen zu dürfen — dann 
brauchte er sie wenigstens nicht zurückzuschlep- 
pcn. Der Geheimrat nickte, dann gab er ihm ein 
Fünfzigpfennigstück. 

„Da, Brambach, für den Weg! Aber seid ein 
andermal gescheiter und tut, wie ich euch sagte! 
Und nun geht in die Küche, lasst euch ein Butter- 
brot geben und ein Glas Bier!" 

Der Invalide bedankte sich, froh genug, dass 
es noch so abgelaufen war. Und er hinkte wieder 
über den Hof, der Küche zu. 

Exzellenz ten Brinken aber nahm mit raschem 
Griffe das süsse Tränenfläschchen. Zog ein seide- 
nes Tuch aus der Tasche, reinigte es sorgfältig, 
betrachtete das feine violette Glas von allen Sei- 
ten. Dann erst öffnete er die Türe, trat zurück in 
die Bibliothek, wo der Nürnberger Konservator 
vor den Glaskästen stand, schwenkte sein Fläsch- 
chen in erhobenem Arm. 

„Sehen Sie her, lieber Doktor," begann er, „hier 
habe ich noch einen besonderen Schatz ! Es gehört 
zu dem Grabe der Tullia, der Schwester des Feld- 
herrn Aulus, beim Lager von Schwarz-Rheindorf 
— ich zeigte Ihnen ja vorhin die andern Funde 

X91 



von dort!" Er überreichte ihm das Fläschchen 
und fuhr fort: „Nun bestimmen Sie einmal, wo 
es herstammt!" 

Der Gelehrte nahm das Glas, trat ans Fenster, 
rückte seine Brille zurecht. Er bat sich eine Lupe 
aus und einen Seidenlappen, rieb und wischte, 
hielt das Fläschchen gegen das Licht, wandte es 
hin und her. Etwas zögernd und nicht ganz si- 
cher sagte er endlich : „Hm — es scheint syrisches 
Fabrikat zu sein, aus der Glasfabrik zu Pal- 
myra." 

„Bravo!" rief der Geheimrat. „Vor Ihnen muss 
man sich in acht nehmen, Sie sind ein Kenner!" 
— Hätte der Nürnberger auf Agrigent geraten 
oder auf Munda, so würde er geradeso begeistert 
zugestimmt haben. — „Und nun, Herr Doktor, 
die Zeit?" 

Der Konservator hob noch einmal das Fläsch- 
chen auf. „Zweites Jahrhundert," sagte er dann, 
„erste Hälfte." Und diesmal klang es schon recht 
bestimmt. 

„Ich mache Ihnen mein Kompliment!" bestä- 
tigte der Geheimrat. „Ich glaube nicht, dass noch 
jemand so schnell und treffsicher bestimmen 
könnte!" 

„Ausser Ihnen natürlich, Exzellenz!" erwiderte 
der Gelehrte geschmeichelt. Aber der Professor 
sagte bescheiden: „Sie überschätzen meine 
Kenntnisse bedeutend, Herr Doktor. Ich habe 
nicht weniger wie acht Tage angestrengter Arbeit 
benötigt, um dies Fläschchen mit völliger Gewiss- 

192 



heit bestimmen zu können und ich habe eine 
Menge Bände dazu gewälzt. — Nun, es tut mir 
nicht leid, es ist ein selten schönes Stück — hab's 
freilich auch teuer genug erworben. Der Kerl, der 
es fand, hat sein Glück damit gemacht." 

„Ich möchte es gerne für mein Museum haben," 
erklärte der Direktor. „Was verlangen Sie?" 

„Für Nürnberg nur fünftausend Mark," ant- 
wortete der Professor. „Sie wissen, dass ich al- 
len deutschen Institutionen besondere Preise be- 
rechne. Nächste Woche kommen zwei Herren aus 
London, da werde ich achttausend fordern — und 
gewiss bekommen." 

„Aber Exzellenz," erwiderte der Gelehrte, 
„fünftausend Mark! Sie wissen doch, dass idh sol- 
che Preise nicht bezahlen kann! Das übersteigt 
meine Befugnisse." 

Der Geheimrat sagte: „Es tut mir sehr leid — 
aber ich kann das Fläschchen wirklich nicht an- 
ders geben." 

Der Herr aus Nürnberg wog das kleine Glas in 
der Hand: „Es ist ein entzückendes Tränen- 
fläschlein. Ich bin ordentlich verliebt darin. — 
Dreitausend will ich Ihnen geben, Exzellenz." 

Da sagte der Geheimrat: „Nein, nicht einen 
Heller weniger, wie fünftausend! — Aber ich will 
Ihnen was sagen, Herr Direktor: da Ihnen das 
Fläschchen so gefällt, so erlauben Sie mir, es 
Ihnen persönlich zum Geschenk anbieten zu dür- 
fen. Behalten Sie es zur Erinnerung an Ihre so 
treffsichere Bestimmung." 

13 Ewers, Alraune I9S 



„Ich danke Ihnen, Exzellenz, ich danke Ihnen!" 
rief der Konservator. Er stand auf und drückte 
dem Geheimrat kräftig die Hand. „Aber ich darf 
keinerlei Geschenke annehmen in meiner Stellung 
— verzeihen Sie also, wenn ich ablehne. — Im 
übrigen bin ich bereit, den geforderten Preis zu 
bezahlen, wir müssen das Stück unserm Vater- 
land erhalten, dürfen es nicht den Engländern las- 
sen." 

Er ging zum Schreibtisch und schrieb seinen 
Scheck. Ehe er sich aber empfahl, hatte ihm der 
Geheimrat noch die anderen, weniger interessan- 
ten Stücke angeredet — aus dem Grabe der 
TuUia, der Schwester des Feldherrn Aulus. 

Der Professor Hess anspannen für seinen Gast, 
geleitete ihn hinaus bis zum Wagen. Als er zu- 
rückkam über den Hof, sah er Wölfchen und Al- 
raune bei dem Hausierer stehen, der ihnen seine 
bunten Heiligenbilder zeigte. Der alte Brambach 
hatte sich bei Speis und Trank wieder etwas Mut 
geholt, auch der Köchin einen Rosenkranz ver- 
kauft, von dem er behauptete, dass er vom Bi- 
schof geweiht sei, und der deshalb dreissig Pfen- 
nige mehr kostete, als die andern. Das alles be- 
lebte seine Zunge, die vorhin so furchtsam gewe- 
sen war, er fasste sich ein Herz und humpelte auf 
den Geheimrat zu. 

„Herr Professor," meckerte er, „kaufen Sie 
den Kindern ein hübsches Josefbildchen!" 

Exzellenz ten Brinken war gut gelaunt; so 
antwortete er: „Den heiligen Josef? — Nein! 

194 



Aber habt Ihr nicht den Johann von Nepomuk 
da?" 

Nein, den hatte der Brambach nicht. Den An- 
tonius ja, und den Johannes und den Thomas und 
Jakobus — aber den Nepomuk leider nicht. Und 
er musste sich wieder vorwerfen lassen, dass er 
sein Geschäft nicht verstehe: in Lendenich könne 
man nur mit St. Nepomuk Geschäfte machen, mit 
keinem andern Heiligen. Der Hausierer war be- 
treten genug, aber er machte doch noch einen letz- 
ten Versuch. 

„Ein Los, Herr Professor! Nehmen Sie ein 
Los! Für den Wiederaufbau der Laurentiuskirche 
zu Dülmen! Nur eine Mark kostet's — und je- 
der Käufer bekommt hundert Tage Ablass im Fe- 
gefeuer! — Da steht's gedruckt!" Er hielt ihm 
die Lose unter die Nase. 

„Nein," sagte der Professor. „Wir brauchen 
keinen Ablass — wir sind Geusen, da kommen 
wir so in den Himmel. — Und gewinnen kann 
man bei der Lotterie ja doch nichts." 

„So?" antwortete ihm der Hausierer. „Man 
kann nicht gewinnen? Dreihundert Gewinne 
gibt's und als ersten fünfzigtausend Mark in bar! 
Hier steht's!" Er wies mit dem schmutzigen Fin- 
ger auf das Los. 

Der Professor nahm es ihm aus der Hand. „Du 
alter Esel!" lachte er. „Und hier steht: fünfmal- 
hunderttausend Lose! Da kannst du dir ausrech- 
nen, wieviel Chancen man zum Gewinnen hatl" 

13' 'M 



Er wandte sich zum Gehen, aber der Invalide 
hinkte ihm nach, hielt ihn am Rock fest. 

„Versuchen Sie es trotzdem, Herr Professor," 
bat er. „Unsereins will doch auch leben." 

„Nein!" rief der Geheimrat. 

Doch der Hausierer gab nicht nach. „Ich hab 
so eine Ahnung, als ob Sie gewinnen müssten!" 

„Die hast du immer!" sagte der Geheimrat. 

„Lassen Sie die Kleine ein Los ziehen, das 
bringt Glück!" bettelte Brambach. — Da stutzte 
der Professor. 

„Ich will es versuchen," murmelte er. „Komm 
einmal her, Alraune!" rief er. „Zieh ein Los." 

Das Kind trippelte heran; sorgfältig machte 
der Invalide einen Fächer von seinen Losen, hielt 
ihn ihr entgegen. 

„Mach die Augen zu," gebot er. „So — und 
nun zieh." 

Alraune zog ein Los und gab es dem Geheim- 
rat. Der zögerte einen Augenblick, dann winkte 
er den Knaben heran. „Zieh du auch ein Los, 
Wölfchen," sagte er. 

* ^ * 

In dem Lederbande berichtet Exzellenz ten 
Brinken, dass er fünfzigtausend Mark in der Dül- 
mener Kirchenlotterie gewann. Er könne leider 
nicht feststellen, setzte er hinzu, ob das von Al- 
raune, oder das von Wölfchen gezogene Los der 
Treffer war, da er beide zusammen, ohne die Na- 
men der Kinder daraufzuschreiben, in seinen 

196 



Schreibtisch gelegt hatte. Doch hege er kaum 
einen Zweifel, dass es das der Alraune gewesen 
sei. 

Im übrigen zeigte er sich dem alten Brambach, 
der ihm dieses Geld fast mit Gewalt ins Haus ge- 
bracht hatte, erkenntlich. Er schenkte ihm fünf 
Mark und setzte es durch, dass er aus der Pro- 
vinzialunterstützungskasse für alte notleidende 
Krieger eine regelmässige Ehrengabe von jährlich 
dreissig Mark erhielt. 



197 



SIEBENTES KAPITEL, DAS MITTEILT, WAS GE- 
SCHAH, ALS ALRAUNE EIN MÄGDLEIN WAR 



Von ihrem achten bis zum zwölften Lebens- 
jahre wurde Alraune ten Brinken im Kloster 
Sacre Coeur zu Nancy erzogen, von dieser Zeit 
ab bis zu ihrem siebzehnten Geburtstage in dem 
Pensionat der Mlle. de Vynteelen, Avenue du 
Marteau, in Spa. Zweimal in jedem Jahre, zu den 
Ferien, war sie in dieser Zeit im Hause ten Brin- 
ken zu Lendenich. 

Zuerst versuchte der Geheimrat, sie zu Hause 
unterrichten zu lassen. Er engagierte ein Fräulein, 
um das Kind ein wenig zu erziehen, dann einen 
Lehrer und bald darauf einen zweiten. Aber sie 
verzweifelten alle in kurzer Zeit: mit dem Mäd- 
chen sei mit dem besten Willen nichts anzustel- 
len. Es war durchaus nicht ungezogen, in keiner 
Weise wild und ungebärdig. Aber es gab eben 
keine Antworten, war durch nichts von seinem 
hartnäckigen Schweigen abzubringen. Es sass 
still und ruhig da, blinzelte mit halboffenen Au- 
gen geradeaus; es war kaum festzustellen, ob es 
überhaupt zuhörte. Den Griffel nahm es wohl in 
die Hand, aber es war nicht zu bewegen, Haar- 
striche, Grundstriche oder Buchstaben zu ma- 

198 



chcn — e« zeichnete vielmehr irgendein merk- 
würdiges Tier mit zehn Beinen, oder ein Gesicht 
mit drei Augen und zwei Nasen. 

Was es überhaupt lernte, ehe es der Geheim- 
rat ins Kloster schickte, brachte ihm Wölfchen 
bei. Dieser Knabe, der selbst auf jeder Klasse 
sitzenblieb, unendlich faul war in der Schule und 
auf alle Schularbeit mit souveräner Verachtung 
herabsah, beschäftigte sich zu Hause mit einer 
unendlichen Geduld mit dem Schwesterchen. Sic 
Hess ihn schreiben, lange Reihen von Zahlen, hun- 
derte Male seinen Namen und ihren Namen, und 
sie freute sich, wenn seine ungeschickte Hand 
versagte, wenn die kleinen schmutzigen Finger 
ihm kribbelten. Zu diesem Zwecke nahm sie Grif- 
fel, Bleistift und Feder, lernte eine Zahl, ein Wort 
um das andere, fasste es bald, schrieb es auf und 
Hess es dann den Knaben durch Stunden wieder- 
holen. Immer hatte sie etwas auszusetzen, da 
war dieser, hier jener Strich nicht in Ordnung. 
Sie spielte die Lehrerin — so lernte sie. 

Dann, als irgendein Oberlehrer einmal heraus- 
kam, sich beim Geheimrat zu beklagen über die 
jämmerlichen Leistungen seines Pflegesohnes, 
merkte sie, dass Wölfchen recht schwach sei in 
den Wissenschaften. Und nun spielte sie Schule 
mit ihm, kontrollierte ihn, Hess ihn hocken bis in 
die Nacht hinein, überhörte ihn und machte ihn 
lernen. Sie sperrte ihn ein, schloss die Türe ab, 
Hess ihn nicht eher wieder herauskommen, bis er 
seine Aufgabe erledigt hatte. Und sie tat so, als 

199 



ob sie das alles wüsste, duldete keinen Zweifel 
an ihrer Ueberlegenheit. 

Sie fasste sehr leicht und sehr schnell. Sie wollte 
sich keine Blossen geben vor dem Knaben, so 
nahm sie ein Buch vor um das andere. Griff dies 
auf und das, ohne Zusammenhang, wild durch- 
einander. So weit ging es, dass der Junge, wenn 
er irgend etwas nicht wusste, zu ihr kam, sie zu 
fragen, durchaus überzeugt, dass sie es wissen 
müsste. Dann hielt sie ihn hin, sagte, dass er nach- 
denken solle, schalt ihn aus. So gewann sie Zeit, 
suchte in den Büchern, lief auch wohl, wenn sie 
sich gar nicht zurechtfinden konnte, zu dem Ge- 
heimrat und fragte den. Kam dann zurück zu dem 
Knaben, fragte, ob es ihm noch nicht eingefallen 
sei. Gab ihm endlich die Antwort. 

Der Professor merkte dies Spiel, das ihn amü- 
sierte. Und er würde nie daran gedacht haben, das 
Mädchen aus dem Hause zu geben, wenn nicht 
die Fürstin ihn immer wieder gedrängt hätte. Von 
jeher eine gute Katholikin, wurde diese Frau 
gläubiger mit jedem neuen Jahre, es war, als ob 
jedes Kilo Fett sie wieder ein wenig frömmer 
machte. Sie bestand darauf, dass ihr Patenkind 
im Kloster erzogen werden müsse, und der Ge- 
heimrat, der nun schon seit Jahren ihr finanziel- 
ler Berater war und mit den Millionen der Für- 
stin fast wie mit seinen eignen operierte, hielt es 
für klug, ihr in diesem Punkte zu Gefallen zu 
sein: so kam Alraune nach Nancy ins Sacre 

Coeur. » « 

* 

aoo I 



Für diese Zeit finden sich in dem Lederbandc, 
ausser kurzen Eintragungen von des Geheimrats 
Hand, einige längere Berichte der mire su- 
p6rieure. Der Professor grinste, als er sie einhef- 
tete, besonders bei den lobenden Stellen, wenn 
von den ausserordentlichen Fortschritten des 
Mädchens die Rede war: er kannte seine Klöster 
und wusste gut, dass man nirgends auf der Welt 
weniger lernen kann, als bei den frommen Schwe- 
stern. Und es machte ihm Spass, als die anfäng- 
lichen Lobestiraden, die alle Eltern bekamen, bei 
Alraune sehr bald einer anderen Tonart Platz 
machten, als die mere superieure immer wieder 
und immer mehr bewegliche Klagen über allerlei 
Grausamkeiten zu berichten hatte. Und diese 
Klagen hatten stets denselben Grund: nicht das 
Betragen des Mädchens selbst, nicht ihre Leistim- 
gen gaben zu Vorstellungen Anlass, es war im- 
mer nur der Einfluss, den sie auf ihre Mitschüle- 
rinnen ausübte. 

— „Es ist wohl wahr," schrieb die r6verendc 
mere, „dass das Kind nie selbst Tiere quält; we- 
nigstens ist sie nie dabei ertappt worden. Aber 
es ist ebenso wahr, dass alle kleine Grausamkei- 
ten — die sich die Schülerinnen zuschulden kom- 
men lassen, in ihrem Kopfe entstanden sind. Zu- 
erst wurde die kleine Marie, ein sehr braves und 
folgsames Kind, dabei erwischt, wie sie im Klo- 
stergarten mit Grashalmen Fröschlein aufblies. 
Zur Rede gestellt, wie sie dazu komme, gestand 
sie, dass Alraune ihr den Gedanken eingegeben 

toi 



habe. Wir wollten das erst nicht recht glauben, 
dachten vielmehr, dass es nur eine Ausrede sei, 
um die Schuld einigermassen von sich abzuwäl- 
zen. Aber bald darauf wurden zwei andere Mäd- 
chen dabei entdeckt, wie sie einige grosse Nackt- 
schnecken mit Salz bestreuten, so dass die ar- 
men Tiere, die doch auch Gottesgeschöpfe sind, 
sich auf qualvolle Weise zu Schleim auflösten. 
Und wieder gaben die zwei Kinder an, dass Al- 
raune sie angestiftet habe. Ich stellte sie nun 
selbst zur Rede und das Kind gab ohne weiteres 
alles zu, erklärte, dass es das einmal gehört habe 
und nun habe sehen wollen, ob es wirklich so 
wäre. Auch die Anstiftung zum Fröscheaufblasen 
gestand sie ein; sie sagte, dass es so hübsch knalle, 
wenn man dann den aufgeblasenen Frosch mit 
einem Stein zerschlage. Sie selbst würde es frei- 
lich nicht tun, weil so leicht von dem zerquetsch- 
ten Frosch einem etwas auf die Hand spritzen 
könne. Gefragt, ob sie ihre Sünden einsehe, er- 
klärte sie: nein, sie habe ja nichts getan; und was 
andere Kinder täten, ginge sie gar nichts an." 

Bei dieser Stelle befindet sich eine Parenthese 
des Geheimrats, die lautet: „Sie hat vollkommen 
recht." j 

„Trotz allen Strafen", ging der Brief weiter, 
„haben wir dann in kurzer Zeit noch einige an- 
dere bedauerliche Fälle feststellen müssen, die 
wieder Alraune zur Urheberin hatten. So stach 
Clara Maassen aus Düren, ein Mädchen einige 
Jahre älter als Alraune, das bereits seit vier Jah- 

202 



rcn in unserer Pflege ist und sonst nie den gering- 
sten Anlass zur Klage gab, einem jungen Maul- 
wurf mit der glühend gemachten Stricknadel beide 
Augen aus. Sie war über ihre Tat selbst so ent- 
setzt, dass sie ein paar Tage, bis zum nächsten 
Beichttag, ein äusserst aufgeregtes Wesen zur 
Schau trug und ohne jeden Anlass immer wieder 
zu weinen begann; sie beruhigte sich erst wieder, 
nachdem sie Absolution empfangen hatte. Hier 
erklärte Alraune, dass Maulwürfe in der dunklen 
Erde kröchen, und es also ganz gleichgültig sei, 
ob sie sehen könnten oder nicht. Dann fanden 
wir im Garten Vogelfallen, die sehr sinnreich zu- 
sammengesetzt waren, die kleinen Vogelstellerin- 
nen, die Gott sei Dank noch nichts gefangen hat- 
ten, wollten durchaus nicht mit der Sprache her- 
aus, wie sie auf den Gedanken gekommen seien. 
Erst unter der Androhung schärfster Strafen ge- 
standen sie, dass Alraune sie verlockt und zu glei- 
cher Zeit bedroht habe, ihnen etwas anzutun, 
wenn sie sie verraten würden. — Und leider ist 
der unheilvolle Einfluss des Kindes auf ihre Mit- 
schülerinnen in letzter Zeit derartig gestiegen, 
dass wir kaum mehr die Wahrheit ermitteln kön- 
nen. So wurde Helene Petiot von der Klassen- 
schwester dabei erwischt, wie sie in der Frei- 
stunde Fliegen fing, ihnen vorsichtig mit der 
Schere die Flügel abschnitt, die Beinchen ein- 
zeln ausriss und sie dann in einen Ameisenhaufen 
warf. Das kleine Mädchen blieb aber dabei, dass 
es ganz allein auf den Gedanken gekommen sei 

303. 



und beteuerte selbst vor Seiner Hochwürden, dass 
Alraune nichts damit zu tun hätte. Genau so hart- 
näckig leugnete gestern ihre Cousine Ninon, die 
unserer braven alten Katze einen alten Blechtopf 
an den Schwanz gebunden hatte, der das arme 
Tier halb verrückt machte. Trotzdem sind wir 
überzeugt, dass auch hier Alraune wieder ihre 
Hand im Spiele hatte." 

Die mere superieure schreibt dann weiter, dass 
sie eine Konferenz zusammenberufen habe und 
dass man beschlossen habe. Seine Exzellenz er- 
gebenst zu bitten, seine Tochter vom Kloster 
wegzunehmen und so bald wie möglich abholen 
zu lassen. — Der Geheimrat antwortete, dass er 
die Vorkommnisse ausserordentlich bedaure, aber 
bitten müsse, das Kind einstweilen noch im Klo- 
ster zu lassen: je schwieriger die Arbeit, um so 
grösser nachher der Erfolg. Er zweifle nicht, dass 
es der Geduld und der Frömmigkeit der Schwe- 
stern gelingen würde, das Unkraut in dem Her- 
zen seines Kindes auszuroden und dieses zu einem 
schönen Garten des Herrn zu machen. 

Im Grunde war es ihm darum zu tun, zu se- 
hen, ob wirklich der Einfluss dieses zarten Kin- 
des stärker wäre als alle Klosterzucht und alle 
Einwirkung der frommen Schwestern. Er wusste 
recht gut, dass das billige Kloster von Sacre 
Coeur in Nancy ohnehin nicht gerade von den be- 
sten Familien beschickt war, dass es sehr froh 
sein musste, das Töchterlein einer Exzellenz un- 
ter seinen Schülerinnen zu zählen. Er täuschte 

204 



sich nicht: die r6v6rcnde mhre antwortete, dass 
man es mit Gottes Hilfe noch einmal versuchen 
wolle und dass alle Schwestern sich freiwillig 
bereit erklärt hätten, allabendlich in ihr Gebet 
eine besondere Bitte für Alraune mit einzuschlies- 
sen. Worauf ihnen der Geheimrat grossmütig 
einen Hundertmarkschein für ihre Armen sandte. 

♦ * ♦ 

In diesen Ferien beobachtete der Professor 
ziemlich gründlich das kleine Mädchen. Er kannte 
die Gontramfamilie vom Urgrossvater her und er 
wusste, dass ihnen die Liebe zu allen Tieren mit 
der Muttermilch eingeflösst war. Wie gross auch 
des Kindes Einfluss auf den soviel älteren Kna- 
ben war — hier musste er einen Damm finden, 
musste machtlos werden an diesem innersten Ge- 
fühl grenzenloser Güte. 

Und doch erwischte er Wölfchen Gontram eines 
Nachmittags bei dem kleinen Teich, unter dem 
Trompetenbaum. Er kniete auf der Erde, vor ihm 
sass auf einem Stein ein grosser Frosch. Der 
Junge hatte ihm eine brennende Zigarette in das 
breite Maul gesteckt, tief hinein in den Rachen. 
Und der Frosch rauchte in Todesangst. Er ver- 
schluckte den Rauch, sog ihn in den Magen, mehr 
und immer mehr; aber er stiess ihn nicht wieder 
aus — so wurde er dicker und dicker. Wölfchen 
starrte ihn an, dicke Tränen liefen ihm über die 
Wangen. Aber er zündete doch, als die Zigarette 
heruntergebrannt war, eine zweite an, nahm den 
Stummel dem Frosch aus dem Hals, steckte ihm 

aos 



mit zitternden Fingern die frische ins Maul. Und 
der Frosch schwoll unförmig an, dick quollen ihm 
die grossen Augen aus den Höhlen. Es war ein 
starkes Tier: zwei und eine halbe Zigarette 
konnte es vertragen, ehe es zerplatzte. Der Junge 
schrie jammernd auf, es schien, als ob sein 
Schmerz noch viel grösser sei, als der des Tie- 
res, das er zu Tode quälte, ^r sprang zurück, als 
wollte er fliehen in das Gebüsch hinein, blickte 
sich um, lief, als er sah, dass der zerrissene Frosch 
sich noch bewegte, schnell hinzu, trat wild und 
verzweifelt mit den Absätzen auf dem Tier her- 
um, um es zu töten und so von seinen Qualen 
zu befreien. 

Der Geheimrat nahm ihn am Ohr, untersuchte 
zuerst seine Taschen. Er fand noch ein paar Zi- 
garetten und der Junge gestand, sie vom Schreib- 
tische aus der Bibliothek genommen zu haben. 
Aber er war nicht zu bewegen, eine Antwort dar- 
auf zu geben, wer ihm das beigebracht habe, dass 
rauchende Frösche sich selbst aufblasen und end- 
lich zerplatzen. Da half kein Zureden und die Prü- 
gel, die ihm der Professor sehr reichlich durch den 
Gärtner geben Hess, halfen erst recht nichts. Auch 
Alraune leugnete hartnäckig, selbst dann noch, 
als eine der Mägde angab, dass sie gesehen habe, 
wie das Kind die Zigaretten nahm. Trotzdem 
blieben die beiden dabei: der Knabe, dass er die 
Zigaretten gestohlen habe, und das Mädchen, 
dass sie es nicht getan habe. 

Noch ein Jahr blieb Alraune im Kloster, dann 

206 



wurde sie — mitten im Schuljahr — nach Hause 
geschickt. Und diesmal gewiss mit Unrecht: nur 
die abergläubischen Schwestern glaubten an ihre 
Schuld und, vielleicht, ein klein wenig auch der 
Geheimrat. Aber kein vernünftiger Mensch würde 
es tun. 

Schon einmal war im Sacre Coeur eine Krank- 
heit ausgebrochen, die Masern. Siebenundfünfzig 
kleine Mädchen lagen in ihren Bettchen, und nur 
sehr wenige, darunter Alraune, gingen gesund 
herum. Diesmal aber war es viel schlimmer: eine 
Typhusepidemie. Acht Kinder starben und eine 
Schwester; fast alle andern waren krank. Aber 
Alraune ten Brinken war nie so gesund wie in 
dieser Zeit, sie nahm zu, blühte, lief fröhlich durch 
alle Krankenzimmer. Und da sich niemand um 
sie kümmerte in diesen Wochen, so lief sie trepp- 
auf und ab, setzte sich an alle Bettchen und er- 
zählte den Kindern, dass sie sterben müssten, 
morgen schon, und dass sie alle in die Hölle kä- 
men. Sie aber, Alraune, würde leben und würde 
doch in den Himmel kommen. Und sie ver- 
schenkte überall ihre Heiligenbildchen, sagte den 
kranken Mädchen, dass sie fleissig beten sollten 
zur Madonna und zum heiligen Herzen Jesu — 
— aber dass es doch nichts nutzen würde. Bren- 
nen müssten sie doch und tüchtig braten — 
o es war erstaunlich wie gut sie das alles ausma- 
len konnte. Manchmal, wenn sie gut gelaunt war, 
war sie milde: dann versprach sie nur hundert- 
tausend Jahre Fegefeuer. Aber auch das war am 

aoy 



Ende schlimm genug für die kranken Sinne der 
frommen kleinen Mädchen. Der Arzt warf Al- 
raune höchst eigenhändig aus dem Zimmer und 
die Schwestern, fest überzeugt, dass sie allein 
die Krankheit ins Kloster gezogen habe, schickten 
sie Hals über Kopf nach Hause. 

Der Professor lachte und war entzückt über 
diesen Bericht. Und er wurde kaum ernster, 
als kurz nach des Kindes Ankunft zwei seiner 
Mägde am Typhus erkrankten und alle beide bald 
darauf im Krankenhause starben. Der Vor- 
steherin des Klosters zu Nancy aber schrieb er 
einen entrüsteten Brief, in dem er sich bitter be- 
klagte, dass man ihm unter den obwaltenden 
Umständen die Kleine ins Haus gesandt habe. Er 
verweigerte die Zahlung des Schulgeldes für das 
letzte halbe Jahr und verlangte energisch Rück- 
erstattung des Geldes, das er für die kranken 
Mägde hatte auslegen müssen. Und es ist ja rich- 
tig vom sanitären Standpunkte aus hätten 

die Schwestern vom Sacre Coeur nicht so han- 
deln dürfen. 

* * * 

Im übrigen handelte Exzellenz ten Brinken 
nicht viel anders. Er hatte nicht gerade Angst 
vor. der Ansteckungsgefahr, aber, wie allen Aerz- 
ten, so waren auch ihm Krankheiten sehr viel 
sympathischer bei andern Menschen, als am eige- 
nen Leibe. Er Hess Alraune so lange in Lende- 
nich, bis er sich in der Stadt nach einer guten 

208 



Pension erkundigt hatte; dann, schon am vier- 
ten Tage, sandte er sie nach Spa, in das berühmte 
Institut der Mlle. de Vynteelen. Der schweig- 
same Aloys musste sie begleiten. Die Reise ging 
für das Kind ohne Zwischenfall vonstatten, wäh- 
rend der Diener zwei kleine Erlebnisse hatte: 
auf der Hinfahrt fand er ein Portemonnaie mit 
einigen Silberstücken und auf der Rückfahrt zer- 
quetschte er sich, beim Zuschlagen der Coupetür 
einen Finger. Der Geheimrat nickte befriedigt, 
als ihm Aloys diesen Bericht abstattete. 

Von den Jahren, die Alraune in Spa zubrachte, 
wusste Fräulein Becker, die deutsche Lehrerin, 
die auch aus der Universitätsstadt am Rhein 
stammte und dort ihre Ferien verbrachte, dem 
Geheimrat viel zu erzählen. Gleich vom ersten 
Tage an habe Alraune begonnen in der alten 
Avenue du Marteau ihre Herrschaft auszuüben, 
und diese Herrschaft habe sich nicht nur auf ihre 
Mitschülerinnen erstreckt, sondern auch auf die 
Lehrerinnen und ganz besonders auf die Miss, 
die schon nach wenigen Wochen ein fast willen- 
loses Spielzeug der absurden Launen des kleinen 
Mädchens geworden sei. So habe Alraune gleich 
beim Frühstück erklärt, dass sie Honig und Mar- 
melade nicht möge, dass sie vielmehr Butter ha- 
ben wolle; Mlle. de Vynteelen habe ihr natürlich 
keine Butter gegeben. Nach wenigen Tagen 
schon hätten einige der andern Pensionärinnen 
auch Butter verlangt und schliesslich sei durch 
das ganze Institut ein grosser Schrei nach 

14 Ewers, Alraune 209 



Butter gegangen. Miss Patterson aber, die nie 
in ihrem Leben etwas anderes zum Morgentee 
genossen habe, als Toast mit Jam, habe plötzlich 
auch eine unstillbare Sehnsucht nach Butter emp- 
funden — so habe die Vorsteherin nachgeben 
und die grosse Butterforderung bewilligen müs- 
sen. — Alraune aber habe von diesem Tage an 
mit Vorliebe Orangenmarmelade genommen. 

Tierquälereien, erklärte Fräulein Becker auf die 
besondere Frage des Geheimrats, kamen in die- 
sen Jahren im Pensionat Vynteelen nicht vor, 
wenigstens wurde kein einziger solcher Fall ent- 
deckt. Dagegen habe Alraune sowohl die an- 
dern Kinder, wie die Lehrer und Lehrerinnen 
gründlich gequält, besonders den armen Musik- 
professor. In seiner Schnupftabaksdose, die er 
stets im Mantel auf dem Korridor Hess, um nicht 
in die Versuchung zu kommen, während der 
Stunden zu schnupfen, seien seit Alraunens 
Eintritt die merkwürdigsten Gegenstände gefun- 
den worden, so: dicke Kreuzspinnen und Keller- 
asseln, dann Schiesspulver, Pfeffer, Streusand mit 
Tinte und einmal gar zerhackte Tausendfüsse. 
Einige Male seien Mädchen dabei ertappt und 
auch dafür bestraft worden — nie aber Alraune. 
Doch habe diese dem alten Musiker stets eine 
passive Resistenz gezeigt, nicht geübt und in der 
Stunde die Hände in den Schoss gelegt und sie 
nie zum Spiel erhoben. Als aber der Professor 
sich in seiner Verzweiflung endlich einmal bei 
der Leiterin beschwert habe, habe Alraune ruhig 



210 



erklärt, dass der Alte lüge. Mlle. de Vynteelen 
wohnte dann der nächsten Stunde persönlich bei 
— und, siehe da, das kleine Mädchen konnte 
seine Lektion vorzüglich, spielte besser wie eine 
der andern und zeigte plötzlich eine ganz erstaun- 
liche Fertigkeit. Die Pensionsdame machte dem 
Musiklehrer heftige Vorwürfe — der sprachlos 
dabeistand und nichts anderes zu sagen wusste, 
als: „Mais c'est aiccoyable — c'est vraiment 
aiccoyable !" 

Weshalb ihn die kleinen Pensionfräulein von 
nun an nur noch ,Monsieur Incroyable' nannten; 
sie riefen es ihm nach, wo er sich nur sehen Hess, 
und sprachen es aus, wie er, als ob sie keine 
Zähne mehr im Munde hätten. 

Was die Miss angehe, so habe sie kaum mehr 
einen ruhigen Tag erlebt, stets sei ihr wieder ein 
neuer dummer Streich gespielt worden. Man 
habe ihr Juckpulver ins Bett gestreut, und ein- 
mal, nach einer Landpartie, sogar ein halbes 
Dutzend Flöhe hineingesetzt. Bald war der 
Schlüssel zu ihrem Schranke, oder zu ihrem Zim- 
mer verschwunden, bald waren alle Haken und 
Oesen von dem Kleide, das sie gerade anziehen 
wollte, abgetrennt. Einmal, als sie zu Bett ge- 
hen wollte, erschreckte sie zu Tode die Wirkung 
des Brausepulvers in ihrem ,Vase de nuit', und 
ein andermal flogen ihr durch das offene Fenster 
brennende Schwärmer herein, so dass sie laut um 
Hilfe schrie. Bald war der Stuhl, auf den sie 
sich setzte, mit Leim oder Farbe beschmiert, bald 

14* an 



fand sie in ihren Taschen eine tote Maus oder 
einen alten Hühnerkopf. Und so ging es fröh- 
lich weiter, die arme Miss konnte kaum eine 
Stunde mehr ihres Lebens froh werden. Eine 
Untersuchung löste die andere ab, stets wurden 
ein paar Schuldige ermittelt und bestraft. Nie 
aber befand sich Alraune dabei, obwohl jeder- 
mann überzeugt war, dass sie die eigentliche Ur- 
heberin all dieser Streiche war. Die einzige, die 
diesen Verdacht mit Entrüstung zurückwies, war 
die Engländerin selbst; sie schwor auf die Un- 
schuld des Mädchens, tat es bis zu dem Tage, 
als sie dem Institut de Vynteelen den Rücken 
kehrte: dieser Hölle, wie sie sagte, die nur einen 
kleinen süssen Engel beherbergte. 

Der Geheimrat grinste, als er in dem Leder- 
bande eintrug: „Dieser kleine süsse Engel ist Al- 
raune." 

Was sie selbst angehe, erzählte Fräulein 
Becker dem Professor weiter, so habe sie es von 
vornherein vermieden, mit dem seltsamen Kinde 
in Berührung zu kommen. Das sei ihr um so 
leichter möglich gewesen, als sie ja hauptsächlich 
sich mit den französischen und englischen Schü- 
lerinnen beschäftigen musste und Alraune nur 
im. Turnen und in der Handarbeit zu unterrich- 
ten gehabt hätte. Von letzterem Gegenstand habe 
sie sie gleich dispensiert, als sie gesehen habe, 
dass Alraune nicht nur kein Interesse dafür, son- 
dern geradezu einen direkten Widerwillen dage- 
gen zeigte; in den Turnstimden aber, in denen 

212 



sie sich übrigens stets ausgezeichnet, habe sie 
immer so getan, als ob sie die Launen des Kin- 
des gar nicht bemerkte. Nur einmal habe sie, 
und zwar bald nach Alraunens Eintritt, einen 
kleinen Zusammenstoss mit ihr gehabt, bei dem 
sie, wie sie leider zugeben müsse, durchaus den 
kürzeren zog. Sie habe zufällig in einer Frei- 
stunde gehört, wie Alraune ihren Mitschülerin- 
nen von ihrem Aufenthalte im Kloster erzählte, 
dabei so abscheulich renommierend und frech 
aufschneidend, dass sie es für ihre Pflicht gehal- 
ten habe, einzuschreiten. Auf der einen Seite 
habe die Kleine erzählt, wie wundervoll und herr- 
lich da alles sei, auf der andern Seite habe sie 
wahre Mordgeschichten berichtet über allerhand 
Untaten der frommen Schwestern. Da sie nun 
selbst in dem Kloster von Sacre Coeur zu Nancy 
erzogen worden sei, also recht gut wisse, dass es 
da sehr einfach und schlicht zugehe, dass auch die 
Nonnen die harmlosesten Geschöpfe von der Welt 
seien, so habe sie Alraune herausgerufen und ihr 
diese Schwindelgeschichten vorgeworfen, auch 
verlangt, dass das Mädchen sogleich ihren Mit- 
schülerinnen sage, dass sie die Unwahrheit ge- 
sprochen. Als das Alraune hartnäckig verwei- 
gerte, habe sie erklärt, dass sie es dann selber den 
Mädchen sagen würde. Darauf habe Alraune 
sich hoch auf ihre Fussspitzen gereckt, sie still 
angesehen und ruhig erwidert: „Wenn Sie das 
sagen, Fräulein, werde ich erzählen, dass Ihre 
Mutter zu Hause einen kleinen Käseladen hat." 

az3 



Sie, Fräulein Becker, müsse bekennen, dass 
sie schwach genug gewesen sei, einer falschen 
Scham nachzugeben und dem Kinde seinen Wil- 
len zu lassen. Es habe freilich, fügte sie hinzu, 
aus der leisen Stimme des Mädchens etwas so 
Ueberlegenes geklungen, dass sie sich in dem Au- 
genblicke beinahe gefürchtet. Sie habe Alraune ste- 
hen lassen und sei in ihr Zimmer gegangen, froh, 
mit dem kleinen Geschöpf in keinen Streit gera- 
ten zu sein. Uebrigens habe sie die verdiente 
Strafe dafür, dass sie ihre gute Mutter so ver- 
leugnet, bald genug erhalten : Alraune habe schon 
am nächsten Tage die andern Pensionärinnen 
doch mit der Tatsache des mütterlichen Käse- 
ladens bekannt gemacht und es habe viel Mühe 
gekostet, den Respekt, den sie dadurch im In- 
stitut einbüsste, nach und nach sich wieder zu 
erobern. 

Viel schlimmer aber, als ihren Vorgesetzten, 
spielte Alraune ihren Kameradinnen mit — da 
war nicht eine in der Pension, die nicht darunter 
zu leiden hatte. Und es schien, seltsam genug, 
als ob die Kleine sich durch jede neue Untat noch 
beliebter machte. Wohl schalt jene der Pensionä- 
rinnen, die sie sich gerade zum Opfer auserse- 
hen hatte, aber dann waren alle andern stets auf 
Alraunes Seite; sie war beliebter wie eines der 
anderen Mädchen. Fräulein Becker berichtete dem 
Geheimrat darüber eine Menge Einzelheiten, eini- 
ge der krassesten Fälle erwähnt dieser dann in 
dem Lederbande. 

214 



Blanche de Banville war aus den Ferien zu- 
rückgekehrt, die sie bei ihren Verwandten in der 
Picardie verbracht hatte; bei dieser Gelegenheit 
hatte sich das warmblütige vierzehnjährige Ding 
bis über beide Ohren in ihren nicht viel älteren 
Vetter verliebt. Sie schrieb ihm auch von Spa 
aus und der Junge antwortete: B. d. B., poste 
restante; dann aber hatte er wohl etwas Besse- 
res zu tun — jedenfalls blieben die Briefe aus. 
Alraune wusste um das Geheimnis, sie und die 
kleine Louisen. Blanche war natürlich sehr un- 
glücklich und weinte ganze Nächte hindurch; 
Louison sass dann bei ihr und suchte sie zu trö- 
sten. Alraune aber erklärte, man dürfe sie nicht 
trösten; ihr Vetter sei ihr untreu geworden und 
habe sie verraten, und Blanche müsse nun ster- 
ben an unglücklicher Liebe. Das sei das einzige 
Mittel, um dem Falschen seine Untat recht vor- 
zustellen; -zeit seines Lebens würde er dann von 
Furien gefoltert herumlaufen. Und sie wusste 
eine Menge berühmter Beispiele, wo es auch so 
gewesen sei. Blanche war einverstanden mit dem 
Sterben, aber es ging nicht so recht; sogar das 
Kssen schmeckte ihr stets vorzüglich, trotz ihres 
grossen Schmerzes. Da erklärte Alraune, dass 
Blanche die Pflicht habe, sich selbst umzubrin- 
gen, wenn sie denn durchaus nicht an gebroche- 
nem Herzen sterben könne. Sie empfahl einen 
Dolch oder eine Pistole — aber man hatte we- 
der das eine noch das andere. Auch war Blanche 
nicht zu bewegen, aus dem Fenster zu springen, 

ai5 



hoch eine Hutnadel sich ins Herz zu stossen, 
noch auch sich aufzuhängen. Nur schlucken 
wollte sie, und sonst nichts. Aber Alraune wuss- 
te bald Rat. In dem Arzeneischränkchen der 
MUe. de Vynteelen stand eine Lysolflasche — die 
musste Louison stehlen. Es war leider nur noch 
ein ganz kleines Restchen darin, darum musste 
Louison noch von ein paar Dosen mit Streichhöl- 
zern die Phosphorköpfe abkratzen. Blanche 
schrieb einige Abschiedsbriefe, an ihre Eltern, an 
die Vorsteherin und an den verräterischen Ge- 
liebten ; dann trank sie das Lysol und schlang die 
Zündholzköpfe — beides schmeckte ihr abscheu- 
lich genug. Um aber ja ihrer Sache sicher zu sein, 
Hess sie Alraune noch drei Päckchen mit Nähna- 
deln herunterschlucken. — Sie selbst war übri- 
gens bei diesem Selbstmordversuche nicht zuge- 
gen, war vielmehr unter dem Vorwande, aufpas- 
sen zu wollen, in ihr Zimmer gegangen, nachdem 
ihr Blanche auf das Kruzifix geschworen hatte, 
alles genau zu tun. Die kleine Louison sass an 
dem Abend an dem Bette ihrer Freundin, sie 
reichte ihr unter jämmerlichen Tränen, erst das 
Lysol, dann die Phosphorköpfchen und endlich 
die Nähnadelbriefchen. Als aber dieses dreifache 
Mordgift der armen Blanche sehr schlecht be- 
kam, als sie sich wand imd vor Schmerzen schrie, 
da schrie Louison mit, dass das Haus dröhnte, lief 
hinaus aus dem Zimmer, holte die Vorsteherin 
und die Lehrerinnen und zeterte, dass Blanche 
im Sterben liege. 

216 



Blanche de Banville starb gar nicht, ein ge- 
schickter Arzt gab ihr gleich ein tüchtiges Brech- 
mittel, das das Lysol und das Phosphor und auch 
die Nadelbriefchen wieder hervorholte. Freilich 
hatte sich eines von diesen gelöst und ein halbes 
Dutzend Nadeln im Magen verloren: die wan- 
derten durch den Körper, kamen an allen mög- 
lichen Stellen im Laufe der Jahre wieder heraus 
und erinnerten die kleine Selbstmörderin noch 
oft schmerzhaft genug an ihre erste Liebe. 

Blanche lag noch lange im Bett und hatte 
tüchtige Schmerzen; so schien sie genügend be- 
straft. Alle hatten viel Mitleid mit ihr, waren so 
lieb zu ihr, wie sie konnten und erfüllten 
ihr alle ihre kleinen Wünsche. Aber sie 
wünschte nichts anderes, als dass man ihre 
beiden Freundinnen, die ihr geholfen hatten, 
nicht bestrafen solle, Alraune und die kleine 
Louisen. Und sie bat und bettelte so lange, 
bis die Vorsteherin es versprach — so wurde Al- 
raune nicht weggejagt aus dem Pensionat. 

Dann kam Hilde Aldekerk an die Reihe, die so 
gerne Berliner Pfannkuchen ass; die bekam man 
in der deutschen Konditorei auf der Place Royalc. 
Sie könne zwanzig essen, meinte sie, aber Al- 
raune behauptete, dass sie gewiss nicht dreissig 
vertilgen könne. Sie wetteten; wer verlor, sollte 
die Kuchen bezahlen. Hilde Aldekerk gewann — 
aber sie wurde krank, dass sie vierzehn Tage 
das Bett hüten musste. „Vielfrass!" sagte Alrau- 
ne ten Brinken. „Es ist dir recht geschehen." — 

ax7 



Und alle die kleinen Mädchen nannten die dicke, 
runde Hilde nur noch: „Vielfrass". Diese heulte 
ein bisschen, gewöhnte sich dann an den Kose- 
namen und wurde endlich eine der allertreuesten 
Anhängerinnen Alraunens — genau so wie Blan- 
che de Banville. 

Nur ein einziges Mal, berichtete Fräulein Bek- 
ker, sei Alraune im Pensionat ernsthaft bestraft 
worden, und merkwürdigerweise in diesem Falle 
gewiss zu Unrecht. In einer Vollmondnacht sei 
die französische Lehrerin entsetzt aus ihrem Zim- 
mer gestürzt, habe das ganze Haus wach ge- 
schrien und gezetert, dass auf der Balustrade 
ihres Balkons ,ein weisses Gespenst sitze. Nie- 
mand habe sich in ihr Zimmer hineingetraut, 
schliesslich habe man den Portier geweckt, der, 
mit einem tüchtigen Knüppel bewaffnet, hinein- 
gegangen sei. Das Gespenst entpuppte sich dann 
als Alraune, die still in ihrem Nachthemde dort 
sass und mit weit offenen Augen in den Mond 
starrte. Wie sie dort hinkam, war nicht aus ihr 
herauszubringen. Die Vorsteherin habe das Ge- 
spensterspielen für einen sehr schlechten Streich 
gehalten — erst viel später habe sich herausge- 
stellt, dass das Mädchen offenbar nur unter dem 
Einflüsse des Vollmondes gehandelt hatte: noch 
zu verschiedenen andern Gelegenheiten sei sie 
beim Schlafwandeln erwischt worden. Seltsam 
sei, dass Alraune diese ungerechte Strafe — das 
Abschreiben langer Kapitel aus dem ,Telemaque* 
an schulfreien Nachmittagen — ohne Widerrede 

218 



und höchst gewissenhaft abbüsste: gegen jede 
gerechte Strafe würde sie sich gewiss bis aufi 
äusserste empört haben. 

— Fräulein Becker sagte zu dem Geheimrat: 
„Ich fürchte, Exzellenz werden nicht viel Freude 
an Ihrem Töchterlein erleben." 

Aber der Professor antwortete: „Ich glaube 
doch. Bisher bin ich recht zufrieden." 

Die beiden letzten Jahre Hess er Alraune nicht 
in den Ferien nach Hause kommen. Er erlaubte 
ihr, mit ihren Pensionsfreundinnen zu reisen, nach 
Schottland einmal mit Maud Macpherson, dann 
mit Blanche zu ihren Eltern nach Paris und end- 
lich mit den beiden Rodenbergs auf ihr Gut im 
Münsterlande. Er hatte von diesen Episoden aus 
Alraunens Leben gar keine bestimmte Nach- 
richten — malte sich nur aus, was sie in 
den Ferien vielleicht angestellt haben könnte. 
Und es war ihm eine Befriedigung zu denken, 
dass dies Wesen, das er schuf, weit hinaus die 
merkwürdigen Kreise seines Einflusses ziehen 
möchte. In der Zeitung las er, dass in dem Som- 
mer, in dem Alraune auf Boltenhagen war, die 
grün-weissen Farben des alten Grafen Rodenberg 
auf dem Rasen ganz besonders gut abgeschnitten 
und seinem Gestüt einen sehr erheblichen Gewinn 
gebracht hatten; weiter erfuhr er, dass Mlle. de 
Vynteelen eine ziemlich unerwartete Erbschaft 
gemacht habe, die sie in den Stand setzte, ihr 
Institut aufzulösen, so dass sie keine neuen Pen- 
sionärinnen mehr aufnahm und nur noch die al- 

ax9 



ten bis zum Schluss ihrer Studien behielt. Beides 
schrieb er der Gegenwart Alraunens zu und war 
halb überzeugt, dass sie auch den übrigen Häu- 
sern, in denen sie geweilt, dem Kloster in Nancy, 
dem Reverend Macpherson in Edinburgh und 
dem Heim der Banville auf dem Boulevard 
Haussmann Gold ins Haus gebracht habe: so 
habe sie dreifach ihre kleinen Teufeleien wieder 
gutgemacht. Er dachte, dass alle diese Menschen 
seinem Kinde sehr dankbar sein müssten, hatte 
ein Gefühl, als ob er ein seltsames „Mädchen aus 
der Fremde" in die Welt gesetzt habe, das jedem 
seine Gaben brachte und ringsum Rosen auf den 
Lebensweg der Menschen streute, die das Glück 
hatten es zu treffen. Er lachte, als ihm einfiel, 
dass diese Rosen auch scharfe Dornen hatten 
und manche hübsche Wunde reissen konnten. 

Und er fragte das Fräulein Becker: „Sagen 
Sie mir doch — wie geht es eigentlich Ihrer lie- 
ben Mama?" 

„Danke, Exzellenz," antwortete sie, „die Mut- 
ter kann nicht klagen. Das Geschäft ist erheb- 
lich besser geworden in den letzten Jahren !" 

Da sagte der Geheimrat : „Sehen Sie !" — Und 
er gab Auftrag, dass von nun an aller Käse bei 
Frau Becker in der Münsterstriasse gekauft wer- 
den solle, Emmenthaler, Roquefort, Chester und 
alter Holländer. 



220 



ACHTES KAPITEL, DAS AUSFÜHRT, WIE ALRAUNE 
HERRIN WARD AUF DEM SITZE DER BRINKEN 



Als Alraune wieder zurückkam in das Haus 
am Rhein, das dem heiligen Nepomuk geweiht 
war, da war der Geheimrat ten Brinken sechsund- 
siebzig Jahre alt. Aber man stellte dies Alter nur 
mit dem Kalender fest, keine Schwäche und kei- 
ne kleinsten Leiden erinnerten daran. Er fühlte 
sich sonnenwarm in seinem alten Dorfe, das nun 
bald die immer wachsenden, lang sich strecken- 
den Finger der Stadt fassen wollten, hing wie 
eine feiste Spinne in dem starken Netze seiner 
Macht, das sich ausspannte nach allen Windsei- 
ten hin. Und er empfand einen leichten Kitzel, 
als Alraune kommen sollte, erwartete sie als will- 
kommenes Spielzeug für seine Launen, und zu- 
gleich als lustigen Köder, der ihm noch manche 
dumme Fliege und Motte ins Netz locken sollte. 
Alraune kam und sie deuchte dem Alten nicht 
viel anders, wie sie als Kind war. Er studierte sie 
lange, wie sie vor ihm sass in der Bibliothek, und 
er fand nichts, dass ihn erinnerte an den Vater 
oder die Mutter. Dies junge Mädchen war klein 
und war zierlich, schmal, engbrüstig und noch 
wenig entwickelt. Wie eines Buben war die Fi- 

aai 



gur, waren ihre raschen, etwas eckigen Bewe- 
gungen. Er hätte denken mögen: ein Püppchen 

— nur war der Kopf so gar nicht ein Pup- 
penkopf. Ein wenig heraus traten die Backen- 
knochen, dünn und bleich schoben sich ihre Lip- 
pen über die kleinen Zähne. Aber die Haare fie- 
len reich und voll, nicht rot wie ihrer Mutter, 
sondern schwer und kastanienbraun. „Wie die 
der Frau Josefa Gontram," dachte der Geheim- 
rat und der Gedanke gefiel ihm, dass das eine 
Erinnerung sei an das Haus, in dem man Alraune 
erdachte. Er schielte zu ihr hinüber, die still vor 
ihm sass, betrachtete sie kritisch wie ein Bild, 
belauerte sie, suchte nach andern Erinnerungen — 

Ja, ihre Augen! Sie öffneten sich weit unter 
den frechen dünnen Strichen der Brauen, die die 
schmale, glatte Stirn abhoben. Blickten kühl und 
höhnisch, und doch wieder weich und verträumt. 
Grasgrün, stahlhart — wie seines Neffen Au- 
gen, Frank Brauns. 

Der Professor schob die breite Unterlippe vor, 
diese Entdeckung berührte ihn nicht sympa- 
thisch. Aber gleich zuckten seine Schultern — 

— warum sollte der Junge, der sie dachte, nicht 
dies Teil an ihr haben? Es war wenig genug und 
dazu teuer erkauft : um all die runden Millionen, 
die ihm dies stille Mädchen abnahm — 

„Du hast blanke Augen," sagte er. — Sie nick- 
te nur. Er fuhr fort; „Und deine Haare sind 
schön. Wölfchens Mutter hatte solche Haare." 



222 



Da sagte Alraune: „Ich werde sie abschnei- 
den." 

Der Geheimrat befahl ihr: „Das wirst du nicht 
tun! Hörst du?" 

— — Aber als sie zum Nachtmahl kam, waren 
die Haare geschnitten. Wie ein Page sah sie aus, 
rings fielen die Locken um den Bubenkopf. 

„Wo sind deine Haare?" rief er sie an. 

Ruhig sagte sie: „Hier." Sie wies ihm eine 
grosse Pappschachtel, da lagen die glänzenden 
meterlangen Strähnen. 

Er begann: „Warum schnittest du sie ab? — 
Weil ich es dir verbot? — Aus Trotz also?" 

Alraune lächelte. „Nein, gar nicht. Ich hätte es 
auch so getan." 

„Warum also?" forschte er. 

Da griff sie die Schachtel, nahm die Haare her- 
aus, sieben lange Strähnen. Jede war umwickelt 
mit einer goldenen Schnur und jede Schnur hielt 
eine kleine Karte. Sieben Namen trugen die sie- 
ben Karten: Emma, Margfuerite, Louison, Eve- 
lyn, Anna, Maud und Andrea. 

„Das sind deine Schulfreundinnen?" fragte der 
Geheimrat. „Und du dummes Kind schneidest 
dir dein Haar ab, um ihnen ein Andenken zu 
schicken?!" Er ärgerte sich; diese unerwartete 
Backfischsentimentalität gefiel ihm gar nicht, er 
hatte sich das Mädchen viel reifer und herber 
gedacht. 

Sie sah ihn gross an. „Nein," sprach sie. „Sie 
sind mir ganz gleichgültig. Nur — " 

fla3 



Sie stockte. „Nur — ?" drängte der Professor. 

„Nur — " begann sie wieder, „nur — sie sol- 
len sich auch die Haare abschneiden." 

„Was sollen sie?" rief der Alte. 

Da lachte Alraune. „Sich die Haare abschnei- 
den! Ganz ab! Noch mehr wie ich — dicht am 
Kopf. Ich schreibe ihnen, dass ich sie dicht am 
Kopf abgeschnitten habe — da müssen sie's auch 
tun!" 

„Sie werden durchaus nicht so dumm sein," 
warf er ein. 

„Doch!" beharrte sie. „Sie werden's tun. — 
Ich sagte, wir sollten uns alle die Haare ab- 
schneiden und sie versprachen es, wenn ich's zu- 
erst tun möchte. Aber ich vergass es und dachte 
erst wieder daran, als du sprachst von meinem 
Haar." 

Der Geheimrat lachte sie aus: „Sie verspra- 
chen's — man verspricht allerhand. Aber sie 
werden's doch nicht tun: du allein bist die Dum- 
me. 

Da hob sie sich von ihrem Stuhle, kam nahe 
heran an den Alten. „Doch," flüsterte sie heiss, 
„sie werden es doch tun. Sie wissen alle gut, dass 
ich ihnen die Haare ausreissen würde, wenn sie 
es nicht täten. Und — sie haben Angst vor mir, 
auch wenn ich nicht mehr da bin." 

Erregt, leise zitternd stand sie vor ihm. 

„Bist du so sicher, dass sie's tun werden?" 
fragte er. 

Und sie sagte fest: „Ja, ganz sicher." 

234 



Da wuchs auch in ihm diese selbe Gewissheit 
und er wunderte sich nicht einmal darüber. 

„Warum stelltest du es denn an?" fragte er. 

Im Augenblick schien sie verwandelt. Alles 
Absonderliche schwand, sie schien wieder ein 
launenhaftes kapriziöses Kind. 

,JaI" lachte sie kurz und ihre kleinen Hände 
streichelten die vollen Haarsträhnen. „Ja — 
siehst du, das ist so: mir taten sie weh, diese 
schweren Haare und ich bekam manchmal Kopf- 
schmerzen davon. Und dann — mir stehen die 
kurzen Locken gut, das weiss ich. Ihnen aber 
werden sie gar nicht stehen. Wie im Affenhaus 
wird es aussehen in der ersten Klasse der Ma- 
demoiselle de Vynteelen! Und sie werden alle 
heulen, die dummen Dinger, und die Mademoi- 
selle wird schimpfen und die neue Miss und das 
Fräulein werden auch schimpfen und heulen 
dazu." 

Sie klatschte die Hände zusammen, lachte hell 
und voll Lust. 

„Willst du mir helfen?" fragte sie. „Wie soll 
ich's verpacken?" 

Der Geheimrat sagte: „Einzeln. Als Muster 
ohne Wert. Einschreiben lassen." 

Sie nickte: „Ja, so ist's gut!" 

Und sie beschrieb ihm, während des Eisens, 
wie die Mädchen aussehen würden — ohne Haar. 
Die hoch aufgeschossene Evelyn Clifford, die 
dünnes, glattes, hellblondes Haar habe, und die 
vollblütige braune Louison, die bisher eine hohe 
15 Ewers, Alraune 335 



Turbanfrisur trug. Und nun erst die beiden Ro- 
denbergkomtessen, Anna und Andrea, deren 
lange Ringellocken rings um die starkknochigen 
Westfalenschädel fielen. 

„Alles weg!" lachte sie. „Sie werden ausschau- 
en wie die Meerkater — jeder wird lachen, wenn 
sie so daherkommen." 

Sie gingen zurück in die Bibliothek, der Ge- 
heimrat half ihr, alles zusammensuchen, gab ihr 
Pappschachteln, Bindfaden, Siegellack, Freimar- 
ken. Rauchte seine Zigarre, zerkaute sie halb, 
sah zu, wie sie ihre Briefe schrieb. 

Sieben Brieflein an sieben Mädchen in Spa. 
Das alte Wappen der Brinken war auf den Bo- 
gen: Johann von Nepomuk, der Flutenheilige, 
im oberen Felde, unten ein silberner Reiher, der 
mit einer Schlange kämpfte. Der Reiher — das 
war das Tier der Brinken. 

Er sah ihr zu, und ein leises Jucken kroch über 
die alte Haut. Alte Erinnerungen wurden wach 
in ihm, lüsterne Gedanken an halbwüchsige Bu- 
ben und Mädel — 

Die da, Alraune, war ein Mädel und ein Bub 
zugleich. 

Und der feuchte Speichel löste sich aus den 
fleischigen Lippen, nässte rings die schwarze 
Havanna. — Er schielte zu ihr hinüber, gie- 
rig und voll zitternder Lust. Und er begriff in 
diesen Minuten, was es war, das die Menschen 
hinzog zu diesem schlanken kleinen Geschöpf- 
chen. Wie die Fischlein, die nach dem Köder 

226 



schwimmen und den Haken nicht sehen. Er aber 
sah den scharfen Haken gut, und er dachte, dass 
er ihn schon vermeiden wolle und doch den süs- 
sen Bissen verzehren — 



Wolf Gontram war Junger Mann in dem Bu- 
reau, das der Geheimrat in der Stadt hatte. Sein 
Pflegevater hatte ihn nach dem Einjährigen aus 
dem Gymnasium genommen, ihn als Lehrling in 
irgendeine Bank gesteckt. Da hatte er verges- 
sen, was er auf der Schule mühsam gelernt hatte, 
war seinen Trott gegangen, hatte so das getan, 
was man von ihm verlangte. Dann, als seine 
Lehrzeit beendet war, kam er in das Bureau des 
Geheimrats, das dieser sein „Sekretariat" nannte. 

Es war ein seltsamer Betrieb, dies Sekreta- 
riat der Exzellenz. Karl Mohnen leitete es, Dok- 
tor in vier Fakultäten, und sein alter Chef fand 
ihn brauchbar genug. Er ging noch immer auf 
Freiersf üssen ; wo er herumkam im Lande, mach- 
te er Bekanntschaften, knüpfte stets wieder neue 
Bande, die nie zu irgend etwas führten. Seine 
Haare waren längst ausgegangen, aber seine Na- 
se war gut wie je — überall witterte er et- 
was: eine Frau für sich, ein Geschäft für den 
Geheimrat. Und der stand sich besser dabei. 

Ein paar kaufmännische Beamte hielten die 
Bücher zur Genüge in Ordnung, sorgten einiger- 
massen für einen geregelten Betrieb. Ein Raum 
war da, der das Schild trug: „Rechtssachen"; 

15* aay 



hier pflegten Justizrat Gontram und Herr Ma- 
nasse, der noch immer nicht Justizrat war, zu- 
weilen eine Stunde hinzukommen. Sie führten 
die Prozesse des Geheimrats, die hübsch sich 
mehrten: Manasse die hoffnungsvollen, die mit 
einem Siege endeten, der alte Justizrat die faulen, 
die er immer wieder vertagen Hess und schliess- 
lich doch noch zu einem annehmbaren Vergleiche 
führte. 

Auch Dr. Mohnen hatte sein eigenes Zimmer, 
bei ihm sass Wolf Gontram, den er protegierte 
und zu bilden suchte auf seine Weise. Dieser 
Allerweltsmann wusste viel, kaum weniger als 
der kleine Manasse, aber nirgends trat dieses Wis- 
sen in irgendeine Beziehung zu seiner Persönlich- 
keit. Nichts konnte er damit anfangen; er hatte 
seine Bildung gesammelt, so wie ein Knabe Brief- 
marken sammelt — weil es die Mitschüler auch 
tun. Irgendwo in einer Schublade lag seine 
Sammlung, er kümmerte sich nicht darum; nur 
wenn jemand eine seltene Marke sehen wollte, 
nahm er das Album heraus, klappte es auf: „Da, 
Sachsen, drei, rot!" 

Etwas zog ihn hin zu Wolf Gontram. Vielleicht 
waren es die grossen schwarzen Augen, die er 
einst geliebt hatte, als sie noch der Mutter ge- 
hörten — geliebt, so gut wie er es eben konnte, 
und so, wie er fünfhundert andere schöne Augen 
auch liebte. Je weiter zurück die Beziehungen 
lagen, die er zu irgendeiner Frau gehabt, um so 
grösser schienen sie ihm; es kam ihm heute fast 

228 



vor, als ob er der intime Vertraute dieser Frau 
gewesen sei, obwohl er nicht einmal gewagt hät- 
te, ihr die Hand zu küssen. Und dazu kam, dass 
dieser junge Gontram alle seine kleinen Liebes- 
geschichten gläubig hinnahm, nicht eine Sekunde 
zweifelte an seinen Heldentaten, ihn fest für den 
grossen Verführer hielt, der er so schrecklich 
gerne sein wollte. 

Dr. Mohnen kleidete ihn, zeigte ihm, wie man 
einen Schlips band, machte ihn elegant — 
soweit er es verstand. Er gab ihm Bücher, nahm 
ihn mit ins Theater und in Konzerte, um so stets 
für sein Gerede ein dankbares Publikum zu ha- 
ben. Er hielt sich für einen Mann von Welt — 
und den wollte er auch aus Wolf Gontram ma- 
chen. 

Und es lässt sich nicht leugnen, dass ihm allein 
der Gontramjunge alles zu verdanken hatte, was 
aus ihm wurde. Dies war der Lehrer, der ihm 
nötig war, der nichts forderte und immer nur 
gab, Tag um Tag und in jeder Minute fast, der 
ihn bildete, ohne dass er es auch nur merkte. So 
wuchs ein Leben in Wolf Gontram. 

Schön war er, das sah jeder in der Stadt. Nur 
Karl Mohnen nicht, dem der Gedanke Schön- 
heit nur in engster Verbindung mit einem Rocke 
möglich war, und dem alles das schön schien, was 
lange Haare trug und sonst nichts. Aber die an- 
dern sahen es. Als er noch zum Gymnasium 
gfing, wandten sich alte Herren nach ihm, schiel- 
ten ihm nach, blickten blasse Offiziere sich nach 

«39 



ihm um und manch ein gut geschnittener Kopf 
mit zerrissenen Zügen, in denen verhaltene Sehn- 
süchte schrien — seufzten, unterdrückten schnell 
einen heissen Wunsch. Nun aber kamen die 
Blicke unter Schleiern her, oder unter grossen 
Hüten, folgten dem Jünglinge schöne Augen der 
Frauen. 

— „Das kann noch gut werden!" brummte der 
kleine Manasse, als er mit dem Justizrat und 
dessen Sohn im Konzertgarten sass. „Wenn die 
sich nicht bald umdreht, wird ihr der Nacken 
schön weh tun!" 

„Wem denn?" fragte der Justizrat. 

„Wem? Ihrer Königlichen Hoheit!" rief der 
Rechtsanwalt. „Schauen Sie doch herüber, Herr 
Kollege, seit einer halben Stunde starrt sie Ihren 
Bengel an, dreht sich den Hals nach ihm ab." 

„Gott, lassen Sie sie doch," antwortete der 
Justizrat gleichmütig. 

Aber der kleine Manasse gab nicht nach. „Setz 
dich hierher, Wolf!", befahl er. Und der Junge 
gehorchte, setzte sich neben ihn, drehte der Prin- 
zessin den Rücken. 

Ach, diese Schönheit erschreckte den kleinen 
Rechtsanwalt — wie bei der Mutter glaubte 
er auch hinter dieser Maske den Tod lachen zu 
hören. Und das quälte ihn, marterte ihn — 
so hasste er fast den Jungen, wie er einst die 
Mutter geliebt hatte. Dieser Hass war seltsam 
genug, war ein Albdruck, ein heisser Wunsch, 
dass dem jungen Gontram das Geschick bald 

830 



werden sollte, das ihm doch einmal werden 
musste, — lieber heute als morgen. Es war dem 
Rechtsanwalt, als ob ihm das eine Befreiung 
bringen könne. Und dabei tat er doch alles, was 
diese Erlösung möglichst lange hinausschieben 
konnte, trat — wo er nur konnte — für Wolf 
ein, half ihm, sein Leben zu ebnen. 

— Als Exzellenz ten Brinken des Pflegesoh- 
nes Vermögen stahl, war er ausser sich. „Sie 
sind ein Narr, sind ein Idiot!" bellte er den Ju- 
stizrat an, wäre ihm am liebsten in die Waden 
gefahren, wie sein seliger Hund, der Cyklop. 

Und er setzte dem Vater haarklein auseinan- 
der, in welch gemeiner Weise sein Sohn be- 
schwindelt würde. Der Geheimrat übernahm die 
Weinberge und Grundstücke, die Wolf von sei- 
ner Tante geerbt hatte und zahlte dafür kaum 
den ortsüblichen Preis. Und dabei hatte er nicht 
weniger wie drei reiche Säuerlinge in diesem 
Boden entdeckt, die er nun fassen und ausbeu- 
ten Hess. 

„Wir hätten doch nie daran gedacht," erwi- 
derte der Justizrat ruhig. 

Der kleine Manasse spuckte vor Aerger. Das 
sei doch ganz gleichgültig! Die Grundstücke sei- 
en heute das Sechsfache wert. Und was der alte 
Gauner überhaupt bezahlt habe, das habe er zum 
grossen Teile dem Jungen wieder angerechnet 
für seinen Lebensunterhalt. Eine Schweinerei 
sei es — 

Aber das machte gar keinen Eindruck auf den 

S3X 



Justizrat. Er war gut, so voll von warmer Güte, 
dass er in jedem Menschen auch nur das Gute 
sah; er brachte es fertig bei den niedrigsten Ver- 
brechern in ihren gemeinsten Taten dennoch ein 
Stückchen Güte herauszufinden. So rechnete er 
es dem Geheimrat hoch an, dass er den Jungen 
in seinem Sekretariat angestellt hatte und warf 
dann die Trumpfkarte hin, dass er sich zu ihm ge- 
äussert habe, er wolle seinen Sohn gar in seinem 
Testament bedenken. 

„Der? Der?" Der Rechtsanwalt wurde hoch- 
rot vor verhaltenem Aerger, zupfte sich die grau- 
en Bartstoppeln aus. „Nicht einen Heller wird 
er dem Jungen vermachen!" 

Aber der Justizrat schloss die Debatte: „Ueb- 
rigens ist es noch nie einem Gontram schlecht ge- 
gangen, solange der Rhein fliesst." 

Und da hatte er wohl recht. 
* , * 

Jeden Abend ritt Wölfchen hinaus nach Len- 
denich, seit Alraune zurück war. Dr. Mohnen 
hatte ihm ein Pferd besorgt, das ihm sein Freund, 
der Rittmeister Graf Geroldingen, zur Verfügung 
stellte. Auch Tanzen und Fechten hatte den Jun- 
gen sein Mentor lernen lassen. Das müsse ein 
Mann von Welt, erklärte er, und erzählte von 
wilden Ritten, siegreichen Mensuren und grossen 
Erfolgen im Ballsaal, obwohl er selbst nie einen 
Gaul erklettert, nie vor dem langen Messer ge- 
standen hatte und kaum eine Polka hüpfen 
konnte. 

232 



Wolf Gontram brachte des Grafen Pferd in 
den Stall, dann ging er über den Hof zum Her- 
renhaus. Eine Rose brachte er, nie mehr wie eine, 
so hatte ihn Dr. Mohnen belehrt, aber es war stets 
die schönste, die es gab in der Stadt. 

Alraune ten Brinken nahm seine Rose und be- 
gann sie langsam zu zerzupfen. Jeden Abend war 
es so. Sie kniff die Blätter zusammen, machte 
kleine Blasen und zerschlug sie knallend auf sei- 
ner Stirn und an seinen Wangen. Das war die 
Gunst, die sie ihm gewährte. 

Er verlangte nichts anderes. Er träumte — 
aber nicht einmal zu Wünschen dichteten sich 
diese Träume. Woben rings in der Luft, füllten 
die alten Räume, wie herrenlose Sehnsüchte. 

Wie ein Schatten folgte Wolf Gontram dem 
seltsamen Wesen, das er liebte. 

Wölfchen nannte sie ihn, wie sie als Kind ge- 
tan. „Weil du so ein grosser Hund bist," erklärte 
sie, „so ein gutes, dummes und treues Tier. 
Schwarz und langzottig und sehr schön, und mit 
tiefen treuen Frageaugen. — Darum! Weil du 
zu nichts gut bist, Wölfchen, als hinterdrein zu 
laufen, irgendein Täschchen nachzutragen." 

Und sie hiess ihn sich niederlegen vor ihrem 
Sessel, setzte die Füsschen leicht auf seine Brust. 
Strich ihm über die Wangen mit den kleinen 
Wildlederschuhen; warf sie dann fort, bohrte die 
Spitzen ihrer Zehen zwischen seine Lippen. 

„Küss, küss!" lachte sie. 

«33 



Dann küsste er ringsherum den feinen Seiden- 
strumpf, der ihren Fuss umschloss. 
* * * 

Der Geheimrat schielte mit saurem Lächeln 
nach dem jungen Gontram. Er war so hässlich, 
wie der Junge schön war — das wusste er wohl. 
Er fürchtete nicht, dass sich Alraune in ihn ver- 
lieben würde, nur seine stete Gegenwart war ihm 
unbequem. 

„Er braucht auch nicht jeden Abend heraus- 
zukommen." brummte er. 

„Doch!" erwiderte Alraune. — Und Wölfchen 
kam. 

Der Professor dachte: „Auch gut! — Schluck 
nur den Haken, mein Junge." 

So war es: Alraune war Herrin auf dem Sitze 
der Brinken, war es vom ersten Tage an, als sie 
zurückkam aus der Pension. Sie war die Herrin 
— und blieb doch eine Fremde; blieb ein Ein- 
dringling, ein Ding, das nicht verwachsen war 
mit dieser alten Erde, das mit nichts Gemein- 
schaft hatte, was hier Atem schöpfte und Wur- 
zel schlug. Die Dienstboten, die Mägde und Kut- 
scher und Gärtner, nannten sie nur das Fräulein 
und so sagten auch die Leute im Dorfe. Sie sag- 
ten: „Da geht das Fräulein," und sagten es so, 
als ob sie von jemandem sprächen, der nur zum 
Besuch da sei. Wolf Gontram aber nannten sie: 
den jungen Herrn. 

Der kluge Geheimrat bemerkte es wohl und es 
gefiel ihm. „Die Leute merken, dass sie etwas 

234 



anderes ist," schrieb er in den Lederband. „Und 
die Tiere merken es auch." 

Die Tiere — die Pferde und Hunde. Der 
schlanke Rehbock, der im Garten herumlief und 
selbst die kleinen Eichhörnchen, die durch die 
Kronen der Bäume huschten. Wolf Gontram war 
ihr grosser Freund, sie hoben den Kopf, kamen 
heran, wenn er nur in ihre Nähe kam. Aber sie 
schlichen still weg, wenn das Fräulein nahte. 
„Nur auf die Menschen erstreckt sich ihr Ein- 
fluss," dachte der Professor, „Tiere sind immun." 
Und er rechnete unbedingt die Bauern und 
Dienstboten zu den Tieren. „Sie haben densel- 
ben gesunden Instinkt," überlegte er, „diese 
gleiche unwillkürliche Abneigung, die eine halbe 
Furcht ist. Sie kann froh sein, dass sie heute zur 
Welt kam und nicht vor einem halben Jahrtau- 
send: da möchte sie in Monatsfrist als Hexe ver- 
schrien sein in dem Dorfe Lendenich, und der Bi- 
schof würde einen guten Braten bekommen." — 
Dieser Widerwillen der Leute und der Tiere ge- 
gen Alraune entzückte den alten Herrn fast eben- 
sosehr, wie die seltsame Anziehung, die sie auf 
höher Geborene ausübte. Er stellte immer wie- 
der neue Beispiele solcher Zuneigungen und sol- 
chen Hassens fest, obwohl er auch Ausnahmen 
fand in beiden Lagern. 

Es geht aus den Aufzeichnungen des Geheim- 
rats mit Gewissheit hervor, dass er immer von 
dem Vorhandensein irgendeines Momentes in Al- 
raune überzeugt war, das geeignet sein mochte, 

335 



einen ganz scharf umrissenen Einfluss auf ihre 
Umgebung hervorzurufen. So kommt es, dass der 
Professor bestrebt war, alles das zusammenzu- 
suchen und hervorzukehren, das ihm geeignet 
schien, diese Hypothese zu unterstützen. Freilich 
ward auf diese Weise die Lebensgeschichte Al- 
raunens, soweit sie ihr Erzeuger niederschrieb, 
viel weniger ein Bericht über das, was sie tat, 
als vielmehr eine Wiedergabe dessen, was an- 
dere taten — beeinflusst durch sie: erst in den 
Handlungen der Menschen, die mit ihr zusam- 
menkamen, spiegelte sich das Leben des We- 
sens Alraune. Sie erschien dem Geheimrat recht 
eigentlich ein Phantom, ein schemenhaftes Ding, 
das nicht in sich selbst leben konnte, ein Schat- 
tenwesen, das in ultravioletten Strahlen rings re- 
flektierte, und erst zur Form wurde in einem 
Geschehen, das ausserhalb seiner selbst lag. Er 
verbiss sich so in diesen Gedanken, dass er 
manchmal nicht recht glaubte, dass sie überhaupt 
ein Mensch war, dass er sie vielmehr als ein un- 
wirkliches Ding ansprach, dem er Körper und 
Form gegeben, als eine blutleere Puppe, der er 
eine Maske geborgt hatte. Das schmeichelte sei- 
ner alten Eitelkeit: war doch so er selbst der 
tiefste Grund zu alledem, was durch Alraune ge- 
schah. 

Und so putzte er seine Puppe bunter und 
schöner auf mit jedem Tag. Er Hess sie Herrin 
sein und fügte sich nicht weniger ihren Wün- 
schen und Launen, wie es die andern taten. Mit 

236 



dem Unterschiede nur, dass er glaubte, das Spiel 
stets in der Hand zu haben, dass er voll über- 
zeugt war, dass es letzten Endes nur sein eige- 
ner Wille war, der sich äusserte durch das Medi- 
um Alraune. 



937 



NEUNTES KAPITEL, DAS DAVON SPRICHT, WER 

JLR JUNENSLIEBHABERW AREN UND WIE ES IHNEN 

ERGING 



Dies waren die fünf Männer, die Alraune ten 
Brinken liebten: KarlMohnen, HansGeroldin- 
gen, Wolf Gontram, Jakob ten Brinken und 
Raspe, der Chauffeur. 

Von ihnen allen spricht des Geheimrats brau- 
ner Lederband, und von ihnen allen muss man 
erzählen in dieser Geschichte der Alraune. 

Raspe, Matthieu-Maria Raspe, kam mit dem 
Opelwagen, den ihr die Fürstin Wolkonski zum 
siebzehnten Geburtstag schenkte. Er hatte bei den 
Husaren gedient und musste nun auch dem al- 
ten Kutscher mit den Pferden helfen. Er war ver- 
heiratet und hatte zwei kleine Buben; Lisbeth, 
seine Frau, übernahm die Wäscherei im Hause 
ten Brinken. Sie wohnten in dem kleinen Hause, 
das neben der Bibliothek lag, dicht an dem eiser- 
nen Eingangstore zum Hofe. 

Matthieu war blond und war gross und stark. 
Er verstand seine Arbeit, mit dem Kopf wie mit 
der Hand, und seinen Muskeln gehorchten die 
Pferde, wie es die Maschine tat. Früh am Morgen 

238 



sattelte er die irische Stute seiner Herrin, stand 
im Hofe und wartete. 

Langsam kam das Fräulein die Steintreppe hin- 
ab vom Herrenhause. Kam als Junge, in gelben 
Ledergamaschen und grauem Reitanzug; die 
kleine Schirmmütze über den kurzen Locken. Sie 
stieg nicht in den Steigbügel, Hess ihn seine Hän- 
de hinhalten, trat hinein und blieb so eine kurze 
Sekunde, ehe sie sich hinaufschwang in den Her- 
rensattel. Dann schlug sie das Tier mit der schar- 
fen Peitsche, dass es aufsprang und hinausjagte 
durch das offene Tor. Matthieu-Maria hatte alle 
Not, den schweren Fuchs zu besteigen und ihr 
nachzukommen auf seinem Wallach. 

Die braune Lisbeth schloss das Tor hinter 
ihnen. Sie presste die Lippen aufeinander und sah 
ihnen nach — ihrem Mann, den sie liebte und dem 
Fräulein ten Brinken, das sie hasste. 

Irgendwo auf den Wiesen machte das Fräulein 
halt. Wandte sich, Hess ihn herankommen. 

„Wohin reiten wir heute, Matthieu-Maria?" 
fragte sie. 

Und er sagte: „Wohin das Fräulein befehlen." 

Dann riss sie die Stute herum, galoppierte wei- 
ter. „Hopp, NeHie!" rief sie. 

Raspe hasste diese Morgenritte nicht weniger, 
wie es seine Frau tat. Es war, als ob das Fräu- 
lein allein ritt, als ob er nur Luft, nur ein Stück 
Staffage in der Landschaft sei, oder auch, als ob 
er gar nicht existierte für seine Herrin. Dann 
aber, wenn sie sich um ihn bekümmerte für kurze 

339 



Augenblicke, dann empfand er das noch unange- 
nehmer. Denn es war gewiss, dass sie wieder etwas 
Absonderliches von ihm verlangte. 

Sie hielt am Rhein, wartete ruhig, bis er ihr zur 
Seite war. Er ritt langsam genug; wusste, dass 
sie irgendeine neue Laune hatte, hoffte auch wohl, 
dass sie daran vergessen möge diesmal. Aber sie 
vergass nie eine Laune. 

„Matthieu-Maria," sagte sie, „wollen wir hin- 
überschwimmen?" 

Er machte Einwände, aber er wusste von vorn- 
herein, dass sie nichts nutzen würden. Die Bö- 
schung drüben sei zu steil, sagte er, man würde 
nicht hinaufkommen. Auch sei gerade hier die 
Strömung so reissend und — 

Er ärgerte sich. Alles war so zwecklos, was 
seine Herrin machte. Warum denn durch den 
Rhein reiten? Nass wurde man und fror, konnte 
froh sein, wenn man mit einem Schnupfen davon- 
kam. Riskierte dabei zu ersaufen — um nichts 
und wieder nichts. Und er nahm sich fest vor, zu- 
rückzubleiben — mochte sie doch ihre Narrhei- 
ten allein treiben. Was ging es ihn an? Er hatte 
Frau und Kind — 

So weit kam er — dann ritt er doch in die 
Fluten. Trieb weit hinunter mit dem schweren 
M-ecklenburger, hatte alle Mühe irgendwo zwi- 
schen den Klippen ans Ufer zu gelangen. Schüt- 
telte sich und fluchte, ritt im scharfen Trabe den 
Strom hinauf, seiner Herrin zu. Die sah ihn kaum 
an, mit einem raschen spöttischen Blick. 

240 



„Nass geworden, Matthieu-Maria?" 

Er schwieg, verletzt und verärgert. Warum 
nannte sie ihn beim Vornamen, warum sagte sie 
„du" zu ihm? Er war Raspe, war Chauffeur und 
kein Pferdeknecht. Sein Hirn fand ein Dutzend 
gute Antworten, aber seine Lippen sprachen sie 
nicht. 

Oder sie ritten zum Sand, wo die Husaren üb- 
ten. Das war ihm noch fataler, manche der Of- 
fiziere und Unteroffiziere kannten ihn, von der 
Zeit her, als er im Regimente diente. Und der 
schnauzbärtige Wachtmeister der zweiten Schwa- 
dron rief ihm höhnisch herüber: „Na, Raspe, wie- 
der einmal ein bisschen mittun?" 

„Hol* der Teufel das verrückte Weibsstück!" 
brummte Raspe, aber er galoppierte doch hin- 
terher, wenn das Fräulein die Attacke zur Seite 
mitritt. 

Dann kam Graf Geroldingen, der Rittmeister, 
auf seinem englischen Schecken, plauderte mit 
dem Fräulein. Raspe blieb zurück, aber sie 
sprach so laut, dass er's hören musste: „Nun, 
Graf, wie gefällt Ihnen mein Knappe?" 

Der Rittmeister lächelte: „Prächtig! Passt zu 
dem jungen Prinzen." 

Raspe hätte ihn ohrfeigen mögen und das Fräu- 
lein dazu — und den Wachtmeister und die ganze 
Schwadron, die ihn angrinste. Er schämte sich, 
ward rot wie ein Schuljunge. 

Aber schlimmer war es, wenn er nachmittags 
mit ihr fahren musste im Auto. Er sass auf seinem 

i6 Flwers, Alraune 34' 



Sitz am Steuer und schielte nach der Türe, seufzte 
erleichtert, wenn irgend jemand mit ihr hinaus- 
trat; unterdrückte einen Fluch, wenn sie allein 
kam. Oft stellte er sein Weib an, um herauszu- 
bringen, ob sie allein fahren würde; dann nahm 
er schnell ein paar Teile aus der Maschine, legte 
sich platt auf den Rücken, schmierte und fegte, 
tat, als ob er etwas reparieren müsste. 

„Wir können heute nicht fahren, Fräulein," 
sagte er. Und er lachte vergnügt, wenn sie hin- 
aus war aus der Garage. 

Dann wieder ging es ihm nicht so gut. Sie blieb 
ruhig da, wartete. Sie sagte nichts, aber es war 
ihm, als verstände sie gut seinen Schwindel. So 
setzte er, langsam genug, seine Schrauben zusam- 
men. 

„Fertig?" fragte sie. Und er nickte. 

„Siehst du," sagte sie, „es geht besser, wenn 
ich dabei bin, Matthieu-Maria." 

Wenn er zurückkam von diesen Fahrten, wenn 
sein Opelwagen wieder unter Dach stand und er 
sich niedersetzte an den Tisch, den seine Frau 
ihm gedeckt, zitterte er manchmal. Er war bleich 
und seine Augen blickten starr. Lisbeth fragte 
ihn nicht; sie wusste was es war. 

„Das verdammte Weibsbild!" murmelte er. — 
Sie. holte ihm die blonden, blauäugigen Buben, 
weiss in frischen Nachtkitteln, setzte ihm einen 
auf jedes Knie. Da wurde ihm froh und leicht mit 
den lachenden Kindern. 

Und wenn die Knaben im Bett lagen, wenn er 

242 



dtaussen auf der Steinbank sass und seine Zi- 
garre rauchte, wenn er durchs Dorf schlenderte, 
oder durch den alten Garten der Brinken, dann 
überlegte er mit seiner Frau. 

„Es kann kein gutes Ende nehmen," sagte er. 
„Sie hetzt und hetzt — kein Tempo ist ihr schnell 
genug. Vierzehn Protokolle in drei Wochen — '* 

„Du brauchst sie nicht zu zahlen," sagte Frau 
Lisbeth. 

„Nein," sagte er, „aber ich bin verschrien über- 
all. Die Gendarmen nehmen schon ihr Notizbuch 
heraus, wenn sie nur den weissen Wagen sehen 
und die I. Z. 937!" Er lachte. „Na, bei der Num- 
mer irren sie sich ausnahmsweise nicht! — Wir 
verdienen wenigstens unsere Protokolle." 

Er schwieg, zog einen Schraubenschlüssel aus 
der Tasche und spielte damit. Seine Frau schob 
ihren Arm unter den seinen, nahm ihm die Mütze 
ab und strich ihm das wirre Haar zurück. 

„Weisst du eigentlich, was sie will?" fragte sie. 
Gab sich Mühe dabei, ihre Stimme harmlos und 
gleichgültig klingen zu lassen. 

Raspe schüttelte den Kopf. „Nein, Frau, das 
weiss ich nicht. Sie ist verrückt — das ist es. Und 
sie hat eine verdammte Art, dass man alles tun 
muss, was sie will, ob man sich auch noch so da- 
gegen wehrt und genau weiss, dass es Unfug ist. 
Heute — " 

„Was hat sie heute gemacht?" fragte Frau Lis- 
beth. 

Und er sagte : „Oh — nicht mehr wie sonst. Sie 

i6* «43 



kann kein Auto vor sich fahren sehen — sie muss 
es überholen und wenn es dreissig Pferdekräfte 
mehr hat wie unseres. Ketschen nennt sie das. 
,Ketsch es!* sagt sie zu mir, und wenn ich zö- 
gere, legt sie leicht die Hand mir auf den Arm. 
Da leg ich los, als ob der Teufel selbst die Ma- 
schine steure." 

Er seufzte, klopfte sich die Zigarrenasche von 
der Hose. „Immer sitzt sie neben mir," fuhr er 
fort, „und schon, dass sie nur dasitzt, macht mich 
unruhig und nervös. Ich denke nur, was sie mir 
diesmal für einen Blödsinn befehlen wird. Hin- 
dernisse nehmen — das ist ihre grösste Freude 
— Planken, Sandhaufen und solche Dinge. Ver- 
dammt, ich bin nicht feige — aber es muss doch 
irgendeinen Zweck haben, wenn man jeden Tag 
sein Leben riskiert. — ,Fahr nur,' sagte sie neu- 
lich, ,mir passiert nichts!' Sie ist seelenruhig, 
wenn sie im Hundertkilometertempo über einen 
Chausseegraben springt — schon möglich, dass 
ihr nichts passieren kann! — Aber ich schlag 
mich zuschanden — morgen oder übermorgen!" 

Frau Lisbeth presste seine Hand. „Du musst es 
versuchen, ihr einfach nicht zu gehorchen. Sag: 
nein, wenn sie etwas Dummes will! Du darfst 
dein Leben nicht so aufs Spiel setzen, das bist 
du uns schuldig — mir und den Kindern." 

Er sah sie an, still und ruhig. „Ja, Frau, das 
weiss ich. Euch — und auch mir selbst am 
Ende. — Aber schau, das ist es ja gerade: ich 
kann dem Fräulein nicht nein sagen. Niemand 

244 



kann es. Wie ihr der junge Herr Gontram wie 
ein Hündchen nachläuft, wie all die andern froh 
sind, ihre närrischen Launen zu erfüllen! Und 
keiner von allen Leuten im Hause mag das Fräu- 
lein leiden — dabei tut doch ein jeder was sie 
will und wenn es noch so dumm ist und abge- 
schmackt." 

„Falsch!" sagte Frau Lisbeth. „Froitsheim, 
der Kutscher, tut das gar nicht." 

Er pfiff. „Froitsheim! Da hast du recht. Der 
dreht sich um und geht weg, wenn er sie nur 
sieht. Aber er ist bald neunzig Jahre alt und hat 
schon lange kein Blut mehr." 

Sie sah ihn gross an. „Dann kommt es — 
vom Blut, Matthieu, dass du ihren Willen tim 
musst?" 

Er wich ihr aus, suchte mit den Augen auf dem 
Boden. Dann aber nahm er ihre Hand, blickte sie 
voll an. „Ja, siehst du, Lisbeth, ich weiss es nicht. 
Ich hab schon oft darüber nachgedacht, was es 
eigentlich ist. Ich könnte sie erwürgen, ich ärgere 
mich über sie, wenn ich sie sehe, und wenn sie 
nicht da ist, laufe ich herum voller Angst, sie 
möchte mich rufen lassen." — Er spie auf den 
Boden. „Verflucht noch mal!" rief er. „Ich wollte, 
ich wäre diese Stelle los! Wollte, ich hätte sie nie 
angenommen!" 

Sie überlegten, drehten es hin und her, wogen 
jedes Für ab und jedes Wider. Und sie kamen zu 
dem Schlüsse, dass er kündigen solle. Vorher aber 

345 



sollte er sich nach einer andern Stelle umsehen, 
sollte gleich morgen deshalb in die Stadt gehen. 

In dieser Nacht schlief Frau Lisbeth ruhig, zum 
ersten Male seit Monaten; Matthieu-Maria aber 
schlief gar nicht. 

Er bat um Urlaub am nächsten Morgen und er 
ging in die Stadt zum Vermittlungsbüreau. Er 
hatte grosses Glück, der Agent nahm ihn gleich 
mit zum Kommerzienrat Soenneken, der einen 
Chauffeur suchte, stellte ihn vor. Raspe wurde 
engagiert, er bekam ein besseres Gehalt wie bis- 
her und dazu weniger Arbeit, auch mit Pferden 
hatte er nichts zu tun. 

Als sie aus dem Hause traten, gratulierte ihm 
der Vermittler. Raspe sagte: „Danke" — aber 
er hatte ein Gefühl, als ob gar nichts da sei, für 
das er sich zu bedanken habe und als ob er diese 
neue Stelle nie antreten würde. 

Doch freute es ihn, wie er seiner Frau Augen 
glücklich leuchten sah, als er ihr erzählte. „In 
vierzehn Tagen also!" sagte er. „Wenn nur diese 
Zeit erst vorüber wäre!" 

Sie schüttelte den Kopf. „Nein," sagte sie fest, 
„nicht erst in vierzehn Tagen — morgen schon! 
Sie müssen es erlauben, du musst mit dem Ge- 
heimrat sprechen." 

„Das nützt gar nichts," antwortete er. „Der 
wird mich an das Fräulein weisen — und — " 

Frau Lisbeth griff seine Hand: „Lass nur!" 
schloss sie. „Ich werde selbst mit dem Fräulein 
reden." 

246 



Sie Hess ihn stehn, ging über den Herrenhof, 
Hess sich melden. Und während sie wartete, über- 
legte sie genau, was sie alles sagen wollte, um 
ihre Bitte durchzusetzen, gleich morgen gehen zu 
dürfen. 

Aber sie brauchte gar nichts zu sagen. Das 
Fräulein hörte nur, dass er gehen wolle, ohne 
Kündigung; nickte kurz und sagte, dass es gut 
sei. 

Frau Lisbeth flog zurück zu ihrem Manne, 
umhalste, küsste ihn. Nur eine Nacht noch — 
dann sei der böse Traum vorbei. Und man müsse 
gleich packen — und er solle dem Kommer- 
zienrat telephonieren, dass er morgen schon bei 
ihm seine Stellung antreten könne. Sie zog den 
alten Koffer unter dem Bette her; ihr heller Ei- 
fer steckte ihn an. 

Er schleppte seine eisenbeschlagenen Kisten 
heran, staubte sie aus, half ihr beim Packen. 
Reichte ihr alles an, lief zwischendurch ins Dorf, 
bestellte einen Karren, der ihre Siebensachen fort- 
schaffen sollte. Und er lachte und war zufrieden 
— zum ersten Male in diesem Hause ten Brin- 
ken. 

Dann, als er die Kochtöpfe vom Herde nahm, 
eindrehte in Zeitungspapier, kam Aloys, der Die- 
ner. Er meldete: „Das Fräulein will ausfahren." 

Raspe starrte ihn an, sprach kein Wort. „Fahr 
nicht!" rief seine Frau. 

Und er sagte : „Bestellen Sie dem Fräulein, dass 
ich heute nicht mehr — " 

847 



Er endete nicht; Alraune ten Brinken stand in 
der Türe. 

Sie sagte: „Matthieu-Maria, ich hab dich zu 
morgen entlassen. Heute will ich mit dir fahren." 

Dann ging sie und hinter ihr ging Raspe. 

„Fahr nicht — fahr nicht!" schrie Frau Lis- 
beth. Er hörte es wohl, aber er wusste nicht, wer 
es rief, noch woher es kam. 

Frau Lisbeth Hess sich schwer auf die Bank 
fallen. Sie hörte die Schritte der beiden, über den 
Hof hin, der Garage zu. Sie hörte, wie das Ei- 
sentor sich öffnete, leise in knirschenden Angeln, 
hörte das Auto, das hinausfuhr auf die Dorfgasse. 
Und sie hörte weither, noch einen kurzen Schrei 
der Huppe. 

Das war der Abschiedsgruss, den ihr Mann ihr 
zurief, jedesmal, wenn er hinausfuhr durch das 
Dorf. 

Sie sass da, beide Hände im Schoss. Wartete. 

Wartete, bis sie ihn brachten. Vier Bauern 
trugen ihn, auf einer Matratze. Legten ihn mit- 
ten ins Zimmer, zwischen die Kisten und Kasten. 
Zogen ihn aus, halfen ihn waschen, wie es der 
Arzt befahl. Einen langen weissen Körper, voll 
von Blut, Staub und Schmutz. 

Frau Lisbeth kniete bei ihm, wortlos, ohne 
Tränen. Der alte Kutscher kam, nahm die schrei- 
enden Knaben hinüber. Dann gingen die Bauern 
und endlich auch der Arzt. Sie hatte ihn nicht 
gefragt, mit Worten nicht und nicht mit Blicken. 
Sie wusste die Antwort, die er geben würde. 

248 



Einmal, mitten in der Nacht, erwachte Raspe, 
schlug die Augen auf. Er erkannte sie, bat sie 
um Wasser. Und sie gab ihm zu trinken. 

„Es ist aus," sagte er leise. 

Sie fragte: „Wie kam es?" 

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiss es nicht. 
Das Fräulein sagte: .Fahr zu, Matthieu-Maria.' 
Ich wollte nicht. Da legte sie ihre Hand auf mei- 
ne und ich fühlte sie durch den Handschuh. Dann 
fuhr ich. Sonst weiss ich nichts mehr." 

Er sprach so leise, dass sie ihr Ohr dicht an sei- 
nen Mund legen musste. Und wie er schwieg, 
flüsterte sie: „Warum tatest du es?" 

Wieder bewegte er die Lippen. „Verzeih mir, 
Lisbeth! Ich — ich musste es tun. Das Fräu- 
lein — " 

Sie sah ihn an, schrak heiss auf über den Glanz 
in seinen Augen. Und sie rief — o so plötzlich 
war der Gedanke, dass ihre Zunge ihn sprach, fast 
ehe ihr Hirn ihn gedacht — : „Du — du liebst 
sie?" 

Da hob er, nur um Daumenbreite, den Kopf. 
Und er murmelte, mit geschlossenen Augen: „Ja 
— ja! Ich — fuhr — mit ihr." 

Das war das Letzte, was er sprach. Er sank zu- 
rück in seine tiefe Ohnmacht, blieb liegen so bis 
zum frühen Morgen. Schlummerte dann langsam 
hinüber. 

Frau Lisbeth stand auf. 

Sie lief zur Tür, dem alten Froitsheim in die 
Arme. „Mein Mann ist tot," sagte sie. Und der 

«49 



Kutscher schlug ein grosses Kreuz, wollte an ihr 
vorbei in die Stube. Aber sie hielt ihn zurück. 
„Wo ist das Fräulein?" fragte sie schnell. „Lebt 
sie? Ist sie verletzt?" 

Tiefer gruben sich die tiefen Furchen in das 
alte Gesicht. „Lebt sie? — Ob sie lebt! Da steht 
sie ja! Verletzt? Nicht eine Schramme — nur 
ein bisschen schmutzig war sie!" Und er wies 
mit zitternder Gichthand hinunter in den Hof. 

Da stand das schlanke Fräulein in ihrem Kna- 
benanzug. Hob den Fuss, setzte ihn einem Hu- 
saren in die Hände, schwang sich in den Sattel — 

„Sie hat dem Rittmeister telephoniert," sagte 
der Kutscher, „dass sie keinen Reitknecht habe 
zu heute morgen. Da hat der Graf seinen Bur- 
schen herausgeschickt." 

Frau Lisbeth lief über den Hof: „Er ist tot!" 
rief sie. „Mein Mann ist tot." 

Alraune ten Brinken wandte sich im Sattel, 
wippte mit der Reitgerte. „Tot," sagte sie lang- 
sam. „Tot — es ist wirklich schade." Sie 
schlug leicht ihr Pferd, führte es im Schritt dem 
Tore zu. 

„Fräulein!" schrie Frau Lisbeth. „Fräulein, 
Fräulein — " 

Doch die Hufe schlugen die alten Steine, kleine 
Funken sprühten herum. Und wieder, wie so oft, 
sah sie das Fräulein wie einen braungelockten 
Knaben durch die Dorfgasse traben, frech und 
keck, wie ein hochmütiger Prinz. Aber ein blauer 

250 



Königshusar folgte hinter ihr, und nicht mehr 
ihr Mann — Matthieu-Maria Raspe — 

„Fräulein!" schrie ihre wilde Angst. „Fräulein 
— Fräulein — " 

— Frau Lisbcth lief zum Geheimrat, strömte 
über von aller Verzweiflung und allem Hass. Der 
Geheimrat Hess sie ruhig reden, sagte, dass er 
ihren Schmerz verstehe und ihr all das nicht übel- 
nehmen wolle. Auch sei er bereit, trotz der Kün- 
digung, ihr noch auf ein Vierteljahr den Lohn 
ihres Mannes zu zahlen. Aber sie solle vernünf- 
tig sein, solle doch einsehen, dass er allein die 
Schuld trage an dem bedauerlichen Unglück — 

Sie lief zur Polizei; da waren sie nicht so höf- 
lich. Sie hätten es kommen sehen, sagten sie, und 
jeder Mensch wisse, dass der Raspe der wildeste 
Fahrer gewesen sei am ganzen Rhein. Es sei eine 
gerechte Strafe, und sie hätte die Pflicht gehabt, 
ihn beizeiten zu warnen. Ihr Mann allein trage 
die Schuld, sagten sie, und sie solle sich schä- 
men, dem jungen Fräulein die Sache in die Schu- 
he zu schieben! Habe die etwa am Steuer geses- 
sen? Gestern? Oder überhaupt? 

Und sie lief in die Stadt zu einem Anwalt. Und 
zu einem zweiten und dritten. Aber es waren ehr- 
liche Leute, und sie sagten ihr, dass sie den Pro- 
zess nicht führen könnten und wenn sie noch so- 
viel Vorschuss zahle. O gewiss, das sei ja alles 
möglich und denkbar. Warum denn nicht? Aber 
habe sie Beweise? Nein, gar keine — also! Sie 
solle nur ruhig nach Hause gehen — da sei gar 

asx 



nichts zu machen. Wenn das auch alles so wäre 

und wenn man es selbst beweisen könnte 

so trage ja doch ihr Mann die Schuld. Denn er 
sei eben ein Mann gewesen und ein gelernter 
und tüchtiger Chauffeur, aber das Fräulein sei 
ein unerfahrenes, kaum erwachsenes Ding — 

Sie kam nach Hause. Sie begrub ihren Mann, 
hinter der Kirche auf dem kleinen Friedhof. Sie 
packte ihre Sachen und lud sie selbst auf den 
Karren. Sie nahm das Geld, das ihr der Geheim- 
rat gab, nahm ihre Buben und ging. 

In ihre Wohnung zog ein neuer Chauffeur, ein 
paar Tage drauf. Der war dick und klein und er 
trank auch. Das Fräulein ten Brinken mochte ihn 
nicht und fuhr selten allein mit ihm aus. Nie be- 
kam er Protokolle und die Leute sagten, dass er 
ein tüchtiger Mensch sei und viel besser als der 
wilde Raspe. 

* ^ * 

* 

„Mottchen!" sagte Alraune ten Brinken, wenn 
Wolf Gontram zum Abend in das Zimmer trat. 
Dann glühten die schönen Augen des Jungen. 
„Du bist das Licht." sagte er. 

Und sie sprach: „Du wirst dir die hübschen 
Flügelchen verbrennen. Dann liegst du am Bo- 
den: ein hässliches Würmchen. — Hüte dich, 
Wolf Gontram." 

Er sah sie an und schüttelte den Kopf. „O 
nein," sagte er, „das ist gut so." 

Und er flog um das Licht, jeden langen Abend. 

2^2 



Noch zwei flogen da herum und sie sengten 
sich: Karl Mohnen war der eine und der andere 
war Hans Geroldingen. 

Dass ihr Dr. Mohnen den Hof machte, war ihm 
Ehrensache. Eine reiche Partie, dachte er, end- 
lich; die ist die Rechte! — Da rauschte sein 
Schifflein mit vollen Segeln. 

Ein wenig verliebt war er immer, bei jeder 
Frau. Nun aber brannte sein Hirnchen unter 
dem kahlen Schädel, machte ihn närrisch, liess 
ihn alles fühlen bei dieser einen, was er sonst 
empfand bei Dutzenden hübsch nacheinander, 
durch die Jahre hindurch. Und wie er es stets 
tat, setzte er auch jetzt bei der Partnerin das 
voraus, was er selbst fühlte: so, deuchte ihn, 
war er heiss begehrt von Alraune ten Brinken, 
schrankenlos, atemlos, ohne Grenzen. 

Am Tage erzählte er Wolf Gontram von seiner 
grossen neuen Eroberung. Es war ihm lieb, dass 
der Junge jeden Abend hinausritt nach Lendenich 
— als seinen Liebesboten betrachtete er ihn und 
sandte mit ihm: viele Grüsse, Handküsse und 
kleine Geschenke. 

Nicht eine Rose nur — das war für den 
Kavalier. Aber er war ja Liebhaber und Gelieb- 
ter, er musste mehr senden: Blumen und Scho- 
kolade, Petit Fours, Pralinees, Fächer. Hun- 
dert Kleinigkeiten und Kinkerlitzchen. Das biss- 
chen Geschmack, das er hatte, und das er so er- 
folgreich seinem Schutzbefohlenen lehrte, schmolz 

853 



im Augenblick in dem Flackerfeuer dieser Ver- 
liebtheit. 

Oft kam der Rittmeister mit ihm hinaus. Sie 
waren seit langen Jahren befreundet; wie 
jetzt Wolf Gontram, so pflegte früher Graf 
Geroldingen sich von dem Wissensschatze zu 
nähren, den Dr. Mohnen aufgespeichert hatte. 
Dieser gab ihm mit vollen Händen, froh genug 
überhaupt einen Gebrauch von all dem Kram 
machen zu können. — Oft gingen sie zusammen 
auf Abenteuer aus; stets war es der Doktor, der 
die Bekanntschaft gemacht hatte und der dann 
später seinen gräflichen Freund, mit dem er sich 
brüstete, vorstellte. Und oft genug pflückte 
schliesslich der Husarenoffizier die reifen Kir- 
schen von dem Baume, den Karl Mohnen ent- 
deckt hatte. Das erstemal hatte er Gewissens- 
bisse, kam sich recht gemein vor, quälte sich ein 
paar Tage herum und sagte dann dem Freunde 
offen heraus, was er getan. Er entschuldigte sich 
feierlich: das Mädchen habe ihm solche Avancen 
gemacht, da habe er zugegriffen; und er fügte 
hinzu, dass es wirklich gut sei, dass es so gekom- 
men, denn er glaube nicht, dass das Mädchen 
der Liebe des Freundes würdig sei. Dr. Mohnen 
machte gar kein Wesen daraus, sagte, dass es 
ihm ganz gleichgültig sei und völlig in der Ord- 
nung, führte als Beispiel die Maya-Indianer in 
Yucatan an, bei denen es gälte: ,Meine Frau ist 
auch meines Freundes Frau*. Aber Geroldingen 
merkte doch, dass der andere sich kränkte, so 

254 



sagte er das nächstemal nichts mehr davon, als 
wieder einmal eine neue Bekanntschaft des Dok- 
tors ihn vorzog. So wurden mit der Zeit gar 
manche Frauen Dr. Mohnens auch des hübschen 
Rittmeisters Frauen; genau wie in Yucatan, mit 
dem Unterschied nur, dass die meisten vorher 
gar nie Karl Mohnens Frauen gewesen waren. 
Er war der Chicari, war der Treiber, der das 
Wild aufspürte und zutrieb — aber der Jäger 
war Hans Geroldingen. Doch war der verschwie- 
gen, hatte ein gutes Herz und wollte des Freun- 
des Gefühle nicht verletzen — so merkte der 
Treiber nie, wenn der Jäger schoss und hielt sich 
selbst für den glorreichsten Nimrod am Rhein. 

Oft sagte Dr. Mohnen: „Kommen Sie, Graf! 
Ich habe eine neue Eroberung gemacht, eine 
bildschöne Engländerin. Gestern angekrallt beim 
Promenadenkonzert. Ich treffe sie heute abend 
am Rheinufer." 

„Aber die Elly?" antwortete der Rittmeister. 

„Versetzt 1" erklärte Karl Mohnen grossartig. 

Es war fabelhaft, wie leicht er seine Flammen 
versetzen konnte. Sowie er eine neue fand, 
machte er Schluss mit der alten, bekümmerte sich 
einfach nicht mehr um sie. Und die Mädchen 
machten ihm nie Schwierigkeiten. Darin war 
er freilich tüchtiger, als der Husar — der konnte 
sich stets nur schwer genug losreissen und die 
Frauen noch schwerer von ihm. Es bedurfte 
aller Energie und aller Ueberredungskunst des 

355 



Doktors, um ihn wieder zu einer neuen Schön- 
heit mitzuschleppen. 

Diesmal sagte er: „Sie müssen sie sehen, Ritt- 
meister! Herrgott bin ich froh, dass ich so heil 
durch alle Abenteuer durchgekommen bin und 
nirgends hängen blieb: jetzt ist's die Rechte, end- 
lich! Enorm reich, enorm geradezu — die alte 
Exzellenz hat über dreissig Millionen — vier- 
zig vielleicht. Na, was sagen Sie, Graf? Und 
bildsauber, sein Töchterchen, wie ein Blüten- 
zweig frisch! — Uebrigens, im Vertrauen, das 
Vögelchen ist bereits ins Netz gegangen — nie 
war ich meiner Sache so sicher!" 

„Ja — aber das Fräulein Clara?" wandte 
der Rittmeister ein. 

„Abgeschafft!" erklärte der Doktor. „Ich habe 
ihr heute schon einen Brief geschrieben, dass es 
mir sehr leid täte, aber dass ich wegen Arbeits- 
überhäufung keine Zeit mehr habe für sie." 

Geroldingen seufzte. Fräulein Clara war Leh- 
rerin in einem englischen Pensionat, Dr. Mohnen 
hatte sie bei einem Bürgerball kennen gelernt 
und später seinem Freunde vorgestellt. Fräu- 
lein Clara liebte den Rittmeister und der machte 
sich Hoffnung, dass sie Dr. Mohnen einmal ihm 
abnehmen möchte — wenn er selbst heiraten 
würde. Denn das musste über kurz oder lang 
doch geschehn: immer höher wuchsen seine 
Schulden und er musste sich schliesslich ran- 
gieren. 

„Schreiben Sie dasselbe!" riet Karl Mohnen. 

256 



„Herrgott — wenn ich es tue, können Sie es 
doch erst recht tun — als blosser Freund! Sie 
haben zuviel Gewissen, Mensch, vielzuviel Ge- 
wissen." Er wollte den Grafen durchaus mit 
nach Lendenich nehmen, der sollte ihm Relief 
geben bei dem kleinen Fräulein ten Brinken. Er 
schlug ihn leicht auf die Schulter. „Sentimen- 
tal sind Sie, Graf, wie ein Primaner! Ich lasse 
eine sitzen — und Sie machen sich die Vor- 
würfe; immer dasselbe Lied! Aber bedenken 
Sie, was aui dem Spiele steht: die reizendste Er- 
bin am ganzen Rhein — da darf man nicht zö- 
gern!" 

Der Rittmeister fuhr mit seinem Freunde hin- 
aus. Und er verliebte sich nicht weniger in das 
junge Wesen, das so ganz anders war, als alles, 
was ihm bisher die roten Lippen zum Kusse bot. 

Als er in dieser Nacht nach Hause kam, hatte 
er ein ähnliches Gefühl, wie damals, vor zwanzig 
Jahren, als er zum ersten Male des Freundes An- 
gebetete für sich nahm. Er hielt sich für abge- 
brüht genug, nachdem er so oft und so erfolg- 
reich den guten Doktor betrogen hatte — und 
doch schämte er sich jetzt. Denn diese da — 
diese — das war etwas ganz anderes. Und 
anders war sein Empfinden diesem halben Kinde 
gegenüber, anders waren auch, das merkte er 
g^t, die Gefühle seines Freundes. 

Etwas beruhigte ihn: den Dr. Mohnen würde 
das Fräulein ten Brinken gewiss nicht nehmen, 

17 Ewers, Alraune S57 



viel weniger noch, als eine der andern Frauen es 
getan hätte. Freilich, ob sie dagegen ihn selbst 
haben wollte, das schien ihm diesmal durchaus 
nicht gewiss; alle natürliche Sicherheit hatte ihn 
diesem Püppchen gegenüber völlig verlassen. 

Was den jungenGontram betraf, so war es augen- 
scheinlich, dass das Fräulein den Jungen, den sie 
ihren hübschen Pagen nannte, gerne um sich 
mochte, aber es war ebenso klar, dass er für Al- 
raune nichts anderes war als ein willenloses 
Spielzeug. Nein, diese beiden waren keine Ri- 
valen, weder der geschmeidige Doktor, noch der 
schöne Junge. Der Rittmeister wog seine Chan- 
cen, zum ersten Male in seinem Leben. Er war 
von gutem alten Adel und die Königshusaren 
galten als das beste Regiment im Westen. Er 
war schlank und gut gewachsen, sah jung genug 
aus — immer noch, obwohl er nun dicht vor dem 
Major stand. Er dilettierte — und gut genug — 
in allen Künsten; wenn er ehrlich sein wollte, 
musste er zugeben, dass man nicht leicht einen 
preussischen Reiteroffizier finden möchte, der 
mehr Interessen und auch mehr Bildung hatte 
wie er. Wahrhaftig — es war eigentlich kaum 
zu verwundern, dass ihm die Frauen und Mäd- 
chen an den Hals flogen. — Warum sollte Al- 
raune es nicht tun? Sie würde lange suchen 
können, bis sie was Besseres fände, um 
so mehr, als das Adoptivtöchterlein der Exzellenz 
ja das einzige, was er ihr nicht bieten konnte, in 
solch ungeheurer Fülle besass: Geld! — Und 

258 



er dachte, dass sie beide wohl ein recht gutes 
Paar abgeben möchten. 

Jeden Abend war Wolf Gontram in dem Hause 
des heiligen Nepomuk, aber wenigstens dreimal 
in der Woche brachte er den Rittmeister mit und 
den Doktor. Der Geheimrat zog sich zurück 
nach dem Essen, kam nur gelegentlich einmal 
herein auf eine halbe Stunde, hörte zu, beobach- 
tete ein wenig, entfernte sich wieder. Machte 
Stichproben, wie er das nannte. Und die drei 
Liebhaber sassen herum um das kleine Fräulein, 
sahen sie an, machten Liebe, ein jeder auf seine 
Weise. 

Eine Zeitlang gefiel das dem jungen Mädchen, 
dann aber begann es sie zu langweilen. Und es 
schien ihr, als ob das ein wenig zu eintönig sei 
und als ob ein bisschen mehr Farbe hineingehöre 
in die abendlichen Genrebilder in Lendenich. 

„Sie sollten etwas tun," sagte sie zu Wolf Gon- 
tram. 

Der Junge fragte: „Wer sollte etwas tun?" 

Sie sah ihn an: „Wer? Die beiden! Doktor 
Mohnen und der Graf." 

„Sag ihnen doch, was sie tun sollen," erwiderte 
er, „sie werden es gewiss tun." 

Alraune blickte ihn gross an. „Weiss ich es 
denn?" sprach sie langsam. „Sie müssten es 
selbst wissen." Sie legte den Kopf in beide Hän- 
de, starrte geradeaus in den Raum. Nach einer 
Weile sagte sie: „Wäre es nicht nett, Wölfchen, 

• 7' «59 



wenn die zwei sich duellierten? Sich totschössen 

— gegenseitig?" 

Wolf Gontram meinte: „Warum sollen sie sich 
denn totschiessen? Sie sind die allerbesten Freun- 
de." 

„Du bist ein dummer Junge, Wölfchen!" sagte 
Alraune. „Was hat das damit zu tun, ob sie 
gute Freunde sind oder nicht? — Dann müsste 
man sie eben zu Feinden machen." 

„Ja, aber warum denn?" fragte er. „Es hat 
doch gar keinen Zweck." 

Sie lachte. Nahm seinen Lockenkopf, küsste 
ihn rasch mitten auf die Nase. „Nein, Wölf- 
chen — einen Zweck hat es gar nicht — wozu 
auch? Aber es wäre doch einmal etwas anderes. 

— Willst du mir helfen." 

Er antwortete nicht. Da fragte sie noch ein- 
mal: „Willst du mir helfen. Wölfchen?" 

Und er nickte. 

An diesem Abende überlegte Alraune mit dem 
jungen Gontram, wie man es anstellen könne, 
die beiden Freunde ein wenig zu verhetzen, so 
zwar, dass der eine den andern zum Zweikampfe 
fordern würde. Alraune überlegte, sie spann den 
Plan und machte einen Vorschlag nach dem an- 
dern; Wölfchen Gontram nickte dazu, immer 
noch ein wenig befangen. Alraune beruhigte ihn : 
„Sie brauchen sich ja gar nichts zu tun am Ende 

— es fliiesst immer nur wenig Blut bei Duel- 
len. Und nachher söhnen sie sich wieder aus: 
das befestigt nur ihre Freundschaft!" 

260 



Das leuchtete ihm ein; nun half er überlegen. 
Erzählte ihr allerhand kleine Schwächen der bei- 
den, wo der empfindlich war und wo jener — 
so wuchs ihr kleiner Plan. Es war durchaus 
keine feingesponnene Intrige, war vielmehr kind- 
lich und naiv genug: nur zwei Leute, die so blind 
verliebt waren, mussten stolpern über diese 
plumpen Steine. Exzellenz ten Brinken merkte 
etwas; er holte Alraune aus, dann, als sie schwieg, 
den jungen Gontram. Da erfuhr er, was er nur 
wollte, lachte und gab ihm für den kleinen Plan 
noch einige hübsche Winke. 

Aber die Freundschaft zwischen den beiden 
war fester wie Alraune geglaubt hatte; über vier 
Wochen dauerte es, bis sie glücklich so weit war, 
den von seiner Unwiderstehlichkeit so felsenfest 
überzeugten Dr. Mohnen zu der Meinung zu brin- 
gen, dass er dennoch diesmal vielleicht dem Ritt- 
meister das Feld räumen müsse. Und in diesem 
umgekehrt den Glauben wachsen zu lassen, dass 
es doch nicht so völlig ausgeschlossen sei, dass 
auch einmal zur Abwechslung der Doktor über 
ihn triumphieren könne. Man muss sich aus- 
sprechen! dachte er, und so dachte auch Karl 
Mohnen ; aber das Fräulein ten Brinken verstand 
es, diese Aussprache, die ein jeder wünschte, 
immer wieder zu verhindern. Sie lud zum einen 
Abend den Doktor ein, und den Rittmeister nicht ; 
dann wieder ritt sie mit dem Grafen aus und Hess 
den Doktor in irgendeinem Gartenkonzert auf 
sie warten. Jeder von ihnen hielt sich nun für 

a6t 



den Bevorzugten, aber jeder auch musste aner- 
kennen, dass ihr Benehmen dem Rivalen gegen- 
über nicht ganz gleichgültig war. 

Es war der alte Geheimrat selber, der schliess- 
lich als Blasebalg die glimmenden Funken hoch- 
warf. Er nahm seinen Bureauchef beiseite, hielt 
ihm eine lange Rede, dass er mit seinen Leistun- 
gen zufrieden sei, und dass er gar nicht ungern 
sehen würde, wenn jemand, der so sehr in alle Ge- 
schäfte eingeweiht sei, einmal sein Nachfolger 
werden möchte. Freilich würde er nie der Ent- 
scheidung seines Kindes vorgreifen ; doch wolle er 
ihn warnen: es würde mit allen Mitteln von einer 
Seite, die er nicht nennen wolle, gegen ihn ge- 
kämpft, namentlich alle möglichen Gerüchte über 
sein lockeres Leben verbreitet und dem Fräulein 
ins Ohr geflüstert. Fast dieselbe Rede hielt Ex- 
zellenz ten Brinken dann dem Rittmeister, nur 
dass er hier bemerkte, dass er es gar nicht un- 
gern sehen würde, wenn seine kleine Tochter in 
eine so gute alte Familie, wie die Geroldingen, 
hineinheiraten würde. 

In den nächsten Wochen vermieden die beiden 
Rivalen es streng, irgendwie zusammenzutreffen, 
verdoppelten aber ihre Aufmerksamkeiten Al- 
raune gegenüber ; besonders Dr. Mohnen Hess kei- 
nen ihrer Wünsche unerfüllt. Wie er hörte, dass 
sie von einem entzückenden siebenfachen Per- 
lenkollier schwärmte, das sie in Köln bei einem 
Juwelier in der Schildergasse gesehen hatte, fuhr 
er sofort hinüber und kaufte es. Und als er be- 

262 



merkte, dass das Fräulein über sein Geschenk 
wirklich einen Augenblick entzückt war, glaubte 
er den Weg zu ihrem Herzen nun sicher gefunden 
zu haben und begann sie mit allen schönen Stei- 
nen zu überhäufen. Freilich musste er zu diesem 
Zwecke die Geschäftskasse des ten Brinkenschen 
Bureaus stark in Anspruch nehmen, aber er war 
seiner Sache so gewiss, dass er das leichten Her- 
zens tat und die kleine Zwangsanleihe nur als 
einen fast berechtigten Pump betrachtete, den er 
dem Geschäfte sogleich wieder zurückerstatten 
würde, sowie er die Mitgiftmillionen des Schwie- 
gervaters bekam. Die Exzellenz, des war er si- 
cher, würde über den kleinen Streich nur lachen. 

Die Exzellenz lachte auch — aber ein wenig 
anders, als sich der gute Doktor dachte. Noch am 
selben Tage, an dem Alraune das Perlenkollier 
bekommen hatte, fuhr er in die Stadt und stellte 
sofort fest, woher der Freier die Mittel zu dem 
Geschenk genommen hatte. Aber er sagte nicht 
eine Silbe. 

Graf Geroldingen konnte keine Perlen schen- 
ken. Da war keine Kasse, die er plündern konnte, 
und kein Juwelier würde ihm etwas geliehen ha- 
ben. Aber er dichtete dem Fräulein Sonette, die 
wirklich recht hübsch waren, malte sie in ihrem 
Knabenanzuge, und geigte ihr, statt Beethoven, 
den er liebte, Offenbach vor, den sie gerne hörte. 

Dann, an dem Geburtstag des Geheimrats, zu 
dem alle beide geladen waren, kam es endlich zum 

363 



Zusammenstosse. Das Fräulein hatte heimlich 
einen jeden gebeten, sie zu Tisch zu führen, so 
kamen sie beide auf sie zu, als der Diener mel- 
dete, dass serviert sei. Jeder hielt das Vordrän- 
gen des andern für taktlos und anmassend und 
jeder sagte — und verschluckte halb — ein paar 
Worte. 

Alraune vi^inkte Wolf Gontram heran. „Wenn 
die Herren sich nicht einigen können — " sagte 
sie lachend. Und nahm seinen Arm. 

Bei Tisch ging es ein wenig still zu am An- 
fange, der Geheimrat musste das Gespräch füh- 
ren. Aber bald wurden auch die beiden Liebhaber 
warm und man trank auf das Wohl des Geburts- 
tagskindes und seines liebreizenden Töchterleins. 
Karl Mohnen hielt die Rede und das Fräulein 
warf ihm ein paar Blicke zu, die dem Rittmeister 
das Blut heiss in die Schläfen trieben. Später aber, 
beim Dessert, legte sie leicht ihre kleine Hand auf 
des Grafen Arm — eine Sekunde nur, aber doch 
lang genug, um des Doktors runde Fischaugen 
starr zu machen. 

Als sie aufstanden, Hess sie sich von beiden 
führen, tanzte auch mit beiden herum. Und sie 
sagte während des Walzers zu jedem von ihnen 
besonders: „Oh — es war abscheulich von Ihrem 
Freunde! — Das dürfen Sie sich wirklich nicht 
gefallen lassen!" 

Der Graf antwortete: „Gewiss nicht!" Aber 
Dr. Mohnen warf sich in die Brust und erklärte: 
„Rechnen Sie auf mich!" 

264 



Am andern Morgen erschien der kleine Zwist 
dem Husaren nicht weniger kindisch wie dem 
Doktor — aber sie hatten beide das unsichere Ge- 
fühl, als ob sie dem Fräulein ten Brinken etwas 
versprochen hätten. — „Ich werde ihn vor die 
Pistole fordern," sagte sich Karl Mohnen und 
glaubte dabei, dass es wohl doch nicht nötig wäre. 
Aber der Rittmeister schickte dem Freunde am 
frühen Morgen auf alle Fälle ein paar Kameraden 
hin — mochte später das Ehrengericht sehen, 
was es daraus machte. 

Dr. Mohnen parlamentierte mit den Herrn Kar- 
tellträgern, setzte ihnen auseinander, dass der 
Graf sein allerintimster Freund sei und dass er 
ihm gar nicht übelwolle. Der Graf solle ihn nur 
um Verzeihung bitten, dann sei alles gut — 
und er wolle ihnen im Vertrauen sagen, dass er 
auch alle Schulden des Freundes bezahlen würde, 
sogleich am Tage nach seiner Hochzeit. Doch die 
beiden Offiziere erklärten, dass das alles ja sehr 
nett sei, aber sie gar nichts anginge. Der Herr 
Rittmeister fühle sich beleidigt und verlange 
Genugtuung — sie hätten nur den Auftrag zu 
fragen, ob er kavaliermässig genug denke, die 
Forderung anzunehmen. Dreimaliger Kugelwech- 
sel — fünfzehn Schritte Distanz. 

Dr. Mohnen erschrak: „Drei — dreimaliger 
Kugelwechsel — " stotterte er. 

Da lachte der Husarenoffizier. „Nun, beruhigen 
Sie sich nur, Herr Doktor! — Das Ehrengericht 
wird ja nie im Leben eine so unsinnige Forde- 

a65 



rung für eine solche Bagatelle zugeben. — Es 
ist nur der guten Form halber." 

Dr. Mohnen sah das ein; er rechnete auf den 
gesunden Menschenverstand der Herren Ehren- 
richter und nahm die Forderung an. Er tat noch 
mehr, lief spornstreichs in das Korpshaus der 
Sachsen, bat um Waffenschutz und sandte seiner- 
seits zwei der Studenten zu dem Rittmeister, um 
die Forderung zu überstürzen: fünfmaligen Ku- 
gelwechsel bei zehn Schritten verlangte er. Das 
musste sich sehr gut machen — und würde dem 
kleinen Fräulein gewiss imponieren. 

Das gemischte Ehrengericht, das sich aus Offi- 
zieren und Korpsstudenten zusammensetzte, war 
vernünftig genug: es bestimmte einmaligen Ku- 
gelwechsel und setzte die Distanz auf zwanzig 
Schritte fest. Da konnten die beiden nicht viel 
Unfug anrichten und der Ehre war doch genug 
geschehen. Hans Geroldingen lächelte, als er den 
Spruch vernahm und verbeugte sich verbindlich; 
aber Dr. Mohnen wurde sehr bleich. Er hatte dar- 
auf gerechnet, dass man überhaupt jeden Zwei- 
kampf für unnötig erklären und sie beide veran- 
lassen würde, sich gegenseitig um Entschuldigung 
zu bitten. Es war zwar nur eine Kugel — aber 
die konnte doch auch treffen! 

Früh am Morgen fuhren sie hinaus in den Kot- 
tenf orst, alle in Zivil, aber feierlich genug in sieben 
Wagen. Drei Husarenoffiziere und der Stabsarzt, 
dann Dr. Mohnen und mit ihm Wolf Gontram. 
Zwei Korpsburschen der Saxonia und einer der 

266 



Gucstphalia, der als Unparteiischer fungficren 
sollte; auch der S. C. Arzt, Dr. Pecrenbohm, ein 
alter Herr von den Pfälzern. Und dazu zwei 
Korpsdiener, zwei Offiziersburschen und noch ein 
Heilgehilfe des Stabsarztes. 

Noch einer war dabei: Exzellenz tcn Brinken. 
Er hatte seinem Bureauchef seine ärztliche Hilfe 
angeboten, hatte dann sein altes Besteck her- 
aussuchen und hübsch reinigen lassen. 

Zwei Stunden fuhren sie durch den lachenden 
Morgen. — Sehr gut gelaunt war Graf Geroldin- 
gen; er hatte am Abende vorher einen kleinen 
Brief bekommen aus Lendenich. Ein vierblättriges 
Kleeblatt war darin und auf einem Zcttelchen 
stand das eine Wort: .Mascotte'. — In seiner un- 
teren Westentasche steckte der Brief und machte 
ihn lachen und träumen von allen guten Dingen. 
Er plauderte mit den Kameraden, machte sich lu- 
stig über dieses Kinderduell. Er war der beste Pi- 
stolenschütze in der Stadt und er sagte, dass es 
ihn reizen möchte, dem Doktor einen Knopf vom 
Rockärmel abzuschiessen. Aber man könne bei 
aller Sicherheit doch nie ganz seiner Sache gewiss 

sein, besonders nicht bei fremden Pistolen 

da wolle er doch lieber in die Luft knallen. Denn 
es wäre eine Gemeinheit, wenn er den guten Dok- 
tor auch nur ritzen würde. 

Dr. Mohnen aber, der mit dem Geheimrat und 
dem jungen Gontram zusammen im Wagen sass, 
sagte gar nichts. Auch er hatte ein kleines Brief- 
chen erhalten, das die grossen steilen Züge des 

fl67 



Fräulein ten Brinken trug und ein zierliches gol- 
denes Hufeisen enthielt, aber er hatte seine Mas- 
cotte nicht einmal recht angesehen, hatte etwas 
von „kindlichem Aberglauben" gemurmelt und 
das Briefchen auf den Schreibtisch geworfen. Er 
hatte Angst, rechte und schlechte Angst, die goss 
sich wie schmutziges Kehrichtwasser in das 
Strohfeuer seiner Liebe. Er schalt sich einen kom- 
pleten Idioten, dass er so früh am Morgen aufge- 
standen war, nur um herauszufahren zur Schlacht- 
bank; immerzu kämpften in ihm der heisse 
Wunsch, den Rittmeister um Entschuldigung zu 
bitten und so aus der Falle herauszukommen, mit 
dem Schamgefühl, das er vor dem Geheimrat und 
vielleicht mehr noch vor Wolf Gontram empfand, 
dem er so erfolgreich von allen seinen Heldenta- 
ten erzählt hatte. Mittlerweile gab er sich ein ganz 
heroisches Aussehen, versuchte eine Zigarette zu 
rauchen und recht gleichmütig dreinzublicken. 
Aber er war kreideweiss, als die Wagen im Walde 
auf der Landstrasse hielten, als man den kleinen 
Fussweg einschlug zu der weiten Lichtung. 

Die Herren Aerzte machten ihre Verband- 
kasten zurecht, der Unparteiische Hess den Pi- 
stolenkasten öffnen und lud die Mordgewehre. 
Wog sorgfältig das Pulver ab, dass beide Schüsse 
gleich stark waren. Es waren hübsche Waffen, 
die den Westfalen gehörten; die Sekundanten 
losten für ihre Klienten, zogen Streichhölzchen: 
kurz verliert, lang gewinnt. Lächelnd schaute 
der Rittmeister der etwas gemachten Feierlich- 

268 



keit zu, die niemand recht ernst nahm; aber Dr. 
Mohnen wandte sich ab und starrte auf den Bo- 
den. Dann nahm der Unparteiische die zwanzig 
Schritte, er machte ungeheure Sprünge, so dass 
die Offiziere ein etwas missmutiges Gesicht zo- 
gen, es schien ihnen nicht ganz passend, dass 
dieser Herr die Sache allzusehr zur Farce machte 
und das Dekorum gar so wenig wahrte. 

„Die Lichtung wird zu klein sein!" rief ihm 
Major V. d. Osten höhnisch zu. Aber der lange 
Westfale antwortete seelenruhig: „Dann können 
sich die Herren ja in den Wald stellen — das ist 
noch sicherer." 

Die Sekundanten führten ihre Klienten auf 
ihre Plätze, der Unparteiische forderte sie noch 
einmal zur Versöhnung auf, wartete aber gar 
nicht erst eine Antwort ab. „Da eine Versöh- 
nung von beiden Seiten abgelehnt wird," fuhr er 
fort, „bitte ich die Herren auf mein Kommando 
zu achten — " 

Ein tiefer Seufzer des Doktors unterbrach ihn. 
Karl Mohnen stand da, mit schlotternden Knien, 
die Pistole fiel ihm aus der zitternden Hand; 
bleich wie ein Leichentuch waren seine Züge. 

„Einen Augenblick!" rief der S. C. Arzt her- 
über, eilte mit langen Schritten auf ihn zu; ihm 
folgten der Geheimrat, Wolf Gontram und die 
beiden Herren von Saxonia. 

„Was haben Sie?" fragte Dr. Peerenbohm. 

Dr. Mohnen gab keine Antwort; völlig aufge- 
löst starrte er geradeaus. „Nun, was ist Ihnen, 

a69 



Doktor?" wiederholte sein Sekundant, nahm die 
Pistole vom Boden auf und drückte sie ihm wie- 
der in die Hand. 

Aber Karl Mohnen schwieg; wie ein Ertrun- 
kener sah er aus. 

Da glitt ein Lächeln über das breite Gesicht 
des Geheimrats. Er näherte sich dem Sachsen 
und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist ihm etwas 
Menschliches passiert!" 

Der Korpsbursche verstand ihn nicht gleich. 
„Wie meinen Exzellenz?" fragte er. 

„Riechen Sie doch!" flüsterte der Alte. 

Der Sachse lachte rasch auf. Aber sie wahr- 
ten den Ernst der Situation, nahmen nur ihre 
Taschentücher heraus und drückten sie an die 
Nasen. „Incontinentia alvi!" erklärte Dr. Pee- 
renbohm würdig. Er nahm ein Fläschchen aus 
der Westentasche, gab ein paar Tropfen Opium- 
tinktur auf ein Stückchen Zucker und reichte es 
Dr. Mohnen. „Hier, knabbern Sie," sagte er und 
steckte es ihm in den Mund. „Nehmen Sie alle 
Ihre Kräfte zusammen! — Nun, freilich, so ein 
Duell ist ja auch eine ganz erschreckliche Sache!" 

Aber der arme Doktor hörte nichts und sah 
nichts, nicht einmal den bitteren Geschmack des 
Opiums fühlte seine Zunge. Er empfand wirr, 
dass die Menschen sich von ihm entfernten ; dann 
vernahm er die Stimme des Unparteiischen. 
„Eins," klang ihm in die Ohren — dann „Zwei" 
■ — und gleich mit dem „Zwei" hörte er einen 
Schuss. Er schloss die Augen, die Zähne klap- 

270 



perten ihm, alles drehte sich rings um in seinem 
Schädel. „Drei" scholl es von dem Waldrande 
her — da ging seine eigene Pistole los. Und 
dieser laute Knall in nächster Nähe betäubte ihn 
so, dass die Beine den Dienst versagten. Er fiel 
nicht, sank vielmehr in sich zusammen, wie ein 
»sterbendes Schweinchen', setzte sich breit auf 
den taufrischen Boden. 

Wohl eine Minute sass er so, und es deuchte 
ihm eine lange Stunde zu sein; dann kam ihm 
das Bewusstsein, dass nun wohl der Handel aus 
sei. „Es ist vorüber," murmelte er mit einem 
glücklichen Seufzer. Er befühlte sich überall 
— nein, er war nirgend verletzt. Nur — nur die 
Hose hatte wohl Schaden gelitten. Aber was ver- 
schlug das? 

Niemand bekümmerte sich um ihn, so erhob 
er sich selbst; fühlte ordentlich mit welch unge- 
heurer Schnelle alle Lebenskräfte in ihn zurück- 
kehrten. Mit tiefen Zügen trank er die Morgen- 
luft — ah, wie gut es doch war, zu leben! 

Hinten, am andern Ende der Lichtung, sah er 
in dichtem Knäuel die Menschen zusammen- 
stehen. Er putzte seinen Zwicker und sah hin- 
durch — alle drehten sie ihm den Rücken zu. 
Langsam ging er hinüber, erkannte Wolf Gon- 
tram, der ganz zurückstand, sah dann ein paar 
knien und einen, in der Mitte, lang daliegen. 

War das der Rittmeister? — Sollte er ihn ge- 
troffen haben? — Ja hatte er denn über- 
haupt geschossen? Er machte einen kleinen Um- 

a7i 



weg, zwischen den hohen Föhren her. Kam nahe 
heran und sah nun deutlich genug. Und er sah, 
wie des Grafen Auge auf ihn fiel, sah, wie er mit 
der Hand ihn leicht heranwinkte. 

Alle machten ihm Platz, so trat er in den Kreis. 
Hans Geroldingen streckte ihm die Rechte ent- 
gegen, da kniete er hin und fasste sie. ,, Verzei- 
hen Sie mir," murmelte er. „Ich habe es wirk- 
lich nicht gewollt — " 

Der Rittmeister lächelte: „Ich weiss es, alter 
Freund. — Es war ein Zufall — ein gottver- 
dammter Zufall!" Irgendein jäher Schmerz 
fasste ihn, er stöhnte und ächzte elendiglich. „Ich 
wollte Ihnen nur sagen, Doktor, dass ich Ihnen 
nicht böse bin," fuhr er leise fort. 

Dr. Mohnen antwortete nicht, ein heftiges 
Zucken ging um seine Mundwinkel, seine Augen 
füllten sich mit dicken Tränen. Dann zogen ihn 
die Aerzte zur Seite, beschäftigten sich wieder 
mit dem Verwundeten. 

„Nichts zu machen," flüsterte der Stabsarzt. 

„Wir müssen versuchen, ihn möglichst rasch 
in die Klinik zu schaffen," sag^e der Geheimrat. 

„Es wird uns nichts nützen," erwiderte Dr. 
Peerenbohm. „Er wird uns auf dem Transport 
eingehen. — Wir werden ihm nur unnütz jäm- 
merliche Qualen bereiten." 

Die Kugel war in den Unterleib gedrungen, 
hatte alle Eingeweide durchschlagen und war 
dann im Rückgrat steckengeblieben. Aber es 
war, als ob sie dahin gelockt worden sei mit ge- 

272 



heimer Kraft: gerade durch die Westentasche 
war sie gedrungen, durch das Brieflein Alrau- 
nens, hatte das vierblättrige Kleeblatt durch- 
schlagen und das liebe Wörtlein: „Mascot- 
tc" — 

* ♦ • 

Der kleine Rechtsanwalt Manasse war es, der 
Dr. Mohnen rettete. Als ihm Justizrat Gontram 
den Brief zeigte, den er soeben aus Lendenich 
bekommen, erklärte er, dass der Geheimrat der 
geriebenste Schuft sei, den er je kennen gelernt 
habe, und beschwor den Kollegen, nicht eher die 
Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu übermit- 
teln, bis der Doktor in Sicherheit sei. Nicht um 
den Zweikampf handelte es sich — deshalb hatte 
die Behörde noch am selben Tage das Verfahren 
eingeleitet — sondern um die Unterschlagungen 
im Bureau der Exzellenz. Und der Rechtsanwalt 
lief selbst zu dem Delinquenten, holte ihn aus 
dem Bette heraus. 

„Aufstehen!" kläffte er. „Anziehen! Koffer 
packen! — Fahren Sie mit dem nächsten Zuge 
nach Antwerpen und dann schnell übers Wasser! 
Sie sind ein Esel! Ein Kamel sind Sie! — Wie 
konnten Sie nur solchen Blödsinn anstellen!" 

Dr. Mohnen rieb sich die schlaftrunkenen 
Augen; er konnte das alles gar nicht recht be- 
greifen. So, wie er stehe mit dem Geheimrat — 

Aber Herr Manasse Hess ihn gar nicht zu 
Worte kommen. „Wie Sie mit ihm stehen?" 

l8 Ewers, Alraune 373 



bellte er. „ja — gfossartig stehen Sie mit ihm! 
Glänzend! Unübertrefflich! — Gerade die Ex- 
zellenz ist es, Sie Dummkopf, die den Justizrat 
beauftragte, Sie bei der Staatsanwaltschaft an- 
zuzeigen, weil Sie seine Kasse bestohlen haben." 

Da entschloss sich Karl Mohnen, aus dem 
Bette zu kriechen. 

Stanislaus Schacht war es, sein alter Freund, 
der ihm forthalf. Er studierte die Fahrpläne, er 
gab ihm das Geld, das nötig war, er besorgte das 
Auto, das ihn fortbringen sollte nach Köln. 

Es war ein wehmütiger Abschied. Ueber 
dreissig Jahre lebte Karl Mohnen in dieser Stadt, 
in der jedes Haus, jeder Stein fast, ihm eine Er- 
innerung gab. Hier wurzelte er, hier allein hatte 
sein Leben eine Berechtigung. Und nun fort, 
Hals über Kopf, hinaus in irgendein Fremdes — 

„Schreib mir," sagte der dicke Schacht. „Was 
gedenkst du zu machen?" 

Karl Mohnen zögerte. Alles schien ihm ver- 
nichtet, zusammengebrochen und zerstört; ein 
wirrer Schutthaufen lag sein Leben. Seine Schul- 
tern zuckten, trübselig blickten seine gutmütigen 
Augen. „Ich weiss nicht," murmelte er. 

Dann aber kroch die Gewohnheit aus seinen 
Lippen. Er lächelte unter Tränen: „Ich werde 
eine Partie machen." sagte er. „Es gibt ja viele 
reiche Mädchen — drüben, in Amerika." 



274 



ZEHNTES KAPITEL, DAS SCHILDERT, WIE WOLF 
GONTRAM AN ALRAUNE ZUGRUNDE GING 



Karl Mohnen war nicht der einzige, der um 
diese Zeit unter die Räder kam, die den Prunk- 
wagen der Exzellenz trugen. Der Geheimrat über- 
nahm völlig die grosse Volkshypothekenbank, die 
längst unter seinem Einfluss war, und bemäch- 
tigte sich zugleich der Kontrolle über das weit im 
Lande verzweigte System der Frostsilbervereine, 
die unter klerikaler Flagge bis ins letzte Dorf hin- 
ein ihre kleinen Sparbanken ausdehnten. Das ging 
nicht ohne scharfe Reibungen ab; so strauchel- 
ten manche alten Beamten, die dem neuen Re- 
gime, das ihnen jede Selbständigkeit nahm, wi- 
derstrebten. Rechtsanwalt Manasse, der gemein- 
sam mit Justizrat Gontram als juristischer Bera- 
ter bei diesen Transaktionen fungierte, versuchte 
manche Härten zu mildem, ohne doch verhindern 
zu können, dass Exzellenz ten Brinken rücksichts- 
los genug vorging und alles kurzerhand hinaus- 
warf, was ihm nur einigermassen überflüssig er- 
schien, auch auf recht zweifelhafte Weise einzelne 
zur Seite stehende kleine Rabattvereine und Spar- 
kassen zwang, sich seiner übermächtigen Kon- 
trolle zu unterwerfen. Bis weit in den Industrie- 

18* •?$ 



bezirk hinein erstreckte sich nun seine Macht, 
alles was mit dem Boden zu tun hatte, Kohlen 
und Metalle, Säuerlinge, Wasserwerke, Grund- 
stücke und Gebäude, landwirtschaftliche Genos- 
senschaften, Wegebauten, Talsperren und Kanal- 
anlagen, alles das war im ganzen Rheinlande mehr 
oder weniger von ihm abhängig. Seit Alraune zu- 
rück war im Hause, griff er noch skrupelloser 
überall zu, von vornherein seines Erfolges be- 
wusst; kannte keine Rücksichten mehr, keinerlei 
Hemmungen und Bedenken. 

In langen Seiten erzählt er in dem Lederbuche 
von allen diesen Geschäften. Es machte ihm au- 
genscheinlich Freude, genau zu untersuchen, was 
alles gegen irgendeine neue Unternehmung 
sprach, wie ausserordentlich gering im Grunde 
die Möglichkeit eines Erfolges schien — nur, 
um gerade diese Sache dann um so sicherer anzu- 
greifen und schliesslich den Erfolg dem Wesen 
zuschreiben zu können, das in seinem Hause 
weilte. Auch holte er sich zuweilen Rat von ihr, 
ohne ihr freilich irgendwelche Einzelheiten an- 
zuvertrauen; er fragte nur: „Soll man das tun?" 
Wenn sie nickte, tat er's, und Hess es, wenn sie 
den Kopf schüttelte. 

Gesetze schienen schon lange nicht mehr zu 
existieren für den alten Mann. Hatte er früher oft 
lange Stunden mit seinen Anwälten beraten, um 
einen Ausweg zu finden, ein offenes Hintertür- 
chen bei einer besonders heikein Wendung, hatte 
er alle möglichen Lücken des Gesetzbuches ge- 

276 



nau studiert und mit hundert Kniffen und Pfif- 
fen recht übele Handlungen immer noch juristisch 
haltbar gemacht, so kümmerte er sich nun längst 
nicht mehr um solche Winkelzüge. Fest vertrau- 
end auf seine Macht und sein Glück, brach er of- 
fen genug das Recht; er wusste gut, dass es kei- 
nen Richter gab, wo kein Kläger aufzustehen 
wagte. Freilich häuften sich seine Zivilprozesse, 
mehrten sich auch die Anzeigen, die meist ano- 
nym, oft auch namentlich, bei der Behörde gegen 
ihn einliefen. Aber seine Verbindungen gingen so 
weit, ihn deckten der Staat wie die Kirche, mit 
denen er beiden wie auf Duzfuss stand; seine 
Stimme im Provinziallandtag war ausschlagge- 
bend und die Politik des erzbischöflichen Palais 
in Köln, die er zum mindesten materiell unter- 
stützte, gab ihm fast eine noch bessere Rücken- 
deckung. Bis nach Berlin gingen seine Fäden: der 
aussergewöhnlich hohe Orden, der ihm bei Ent- 
hüllung des Kaiserdenkmals von allerhöchster 
Hand selbst um den Hals gehängt wurde, doku- 
mentierte das öffentlich genug. Freilich hatte er 
eine recht runde Summe zu diesem Monument 
beigesteuert — aber die Stadt hatte dafür auch 
das Grundstück, das sie zur Verfügung stellte, 
sehr teuer von ihm erstehen müssen. Dazu seine 
Titel, dazu sein würdiges Alter, seine anerkann- 
ten Verdienste um die Wissenschaft — welcher 
kleine Staatsanwalt wäre da gerne gegen ihn vor- 
gegangen? 

Ein paarmal drang der Geheimrat selbst auf 

«77 



Untersuchung — da stellten sich die Anzeigen 
wirklich als arge Uebertreibungen heraus, zer- 
platzten wie Seifenblasen. So nährte er die Skep- 
sis der Behörde gegen die Denunziationen. So 
weit ging es, dass, als ein junger Assessor in einer 
Sache, die ihm sonnenklar schien, durchaus gegen 
die Exzellenz einschreiten wollte, der Erste 
Staatsanwalt, ohne nur einen Blick in die Akten 
zu werfen, ihm zurief: „Dummes Zeug! Queru- 
lantengeschrei — wir kennen das! Wir würden 
uns nur blamieren damit." 

Der Querulant war der provisorische Direktor 
des Wiesbadener Landesmuseums, der von dem 
Geheimrat alle möglichen Ausgrabungen gekauft 
hatte, sich betrogen fühlte und ihn nun öffentlich 
der Fälschung zieh. Die Behörde nahm die Klage 
nicht auf, aber sie machte dem Geheimrat Mit- 
teilung. Und der wehrte sich gut: schrieb in sei- 
nem Leiborgan, der Sonntagsbeilage der „Kölni- 
schen Zeitung" einen schönen Artikel, der den hu- 
manen Titel „Museumspflege" führte. Er ging 
auf nichts ein, was ihm zum Vorwurf gemacht 
wurde, aber er griff seinen Gegner so blutig an, 
vernichtete ihn so gründlich, stellte ihn als sol- 
chen Nichtswisser und Kretin hin, dass der arme 
Gelehrte völlig am Boden lag. Und er zog seine 
Schnüre, liess seine Rädchen laufen — nach 
wenigen Monaten schon war ein anderer Herr Di- 
rektor des Museums. Der Erste Staatsanwalt 
nickte befriedigt, als er diese Notiz in der Zeitung 
las; er brachte das Blatt dem Assessor hinüber 

278 



und sagte: „Da lesen Sie, Kollege! Danken Sie 
Gott, dass Sie damals mich fragten und so eine 
Mordsdummheit vermieden." Der Assessor be- 
dankte sich, aber er war gar nicht zufrieden. 

♦ ♦ * 

Zur „Lese" fuhren die Schlitten und die Autos 
am Tage Maria Lichtmess, da war der grosse 
Fastnachtball der Gesellschaft. Die Hoheiten wa- 
ren da, und um sie herum, was immer nur Uniform 
hatte in der Stadt, oder bunte Korpsbänder und 
Mützen. Dazu die Professorenkreise und die vom 
Gericht, von der Regierung und der Stadtverwal- 
tung, endlich die reichen Leute, Kommerzienräte 
und Grossindustrielle. Alles war in Kostüm, nur 
den erklärten Ballmüttern war „die falsche Spa- 
nierin" erlaubt; selbst die alten Herren mussten 
ihren Frack zu Hause lassen und erschienen 
im schwarzen Domino, den man .Mönemantel' 
nannte. 

Justizrat Gontram präsidierte an dem grossen 
Tische der Exzellenz; er kannte den alten Keller 
und verstand es, die besten Marken herbeizuschaf- 
fen. Die Fürstin Wolkonski sass da mit ihrer 
Tochter Olga, Gräfin Figueirera y Abrantes, und 
mit Frieda Gontram, die beide in diesem Winter 
bei ihr zu Besuch waren. Dann der Rechtsanwalt 
Manasse, ein paar Privatdozenten und Professo- 
ren und ebensoviel Offiziere. Und der Geheimrat 
selbst, der sein Töchterlein zum ersten Male auf 
einen Ball führte. 

Alraune kam als das Fräulein von Maupin, in 

379 



dem Bubenkleide des Beardsley. Sie hatte manche 
Schränke in dem Hause ten Brinken aufgerissen, 
in alten Kasten und Truhen herumgestöbert; da 
fand sie, von der Urahne her, ganze Stösse schö- 
ner Mechelner Kanten. Gewiss klebten Zähren 
armer Näherinnen in feuchten Kellern daran, wie 
an allen herrlichen Spitzenkleidern schöner Frau- 
en, aber Alraunens frechen Anzug netzten noch 
frische Tränen — der gescholtenen Schneiderin, 
die sich nicht zurechtfinden konnte mit dem ka- 
priziösen Kostüm, der Friseurin, die sie schlug, 
weil sie die Frisur nicht begriff und die Chi-Chis 
nicht legen konnte, und der kleinen Zofe, die sie 
beim Anziehen ungeduldig mit langen Nadeln 
stach. Oh, es war eine Qual, dieses Mädchen 
Gautiers in der bizarren Auffassung des Englän- 
ders — aber als es fertig war, als der launen- 
hafte Knabe auf hohen Stöckeln mit dem zier- 
lichen Prunkdegen durch den Saal stolzierte, da 
war kein Auge, das ihm nicht gierig folgte, kein 
altes und kein junges, von Herren keines und 
keines von Damen. 

Der Chevalier de Maupin teilte mit Rosalinde 
seinen Erfolg. Rosalinde — die der letzten Szene 
— das war Wolf Gontram, und nie sah die Bühne 
eine schönere. Zu Shakespeares Zeiten nicht, als 
schlanke Knaben seine Frauenrollen spielten, und 
auch später nicht, seit Margaret Hews, Prinz Ru- 
perts Geliebte, zum ersten Male als Frau das 
schöne Mädchen in ,Wie es euch gefällt* darstell- 
te. Alraune hatte den Jungen angezogen; mit 

280 



unendlicher Mühe hatte sie ihm beigebracht, wie 
er gehen und wie er tanzen müsse, wie er den Fä- 
cher bewegen und wie er lächeln solle. Und wie 
sie ein Knabe schien und doch ein Mädchen in 
dem Gewände Beardsleys, dessen Stirne Hermes 
küsste und Aphrodite zugleich, so verkörperte 
Wolf Gontram nicht minder die Figur seines gros- 
sen Landsmannes, der die , Sonette' schrieb: war 
in seinem Schleppgewande in rotem golddurch- 
wirktem Brokate ein schönes Mädchen und doch 
wieder ein Knabe. 

Vielleicht verstand das alles der alte Geheimrat, 
vielleicht der kleine Manasse, vielleicht auch ein 
wenig Frieda Gontram, deren rasche Blicke flak- 
kernd von einem zum andern flogen. Sonst ge- 
wiss keiner in dem gewaltigen Saale der ,Lese', 
in dem schwere Girlanden roter Rosen rings von 
der Decke hingen. Aber das fühlten alle dass 
hier ein Besonderes war, etwas, das seine eigenen 
Werte hatte. 

Ihre Kgl. Hoheit sandte ihren Adjutanten, Hess 
die beiden holen und sie sich vorstellen. Sie tanzte 
den ersten Walzer mit ihnen, als Herr zuerst mit 
Rosalinde und darauf als Dame mit dem Cheva- 
lier de Maupin. Und sie klatschte laut in die 
Hände als dann beim Menuett Theophile Gau- 
ticrs lockiger Knabengedanke kokett sich neigte 
vor Shakespeares holdem Mädchentraume. Ihre 
Kgl. Hoheit war selbst eine ausgezeichnete Tän- 
zerin, war die erste auf dem Tennisplatze und die 
beste Schlittschuhläuferin in der Stadt — sie 

a8i 



hätte am liebsten die ganze Nacht hindurch nur 
mit den beiden getanzt. Aber die Menge wollte 
auch ihr Recht: so flogen Mlle. de Maupin und 
Rosalinde aus einem Arm in den andern; bald 
pressten sie sehnige Arme junger Männer, bald 
fühlten sie heiss atmende Brüste schöner Frauen. 

Gleichmütig blickte Justizrat Gontram darein; 
die Trierische Punschbowle, die er nun braute, 
interessierte ihn weit mehr als die Erfolge seines 
Sohnes. Er versuchte der Fürstin Wolkonski 
eine lange Geschichte von einem Falschmünzer zu 
erzählen, aber Ihre Durchlaucht hörte nicht hin. 
Sie teilte die Befriedigung und den freudigen Stolz 
der Exzellenz tenBrinken, fühlte sie sich doch mit- 
beteiligt daran, dass dieses Wesen, ihr Patenkind 
Alraune, in der Welt war. Nur der kleine Ma- 
nasse war missmutig genug, schimpfte und knurr- 
te halblaut vor sich hin. 

„Du solltest nicht soviel tanzen, Junge," fauch- 
te er Wolf an, „solltest mehr achtgeben auf deine 
Lungen!" Aber der junge Gontram hörte ihn 
nicht. 

Gräfin Olga sprang auf, flog hin zu Alraune. 
„Mein hübscher Kavalier — " flüsterte sie. Und 
der Spitzenknabe antwortete: „Komm her, kleine 
Toska!" Er wirbelte sie daher, links herum, 
rings durch den Saal, Hess sie kaimi Atem schöp- 
fen. Brachte die Atemlose zurück zum Tisch, 
küsste sie mitten auf den Mund. 

Frieda Gontram tanzte mit ihrem Bruder, sah 
282 



ihn lange an mit klugen grauen Augen: „Schade, 
dass du mein Bruder bist." sagte sie. 

Er verstand sie gar nicht. „Warum denn?" 
fragte er. 

Sic lachte. „O du dummer Junge! — Uebri- 
gens hast du ja im Grunde ganz recht mit deiner 
Frage: .Warum denn?* Denn eigentlich sollte 
das wirklich kein Hinderungsgrund sein, nicht 
wahr? Es ist nur eben, weil uns die Moralfetzen 
unserer blöden Erziehung immer noch wie die 
Bleikugeln in unseren Schossnähten hängen und 
uns die Tugendröcke fein sittsam strecken. — 
Das ist es, mein schönes Brüderchen 1" 

Aber Wolf Gontram begriff nicht eine Silbe; 
da Hess sie ihn lachend stehen und nahm den Arm 
des Fräulein ten Brinken. „Mein Bruder ist ein 
schöneres Mädchen, wie du," sagte sie, „aber du 
bist ein süsserer Junge.'* 

„Und du," lachte Alraune, „du blonde Aebtis- 
sin, du hast die süssen Jungen lieber?" 

Sie antwortete: „Was darf Heloise verlangen? 
Grimmig schlecht ging es meinem armen Abälard, 
weisst du — der war schlank und war zart 
wie du es bist! Da lernt man sich bescheiden. Dir 
aber, mein holder Knabe, der du ausschaust, wie 
ein seltsam Pfäfflein einer neuen und frechen 
Lehre, dir wird niemand ein Leid antun." 

„Meine Spitzen sind alt und sind ehrwürdig,** 
sagte der Chevalier de Maupin. 

„Da decken sie am besten die süsse Sünde," 
lachte die blonde Aebtissin. Sie nahm ein Spitz- 

983 



glas vom Tische und reichte es ihr: „Trink, süs- 
ser Junge." 

Die Gräfin kam, heiss mit bittenden Augen. 
„Lass ihn mir," drängte sie ihre Freundin, „lass 
ihn mir!" Aber Frieda Gontram schüttelte den 
Kopf. „Nein," sagte sie scharf, den nicht! Frei- 
er Wettbewerb, wenn du magst." 

„Sie hat mich geküsst," machte die Tosca 
geltend. Und Heloise spottete: „Glaubst du: dich 
allein in dieser Nacht?" Sie wandte sich zu Al- 
raune. 

„Entscheide, mein Paris, wen willst du? Die 
weltliche Dame oder die geistliche?" 

„Heute?" fragte das Fräulein de Maupin. 

„Heute — und solange du magst!" rief Grä- 
fin Olga. 

Da lachte der Spitzenknabe. „Ich will die Aeb- 
tissin — und die Tosca auch." 

Und er lief lachend hinüber zu dem blonden 
Teutonen, der als roter Henkersknecht daher- 
stolzierte mit einem gewaltigen Richtbeil aus 
Pappe. 

„Du, Schwager," rief sie, „ich habe zwei Ma- 
mas bekommen! — Willst du sie hinrichten, alle 
beide?" 

Der Student reckte sich und streifte die Aer- 
mel hoch. „Wo sind sie?" brüllte er. 

Aber Alraune fand keine Zeit zu antworten, 
der Oberst des 28. Regiments holte sie zum 
Two-Step. 

284 



Der Chevalier de Maupin trat an den 

Tisch der Professoren. 

„Wo ist dein Albert?" fragte der Literarhisto- 
riker, „Und wo ist deine Isabella?" 

„Mein Albert läuft überall herum, Herr Exa- 
minator," antwortete Alraune, „in zwei Dutzend 
Exemplaren springt er im Saal! Und Isabel- 
la — " sie Hess ihre Augen suchend herum- 
schweifen. „Isabella," fuhr sie fort, „die will ich 
dir auch gleich zeigen." 

Sie trat auf das Töchterlein des Professors 
zu, ein fünfzehnjähriges, verschüchtertes Ding, 
das sie mit grossen blauen Augen verwundert 
ansah. „Willst du mein Page sein, kleine Gärt- 
nerin?" fragte sie. 

Da sagte das flachshaarige Mädel: „Ja — 
gerne! — Wenn du mich willst!" 

„Du musst mein Page sein, wenn ich eine Da- 
me bin," belehrte sie der Chevalier de Maupin, 
„und meine Zofe, wenn ich als Herr gehe." 
Und die Kleine nickte. 

„Bestanden, Herr Professor?" lachte Alraune. 

„Summa cum laude!" bestätigte der Literar- 
historiker. „Aber lass mir doch lieber meine 
kleine Trude." 

„Jetzt frage ich!" rief das Fräulein ten Brin- 
ken. Und sie wandte sich an den kleinen, run- 
den Botaniker. „Welche Blumen blühen in mei- 
nem Garten, Herr Professor?" 

„Rote Hibiskus," antwortete der Botaniker, 

«85 



der Ceylons Flora gut kannte, „Goldlotos und 
weisse Tempelblumen." 

„Falsch!" rief Alraune. „Ganz falsch! Weisst 
du es, Herr Schützenbruder aus Haarlem? Wel- 
che Blumen wachsen in meinem Garten?" 

Der Professor der Kunstgeschichte sah sie 
scharf an, ein leichtes Lächeln zuckte um seine 
Lippen. 

„Les fleurs du mal." sagte er. „Stimmt es?" 

„Ja!" rief Mlle. de Maupin. „Ja, es stimmt 
gut. Aber nicht für euch blühen sie, meine Her- 
ren Gelehrten — ihr müsst hübsch warten, 
bis sie verdorrt und gepresst in den Büchern lie- 
gen, • oder auf Bildern unter dem Firnis trock- 
nen." 

Sie zog ihren hübschen Degen, verbeugte 
sich, schlug die hohen Stöckel zusammen und 
salutierte. Drehte herum auf dem Absatz, tanzte 
ein paar Schritte mit dem Baron v. Manteuffel 
von den Preussen, hörte die helle Stimme Ihrer 
Kgl. Hoheit und sprang rasch heran an den 
Tisch der Prinzessin. 

„Gräfin Almaviva," begann sie, „was begehrt 
Ihr von Eurem treuen Cherubin?" 

„Recht unzufrieden bin ich mit ihm," sagte 
die Prinzessin, „er hätte wirklich die Rute ver- 
dient! Strolcht herum im Saale mit einem Fi- 
garo nach dem andern!" 

„Die Susannen nicht zu vergessen!" lachte 
der Prinzgemahl. 

Alraune ten Brinken zog die Lippen zum 

286 



Pfännchen. „Was soll so ein armer Junge auch 
machen," rief sie, „der nichts weiss von der bö- 
sen Welt?" Sie lachte, nahm dem Adjutanten, 
der als Frans Hals vor ihr stand, die Laute von 
der Schulter, präludierte, trat ein paar Schritte 
zurück und sang: 

„Ihr, die ihr Triebe 
Des Herzens kennt, 
Sagt, ist es Liebe, 
Das hier so brennt?" 
„Bei wem willst du dir Rat erholen, Cheru- 
bin?" fragte die Prinzessin. 

„Weiss meine Gräfin Almaviva nicht Be- 
scheid?" gab Alraune zurück. 

Da lachte Ihre Kgl. Hoheit. „Du bist sehr keck, 
mein Page!" sagte sie. 

Cherubin antwortete: „Das ist Pagenart." 
Er streifte die Spitzen von dem Aermel der 
Prinzessin und küsste ihr die Hand — ein we- 
nig zu hoch am Arme und ein wenig zu lange. 
„Soll ich dir Rosalinde bringen?" flüsterte er. 
Und er las die Antwort aus ihren Augen. 

Rosalinde tanzte vorbei — nicht einen Au- 
genblick gönnte man ihr Ruhe an diesem Abend. 
Der Chevalier de Maupin nahm sie ihrem Tän- 
zer fort, führte sie die Stufen hinauf zu dem 
Tische der Hoheiten. „Gebt ihr zu trinken," 
rief sie, „meine Liebste verschmachtet." Sie 
nahm das Glas, das ihr die Prinzessin reichte 
und führte es Wolf Gontram an die roten Lip- 

187 



pen. Dann wandte sie sich zu dem Prinzgemahl. 
„Willst du tanzen mit mir, wilder Raugraf bei 
Rhein?" 

Er lachte derb, wies ihr die riesigen braunen 
Reiterstiefel mit den ungeheuren Sporn. „Glaubst 
du, dass ich damit tanzen kann?" 

„Versuch es!" drängte sie und zog ihn am 
Arme von seinem Sitze auf. „Es wird schon ge- 
hen! Nur tritt mich nicht tot und zerbrich mich 
nicht, du rauher Jägersmann!" 

Der Fürst warf einen bedenklichen Blick auf 
das zarte Ding in dem duftigen Spitzengewebe, 
dann streifte er die mächtigen Wildlederhand- 
schuhe über. „Also komm, kleiner Page!" rief 
er. 

Alraune warf eine Kusshand hinüber zu der 
Prinzessin, walzte durch den Saal mit dem 
schweren Fürsten. Die Leute machten ihnen 
Platz und es ging gut genug, quer hinüber und 
wieder zurück. Er hob sie hoch, wirbelte sie 
durch die Luft, dass sie laut aufschrie, da ver- 
wickelten sich seine langen Reitersporen — 
plumps, lagen sie beide auf dem Parkett. Im 
Nu war sie wieder auf, streckte ihm ihre Hand 
hin. 

„Aufstehen, Herr Raugraf," rief sie. — „Ich 
kann dich doch wirklich nicht aufsammeln." 

Er hob den Oberkörper, aber wie er den rech- 
ten Fuss aufsetzte, fuhr ein rasches „Au" aus 
seinem Munde. Er stützte sich auf die linke 
Hand, versuchte wieder sich aufzurichten. Aber 

288 



CS ging nicht, ein heftiger Schmerz nahm ihm 
die Herrschaft über den Fuss. 

Da sass er, gross und stark, mitten im Saale, 
konnte sich nicht erheben. Einige kamen her- 
an, mühten sich, ihm den mächtigen Stiefel ab- 
zuziehen, der das ganze Bein deckte. Aber es 
ging nicht, so schnell schwoll ihm der Fuss auf; 
sie mussten mit scharfen Messern das harte Le- 
der herunterschneiden. Prof. Dr. Helban, der 
Orthopäde, untersuchte ihn, er stellte einen 
Knöchelbruch fest. 

„Für heute ist's aus mit dem Tanzen!** 
brummte der Prinzgemahl. 

Alraune stand vor dem dichten Kreise, der ihn 
umgab, neben sie drängte sich der rote Hen- 
kersknecht. Ihr fiel ein Liedchen ein, das sie die 
Studenten zur Nachtzeit durch die Strassen hat- 
te johlen hören. 

„Sag doch," fragte sie, „wie geht das Lied 
von den Feldern und den Wäldern und der Mus- 
kelkraft?" 

Der lange Teutone, der einen tüchtigen 
Schwips hatte, reagierte, als ob man einen Gro- 
schen in einen Automaten geworfen hätte. Er 
schwang sein Henkerbeil hoch in der Luft und 
brüllte los: 

„Er fiel auf einen Stein. 

Er fiel auf einen — kille, kille, kille — 

Er fiel auf einen Stein! 

Zerbrach drei Rippen im Leibe, 

19 Ewers, Alraune 289 



und die Felder und die Wälder und die 

Muskelkraft — 

Dazu das rechte — kille, kille, kille — 

Dazu das rechte Bein!" 

„Halt's Maul!" raunte ihm ein Korpsbruder 
zu, „Bist du ganz verrückt geworden?" 

Da schwieg er. Aber der gutmütige Fürst 
lachte: „Danke für das passende Ständchen! 
Aber die drei Rippen hättest du dir sparen kön- 
nen — ich habe vollständig genug mit dem 
Bein da!" 

Sie trugen ihn hinaus auf einem Sessel, 
schafften ihn in seinen Schlitten. Mit ihm ver- 
liess die Prinzessin den Saal — sie war gar 
nicht zufrieden mit diesem Zwischenfall. 

* ♦ * 

Alraune suchte Wolf Gontram, fand ihn noch 
immer an dem verlassenen Tisch der Hoheiten. 

„Was hat sie getan?" fragte sie rasch. „Was 
hat sie gesagt?" 

„Ich weiss es nicht," antwortete Wölfchen. 

Sie nahm seinen Fächer, schlug ihn heftig über 
den Arm. „Du weisst es wohl," beharrte sie. 
„Du musst es wissen und musst es mir sagen!" 

Er schüttelte den Kopf. „Aber ich weiss es 
wirklich nicht. Sie hat mir zu trinken gegeben, 
hat mir die Locken aus der Stirne gestrichen. 
Ich glaube, sie hat auch meine Hand gedrückt. 
— Aber ich kann es nicht genau sagen, weiss 

290 



auch nichts von alldem, was sie gesagt hat. Ich 
habe ein paarmal ,Ja" gesagt, aber ich habe 
gar nicht auf sie hingehört. — Ich habe an ganz 
was anderes gedacht." 

„Du bist schrecklich dumm, Wölfchen." sag^e 
das Fräulein vorwurfsvoll. „Du hast wieder ge- 
träumt 1 — An was hast du denn eigentlich ge- 
dacht?" 

„An dich," erwiderte er. 

Sie stampfte ärgerlich mit den Füssen auf. 
„An michl Immer an michl — Warum denkst 
du eigentlich immer nur an mich?" 

Da blickten sie seine grossen, tiefen Augen 
bittend an. „Ich kann doch nichts dafür." flü- 
sterte er. 

Die Musik fiel ein, unterbrach die Stille, die 
der Weggang der Hoheiten verursacht hatte. 
Weich und lockend klangen die „Rosen des Sü- 
dens". Sie nahm seine Hand, zog ihn mit sich 
fort: „Komm, Wölfchen, wir wollen tanzen!" 

Sie traten an, drehten sich, noch allein in dem 
grossen Saal. Der graubärtige Kunsthistoriker 
sah sie, kletterte auf seinen Stuhl und schrie hin- 
ab: „Silentium! Extrawalzer für den Chevalier 
de Maupin und seine Rosalinde." 

Viele hundert Augen ruhten auf dem hüb- 
schen Paar. Alraune bemerkte es wohl und je- 
der Schritt, den sie tat, geschah in dem Be- 
wusstsein, dass man sie bewundern müsse. Aber 
Wolf Gontram bemerkte nichts, er fühlte nur, 
dass er in ihren Armen lag und von weichen 
19* 291 



Klängen getragen wurde. Und seine grossen, 
schwarzen Brauen senkten sich halb, beschatte- 
ten die traumtiefen Augen. 

Der Chevalier de Maupin führte. Sicher, 
selbstbewusst, wie ein schlanker Page, der das 
glatte Parkett gewohnt ist von der Wiege an. 
Leicht vorgebeugt den Kopf, die Linke, die zwei 
^Finger Rosalindens hielten, zugleich an dem 
goldenen Knauf des Degens, den er hinabdrück- 
te, so dass das Ende hinten den Spitzenschoss 
hob. Seine gepuderten Locken sprangen wie 
silberne Schlänglein, ein Lächeln öffnete die 
Lippen und zeigte die blanken Zähne. 

Und Rosalinde folgte dem leichten Drucke. 
Die goldrote Schleppe glitt über den Boden, wie 
eine holde Blüte wuchs ihre Figur daraus her- 
vor. Ihr Kopf lag weit im Nacken, schwer fie- 
len die weissen Straussenfedern von dem gros- 
sen Hute. Weltfern, weit entrückt von allem, 
was da war, schwebte sie unter den Rosengir- 
landen. *Rund durch den Saal, wieder und wie- 
der. 

Die Gäste drängten sich am Rande, hinten 
stiegen sie auf Stühle und Tische. Sahen her- 
über, atemlos. 

„Ich gratuliere, Exzellenz," murmelte die 
Fifrstin Wolkonski. Und der Geheimrat ant- 
wortete: „Danke, Durchlaucht. Sie sehen, dass 
unsere Mühen damals nicht ganz vergebens wa- 
ren. 

Sie changierten, der Chevalier führte seine 

292 



Dame quer durch den Saal. Und Rosalinde 
schlug die Augen weit auf, warf schweigende, 
erstaunte Blicke auf die Menge ringsum. 

„Shakespeare würde knien, wenn er diese Ro- 
salinde sähe," erklärte der Literaturprofessor. 
Aber am Nebentische kläffte von seinem Stuhle 
herunter der kleine Manasse den Justizrat Gon- 
tram an. „Stehen Sie doch auch mal auf, Herr 
Kollege! Sehen Sie doch! Wie Ihre selige Frau 
blickt der Junge herum — genau so!" 

Der alte Justizrat blieb ruhig sitzen, prüfte 
eine neue Flasche Uerziger Auslese. „Ich kann 
mich nicht mehr besonders erinnern, wie das 
war." meinte er gleichgültig. Oh, er wusste es 
gut — aber was gingen seine Gefühle andere 
Menschen an? 

Die beiden tanzten, hin durch den Saal und 
zurück. Schneller hoben und senkten sich Rosa- 
lindens weisse Schultern, röter färbten sich ihre 
Wangen. Aber gleich zierlich, gleich sicher und 
gewandt lächelte unter dem Puder der Cheva- 
lier de Maupin. 

Gräfin Olga riss die roten Nelken aus dem 
Haare, warf sie dem Paare zu. Und der Cheva- 
lier de Maupin haschte eine in der Luft, drückte 
sie an die Lippen, grüsste hinüber. Da griffen 
auch die andern nach bunten Blumen, nahmen 
sie aus den Vasen der Tische, trennten sie von 
den Kleidern, lösten sie aus der Frisur. Und un- 
ter einem Regen von Blüten walzten die beiden 

293 



daher, links herum, leicht getragen von den »Ro- 
sen des Südens*. 

Immer von neuem setzte die Kapelle ein. Die 
Musiker, abgestumpft, übermüdet durch das all- 
nächtliche Spiel in der Saison, schienen wach zu 
werden, bogen sich über die Brüstung der Gale- 
rie, blickten hinunter. Schneller flog der Takt- 
stock des Dirigenten, heisser rauschten die Bo- 
gen der Geigen. Und unermüdlich in tiefem 
Schweigen glitt das Paar durch ein Rosenmeer 
von Farben und Klängen: Rosalinde und der 
Chevalier de Maupin. 

Dann klappte der Kapellmeister ab — da 
brach es los. Der Freiherr von Platen, Oberst 
der Achtundzwanziger, schrie mit Stentorstim- 
me herab von der Gallerie: „Ein Hoch dem 
Paare! Ein Hoch dem Fräulein ten Brinken! 
Ein Hoch der Rosalinde!" Und die Gläser klan- 
gen und die Leute schrien und johlten. Drangen 
auf das Parkett, umringten die beiden, erdrück- 
ten sie fast. 

Zwei Korpsburschen von Rhenania schlepp- 
ten einen mächtigen Korb voller Rosen, den sie 
unten irgendwo einer Blumenfrau abgehandelt 
hatten, ein paar Husarenoffiziere brachten 
Champagner. Alraune nippte nur, aber Wolf 
Gontram, überhitzt, glühend durstig, schlürfte 
gierig den kühlen Trank, einen Kelch um den 
andern. Alraune zog ihn fort, bahnte sich einen 
Weg durch die Menge. 

Mitten im Saale sass der Henkersknecht. Er 

294 



streckte den langen Hals weit vor, hielt mit 
beiden Händen ihr sein Richtbeil entgegen. „Ich 
hab keine Blumen," schrie er. „Ich bin selbst 
eine rote Rose! Schneid sie dir ab!" 

Alraune Hess ihn sitzen. Führte ihre Dame 
weiter, an den Tischen unter der Gallerie vor- 
bei, in den Wintergarten. Sie sah sich um: hier 
'war es nicht weniger voll von Menschen und alle 
winkten, riefen ihnen zu. Da sah sie, hinter ei- 
nem schweren Vorhange, die kleine Türe, die 
zum Balkon führte. 

„Oh, das ist gut!" rief sie. „Komm mit, Wölf- 
chen!** Sie schlug den Vorhang zurück, drehte 
den Schlüssel um, drückte die Hand auf die Klin- 
ke. Aber fünf plumpe Finger legten sich auf ih- 
ren Arm. „Was wollen Sie da?** rief eine rauhe 
Stimme. Sie wandte sich um; es war Rechtsan- 
walt Manasse in seinem schwarzen Domino. 
„Was wollen Sie da draussen?" wiederholte er. 

Sie schüttelte seine hässliche Hand ab. „Was 
geht Sie das an?*' antwortete sie. „Ein bisschen 
frische Luft schöpfen wollen wir." 

Er nickte eifrig. „Das dacht ich mir doch! 
Grade darum kam ich Ihnen nach. — Aber Sic 
werden es nicht tun, werden es nicht tun!" 

Das Fräulein ten Brinken reckte sich, sah ihn 
hochmütig an. „Und warum sollte ich es nicht 
tun? Wollen Sie uns vielleicht daran hindern?" 

Er duckte unwillkürlich unter ihrem Blicke. 
Aber er Hess nicht los. „Ja, ich will Sie hindern, 
gerade ich! Begreifen Sie denn nicht, dass es 

395 



Wahnsinn ist? Sie sind überhitzt alle beide, fast 
gebadet in Schweiss — und da wollen Sie auf 
den Balkon hinaus bei minus zwölf Grad!?" 

„Wir werden doch gehen," beharrte Alraune. 

„Gehen Sie doch." kläffte er. „Es ist mir ganz 
gleichgültig, was Sie tun, Fräulein. — Nur den 
Jungen will ich zurückhalten, Wolf Gontram, 
ihn allein." 

Alraune mass ihn vom Kopf zu den Füssen. 
Sie zog den Schlüssel aus dem Schlosse, öffnete 
die Türe weit. 

„So!" machte sie. Sie trat hinaus auf den Bal- 
kon, hob die Hand und winkte ihrer Rosalinde 
„Willst du mit mir hinauskommen in die Win- 
ternacht?" rief sie, „Oder willst du drinnen blei- 
ben im Saale?" 

Wolf Gontram stiess den Rechtsanwalt zur 
Seite, trat rasch durch die Türe. Der kleine Ma- 
hasse griff nach ihm, klammerte sich fest an 
seinen Arm, aber er stiess ihn wieder zurück, 
schweigend, dass er unbeholfen gegen den Vor- 
hang fiel. 

„Geh nicht Wolf!" schrie der Rechtsanwalt, 
„Geh nicht!" Er jammerte fast, seine heisere 
Stimme überschlug sich. 

Aber Alraune lachte laut. „Adieu, du getreuer 
Eckart! Bleib hübsch draussen und bewach un- 
seren Hörselberg!" Sie schlug ihm die Türe 
dicht vor der Nase zu, steckte den Schlüssel ein 
und drehte ihn zweimal im Schloss. 

Der kleine Rechtsanwalt versuchte durch die 

296 



gefrorenen Scheiben zu sehen. Er riss an der 
Klinke, stiess mit beiden Füssen wütend auf den 
Boden. Dann, langsam, beruhigte er sich. Ging 
zurück hinter dem Vorhang her, trat in den 
Saal. 

„So ist es Fatum," brummte er. Er biss die 
starken wirr stehenden Zähne übereinander, kam 
zurück an den Tisch der Exzellenz, Hess sich 
schwer auf einen Stuhl fallen. 

„Was haben Sie, Herr Manasse?" fragte Frie- 
da Gontram. „Sie sehen aus wie sieben Tage 
Regenwetter !" 

„Nichts!" kläffte er, „Gar nichts. — Ihr Bru- 
der ist ein Esel. — Uebrigens — trinken Sie 
doch nicht alles allein aus, Herr Kollege! Ge- 
ben Sie mir doch auch was mit!" 

Der Justizrat goss ihm sein Glas voll. Frieda 
Gontram aber sagte überzeugt: „Ja, das glaube 
ich, dass er ein Esel ist." 

* ♦ ♦ 

Die beiden traten durch den Schnee, lehnten 
sich über die Brüstung, Rosalinde und der Che- 
valier de Maupin. Der volle Mond fiel über die 
breite Gasse, warf sein süsses Licht auf die ba- 
rocken Formen der Universität, den alten Pa- 
last des Erzbischofs. Spielte über die weiten 
weissen Flächen da unten, warf phantastische 
Schatten quer über die Bürgersteige. 

Wolf Gontram trank die eisige Luft. „Das ist 
schön," flüsterte er, wies mit der Hand hinunter 
auf die weisse Strasse, deren tiefe Stille kein 

«97 



kleinster Laut störte. Aber Alraune ten Brinken 
sah hinauf zu ihm, sah wie seine weissen Schul- 
tern im Mondlichte strahlten, sah seine grossen 
Augen, die tief leuchteten wie zwei schwarze 
Opale. „Du bist schön," sagte sie ihm, „du bist 
schöner noch, als die Mondnacht." 

Da lösten sich seine Hände von der steinernen 
Brüstung, griffen nach ihr und umschlangen sie. 
„Alraune," rief er, „Alraune — " 

Einen kleinen Augenblick duldete sie es. 
Dann machte sie sich los, schlug ihn leicht auf 
die Hand. „Nein!" lachte sie, „nein! Du bist Ro- 
salinde — und ich bin ein Knabe: so will ich 
dir den Hof machen." Sie sah sich um, griff aus 
der Ecke einen Stuhl, schleppte ihn her und 
klopfte mit ihrem Degen den Schnee herunter. 
„Hier, setz dich, mein schönes Fräulein — 
du bist leider ein wenig zu gross für mich! So 
ist's recht — nun gleicht es sich aus!" 

Sie verbeugte sich zierlich, Hess sich dann 
nieder auf ein Knie. „Rosalinde," zwitscherte 
sie, „Rosalinde! Darf dir ein fahrender Ritter 
einen Kuss rauben — " 

„Alraune — " begann er. Aber sie sprang auf, 
schloss ihm die Lippen mit der Hand. „Du 
musst ,Mein Herr* sagen!" rief sie. „Also — 
darf ich dir einen Kuss rauben, Rosalinde?" 

„Ja, mein Herr." stotterte er. Da trat sie hin- 
ter ihn, nahm seinen Kopf in beide Arme. Und 
sie begann, zögernd, der Reihe nach. „Die Ohren 
zuerst," lachte sie, „das rechte und nun das 

298 



linke! Und die Wangen alle beide — und die 
dumme Nase, die hab ich schon oft geküsst. 
Und endlich — pass auf, Rosalinde — deinen 
schönen Mund!" Sie beugte sich nieder, drängte 
ihren Lockenkopf über seine Schulter, unter dem 
Hute her. Aber sie fuhr wieder zurück. „Nein, 
nein, schönes Mädchen, lass deine Hände! Die 
müssen fein sittsam im Schosse ruhen." 

Da legte er die zitternden Hände auf die Knie 
und schloss die Augen. So küsste sie ihn, küsste 
ihn lange und heiss. Aber am Ende suchten ihre 
kleinen Zähne seine Lippe, bissen rasch zu, dass 
die roten Blutstropfen schwer hinabfielen in 
den Schnee. 

Sie riss sich los, stand vor ihm, starrte in den 
Mond mit weit offenen Augen. Ein rascher Frost 
fasste sie, warf ein Zittern über ihre schlanken 
Glieder. „Mich friert." flüsterte sie. Sie hob einen 
Fuss auf und dann den andern. „Der dumme 
Schnee ist überall in meinen Spitzenschuhen!" 
Sie zog einen Schuh aus und klopfte ihn aus. 

„Zieh meine Schuhe an," rief er, „die sind 
grösser und wärmer." Und schnell streifte er sie 
ab, Hess sie hineintreten. „Ist es besser so?" 

„Ja," lachte sie, „nun ist es wieder gut! Ich 
(vill dir noch einen Kuss dafür geben, Rosa- 
linde." 

Und sie küsste ihn wieder — und wieder biss 
sie ihn. Dann lachten sie beide, wie der Mond 
leuchtete über den roten Flecken im weissen 
Grunde. 

399 



„Liebst du mich, Wolf Gontram?" fragte sie. 

Und er sagte: „Ich denke nichts anderes, wie 
dich." 

Sie zögerte einen Augenblick, dann fragte sie 

weiter: „Wenn ich es wollte würdest du 

hinabspringen vom Balkon?" 

„Ja!" sagte er. 

„Auch vom Dache?" Und er nickte. 

„Auch von dem Turme der Münsterkirche?" 
Er nickte wieder. 

„Würdest du alles für mich tun, Wölfchen?" 
fragte sie. 

Und er sagte: „Ja, Alraune, wenn du mich 
liebst." 

Sie zog die Lippen hoch, wiegte sich leicht in 
den Hüften. „Ich weiss nicht, ob ich dich liebe," 
sprach sie langsam. „Würdest es auch tun, wenn 
ich dich nicht liebte?" 

Da leuchteten die herrlichen Augen, die ihm 
seine Mutter schenkte, leuchteten voller und 
tiefer, als sie es je getan. Und der Mond dort 
oben ward neidisch auf diese Menschenaugen, 
schlich davon, barg sich hinter dem Münster- 
turme. 

„Ja," sagte der Knabe, „ja — auch dann." 

Sie setzte sich auf seinen Schoss, schlang ihm 
die Arme um den Nacken. „Dafür, Rosalinde — 
dafür will ich dich zum dritten Male küssen!" 

Und sie küsste ihn — länger noch und heis- 
ser. Und sie biss ihn — wilder noch und tiefer. 
Aber sie konnten die schweren Tropfen nicht 

300 



mehr sehen in dem weissen Schnee, da der miss- 
günstige Mond seine Silberfackel versteckte — 

„Komm," flüsterte sie, „komm, wir müssen 
gehen," 

Sie wechselten die Schuhe, klopften den 
Schnee von ihren Kleidern. Sie schlössen die 
Türe auf, traten zurück, schlüpften hinter dem 
Vorhang her in den Saal. Grell strahlten die Bo- 
genlampen über sie hin, heiss und stickig um- 
fing sie die Luft. 

Wolf Gontram schwankte, als er den Vor- 
hang losliess, griff mit beiden Händen rasch an 
die Brust. 

Sie merkte es wohl. „Wölfchen!?" rief sie. 

Er sagte: „Lass nur. Es ist gar nichts — 
irgendein Stich! — Aber es ist schon wieder 
gut." 

— Hand in Hand schritten sie durch den 
Saal. ♦ ^ » 

Wolf Gontram kam nicht ins Bureau am 
nächsten Tage. Stand nicht auf von seinem 
Bette, lag in wildem Fieber; neun Tage lang 
lag er so. Manchmal phantasierte er, rief ihren 
Namen — aber nicht einmal kam er zum Be- 
wusstsein in dieser Zeit. 

Dann starb er. Lungenentzündung war es. 

Und sie begruben ihn draussen, auf dem neuen 
Friedhofe. 

Einen grossen Kranz voll dunkler Rosen 
sandte das Fräulein ten Brinken. 

301 



ELFTES KAPITEL, DAS WIEDERGIBT, WELCHES 
ENDE DEM GEHEIMRAT DURCH ALRAUNE WARD 



In der Schaltnacht dieses Jahres fuhr ein Sturm- 
wind über den Rhein. Fuhr von Süden her, 
fasste die Eisschollen, die hinuntertrieben, schob 
sie übereinander und warf sie krachend gegen 
den Alten Zoll. Riss das Dach der Jesuitenkirche 
herunter, schlug uralte Linden nieder im Hofgar- 
ten, löste die starken Pontons der Schwimm- 
schule und zerschellte sie an den mächtigen Pfei- 
lern der Steinbrücke. 

Auch in Lendenich jagte der Sturm. Drei Ka- 
mine stürzte er vom Gemeindehaus und zertrüm- 
merte die alte Scheune des Hahnenwirts. Aber 
das Schlimmste tat er dem Hause ten Brinken 
an: er verlöschte die ewigen Lämpchen, die dem 
heiligen Johann von Nepomuk brannten. 

Das war nie geschehen, solange das Herren- 
haus stand, durch manche hundert Jahre nicht. 
Zwar füllten die Frommen im Dorfe gleich am 
andern Morgen die Lämpchen von neuem und 
brannten sie wieder an, aber sie sagten, dass es 
ein grosses Unglück bedeute und das sichere 
Ende der Brinken. Denn der Heilige wende seine 

302 



Hand nun ab von dem lutherischen Hause und 
das habe er gezeigt in dieser Nacht. Kein Sturm 
in der Welt hätte die Lämpchcn verlöschen kön- 
nen, wenn er es nicht zugelassen — 

Ein Zeichen sei es; so sagten die Leute. Man- 
che aber raunten, dass es gar nicht der Sturm- 
wind gewesen sei: das Fräulein sei hinausgegan- 
gen um Mittemacht — sie habe die Lampen ge- 
löscht. 

Aber es schien, als ob die Leute wohl irrten 
mit ihren Prophezeiungen. Grosse Feste gab es 
im Herrenhause, trotz der Fastenzeit. Hell strahl- 
ten alle Fenster, eine Nacht um die andere, Mu- 
sik scholl heraus und helles Lachen und Singen. 

Das Fräulein verlangte es so. Sie müsse Zer- 
streuung haben, sagte sie, nach dem Verlust, der 
sie getroffen. Und der Geheimrat tat, wie sie es 
wünschte. 

Er kroch hinter ihr her, wo sie nur ging, fast 
war es, als ob er die Rolle Wölfchens übernom- 
men habe. Gierig traf sie sein schielender Blick, 
wenn sie ins Zimmer trat, gierig folgte er ihr, 
wenn sie hinausging. Und sie merkte wohl, wie 
heiss ihm das Blut durch die alten Adern kroch, 
lachte hell auf und warf den Kopf in den Nacken. 

Immer kapriziöser wurden ihre Launen, immer 
übertriebener ihre Wünsche, 

Der Alte gab, aber er handelte, verlangte stets 
irgend etwas dagegen. Liess sich leicht kraulen 
auf der Glatze, oder mit raschen Fingern über 

303 



den Arm spielen, auf und nieder. Verlangte, dass 
sie sich auf seinen Schoss setzen solle, oder gar 
ihn küssen. Und, wieder und wieder, hiess er sie, 
als Knabe zu kommen. 

Sie kam im Reitanzug, kam auch in dem Spit- 
zenkleid vom Lichtmessball. Kam als Fischer- 
knabe mit offener Bluse und nackten Beinen, kam 
als Liftboy in roter, prall sitzender Uniform mit 
vortretenden Hüften. Kam als Wallensteinjäger, 
kam als Prinz Orlowski oder als Nerissa im Ge- 
richtschreibergewand. Und als Pikkolo im 
schwarzen Frack, als Rokokopage oder als Eu- 
phorien in Trikots und blauer Tunika. 

Dann sass der Geheimrat auf dem Sofa, Hess 
sie, auf und ab, vor sich hinschreiten. Seine feuch- 
ten Hände strichen über die Hosen, seine Beine 
rutschten hin und her über den Teppich. Und er 
suchte, mit verhaltenem Atem, wie er beginnen 
solle — 

Da blieb sie wohl stehn, sah ihn herausfordernd 
an. Dann kuschte er unter ihrem Blicke, fand 
die Worte nicht, suchte umsonst das hüllende 
Mäntelchen, das er über seine ekeln Wünsche 
decken könne. 

Spöttisch lächelnd ging sie hinaus. Sowie die 
Türe- ins Schloss fiel, sowie er ihr helles Lachen 
auf der Treppe hörte — kamen ihm die Ge- 
danken. Nun war es leicht, nun wusste er gut, 
was er sagen, wie er es anstellen sollte. Oft rief 
er dann — manchmal auch kam sie zurück. 

304 



„Nun?" fragte sie. — Aber es ging nicht, ging 
wieder nicht. „O nichts!" brummte er. 

* ♦ * 

Das war es: die Sicherheit fehlte ihm. Und er 
suchte herum, nach irgendeinem andern Opfer, 
nur um sich zu überzeugen, dass er noch Herr 
sei seiner alten Künste. 

Er fand eines, das dreizehnjährige Töchterlein 
des Klempners, das irgendeinen geflickten Kes- 
sel zum Hause brachte. 

„Komm mit, Mariechen." sagte er. „Ich will 
dir was schenken." Und er zog sie hinein in die 
Bibliothek. 

♦ • ♦ 

Still, wie ein krankes Wild, schlich die Kleine 
hinaus, nach einer halben Stunde. Drückte sich 
eng an den Mauern vorbei, mit weit offenen, star- 
ren Augen — 

Aber triumphierend, mit breitem Lächeln, 
schritt der Geheimrat über den Hof, dem Herren- 
hause zu. 

Nun war er wohl sicherer — aber nun wich 
Alraune ihm aus. Kam vor, sowie er ruhig schien, 
zog sich zurück, wenn sein Auge wirr flackerte. 

„Sie spielt — spielt auch mit mir!" knirschte 
der Professor. 

Dann, einmal, als sie aufstand vom Tisch, fass- 
te er ihre Hand. Er wusste genau, was er reden 
wollte, Wort für Wort — und hatte es doch ver- 
gessen im Augenblicke. Er ärgerte sich, ärgerte 

40 Ewers, Alraune 305 



sich auch über den hochmütigen Blick des Mäd- 
chens. Und rasch, heftig, sprang er auf, drehte 
ihren Arm herum, warf die Schreiende auf den 
Diwan. 

Sie fiel — aber sie stand wieder auf den Füs- 
sen, ehe er noch heran war. Lachte, lachte gell 
und lang, dass es ihn schmerzte in den Ohren. 
Und schritt hinaus ohne ein Wort. 

Sie blieb in ihren Räumen, kam nicht zum Tee, 
nicht zum Abendessen. Liess sich nicht blicken 
durch Tage hindurch. 

Er bettelte an ihrer Türe. Gab ihr gute Worte, 
flehte und bat. Aber sie kam nicht. Er schickte 
ihr Briefe hinein, beschwor sie, versprach ihr mehr 
und immer noch mehr. Aber sie antwortete nicht. 

Endlich, als er stundenlang vor ihrer Türe 
wimmerte, öffnete sie. „Sei still," sagte sie, „es 
ist mir lästig. — Was willst du?" 

Er bat um Verzeihung. Sagte, dass es ein An- 
fall gewesen sei, dass er die Herrschaft verloren 
habe über seine Sinne — 

„Du lügst." sprach sie ruhig. 

Da liess er alle Masken fallen. Sagte ihr, wie er 
sie begehre, wie er nicht atmen könne ohne ihre 
Gegenwart. Sagte ihr, dass er sie liebe. 

Sie lachte ihn aus. Aber sie liess sich ein auf 
Unterhandlungen, machte ihre Bedingungen. 

Immer noch handelte er, suchte da und dort 
ein kleines Mehr zu ergattern. Einmal — nur ein- 
mal in der Woche solle sie als Bube kommen — 

306 



„Nein," rief sie. „Jeden Tag, wenn ich mag — 
— und gar nicht, wenn ich nicht will." 

Da beschied er sich. Und er war, von diesem 
Tage an, der willenlose Sklave des Fräuleins. War 
ihr höriger Hund, winselte um sie herum, frass 
die Krumen, die sie mit frechem Finger bedäch- 
tig vom Tische knipste. Sic Hess ihn herumlau- 
fen, in seinem eigenen Hause, wie ein altes räudi- 
ges Tier, das das Gnadenbrot frisst — nur, weil 
man zu gleichgültig ist, es totzuschlagen — 

Und sie gab ihm ihre Befehle: besorge die Blu- 
men. Kauf ein Motorboot. Lade die Herren ein 
heute und morgen die. Hol mein Taschentuch 
herunter. Er gehorchte. Fühlte sich reich be- 
lohnt, wenn sie plötzlich herunterkam als Eton- 
boy mit hohem Hute und grossem rundem Kra- 
gen, wenn sie ihm die kleinen Lackschuhe hin- 
streckte, dass er die Seidenbänder knoten solle. 

Manchmal, wenn er allein war, erwachte er. 
Hob langsam den hässlichen Kopf, neigte ihn hin 
und her, grübelte nach, was eigentlich vorgegan- 
gen wäre. War er nicht gewohnt zu herrschen 
durch Menschenalter? War es nicht sein Wille, 
der galt auf dem Sitze ten Brinken? 

Es war ihm, als ob er ein Geschwür habe, mit- 
ten im Hirn, das dick schwoll und die Gedanken 
erdrückte. Irgendein giftiges Insekt war da hin- 
eingekrochen, durch das Ohr oder durch die Na- 
se, hatte ihn gestochen. Und nun schwirrte es 
herum, dicht um sein Gesicht, summte höhnisch 
vor seinen Augen. — Warum zertrat er nicht das 

20' SO? 



Geschmeiss? — Er richtete sich halb auf, 

rang mit einem Entschluss. „Es muss ein Ende 

haben," murmelte er. 

Aber er vergass das alles, sowie er sie sah. 

Dann weitete sich sein Blick, dann schärfte sich 

sein Gehör, vernahm das leiseste Rauschen ihrer 

Seide. Dann schnupperte seine mächtige Nase in 

der Luft, sog begierig den Duft ihres Fleisches, 

zitterten seine alten Finger, leckte seine Zunge 

den Speichel von den Lippen. Alle seine Sinne 

krochen ihr nach, gierig, geil, giftig gefüllt mit 

eklen Lüsten. — Das war der starke Strick, an 

dem sie ihn hielt. 

* ^ * 
* 

Herr Sebastian Gontram kam hinaus nach Len- 
denich; fand den Geheimrat in der Bibliothek. 

„Nehmen Sie sich in acht," sagte er, „wir wer- 
den viele Mühe haben, das alles wieder in Ord- 
nung zu bringen. Sie sollten sich selbst ein biss- 
chen mehr darum bekümmern, Exzellenz." 

„Ich habe keine Zeit," antwortete der Geheim- 
rat. 

„Das geht mich nichts an," sagte Herr Gon- 
tram ruhig. „Sie müssen eben Zeit haben. Sie be- 
kümmern sich um nichts mehr in den letzten Wo- 
chen, lassen alles laufen, wie es eben läuft. — 
Passen Sie auf, Exzellenz, es könnte Ihnen an 
den Kragen gehen!" 

„Ach," höhnte der Geheimrat, „was ist denn 
los?" 

308 



„Ich habe es Ihnen ja geschrieben," antwortete 
der Justizrat, „aber Sic scheinen nicht einmal 
meine Briefe mehr zu lesen. Der frühere Direk- 
tor des Wiesbadener Museums hat eine Broschü- 
re geschrieben — das wissen Sie ja — in der er 
alles mögliche behauptet; er wurde dafür vor Ge- 
richt gezogen. Er beantragte nun die Vernehmung 
von Sachverständigen — jetzt hat die Kommis- 
sion Ihre Stücke untersucht und sie zum grössten 
Teil für Fälschungen erklärt. Alle Blätter sind 
voll davon — der Angeklagte wird gewiss frei- 
gesprochen werden." 

„Lassen Sie ihn doch." sagte der Geheimrat. 

„Na, mir soll's recht sein, Exzellenz, wenn Sie 
meinen!" fuhr Gontram fort. „Aber er hat schon 
eine neue Anzeige gegen Sie bei unserer Staats- 
anwaltschaft eingereicht und die Behörde wird 
sie aufnehmen müssen. — Uebrigens ist das lan- 
ge nicht alles. In der Konkurssache der Gersten- 
berger Erzhütte hat der Konkursverwalter, auf 
Grund einiger Dokumente, Anzeige wegen Bi- 
lanzverschleierung und betrügerischen Bankerotts 
gegen Sie erstattet; eine ähnliche Anzeige ist, wie 
Sie wissen, in Sachen der Karpener Ziegeleien ein- 
gelaufen. Endlich hat Rechtsanwalt Kramer, der 
den Klempner Hamecher vertritt, es durchge- 
setzt, dass die Staatsanwaltschaft die ärztliche 
Untersuchung seines Töchterchens angeordnet 
hat." 

„Das Kind lügt," rief der Professor, „es ist 
ein hysterischer Fratz." 

309 



„Um so besser," nickte der Justizrat, „dann 
wird sich Ihre Unschuld ja herausstellen. Wir 
haben da ferner eine Klage des Kaufmanns Mat- 
thiesen auf Schadenersatz und Rückzahlung 
von fünfzigtausend Mark, in der mitgeteilt ist, 
dass zugleich eine Betrugsanzeige erstattet wur- 
de. In einem neuen Schriftsatze in Sachen derPlu- 
tus-G. m. b. H. wirft Ihnen der gegnerische An- 
walt Urkundenfälschung vor und erklärt eben- 
falls, die nötigen Schritte zum straf gerichtlichen 
Verfahren einleiten zu wollen. — Sie sehen, Ex- 
zellenz, die Fälle mehren sich, wenn Sie eine 
Zeitlang nicht auf das Bureau kommen. Kaum 
ein Tag vergeht, ohne dass wir irgend etwas Neu- 
es da vorfinden." 

„Sind Sie nun fertig?" fuhr ihn der Geheim- 
rat an. 

„Nein," sagte Herr Gontram gleichmütig, 
„ganz und gar nicht. Es war nur eine kleine Blü- 
tenlese aus dem hübschen Strauss, der Sie in der 
Stadt erwartet. Ich rate Ihnen dringend, Exzellenz, 
fahren Sie hinein — nehmen Sie die Sachen nicht 
gar so leicht." 

Aber der Geheimrat antwortete: „Ich sagte 
Ihnen doch schon, dass ich keine Zeit habe. Sie 
sollten mich wirklich in Ruhe lassen mit diesen 
Lappalien." 

Der Justizrat erhob sich, gab seine Akten in 
die Ledermappe und schloss diese bedächtig. 
„Ganz wie Sie wollen," sagte er. „Uebrigens wis- 
sen Sie, dass das Gerücht geht, die Mühlheimer 

310 



Kreditbank würde ihre Zahlungen in diesen Ta- 
gen einstellen?" 

„Dummes Zeug," erwiderte er. „Uebrigens ha- 
be ich kaum Geld drin stecken." 

„Nicht?" fragte Herr Gontram ein wenig ver- 
wundert, „Sie haben doch erst vor einem halben 
Jahre das Institut mit über elf Millionen saniert, 
um Ihre Hand fester in der Kalikontrolle zu ha- 
ben?! Ich habe ja selbst die Bergwerksobligatio- 
nen der Fürstin Wolkonski zu diesem Zwecke ver- 
kaufen müssen." 

Exzellenz ten Brinken nickte: „Der Fürstin 
— nun ja. — Bin ich etwa die Fürstin?" 

Der Justizrat wiegte bedenklich den Kopf. 
„Sie wird ihr Geld verlieren." murmelte er. 

„Was geht's mich an?" rief der Geheimrat. 
„Immerhin wollen wir sehen, was zu retten ist." 
Er erhob sich, trommelte mit der Hand auf den 
Schreibtisch. „Sie haben recht, Herr Justizrat, 
ich sollte mich etwas mehr bekümmern um meine 
Angelegenheiten. Erwarten Sie mich, bitte, ge- 
gen sechs Uhr im Bureau. — Ich danke Ihnen." 

Er reichte ihm die Hand und geleitete ihn zur 
Türe. 

Aber er fuhr an diesem Nachmittag nicht 
zur Stadt. Zwei Leutnants kamen zum Tee, da 
schlich er durch die Zimmer, kam herein, um 
irgend etwas zu holen, getraute sich nicht aus 
dem Hause zu gehen. Er war eifersüchtig auf je- 
den Menschen, mit dem Alraune sprach, auf den 

3" 



Stuhl, auf den sie sich setzte und den Teppich, 
den ihr Fuss trat. 

Und er ging nicht am nächsten Tage, noch am 
übernächsten. Der Justizrat sandte einen Boten 
nach dem andern, er schickte sie weg, ohne Ant- 
wort; stellte auch das Telephon ab, um nicht mehr 
angerufen zu werden. 

Da wandte sich der Justizrat an das Fräulein, 
sagte ihr, dass der Geheimrat sehr notwendig 
zum Bureau kommen müsse. Sie klingelte nach 
dem Auto, sandte ihre Zofe zur Bibliothek und 
Hess dem Geheimrat sagen, er möge sich fertig- 
machen, mit ihr zur Stadt zu fahren. 

Er zitterte vor Freude — das war das erstemal 
seit Wochen, dass sie mit ihm ausfuhr. Er Hess 
sich den Pelz umhängen, ging in den Hof, öffnete 
ihr den Wagenschlag. 

Sie sprach nicht, aber es beglückte ihn schon, 
nur sitzen zu dürfen neben ihr. Sie fuhr gleich 
zum Bureau, hiess ihn da aussteigen. 

„Wo fährst du hin?" fragte er. 

„Besorgungen machen," antwortete sie. 

Und er bat: „Wirst du mich abholen?" 

Sie lächelte: „Ich weiss nicht. Vielleicht." — 
Schon für dies „vielleicht" war er dankbar. 

Er stieg die Treppe hinauf, öffnete links die 
Türe zu des Justizrats Zimmer. 

„Da bin ich," sagte er. 

Der Justizrat schob ihm die Akten hin, einen 
hohen Stoss. „Da ist der Kram," nickte er, „eine 
hübsche Sammlung. Auch ein paar alte Sachen, 

3J3 



die längst erledigt schienen, sind wieder aufge- 
nommen worden. Und drei neue — seit vorge- 
stern!" 

Der Geheimrat seufzte: „Ein bisschen viel. — 
Wollen Sie mir Bericht erstatten, Herr Justiz- 
rat?" 

Gontram schüttelte den Kopf: „Warten Sic, 
bis der Manasse kommt, der weiss besser Be- 
scheid. — Er muss gleich hier sein, ich habe ihn 
rufen lassen. Er ist gerade zum Untersuchungs- 
richter in Sachen Hamecher." 

„Hamecher?" fragte der Professor. „Wer ist 
das?" 

„Der Klempner." erinnerte ihn der Justizrat. 
„Das Gutachten der Aerzte ist recht belastend; 
die Staatsanwaltschaft hat Voruntersuchung be- 
antragt. — Da liegt die Ladung. — Uebrigens 
scheint mir diese Sache vorderhand die wich- 
tigste." 

Der Geheimrat nahm die Akten auf, blätterte 
sie durch, ein Heft nach dem andern. Aber er war 
unruhig, lauschte nervös auf jeden Klingelruf, je- 
den Schritt, der durch den Flur ging. „Ich habe 
nur wenig Zeit." sagte er. 

Der Justizrat zuckte die Achseln, brannte ge- 
mächlich eine frische Zigarre an. 

Sie warteten, aber der Rechtsanwalt erschien 
nicht. Gontram telephonierte in sein Bureau, 
dann aufs Gericht, aber er konnte ihn nirgends er- 
wischen. 

Der Professor schob die Akten zur Seite. „Ich 

313 



kann sie heute nicht lesen," sagte er. „Es inter- 
essiert mich auch so wenig." 

„Vielleicht sind Sie krank, Exzellenz," meinte 
der Justizrat. Er Hess Wein holen und Selter- 
wasser. 

Dann kam das Fräulein. Der Geheimrat hörte 
das Auto vorfahren und halten, sprang sofort auf 
und griff nach seinem Pelz. Kam ihr entgegen 
auf den Korridor. 

„Bist du fertig?" rief sie. 

„Natürlich," erwiderte er, „vollständig." Aber 
der Justizrat trat dazwischen. „Es ist nicht wahr, 
Fräulein. Wir haben noch gar nicht angefangen. 
V/ir warten auf Rechtsanwalt Manasse." 

Der Alte fuhr auf; „Unsinn! Es ist alles ganz 
unwichtig. Ich fahre mit dir, Kind." 

Sie sah den Justizrat an; der sprach: „Mir 
scheint es sehr wichtig für den Herrn Papa." 

„Nein, nein!" beharrte der Geheimrat. Aber 
Alraune entschied: „Du wirst bleiben" — — 
„Adieu Herr Gontram," rief sie, drehte um, lief 
die Treppen hinab. 

Er ging zurück in das Zimmer, trat ans Fen- 
ster, sah sie einsteigen und abfahren. Und er 
blieb da stehen, blickte hinab auf die Strasse in 
die Dämmerung. Herr Gontram Hess die Gas- 
flammen anbrennen, sass ruhig in seinem Sessel, 
rauchte und trank seinen Wein. 

Sie warteten. Das Bureau wurde geschlossen, 
einer nach dem andern gingen die Angestellten 
hinaus, öffneten die Regenschirme, stapften durch 

314 



den klebrigen Schmutz der Strasse. Kein Wort 
sprachen die beiden. 

Endlich kam der Rechtsanwalt. Schnellte die 
Treppen hinauf, riss die Türe auf. „Guten 
Abend," knurrte er, stellte den Schirm in die 
Ecke, zog die Galoschen aus, warf den nassen 
Mantel auf das Sofa. 

„Höchste Zeit, Herr Collega." sagte der Ju- 
stizrat. 

„Höchste Zeit — ja gewiss höchste Zeit!" gab 
er zurück. — Er ging auf den Geheimrat zu, 
stellte sich breit vor ihn hin und schrie ihm ins 
Gesicht: „Der Haftbefehl ist heraus." 

„Ach was!" zischte der Geheimrat. 

„Ach was!" höhnte der Rechtsanwalt. „Ich 
habe ihn gesehen, ich, mit eigenen Augen. — In 
Sachen Hamecher! Spätestens morgen früh wird 
er ausgeführt." 

„Wir müssen Kaution stellen." bemerkte der 
Justizrat gelassen. 

Der kleine Manasse fuhr herum. „Meinen Sie, 
dass ich daran nicht auch gedacht habe? — Ich 
habe sofort Kaution geboten — gleich eine halbe 
Million. — Abgewiesen! — Die Stimmung ist 
umgeschlagen beim Landgericht, Exzellenz, ich 
hab mir's immer gedacht. Ganz kühl erklärte mir 
der Rat: , Stellen Sie bitte Ihre Anträge schrift- 
lich, Herr Anwalt. — Aber ich fürchte, dass Sie 
wenig Glück damit haben werden. Unser Ma- 
terial ist geradezu erdrückend — und so erscheint 

315 



die äusserste Vorsicht geboten/ — Da haben 
Sie seine eigenen Worte! Wenig erbaulich, was?" 

Er goss sich ein Glas voll, leerte es in kurzen 
Schlucken. „Ich kann Ihnen noch mehr sagen, 
Exzellenz! Ich traf den Rechtsanwalt Meier II 
auf dem Gericht, unsern Gegner in der Gersten- 
bergsache; auch die Gemeinde Huckingen ver- 
tritt er, die gestern geklagt hat. Ich bat ihn, auf 
mich zu warten — ich hatte dann eine längere 
Unterredung mit ihm; das ist auch der Grund, 
weshalb ich so spät komme, Herr CoUega. — 
Er schenkte mir reinen Wein ein — wir sind 
loyal an unserm Landgericht, Gott sei Dank! Da 
erfuhr ich denn, dass sich die gegnerischen An- 
wälte geeinigt haben, bereits vorgestern abend 
hatten sie eine lange Konferenz. Ein paar Press- 
leute waren auch dabei — darunter der fixe Dr. 
Landmann vom Generalanzeiger. Und Sie wis- 
sen, Exzellenz, dass Sie in dem Blatt keinen 
Pfennig Geld stecken haben! — Die Rollen sind 
gut verteilt, erkläre ich Ihnen — diesmal werden 
Sie nicht so leicht herauskommen aus der Falle!" 

Der Geheimrat wandte sich an Herrn Gon- 
tram: „Was ist Ihre Meinung, Herr Justizrat?" 

„Abwarten," erklärte der, „es wird sich schon 
noch ein Ausweg finden." 

Aber Manasse schrie: „Und ich sage Ihnen: es 
findet sich kein Ausweg! Die Schlinge ist ge- 
knüpft, sie wird zugezogen — da baumeln Sie, 
Exzellenz, wenn Sie der Galgenleiter nicht vorher 
einen raschen Tritt geben!" 

316 



„Was raten Sie also?" fragte der Professor. 

„Genau dasselbe, was ich dem armen Dr. Moh- 
nen geraten habe, den Sie auf dem Gewissen ha- 
ben, Exzellenz! Es war eine Gemeinheit von 
Ihnen — doch was hilft es, wenn ich Ihnen jetzt 
Wahrheiten sage?! Ich rate, dass Sie im Augen- 
blick flüssig machen, was möglich ist — übri- 
gens werden wir das ja auch ohne Sie können. 
Dass Sie Ihre Siebensachen packen und verduf- 
ten — heute nacht noch! — Das rate ich." 

„Man wird einen Steckbrief erlassen," meinte 
der Justizrat. 

„Gewiss," rief Manasse, „aber man wird es 
ohne besonderen Nachdruck tun. Ich sprach schon 
mit Kollegen Meier darüber, er teilt meine 
Ansicht. Es liegt durchaus nicht im Interesse 
der Gegner, einen Skandalprozess heraufzube- 
schwören und auch die Behörden werden froh 
genug sein, wenn sie das vermeiden können. Man 
will Sie nur unschädlich machen, Exzellenz, 
Ihrem Treiben ein Ende setzen: und dazu — 
glauben Sie mir — haben die Leute nun die Mit- 
tel. Wenn Sie aber verschwinden, irgendwo im 
Ausland still leben, werden wir hier alles in Ruhe 
abwickeln können; es wird freilich eine Stange 
Gold kosten — aber was liegt daran? Man wird 
Rücksichten auf Sie nehmen, auch heute noch, 
schon in ureignem Interesse, um der radikalen 
und sozialistischen Presse nicht diesen prachtvol- 
len Frass hinzuwerfen." 

Er schwieg, wartete auf Antwort. Exzellenz 

317 



ten Brinken ging auf und ab im Zimmer, lang- 
sam, mit schweren, schlürfenden Schritten. „Wie 
lange, glauben Sie, muss ich wegbleiben?" fragte 
er endlich. 

Der kleine Rechtsanwalt drehte sich um nach 
ihm. „Wie lange?" bellte er. „Welche Frage? 
Genau so lange, wie Sie leben! Seien Sie doch 
froh, dass Ihnen wenigstens diese Möglichkeit 
noch bleibt: es ist gewiss angenehmer in einer 
schönen Villa an der Riviera seine Millionen zu 
verzehren, als im Zuchthaus sein Leben zu be- 
schliessen! Und darauf würde es hinauskommen, 
dafür garantiere ich Ihnen! — Uebrigens hat 
Ihnen die Behörde selbst dieses Türchen geöff- 
net, der Untersuchungsrichter hätte genau so gui 
heute morgen schon den Haftbefehl unterschrei- 
ben können; da würde er jetzt schon ausgeführt 
sein! Verdammt anständig sind die Leute — aber 
sie würden es Ihnen eklig übelnehmen, wenn 
Sie das Türchen nicht benutzen wollten. Wenn 
sie zugreifen müssen — fassen sie fest zu: dann, 
Exzellenz, schlafen Sie heute nacht zum letzten 
Male als freier Mensch." 

Der Justizrat sagte : „Reisen Sie ! — Es scheint 
mir nach alledem wirklich das beste." 

„O ja," kläffte Manasse. „Das beste. Das al- 
lerbeste. Und sogar das einzigste! Reisen Sie. 
Verschwinden Sie. Treten Sie ab — auf Nimmer- 
wiedersehen. — Und nehmen Sie Ihr Fräulein 
Tochter mit — Lendenich wird Ihnen dankbar 
dafür sein und unsere Stadt auch." 

318 



Da horchte der Geheimrat auf. Zum ersten 
Male an diesem Abend kam ein wenig Leben in 
seine Züge, senkte sich die starre apathische 
Maske, auf der wie leichte Lichter eine nervöse 
Unruhe flackerte. 

„Alraune" — flüsterte er. „Alraune — Wenn 
sie mitgeht — " Er fuhr mit der plumpen 
Hand über die mächtige Stime, zwei-, dreimal. 
Er setzte sich, Hess sich ein Glas Wein geben, 
leerte es. 

„Ich glaube, Sie haben recht, meine Herren." 
sagte er. „Ich danke Ihnen. Wollen Sie mir noch 
einmal alles auseinandersetzen." Er griff zu den 
Akten, nahm die obersten. „Karpener Ziege- 
leien — bitte — " 

Der Rechtsanwalt begann, ruhig, sachlich hielt 
er seinen Vortrag. Der Reihe nach nahm er die 
Akten vor, erwog alle Wahrscheinlichkeiten, jede 
kleinste Chance eines Widerstandes. Und der 
Geheimrat lauschte ihm, warf hie und da ein 
Wort ein, fand manchmal eine neue Möglichkeit, 
wie in alten Zeiten. Immer klarer, immer überle- 
gender wurde der Professor, es schien, als erwa- 
che mit jeder neuen Gefahr immer frischer seine 
alte Elastizität. 

Er schied eine Anzahl Sachen aus, als verhält- 
nismässig ungefährlich. Aber es blieben immer 
noch genug, die ihm den Hals brechen muss- 
ten. Er diktierte ein paar Briefe, gab eine Fülle 
von Anweisungen. Machte sich Notizen, entwarf 
Anträge und Beschwerden — Dann studierte 

319 



er das Kursbuch mit den Herren, machte seine 
Reisepläne, gab genaue Instruktionen für die 
nächste Zeit. Und als er das Bureau verliess, 
durfte er sich sagen, dass seine Angelegenheiten 
geordnet waren. 

Er nahm ein Mietauto, fuhr hinaus nach Len- 
denich, sicher und selbstvertrauend. Und erst, als 
ihm der Diener das Tor aufschloss, als er über 
den Hof schritt und die Treppe hinauf zum Her- 
renhause, da erst verliess ihn seine Zuversicht. 

Er suchte Alraune, nahm es als gutes Vorzei- 
chen, dass niemand zu Gaste war. Er hörte von 
der Zofe, dass sie allein genachtmahlt habe und 
nun in ihrem Zimmer sei; so ging er hinauf. 
Klopfte an ihre Türe, trat ein auf ihr: „Herein". 

„Ich muss mit dir sprecheji," sagte er. 

Sie sass am Schreibtisch, sah kurz auf. „Nein!" 
rief sie, „Es passt mir jetzt nicht." 

„Es ist sehr wichtig," bat er. „Es ist unauf- 
schiebbar." 

Sie sah ihn an, schlug leicht die Füsse über- 
einander. „Jetzt nicht," antwortete sie. „Geh hin- 
unter. — In einer halben Stunde." 

Er ging. Legte den Pelz ab, setzte sich auf das 
Sofa. Wartete. Und er überlegte, wie er es ihr sa- 
gen sollte, wog jeden Satz ab und jedes Wort. 

Nach einer guten Stunde hörte er ihre Schritte. 
Er erhob sich, ging zur Türe — da stand sie 
schon vor ihm. Als Liftboy, in erdbeerroter pral- 
ler Uniform. 

„Ah — " machte er, „das ist lieb von dir." 
320 



„Zur Belohnung," lachte sie. „Weil du so 
hübsch pariert hast heute. — Und nun rede: 
was gibt CS?'* 

Der Geheimrat schminkte nicht, sagte ihr al- 
les, wie es war, haarklein, ohne jede Zutat. Und 
sie unterbrach ihn nicht, Hess ihn reden und beich- 
ten. 

„Es ist deine Schuld im Grunde," sagte er. 
„Ich wäre mit alledem fertig geworden, ohne zu 
viele Mühe. Aber ich habe es gehen lassen, habe 
mich nur um dich gekümmert, da wuchsen der 
Hydra die Köpfe." 

„Die böse Hydra — " spottete sie. „Und nun 
macht sie dem braven armen Herkules so viele 
Schwierigkeiten? Uebrigens deucht mich, als ob 
diesmal der Held der Giftmolch sei und das 
Schlangenungeheuer die strafende Rächerin." 

„Gewiss," nickte er, „vom Standpunkte der 
Leute aus. Sie haben ihr .Recht für alle* — 
ich habe mir mein eigenes gemacht. Das ist 
«igentlich mein ganzes Verbrechen — ich 
glaubte, dass du das verstehen würdest." 

Sie lachte vergnügt: „Gewiss, Väterchen, war- 
um nicht? Mach ich dir Vorwürfe? — Nun sag, 
was du tun willst?" 

Er setzte ihr auseinander, dass sie fliehen müss- 
ten, in dieser Nacht noch. — Man könnte ein we- 
nig reisen, sich die Welt ansehn. Zuerst nach 
London vielleicht, oder nach Paris — da könne 
man bleiben, um sich mit allem Nötigen zu equi- 
pieren. Und dann über den Ozean, quer durch 

at Ewer», Alraune 331 



Amerika. Nach Japan — oder auch nach Indien 
— ganz wie sie es wolle. Oder auch beides, man 
habe ja keine Eile, habe Zeit genug. Und end- 
lich nach Palästina, nach Griechenland, Italien 
und Spanien. Wo es ihr gefiele — da würde man 
bleiben; würde abreisen, wenn sie genug habe. 
Und endlich würde man irgendwo eine schöne 
Villa kaufen, am Gardasee oder an der Riviera. 
Mitten in einem grossen Garten natürlich. Sie 
würde ihre Pferde haben und ihre Autos, auch 
ihre eigene Jacht. Würde empfangen können, 
wen sie wollte, ein grosses Haus machen — 

Er kargte nicht mit seinen Versprechungen. 
Malte in leuchtenden Farben alle verlockenden 
Herrlichkeiten, fand immer noch ein Neues und 
besonders Reizvolles. Endlich hielt er inne, tat 
seine Frage: „Nun, Kind, was sagst du dazu? 
Mochtest du nicht das alles sehen? — Möchtest 
du nicht so leben?" 

Sie sass auf dem Tisch, baumelte mit den 
schlanken Beinen. „O ja," nickte sie. „Sehr gerne 
sogar. — Nur — " 

„Nur?" fragte er rasch. „Wenn du noch einen 
Wunsch hast — sag ihn! Ich will ihn dir sicher 
erfüllen." 

Sie lachte ihn an. „So erfüll ihn mir also! — 
Ich. will sehr gerne reisen — nur nicht mit 
dir!" 

Der Geheimrat trat einen Schritt zurück; tau- 
melte fast, hielt sich an einer Stuhllehne. Er 
suchte nach Worten und fand keine. 

3?2 



Und sie sprach: „Mit dir würde es mich lang- 
weilen. — Du bist mir lästig! — Ohne dich!" 

Er lachte auch, versuchte sich einzureden, dass 
sie scherze. „Aber ich bin es ja gerade, der rei- 
sen muss," sagte er. „Ich muss fahren — noch 
heute nacht!" 

„So fahre." sagte sie leise. 

Er griff nach ihren Händen, aber sie legte die 
Arme auf den Rücken. „Und du, Alraune?" bet- 
telte er. 

„Ich?" machte sie. „Ich bleibe." 

Er begann von neuem, flehte und jammerte. 
Sagte ihr, dass er sie nötig habe, wie die Luft, 
die er atme. Dass sie doch Mitleid haben solle 
mit ihm — bald sei er nun achtzig und würde 
ihr gewiss nicht allzu lange zur Last fallen. Dann 
wieder drohte er, schrie, dass er sie enterben 
wolle, auf die Strasse werfen, ohne einen Hel- 
ler — 

„Versuch es doch!" warf sie dazwischen. 

Immer wieder sprach er, malte den bunten 
Glanz, den er ihr geben wollte. Sie sollte frei 
sein, wie kein anderes Mädchen, tun und lassen 
dürfen, was ihr beliebe. Kein Wunsch, kein Ge- 
danke solle sein, den er ihr nicht zur Wirklich- 
keit umwandeln würde. Nur mitkommen solle sie 
— ihn nicht allein lassen. 

Sic schüttelte den Kopf. „Mir gefällt es gut 
hier. Ich habe nichts getan — ich bleibe." 

Sie sprach es ruhig und still. Unterbrach ihn 
auch nicht, Hess ihn reden und versprechen, im- 



mer von neuem. Aber sie schüttelte den Kopf, 
sowie er die eine Frage tat. 

Endlich sprang sie hinab vom Tisch. Ging mit 
leichten Schritten zur Türe hin, an ihm vorbei. 

„Es ist spät," sagte sie, „ich bin müde. Ich 
will schlafen gehen. — Gute Nacht, Väterchen, 
glückliche Reise." 

Er vertrat ihr den Weg, machte noch einen 
letzten Versuch. Pochte darauf, dass er ihr Va- 
ter sei, sprach von Kindespflichten, wie ein Pa- 
stor. Da lachte sie: „ — auf dass ich in den 
Himmel komm!" Sie stand neben dem Sofa, 
setzte sich rittlings auf die Seitenlehne. „Wie ge- 
fällt dir mein Bein?" rief sie plötzlich. Und sie 
streckte ihm das schlanke Bein weit entgegen, 
wippte damit, hin und her in der Luft. 

Er starrte auf ihr Bein. Vergass, was er wollte, 
dachte nicht mehr an die Flucht und an alle Ge- 
fahr. Sah nichts anderes, fühlte nichts — als die- 
ses erdbeerrote schlanke Knabenbein, das auf und 
nieder wippte vor seinen Augen. 

„Ich bin ein gutes Kind," zwitscherte sie, „ein 
sehr liebes Kind, das seinem dummen Väterchen 
viele Freude macht. — Küss mein Bein, Väter- 
chen, streichle mein hübsches Bein, Väterchen!" 

Da fiel er schwer auf die Knie. Griff nach dem 
roten Beine, fuhr mit irren Fingern über die 
Schenkel und die prallen Waden. Drückte seine 
feuchten Lippen auf das rote Tuch, leckte lang 
darüber mit bebender Zunge — 

Dann sprang sie auf, leicht und behende. Zupfte 

324 



ihn am Ohr, klatschte inn ieicnt aui utc wau^c. 
„Nun, Väterchen," klingelte sie, „habe ich meine 
Kindespflichten gut erfüllt? — Gute Nacht denn! 
Reise glücklich und lass dich nicht erwischen 
— es soll recht ungemütlich sein in dem Zucht- 
haus. Schick auch einmal eine hübsche Ansichts- 
karte, hörst du?" 

Sie war in der Türe, ehe er sich noch erhe- 
ben konnte. Machte eine Verbeugung, kurz und 
stramm wie ein Knabe, legte dabei die rechte 
Hand an die Mütze. „Habe die Ehre, Exzellenz," 
rief sie. — „Und mach nicht zuviel Lärm hier un- 
ten, wenn du packen lässt — es könnte mich 
im Schlafe stören." 

Er wankte ihr nach, sah, wie sie hurtig die 
Treppen hinauflief. Hörte oben die Türe öffnen, 
hörte das Schloss schnappen und zweimal den 
Schlüssel sich drehen. Er wollte ihr nach, legte 
die Hand aufs Geländer. Aber er fühlte, dass sie 
nicht öffnen würde, trotz aller Bitten. Dass diese 
Türe geschlossen bliebe für ihn, und wenn er die 
ganze Nacht über vor ihr stünde, bis zimi Mor- 
gengrauen, bis — bis — 

Bis die Gendarmen kommen würden, ihn abzu- 
holen — 

Er blieb stehen, regungslos. Lauschte, hörte 
ihre leichten Schritte über ihm — hin und her 
quer durch das Zimmer. Und dann nichts mehr. 
Dann war es still. 

Er schlich zum Hause hinaus, ging barhaupt 
durch den schweren Regen über den Hof. Trat 

325 



in die Bibliothek, suchte nach Streichhölzern, 
brannte am Schreibtische ein paar Kerzen an. 
Und Hess sich schwer in den Sessel fallen. 

„Wer ist sie denn?" flüsterte er. „Was ist sie?" 

— „Welch ein Wesen!" raunte er. 

Er schloss den alten Mahagonitisch auf, zog 
eine Schublade auf, entnahm ihr den Lederband. 
Legte ihn vor sich hin, starrte auf den Deckel. 
„A. T. B." las er halblaut — „Alraune ten Brin- 
ken". 

Das Spiel war aus, ganz aus, das empfand er 
wohl. Und er hatte es verloren — keine letzte 
Karte hielt er mehr in der Hand. Es war sein 
Spiel gewesen, er allein hatte die Karten ge- 
mischt. Alle Trümpfe hielt er — und nun hatte 
er doch verspielt. 

Er lächelte, grimmig genug. Nun musste er 
wohl die Zeche bezahlen. 

Bezahlen? — O ja! — Und in welcher Münze? 
Er sah auf die Uhr — es war zwölf vorbei. 
Spätestens um sieben Uhr würden die Leute kom- 
men mit dem Haftbefehl — über sechs Stunden 
hatte er noch. Sie würden sehr höflich sein, sehr 
rücksichtsvoll — in seinem eigenen Auto würden 
sie ihn ins Untersuchungsgefängnis bringen. 
Dann — dann begann der Kampf. Das war nicht 
schlecht — durch viele Monate würde er sich 
wehren, jede Spanne breit den Gegnern streitig 
machen. Aber schliesslich — in der Hauptver- 
handlung — würde er doch zusammenbrechen, da 

326 



hatte Manasse recht. Und endlich — das Zucht- 
haus. 

Oder die Flucht. — Aber allein. Ganz allein? 
Ohne sie? Er fühlte, wie er sie hasste in diesem 
Augenblick, aber er wusste auch, dass er nichts 
anderes mehr denken könne, als sie. Er würde 
herumlaufen in der Welt, ziellos, zwecklos, nichts 
sehen, nichts hören, als ihre helle, zwitschernde 
Stimme, ihr rotes, wippendes Bein. Oh — ver- 
hungern würde er. Draussen oder im Zuchthause 

— ganz gleich war es. 

Dies Bein — dies süsse, schlanke Knabenbein ! 

— Ah — wie sollte er leben ohne dies rote Bein? 
Das Spiel war verloren — er musste aufkom- 
men für die Zeche. — So wollte er sie gleich be- 
zahlen, in dieser Nacht noch — keinem etwas 
schuldig bleiben. — Wollte zahlen, mit dem, was 
ihm blieb — mit seinem Leben. 

Und er dachte, dass es ja doch nichts mehr 
wert sei, und dass er die Partner noch betrügen 
würde am Ende. 

Das tat ihm wohl; nun grübelte er, ob er ihnen 
nicht obendrein noch einen letzten Fusstritt ver- 
setzen könne. Das wäre eine kleine Genugtuung. 

Er nahm sein Testament aus dem Schreibtisch, 
das Alraune als Erbin einsetzte. Las es durch, 
zerriss es dann sorgfältig in kleine Fetzen. „Ich 
muss ein neues machen," flüsterte er. „ — Für 
wen nur — für wen — ?" 

Er nahm einen Bogen, tauchte die Feder ein. 

3«? 



Da war seine Schwester — war ihr Sohn, Frank 
Braun, sein Neffe — 

Er zögerte. Der — der? War der es nicht, der 
ihm dieses Geschenk ins Haus brachte, dies selt- 
same Wesen, an dem er nun zugrunde ging? Er 
— wie die andern! — Oh, ihn sollte er tref- 
fen, ihn mehr noch wie Alraune. 

„D u wirst Gott versuche n," hatte 
der Bengel gesagt. „Du wirst ihm eine Frage 
stellen, so frech, dass er antworten muss." — O 
ja, nun hatte er seine Antwort!! 

Aber wenn er hinab musste, unerbittlich, so 
sollte der Junge sein Schicksal teilen, er, Frank 
Braun, der ihm diesen Gedanken einblies! — Oh, 
er hatte ja eine blitzblanke Waffe, sie, sein Töch- 
terlein: Alraune ten Brinken. Sie würde auch ihn 
schon dahin bringen, wo er selbst heute war — 

Er überlegte. Wiegte den Kopf, grinste selbst- 
gefällig in dem gewissen Gefühl eines letzten 
Triumphes. Und er schrieb sein Testament, ohne 
Stocken, in raschen, hässlichen Zügen. 

Alraune blieb seine Erbin, sie allein. Aber er 
vermachte der Schwester ein Legat und ein an- 
deres dem Neffen. Ihn aber bestimmte er zum 
Testamentsvollstrecker, ihn zum Vormunde des 
Mädchens, bis es mündig sei. — So musste er 
wohl herkommen, musste in ihrer Nähe sein, 
musste die schwüle Luft ihrer Lippen atmen. 

Und es würde kommen, wie bei allen andern! 
Wie bei dem Grafen und dem Dr. Mohnen, wie 

328 



bei Wolf Gontram. Wie bei dem Chauffeur. — 
Wie bei ihm selbst endlich! 

Er lachte laut. Machte noch einen Nachtrag, 
dass die Universität Erbin sein sollte, falls Al- 
raune ohne Erben sterben sollte: so schloss er den 
Neffen für alle Fälle aus. Unterschrieb dann den 
Bogen, datierte ihn. 

Nun nahm er den Lederband. Las wieder, schrieb 
die Vorgeschichte, holte auch gewissenhaft alles 
nach aus der letzten Zeit. Endete mit einer kleinen 
Ansprache an seinen Neffen, triefend von Hohn. 
„Versuche dein Glück." schrieb er. „Schade, dass 
ich nicht mehr da bin, wenn du an die Reihe 
kommst: ich hätte das sehr gerne gesehen!" 

Er löschte sorgfältig die nasse Tinte, klappte 
den Band zu, legte ihn zurück in das Schubfach 
zu den andern Erinnerungen: dem Halsbande der 
Fürstin, demAlräunchen der Gontrams, dem Wür- 
felbecher, der weissen, durchschossenen Karte, 
die er dem Grafen Geroldingen aus der Westen- 
tasche nahm. „Mascotte" stand darauf, neben 
dem vierblättrigen Kleeblatt. Und viel schwarzes, 
geronnenes Blut klebte herum — 

Er trat an die Gardine und löste die seidene 
Schnur. Er schnitt mit der langen Schere ein 
Stück herunter, warf es in die Schublade zu dem 
andern. 

„Mascotte!" lachte er. „Qa porte bonheur pour 
la maison!" 

Er suchte herum an den Wänden, stieg auf ei- 
nen Stuhl, hob mit grosser Anstrengung ein 

399 



mächtiges eisernes Kruzifix von dem schweren 
Haken. Legte es vorsichtig auf den Diwan. 

„Entschuldige," grinste er, „dass ich dich aus- 
quartiere. — Es ist nur für kurze Zeit — für ein 
paar Stunden nur — du wirst einen würdigen 
Stellvertreter haben!" 

Er knüpfte die Schlinge, warf sie hoch über 
den Haken. Zog daran, überzeugte sich, dass sie 
fest hielt — 

Und er stieg zum zweiten Male auf den Stuhl — 

* . * 
* 

Die Gendarmen fanden ihn, am frühen Mor- 
gen. Der Stuhl war umgestossen, dennoch stand, 
mit einer Fussspitze, der Tote darauf. Es schien, 
als ob ihn die Tat gereut habe, als ob er im letz- 
ten Augenblick versucht habe, sich zu retten. 
Weit offen stand sein rechtes Auge, schielte hin- 
aus, nach der Türe zu. Und die blaue, dicke Zun- 
ge hing ihm weit hinaus — 

Sehr hässlich sah er aus. 



330 



INTERMEZZO 



Und vielleicht, du mein blondes Schwesterchen, 
tropfen auch deiner stillen Tage Silberglocken 
nun weiche Klänge schlafender Sünden. 

Goldregen wirft nun sein giftiges Gelb, wo der 
Akazien blasser Schnee lag, heisse Klematis zei- 
gen ihr tiefes Blau, wo der Glyzenen fromme 
Trauben allen Frieden läuteten. Süss ist das 
leichte Spiel lüsterner Sehnsüchte, süsser, scheint 
mir, zur Nachtzeit der grausame Kampf aller Lei- 
denschaften. Aber süsser als alles deucht mich 
nun, an heissem Sommermittag, die schlafende 
Sünde. 

— Leicht schlummert sie, meine sanfte Freundin 
und man darf sie nicht wecken. Denn nie ist sie 
schöner wie in solchem Schlafe. 

33X 



Im Spiegel ruht meine liebe Sünde, nahe genug, 
ruht in dünnem Seidenhemd auf weissem Linnen. 
Deine Hand, Schwesterlein, fällt über des Bet- 
tes Rand, leicht krümmen sich die schmalen Fin- 
ger, die meine Goldreifen tragen; durchsichtig 
leuchten, wie erstes Tagesglühen, deine rosigen 
Nägel. Fanny manikürte sie, deine schwarze Zofe, 
sie war es, die die kleinen Wunder schuf. Und ich 
küsse im Spiegel deiner rosigen Nägel durchsich- 
tige Wunder. 

Nur im Spiegel — im Spiegel nur. Nur mit ko- 
senden Blicken und meiner Lippen leisem Hauch. 
Denn sie wachsen, wachsen wenn die Sünde er- 
wacht, werden zu scharfen Krallen der Tiger- 
katze. Reissen mein Fleisch — 

Von dem Spitzenkissen hebt sich dein Haupt, 
rings fallen deine blonden Locken. Fallen leicht 
umher, wie ein Flackern goldener Flammen, wie 
das sanfte Wehen der ersten Winde, bei des jun- 
gen Tages Erwachen. Deine kleinen Zähne aber 
lächeln heraus aus den schmalen Lippen, wie die 
Milchopale in dem leuchtenden Armband der 
Mondgöttin. Und die Goldhaare küsse ich, 
Schwesterlein, und deine leuchtenden Zähne. 

Im Spiegel nur — nur im Spiegel. Mit meiner 
Lippen leisem Hauch und mit kosenden Blicken. 
Denn ich weiss: wenn die heisse Sünde erwacht, 
werden zu mächtigen Hauern die kleinen Milch- 
opale und zu feurigen Vipern deine Goldlocken. 
Da reissen der Tigerin Klauen mein Fleisch, 
schlagen die scharfen Zähne grause Blutwunden. 

332 



Zischeln die flammenden Vipern mir rings um 
das Haupt, kriechen ins Ohr, spritzen ihr Gift 
ins Hirn, raunen und schmeicheln die Märchen 
wildester Gierde — 

Hinabglitt von der Schulter dein Seidenhemd, 
da lachen deine Kinderbrüstchen. Ruhen, wie 
zwei weisse Kätzchen, tagesjung, strecken hinauf 
in die Luft die süssen, rosigen Schnäuzchen. 
Blicken auf zu deinen sanften Augen, blauen 
Steinaugen, die das Licht brechen: die leuchten 
wie die Sternsaphire in meines Goldbuddhas welt- 
stillem Kopfe. 

Siehst du, Schwesterlein, wie ich sie küsse — 
— hinten im Spiegel? Keine Fee hat leiseren 
Hauch. — Denn ich weiss es gut: wenn sie wach 
wird, die ewige Sünde, schlagen blaue Blitze aus 
deinen Augen, treffen mein armes Herz. Machen 
mein Blut wallen und sieden, schmelzen in Glu- 
ten die starken Fesseln, dass aller Wahnsinn frei 
wird und daherbraust in alle Weiten — 

Dann jagt, los ihrer Ketten, die rasende Bestie. 
Stürzt zu dir, Schwester, in wütenden Qualen. 
Und in die süssen Kinderbrüstchen, die zu einer 
Morddirne riesigen Brüsten wurden — nun, da die 
Sünde erwachte — reisst sie die Pranken, schlägt 
sie das grimme Gebiss — da jauchzen die Schmer- 
zen in Blutbächen. 

Aber stiller noch sind meine Blicke, wie die 
Tritte der Nonnen am heiligen Grabe. Und lei- 
ser noch, leiser fliegt meiner Lippen Hauch, wie 

333 



im Münster des Geistes Kuss zur Hostie hin, der 
das Brot wandelt in des Herren Leib. 

Sie soll ja nicht erwachen, soll ruhen und 
schlummern, die schöne Sünde. 

Denn nichts, liebe Freundin, deucht mich süs- 
ser, wie die keusche Sünde in ihrem leichten 
Schlaf. 



334 



ZWÖLFTES KAPITEL, DAS BERICHTET, WIE FRANK 
BRAUN IN ALHAVNENS WELT TRITT 



Frank Braun war zurückgekommen in seiner 
Mutter Haus. Irgendwoher von einer seiner 
planlosen Reisen, aus Kaschmir oder vom boliviani- 
schen Chaco. Oder vielleicht von Westindien, wo 
er Revolution spielte in närrischen Republiken, 
oder von der Südsee, wo er Märchen träumte mit 
den schlanken Töchtern sterbender Völker. 

Irgendwoher kam er — 

Langsam ging er durch seiner Mutter Haus. 
Hinauf durch das weisse Treppenhaus, an des- 
sen Wänden sich Rahmen an Rahmen drängten, 
alte Stiche und moderne Radierungen. Durch sei- 
ner Mutter weite Räume, in welche die Früh- 
lingssonne durch gelbe Vorhänge fiel. Dort hin- 
gen die Ahnen. Viele Brinkens, kluge und scharfe 
Gesichter, Leute, die wussten, wo sie standen in 
dieser Welt. Dann Urgrossvater und Urgross- 
mutter — gute Bilder aus der Kaiserzeit. Und die 
schöne Grossmutter — sechzehnjährig, in der 
frühen Tracht der Königin Viktoria. Hingen Va- 
ter und Mutter, hing auch sein eigen Bildnis. 
Einmal als Kind, den grossen Ball in der Hand, 

335 



mit langen, weissblonden Kinderlocken, die über 
die Schultern fielen. Und als Knabe, in schwarz- 
samtenem Pagenkostüm, lesend in einem dicken, 
alten Buche. 

Dann, im nächsten Zimmer, die Kopien. Ueber- 
allher, von der Dresdener Gallerie, von der Cas- 
seler und der Braunschweiger. Vom Palazzo Pit- 
ti, vom Prado und vom Riyksmuseum. Viele Hol- 
länder, Rembrandt, Frans Hals, Ostade, dann 
Murillo, Tizian, Velasquez und Veronese. Alle 
waren ein wenig nachgedunkelt, leuchteten in ro- 
ten Goldtönen in der Sonne, die die Gardine 
brach. 

Und weiter, durch die Zimmer, wo die Moder- 
nen hingen. Manche gute Bilder und manche we- 
niger gute — aber nicht ein schlechtes war da- 
bei und kein süssliches. Und rings standen die al- 
ten Möbel, viel Mahagoni — Empire, Directoire 
und Biedermeier. Keine Eiche, aber manch ein- 
faches, modernes Stück dazwischen. Nirgends ein 
einheitlicher Stil, ein Durcheinander nur, wie es 
die Jahre brachten. Und doch eine stille, volle 
Harmonie: unter sich war alles verwandt, was 
hier stand. 

Er stieg hinauf in die Etage, die die Mutter 
ihm gegeben hatte. Alles war so, wie er es ge- 
lassen hatte, als er das letztemal auszog — vor 
zwei Jahren. Kein Briefbeschwerer stand anders, 
kein Stuhl war verrückt. Ja, die Mutter passte 
schon auf, dass die Mägde vorsichtig waren und 
respektvoll — trotz allem Reinmachen und Staub- 

336 



wischen. Und hier, mehr noch wie sonst im Hau- 
se, herrschte ein wirres Gedränge unzähliger, 
krauser Dinge, auf dem Boden wie an den Wän- 
den: fünf Weltteile gaben hierher, was sie nur 
hatten an Absonderlichem und Bizarrem. Grosse 
Masken, wilde hölzerne Teufelsgötzen vom Bis- 
marckarchipel, chinesische und anamitische Flag- 
gen, viele Waffen aus aller Herren Länder. Dann 
Jagdtrophäen, ausgestopfte Tiere, Jaguar- und 
Tigerfelle, grosse Schildkröten, Schlangen und 
Krokodile. Bunte Trommeln von Luzon, lang- 
halsige Streichinstrumente aus Radschputana, 
naive Gusslen Albaniens. An einer Wand ein 
mächtiges rotbraunes Fischernetz, bis über die 
Decke hin, und darin riesige Seesterne und Igel, 
Sägen vom Sägefisch, silberschimmernde Schup- 
pen vom Tarpon. Gewaltige Spinnen, merkwür- 
dige Tiefseefische, Muscheln und Schnecken. Alte 
Brokate über den Möbeln, dann indische Seiden- 
gewänder, bunte spanische Mantillen und Man- 
darinenmäntel mit grossen Golddrachen. Viele 
Götter auch, silberne und goldene Buddhas in 
allen Grössen, indische Reliefs Schiwas, Krisch- 
nas und Ganeschas. Und die absurden, obszönen 
Steingötzen der Tschanvölker. Dazwischen, wo 
nur ein Plätzchen frei war an den Wänden, Glas- 
rahmen. Ein frecher Rops, wilde Goyas und eine 
kleine Zeichnung Jean Callots. Dann Cruikshank, 
Hogarth und manche bunten, grausamen Blätter 
aus Kambodscha und Mysore. Viele moderne da- 
neben, die der Künstler Namen und ihre Wid- 

23 Ewers, Alraune 337 



mung trugen. Möbel aller Stile und aller Kultu- 
ren, dicht besetzt mit Bronzen, mit Porzellanen 
und unendlichem Kleinkram. 

Dies alles, dies war Frank Braun. Seine Kugel 
schlug die Eisbärin, deren weisses Fell sein Fuss 
trat, er selbst angelte den Blauhai, dessen mäch- 
tiges Gebiss mit dreifachen Zahnreihen dort im 
Netze hing. Er nahm den wilden Bukaleuten die- 
se vergifteten Pfeile und Speere ab, ihm schenkte 
der Mandschupriester diesen närrischen Götzen 
und diese hohen, silbernen Priesterbügel. Mit ei- 
gener Hand stahl er den schwarzen Donnerstein 
aus dem Waldtempel der Houdon-Badagri, trank 
mit eigenen Lippen aus dieser Bombita in Mate 
Blutsbrüderschaft mit dem Häuptling der Toba- 
indianer an den sumpfigen Ufern des Pilcomayo. 
Für diese krummen Schwerter gab er seine beste 
Jagdflinte einem Malaiensultan auf Nordborneo, 
für jene andern, langen Richtschwerter sein 
kleines Taschenschachspiel d'£m Vizekönig von 
Schantung. Diese wundervollen indischen Teppi- 
che schenkte ihm der Maharadscha von Vigat- 
puri, dem er das Leben rettete auf der Elefanten- 
jagd, und die tönerne achtarmige Durga, rot be- 
spritzt vom Blute von Ziegen und Menschen, er- 
hielt er vom Oberpriester der entsetzlichen Kali 
zu Kalighat — 

Sein Leben lag in diesen hohen Räumen, jede 
Muschel, jeder bunte Fetzen erzählte ihm lange 
Erinnerungen. Da lagen seine Opiumpfeifen, da 
die grosse Mescaldose, aus silbernen Mexikodol- 

338 



lars zusammengeschlagen, neben ihr die fest ver- 
schlossenen Büchschen mit Schlangengiften von 
Insulinde. Und ein goldener Armreif — mit zwei 
herrlichen Katzenaugen — den gab ihm einst in 
Birma ein ewig lachendes Kind. Viele Küsse 
musste er dafür zahlen — 

Herum auf dem Boden, übereinandergehäuft, 
standen und lagen Kisten und Koffer — einund- 
zwanzig. Die hielten seine neuen Schätze — kei- 
ner war noch geöffnet. „Wohin nur damit?" lach- 
te er. 

Quer vor dem grossen Doppelfenster streckte 
sich eine lange, persische Lanze in die Luft; ein 
sehr grosser, schneeweisser Kakadu sass darauf. 
Ein Makassarvogel, mit hohem, flamingorotem 
Schopf. 

„Guten Morgen, Peter!" grüsste Frank Braun. 

„Atja, Tuwan!" antwortete der Vogel. Er 
stieg gravitätisch über die Stange, dann seinen 
Ständer hinab. Kletterte von da auf einen Stuhl 
und hinab zum Boden. Kam mit krummen, wür- 
digen Tritten zu ihm hin, kletterte an ihm hin- 
auf, auf die Schulter. Spreizte den stolzen Schopf, 
schlug die Flügel weit auseinander, wie das preus- 
sische Wappentier. „Atja, Tuwan! Atja, Tuwan I" 
rief er. 

Er kraute ihm den Hals, den ihm der weisse 
Vogel entgegenstreckte. „Wie geht's, Peterchen? 
— Freust du dich, dass ich wieder einmal da bin?" 

Er ging hinab, eine halbe Treppe, trat auf den 
grossen gedeckten Balkon, wo die Mutter ihren 

aa* 339 



Tee trank. Unten im Garten leuchteten alle Ker- 
zen des mächtigen Kastanienbaumes; weiter hin- 
ten, in dem grossen Klostergarten, lag ein weis- 
ses Meer von leuchtendem Blütenschnee. Unter 
den lachenden Bäumen wandelten die braunkut- 
tigen Franziskaner. 

„Da ist der Pater Barnabas!" rief er. 

Die Mutter setzte die Brille auf, schaute hin- 
ab. „Nein," antwortete sie, „es ist der Pater Cy- 
prian — " 

Auf dem eisernen Geländer des Balkons hockte 
ein grüner Amazonas. Und wie er den Kakadu 
dort hinsetzte, eilte der kleine, freche Papagei auf 
ihn zu. Komisch genug, immer überquer, 
wie ein latschender, galizischer Hausierer. 

„Alright," schrie er, „alright! — Lorita real di 
Espaiia e di Portugal! — Anna Mari-i-i-i-i-a!" 
Und er hackte nach dem grossen Vogel, der den 
Schopf spreizte und ganz leise sagte: „Ka — ^ka- 
du." 

„Immer noch so frech, Phylax?" fragte Frank 
Braun. 

„Jeden Tag wird er frecher." lachte die Mut- 
ter. „Nichts ist mehr sicher vor ihm, am liebsten 
möchte er das ganze Haus abnagen." Sie tauchte 
ein Stückchen Zucker in ihren Tee und gab es 
ihm in dem Silberlöffel. 

„Hat der Peter was gelernt?" fragte er. 

„Gar nichts," erwiderte sie. „Nur sein 
schmeichlerisches ,Kakadu* spricht er, und dann 
seine malaiischen Brocken." 

340 



„Und die verstehst du leider nicht," lachte er. 

Die Mutter sagte: „Nein — aber meinen grü- 
nen Phylax verstehe ich um so besser. Er redet 
den lieben, langen Tag, in allen Sprachen der Welt 
— immer wieder Neues. Bis ich ihn in irgendei- 
nen Schrank sperre, um eine halbe Stunde Ruhe 
zu haben." Sie nahm den Amazonas, der nun mit- 
ten auf dem Teetisch spazierte und die Butter 
attackierte, setzte den zappelnden Vogel zurück 
auf das Geländer. 

Ihr braunes Hündchen kam, stellte sich auf die 
Hinterbeine, schmiegte das Köpfchen an ihr Knie. 
„Ja — du bist auch da," sagte sie, „willst dei- 
nen Tee haben." Sie goss Tee und Milch in den 
kleinen roten Napf, brockte ihm Weissbrot hin- 
ein und ein Stückchen Zucker. 

Frank Braun blickte hinunter auf die weiten 
Gärten. 

Da spielten zwei runde Stacheligel auf dem 
Rasen, naschten die jungen Keime. Uralt mussten 
sie sein — er selbst hatte sie einmal mitgebracht 
aus dem Walde, von einem Schulausflug. Wotan 
hiess das Männchen und das Weibchen Tobias 
Meier. Aber vielleicht waren es auch ihre Enkel 
oder Urenkel. — Und er sah, neben dem weiss- 
blühenden Magnolienbusch einen kleinen Hügel: 
da hatte er einst seinen schwarzen Pudel begra- 
ben. Zwei grosse Yukkas wuchsen dort, die wür- 
den im Sommer grosse Blüten treiben mit hun- 
dert weissen, klingenden Glocken. Nun aber, zum 

341 



Frühling, hatte die Mutter viele bunte Primeln 
dort pflanzen lassen. 

Efeu kroch hinauf an der hohen Mauer des Hau- 
ses und viel wilder Wein, bis hinauf auf das 
Dach. Da lärmten und zwitscherten die Spatzen. 

„Dort hat die Drossel ihr Nest, dort, siehst 
du?" sagte die Mutter. Sie zeigte hinab auf den 
hölzernen Torbogen, der vom Hof hinunter in 
den Garten führte; halbversteckt lag in dichtem 
Efeu das runde Nestchen. 

Er musste suchen, bis er es entdeckte. „Drei 
kleine Eier hat sie schon." sagte er. 

„Nein, es sind vier," belehrte ihn die Mutter, 
„heute morgen hat sie das vierte gelegt." 

„Ja, vier!" nickte er. „Nun kann ich sie alle 
sehn. — Es ist schön bei dir, Mutter." 

Sie seufzte, legte ihre alte Hand auf die seine. 
„O ja, mein Junge — es ist schön. — Wenn ich 
nur nicht immer so allein wäre." 

„Allein?" fragte er. „Hast du nicht mehr so- 
viel Besuch wie früher?" 

Sie sagte: „Doch, jeden Tag kommen sie. Vie- 
le junge Menschen, die sich umsehen nach dem 
alten Frauchen. Kommen zum Tee, kommen zum 
Abendessen, jeder weiss ja, wie ich mich freue, 
wenn man sich ein wenig um mich kümmert. Aber 
siehst du, mein Junge, es sind doch Fremde. — 
Du bist es doch nicht." 

„Nun bin ich ja da." sagte er. Und er wechsel- 
te das Gespräch, erzählte von allerlei kuriosem 

342 



Zeug, das er mitgebracht habe, fragte sie, ob sie 
dabei sein wolle, wenn er auspacke. 

Dann kam das Mädchen, brachte die Post her- 
auf, die eben gekommen war. Er riss seine Briefe 
auf, warf einen flüchtigen Blick hinein. 

Er stutzte, sah einen Bogen genau an. Es war 
ein Brief des Justizrats Gontram, der ihm kurze 
Mitteilung von dem machte, was in seines Oheims 
Hause geschehen war. Auch eine Abschrift des 
Testaments war beigefügt und der Wunsch aus- 
gesprochen, dass er so bald wie möglich herüber- 
fahren möge, um die Angelegenheiten zu ord- 
nen. Er, der Justizrat, sei vom Gericht proviso- 
risch bestellt worden; jetzt, da er höre, dass er 
wieder zurück sei in Europa, bäte er ihn, ihm 
seine Verpflichtung abzunehmen. 

Die Mutter beobachtete ihn. Sie kannte seine 
kleinste Geste, jeden geringsten Zug seines glat- 
ten, sonnenverbrannten Gesichts. Und sie las in 
dem leisen Zucken seiner Mundwinkel, dass es 
etwas Wichtiges sei. 

„Was ist es?" fragte sie. Und ihre Stimme zit- 
terte. 

„Nichts Schlimmes." antwortete er leicht. „Du 
weisst ja, dass Ohm Jakob tot ist." 

„Ja, das weiss ich," sagte sie. „Es war traurig 
genug." 

„Nun gut." nickte er. „Der Justizrat Gontram 
schickt mir das Testament. Ich bin Vollstrecker 
und soll dazu Vormund des Mädchens werden. — 
Da muss ich wohl nach Lendenich fahren." 

343 



„Wann willst du fahren?" fragte sie schnell. 

„Nun — " sagte er. „Ich denke — heute abend." 

„Fahre nicht," bat sie, „fahre nicht! Drei Ta- 
ge bist du erst zurück bei mir, nun willst du 
schon wieder fort." 

„Aber Mutter," wandte er ein, „es ist ja nur 
für ein paar Tage. Nur um da ein wenig Ordnung 
zu schaffen." 

Sie sagte: „Das sagst du immer: ein paar Ta- 
ge nur! — Und dann bleibst du fort, durch Jahre 
hindurch." 

„Du musst es doch einsehen, liebe Mutter!" 
beharrte er. „Hier ist das Testament: der Onkel 
hat dir eine recht ansehnliche Summe vermacht 
und mir auch — was ich gewiss nicht von ihm 
erwartet hätte. Und wir können es doch gut ge- 
brauchen, alle beide." 

Sie schüttelte den Kopf. „Was soll mir das 
Geld, wenn du nicht bei mir bist, mein Junge?" 

Er stand auf, küsste sie auf die grauen Haare. 
„Liebe Mutter, zum Ende der Woche bin ich 
wieder bei dir. Ich fahre ja kaum zwei Stunden 
weit mit der Bahn." 

Sie seufzte tief, streichelte seine Hände: „Zwei 
Stunden — oder zweihundert Stunden, wo ist der 
Unterschied? — Du bist fort — so oder so!" 

„Adieu, liebe Mutter," sagte er. Ging hinauf, 
packte nur einen kleinen Handkoffer, kam noch 
einmal auf den Balkon. „Da siehst du! Kaum für 
zwei Tage reicht es — auf Wiedersehen!" 

„Auf Wiedersehen, lieber Junge!" sagte sie 

344 



still. Sie hörte, wie er die Treppen hinabsprang, 
hörte unten die Türe ins Schloss fallen. Sic legte 
die Hand auf den klugen Kopf ihres Hündchens, 
das sie mit treuen Augen tröstend ansah. 

„Liebes Tierchen," sprach sie, „nun sind wir 
wieder allein. — Oh, nur um zu gehen, kommt 
er — wann werden wir ihn wiedersehn?" 

Schwere Tränen tropften aus ihren guten Au- 
gen, zogen über die Furchen ihrer Wangen, fie- 
len hinunter auf die langen, braunen Ohren des 
Hündleins. Das leckte sie ab, mit seiner roten 
Zunge. 

Dann hörte sie unten die Klingel, hörte Stim- 
men und Tritte die Treppe hinauf. Rasch wischte 
sie die Tränen aus den Augen, schob das schwarze 
Spitzentuch auf dem Scheitel zurecht. Stand auf, 
beugte sich über das Geländer, rief hinab in den 
Hof, dass die Köchin frischen Tee bereiten solle, 
für die Gäste, die da kamen. 

Oh, es war gut, dass so viele kamen, sie zu be- 
suchen. Damen und Herren — heute und immer. 
Mit denen konnte sie plaudern, konnte erzählen 
— von ihrem Jungen. 

♦ * * 

Justizrat Gontram, dem er seine Ankunft ge- 
drahtet hatte, erwartete ihn am Bahnhof. Nahm 
ihn mit, führte ihn auf die Gartenterrasse des 
Kaiserhofes, erzählte ihm alles, was nötig war. 
Und er bat ihn, noch heute hinauszufahren nach 
Lendenich, um mit dem Fräulein zu sprechen und 
dann gleich am andern Morgen zu ihm aufs Bu- 

345 



^ 



reau zu kommen. Er könne ja nicht sagen, dass 
ihm das Fräulein Schwierigkeiten mache, aber er 
habe ein so seltsames, unangenehmes Gefühl ihr 
gegenüber, das ihm jedes Zusammenkommen un- 
leidlich mache. Das sei komisch, er habe doch so 
manche Verbrecher — Raubmörder, Totschläger, 
Einbrecher, Kindesmörderinnen, Engelmacherin- 
nen und was es nur gäbe, kennen gelernt und er 
habe immer gefunden, dass es recht nette, um- 
gängliche Menschen seien — ausserhalb ihres Be- 
rufes. Bei dem Fräulein aber, dem man doch gar 
nichts vorwerfen könne, habe er immer eine Emp- 
findung, wie sie andere Menschen solchen Zucht- 
hauszöglingen gegenüber hätten. Aber das müsse 
wohl an ihm liegen — 

Frank Braun bat ihn, anzutelephonieren und 
ihn zu melden bei dem Fräulein. Dann verabschie- 
dete er sich, schlenderte gemächlich durch die 
Anlagen, schlug den Fahrweg ein, auf Lendenich 
zu. Er schritt durch das alte Dorf, kam an dem 
heiligen Nepomuk vorbei, nickte ihm zu. Stand 
vor dem Eisentor, schellte, blickte in den Hof. 
Drei mächtige Gaskandelaber brannten in der 
Einfahrt, wo früher ein armseliges Lämpchen 
leuchtete — das war das einzig Neue, was er 
sah. . 

Oben, von ihrem Fenster, blickte das Fräulein 
hinab, suchte die Züge des Fremden in dem flak- 
kernden Lichte zu erkennen. Sie sah, wie Aloys 
seine Schritte beschleunigte, wie er rascher wie 
sonst den Schlüssel ins Schloss steckte. 

346 



„Guten Abend, junger Herr!" rief der Diener. 
Und der Fremde bot ihm die Hand, nannte ihn 
beim Namen, als ob er nur zurückgekommen sei 
von einer kleinen Reise, in sein Haus. „Wie 
geht's, Aloys?" 

Dann wackelte der alte Kutscher über die Stei- 
ne, so schnell ihn die krummen Gichtbeine tra- 
gen wollten. „Junger Herr," krähte er, „junger 
Herr! Willkommen auf Brinken!" 

Frank Braun antwortete: „Froitsheim! Auch 
noch da? Das freut mich, Sie noch einmal zu se- 
hen!" Und er schüttelte ihm kräftig beide Hände. 

Die Köchin kam und die breithüftige Haushäl- 
terin, mit ihnen Paul, der Kammerdiener. Die 
ganze Gesindestube leerte sich, zwei alte Mägde 
drängten sich vor, ihm die Hände zu reichen, 
wischten sie vorher sorgfältig ab an den Schür- 
zen. 

„Gelobt sei Jesus Christus!" grüsste ihn der 
Gärtner. Und er lachte: „In Ewigkeit, Amen!" 

„Der junge Herr ist da!" rief die grauhaarige 
Köchin und nahm dem Dienstmann, der ihm folg- 
te, den kleinen Koffer ab. Alle umstanden ihn, 
jeder verlangte einen besondem Gruss, einen 
Händedruck, irgendein Wort. Und die jungen, 
die, die ihn nicht kannten, standen dabei, starr- 
ten ihn an mit offenen Augen und verlegenem 
Lachen. Etwas abseits stand der Chauffeur, 
rauchte seine kurze Pfeife: selbst auf seinen in- 
dolenten Zügen schimmerte ein freundliches Lä- 
cheln. 

347 



Das Fräulein ten Brinken schnippte mit den 
Fingern. „Er scheint beliebt hier, mein Herr 
Vormund," sagte sie halblaut. Und sie rief hin- 
unter: „Bringt die Sachen des Herrn in sein Zim- 
mer! — Und du, Aloys, führ ihn herauf." 

Irgendein Reif fiel in den frischen Lenz dieses 
Willkomms. Sie Hessen die Köpfe hängen, spra- 
chen nicht mehr. Nur Froitsheim presste ihm 
noch einmal die Hand, geleitete ihn zu der Her- 
rentreppe. „Es ist gut, dass Sie da sind, junger 
Herr." 

Frank Braun ging auf sein Zimmer, wusch sich. 
Folgte dann dem Kammerdiener, der meldete, 
dass gedeckt sei. Trat in das Speisezimmer. 

Einen Augenblick war er allein, schaute sich 
um. Dort stand noch immer das riesige Büfett, 
prunkte noch immer mit den schweren goldenen 
Tellern, die das Wappen der Brinken trugen. Aber 
es lagen heute keine Früchte darauf. „Ist noch 
zu früh im Jahre." murmelte er. — „Vielleicht hat 
auch die Base kein Interesse an den Erstlingen." 

Dann, von der andern Seite, kam das Fräulein. 
In schwarzem Seidenkleide, reich mit Spitzen be- 
setzt, fussfrei. Einen Augenblick blieb sie stehen 
in der Türe, trat dann näher, begrüsste ihn: „Gu- 
ten Abend, Herr Vetter." 

„Guten Abend," sagte er, streckte ihr die Hand 
entgegen. Sie reichte ihm nur zwei Fingerspitzen, 
aber er tat, als bemerkte er es nicht. Nahm die 
ganze kleine Hand, schüttelte sie kräftig. 

Sie lud ihn mit einer Handbewegung ein, Platz 

348 



zu nehmen, setzte sich ihm gegenüber. „Man 
muss wohl ,du' sagen zueinander?" begann sie. 

„Gewiss," nickte er, „so war es Brauch bei den 
Brinken von jeher." Und er hob sein Glas: „Auf 
dein Wohl, kleine Base." 

.Kleine Base,* dachte sie, ,er nennt mich: kleine 
Base. Wie ein Spielpüppchen betrachtet er mich.' 
— Aber sie tat ihm Bescheid. „Prosit, grosser 
Vetter." Sie leerte ihr Glas, winkte dem Diener, 
es neu zu füllen. Und sie trank noch einmal : „Auf 
dein Wohl — Herr Vormund!" 

Das machte ihn lachen. Vormund — Vormund? 
Es klang so würdig. — ,Bin ich wirklich schon 
so alt?' dachte er. Und er antwortete: „Auf das 
deine, kleines Mündel." 

Sie ärgerte sich. — ,Kleines Mündel, wieder: 
kleines?* — Oh, es würde sich ja schon zeigen, 
wer dem andern überlegen war von ihnen beiden. 

„Wie geht es deiner Mutter?" fragte sie. 

„Danke," nickte er. „Gut, denke ich. — Du 
kennst sie ja noch gar nicht? — Hättest sie 
schon einmal besuchen können." 

„Sie hat uns ja auch nicht besucht." erwiderte 
sie. Dann, da sie sein Lächeln sah, setzte sie 
schnell hinzu: „Wirklich, Vetter, wir haben nie 
daran gedacht." 

„Kann ich mir denken," sagte er trocken. 

„Papa hat kaum von ihr gesprochen — und 
von dir überhaupt nicht." Sie sprach ein wenig 
zu rasch, überhastete sich. „Es hat mich eigent- 
lich gewundert, weisst du, dass er gerade dich — " 

349 



„Mich auch." unterbrach er sie, „Und er hat es 
gewiss nicht ohne Absicht getan." 

„Absicht?" fragte sie. „Welche Absicht?" 

Er zuckte mit den Achseln. „Das weiss ich noch 
nicht. — Aber es wird sich ja wohl noch heraus- 
stellen." 

Das Gespräch stockte nicht. Wie ein Ballspiel 
war es, hin und zurück flogen die kurzen Sätze. 
Sie blieben höflich, liebenswürdig und zuvor- 
kommend, aber sie beobachteten einander, waren 
wohl auf der Hut. Kamen nie zusammen: ein 
straffes Netz spannte sich zwischen ihnen. 

Nach der Tafel führte sie ihn ins Musikzim- 
mer. „Willst du Tee?" fragte sie. Aber er bat um 
Whisky und Soda. 

Sie setzten sich, plauderten weiter. Dann stand 
sie auf, ging zum Flügel. „Soll ich etwas singen?" 
fragte sie. 

„Bitte!" sagte er höflich. 

Sie hob den Deckel, setzte sich. Wandte sich 
dann um, fragte: „Hast du besondere Wünsche, 
Vetter?" 

„Nein," erwiderte er. „Ich kenne ja dein Re- 
pertoire nicht, kleine Base." 

Sie presste leicht die Lippen. ,Das wird er sich 
abgewöhnen müssen,* dachte sie. Sie schlug ein 
paar Töne an, sang eine halbe Strophe. Brach ab, 
begann ein ander Lied. Brach auch das ab, sang 
nun ein paar Takte von Offenbach, und wieder 
einige Zeilen von Grieg — 

350 



„Du scheinst nicht recht in Stimmung zu sein," 
bemerkte er ruhig. 

Sie legte die Hände in den Schoss, schwieg eine 
Weile, trommelte nervös auf den Knien. Dann 
hob sie die Hände, senkte sie rasch auf die Ta- 
sten. Und begann: 

„II 6tait une bergdre, 

et ron et ron, petit patapon, 

il ctait une bergere, 

qui gardait ses moutons." 

Sie wandte sich um zu ihm, spitzte das Mäul- 
chen. O ja, dies kleine Gesichtchen, das die kur- 
zen Locken rings umrahmten, konnte ganz gut 
einer zierlichen Schäferin gehören — 

„Elle fit un fromage, 

et ron et ron, petit patapon, 

eile fit un fromage 

du lait de ses moutons." 

.Hübsche Schäferin!' dachte er. ,Und — arme 
Schäfchen.* 

Sie wiegte das Köpfchen, streckte den linken 
Fuss seitwärts, schlug mit dem zierlichen Schuh 
den Takt auf dem Parkettboden. 

„Le Chat qui la regarde, 
et ron et ron, petit patapon, 

le Chat qui la regarde, 
d'un petit air friponi 

951 



Si tu y mets la patte, 

et ron et ron, petit patapon, 

si tu y mets la patte, 
tu auras du bäton!" 

Sie lächelte ihn voll an, ihre blanken Zähne 
leuchteten. ,Meint sie, ich solle ihr Kätzchen spie- 
len?' dachte er. 

Ein wenig ernster wurde ihr Gesicht, ganz ver- 
steckt klang eine leichte spöttische Drohung aus 
ihrer halben Stimme. 

„II n'y mit pas la patte, 

et ron et ron, petit patapon, 

il n'y mit pas la patte, 
il y mit le menton. 

La bergere en colere, 

et ron et ron, petit patapon, 

la bergere en colere, 
tua son petit chaton!" 

„Hübsch," sagte er. „Woher hast du das Kin- 
derliedchen?" 

„Vom Kloster," antwortete sie, „die Schwestern 
sangen es." 

Er lachte: „Sieh da: vom Kloster! Das hätte 
ich nicht geahnt. — Sing zu Ende, kleine Base." 

Sie sprang auf vom Klavierstuhl. „Ich bin zu 
Ende : das Kätzchen ist tot — da ist das Liedchen 
aus!" 

„Nicht so ganz." erklärte er. „Aber deine from- 

352 



men Nönnchen scheuten die Strafe — so Hessen 
sie das hübsche Schäfermädchen ungestraft seine 
böse Sünde begehen! — Spiel noch einmal: ich 
will dir erzählen, wie es dem Mädchen weiter er- 
ging." 

Sie ging zurück zum Flügel, spielte die Melo- 
die. Da sang er: 

„Elle fut ä confessc, 

et ron et ron, petit patapon, 

eile fut ä confesse 
pour obtenir pardon. 

Mon pere, je m'accuse, 

et ron et ron, petit patapon, 

mon pere, je m'accuse, 
d'avoir tue mon chatoni 

Ma fille, pour penitence, 
et ron et ron, petit patapon, 

ma fille, pour penitence, 
nous nous embrasserons! 

La penitence est douce, 

et ron et ron, petit patapon, 

la penitence est douce — 
nous recommencerons!" 

„Fertig?" fragte sie. 

».O ja, ganz und gar!" lachte er. „Wie gefällt 
dir die Moral, Alraune?" 

Es war das erstemal, dass er sie mit ihrem Na- 

33 Ewers, Alraune 353 



men anredete — das fiel ihr auf, so achtete sie 
nicht die Frage. „Gut!" erwiderte sie gleichgül- 
tig. 

„Nicht wahr?" rief er. „Eine nette Moral: sie 
lehrt, dass kleine Mädchen nicht ungestraft ihr 
Spielkätzchen umbringen dürfen!" 

Er stand dicht vor ihr. Wohl zwei Haupteslän- 
gen überragte er sie und sie musste hoch aufse- 
hen, um seinen Blick zu fassen. Sie dachte, wie 
viel es doch ausmacht — diese dummen dreissig 
Zentimeter! Sie wünschte auch in Herrentracht 
zu sein: schon ihre Röcke gaben ihm einen Vor- 
teil. Und zugleich fiel ihr ein, dass sie bei keinem 
der andern diese Empfindung gehabt habe. Aber 
sie reckte sich auf, schüttelte leicht die Locken. 
„Nicht alle Schäferinnen tun solche Busse," zwit- 
scherte sie. 

Er parierte : „Und nicht alle Beichtväter absol- 
vieren so leicht." 

Sie suchte nach einer Antwort und fand keine. 
Das ärgerte sie. Sie hätte ihm gerne gedient — 
auf seine Weise. Aber diese Art war ihr neu — 
wie eine ungewohnte Sprache war es, die sie wohl 
verstand, aber selbst noch nicht recht sprechen 
konnte. 

„Gute Nacht, Herr Vormund," sagte sie rasch. 
„Ich will zu Bett." 

„Gute Nacht, kleine Base," lächelte er. „Träu- 
me süss!" 

Sie stieg die Treppe hinauf. Sprang nicht wie 
sonst; ging langsam und nachdenklich. Er gefiel 

354 



ihr nicht, der Vetter, o nein! Aber er reizte sie, 
spornte ihren Widerspruch. ,Wir werden schon 
mit ihm fertig werden,' dachte sie. 

Und sie sagte, als die Jungfer ihr das Mieder 
löste und das lange Spitzenhemd reichte: „Es ist 
gut, Käte, dass er da ist! Das unterbricht die 
Langeweile." — Es freute sie fast, dass sie dies 
Vorpostengeplänkel verloren hatte. 

♦ ♦ * 

Frank Braun hatte lange Sitzungen mit Ju- 
stizrat Gontram und Rechtsanwalt Manasse. Er 
beriet mit dem Vormundschaftsrichter und dem 
Erbschaftsrichter, hatte manche Laufereien und 
recht überflüssige Scherereien. Mit dem Tode sei- 
nes Onkels waren die strafrechtlichen Anzeigen 
freilich abgeschnitten, dafür aber waren die zi- 
vilrechtlichen Klagen zu einer Hochflut ange- 
schwollen. Alle kleinen Krämer, die sonst ein 
schielender Blick der Exzellenz zittern machte, 
wagten sich nun hervor, kamen mit immer neuen 
Forderungen, Ansprüchen auf Entschädigung 
oft recht zweifelhafter Natur. 

„Die Staatsanwaltschaft hat nun Ruhe vor 
uns," sagte der alte Justizrat, „und die Strafkam- 
mer braucht sich auch nicht zu bemühen. Aber 
dafür haben wir das Landgericht für uns allein 
gepachtet. — Die zweite Zivilkammer ist auf ein 
halbes Jahr hinaus ein Privatinstitut des seligen 
Geheimrats." 

„Das wird Seiner Seligkeit Spass machen, 
wenn sie es von ihrem höllischen Bratkessel aus 

33* 35S 



beobachten kann," bemerkte der Rechtsanwalt. 
„Solche Prozesse waren ihm nur dutzendweise 
sympathisch." 

Und er lachte auch, als ihm Frank Braun die 
Burberger Erzkuxe übergab, die sein Erbteil wa- 
ren. 

„Jetzt möchte der Alte hier sein," knurrte er, 
„Ihr Gesicht zu belauern auf eine halbe Stunde! 
Warten Sie nur, Sie werden eine kleine Ueber- 
raschung haben." 

Er nahm die Papiere, zählte sie. „Hundertacht- 
zigtausend Mark," referierte er, „hundert Mille 
für die Frau Mutter — der Rest für Sie! — Nun 
passen Sie einmal auf." Er nahm das Hörrohr, 
Hess sich mit dem Schaafhausenschen Bankver- 
ein verbinden, verlangte einen der Herren Direk- 
toren zu sprechen. 

„Hallo!" bellte er. „Sind Sie es, Friedberg? — 
Also bitte, ich habe einige Burberger Erzkuxe da 

— zu welchem Preise kann man sie veräussern?" 
Ein wieherndes Lachen scholl aus dem Tele- 
phon, in das Herr Manasse laut einstimmte. 

„Ich dachte es mir — " rief er dazwischen. 
„ — Also gar nichts wert — was? Auf Jahre hin- 
aus neue Zubussen zu erwarten?! — Am besten 
den' ganzen Kram verschenken — na natürlich! 

— Ein Schwindelunternehmen, das sich sicher 
über kurz oder lang in Wohlgefallen auflöst?! — 
Ich danke Ihnen, Herr Direktor, verzeihen Sie die 
Störung!" 

Er hing das Hörrohr an, wandte sich grimmig 

356 



an Frank Braun. „So, nun wissen Sie Bescheid! 
— Und nun machen Sie genau das dumme Ge- 
sicht, das Ihr menschenfreundlicher Onkel erwar- 
tet hatte — entschuldigen Sie gütigst die Wahr- 
heitsliebe! — Aber lassen Sie mir nur die Pa- 
piere — es ist möglich, dass einer der andern Ge- 
werken aus irgendeinem Interesse sie doch 
nimmt und Ihnen ein paar hundert Mark dafür 
zahlt: dann werden wir einen guten Tropfen da- 
für trinken." 

♦ ♦ ♦ 

Die grösste Schwierigkeit, ehe Frank Braun 
zurück war, bildeten die fast täglichen Verhand- 
lungen mit der grossen Mühlheimer Kreditbank. 
Von Woche zu Woche hatte sich die Bank mit 
äusserster Kraftanstrengung hingeschleppt, im- 
mer in der Hoffnung, die von dem Geheimrat 
feierlich versprochene Hilfe von seinen Erben we- 
nigstens zum Teil zu erhalten. Mit heroischem 
Mute hatten die Direktoren, die Herren vom Vor- 
stand und vom Aufsichtsrat das lecke Schiff über 
Wasser gehalten, stets gewärtig, dass der kleinste 
neue Stoss es zum Kentern bringen müsse. Die 
Exzellenz hatte, mit Hilfe der Bank, sehr ge- 
wagte Spekulationen glücklich durchgeführt, ihm 
war dies Institut eine blanke Goldquelle gewesen. 
Aber die neuen Unternehmungen, die sein Ein- 
fluss durchsetzte, schlugen alle fehl — frei- 
lich war sein Vermögen nicht mehr in Gefahr, 
wohl aber das der Fürstin Wolkonski und man- 

357 



eher anderen reichen Leute. Und dazu die erspar- 
ten Taler von einer grossen Anzahl kleiner Leute, 
Pfennigspekulanten, die dem Sterne der Exzel- 
lenz folgten. Die Rechtsvertreter der Erbschafts- 
masse des Geheimrats hatten ihre Hilfe zugesagt, 
soweit es in ihrer Macht stand; aber dem Ju- 
stizrat Gontram, als provisorischem Vormund, 
waren ja durch das Gesetz nicht weniger die 
Hände gebunden, wie dem Vormundschaftsrich- 
ter. Mündelgeld — auf einmal war es heilig! 

Freilich gab es eine Möglichkeit, die hatte 
Manasse herausgefunden. Man konnte das Fräu- 
lein ten Brinken für majorenn erklären: dann 
hatte sie freie Verfügung, konnte die moralische 
Verpflichtung des Vaters einlösen. Daraufhin ar- 
beiteten alle Beteiligten, in dieser Hoffnung 
brachten die Leute der Bank jedes letzte Opfer 
aus eigener Tasche. Schon hatten sie, mit letzter 
Kraft, vor vierzehn Tagen einen starken Run auf 
die Kassen siegreich abgeschlagen — nun 
musste die Entscheidung fallen. 

Das Fräulein hatte den Kopf geschüttelt bis- 
her. Sie hatte ruhig angehört, was ihr die Herren 
auseinandergesetzt hatten, dann gelächelt und 
ein ,Nein* gesagt. „Warum soll ich mündig 
sein?" fragte sie. „Ich fühle mich ja ganz wohl 
so. — Und warum soll ich Geld weggeben um 
die Bank zu retten, die mich gar nichts angeht?*' 

Der Vormundschaftsrichter hielt ihr eine lan- 
ge Rede: um die Ehre ihres Vaters handle es 
sich! Jedermann wisse, dass er allein der Urhe- 

358 



ber aller der Schwierigkeiten des Instituts sei — 
da sei es wohl eine Kindespflicht, seinen guten 
Namen rein zu bewahren. 

Alraune lachte ihm hell ins Gesicht: „Seinen 
guten Namen!?" Sic wandte sich an Rechtsan- 
walt Manasse: „Sagen Sie doch, was halten Sie 
davon?" 

Manasse antwortete nicht, rollte sich zusam- 
men in seinem Sessel, fauchte und zischte wie 
ein getretener Kater. 

„Nicht sehr viel mehr wie ich, scheint's!" sagte 
das Fräulein. „Und ich will keinen Pfennig dafür 
geben." 

Der Kommerzienrat Lützman, der Vorsitzende 
des Aufsichtsrates, stellte ihr vor, dass sie doch 
Rücksicht nehmen solle auf die alte Fürstin, die 
dem Hause Brinken so lange intim befreundet 
sei. Und auf alle die kleinen Leute, die ihre sauer 
verdienten Groschen verlieren würden. 

„Warum spekulieren sie?" fragte sie ruhig. 
„Warum legen sie ihr Geld in eine so zweifelhafte 
Bank? — Wenn ich Almosen geben wollte, wüss- 
te ich eine bessere Verwendung." 

Ihre Logik war klar und grausam, wie ein 
scharfes Messer. Sie kenne ihren Vater, sagte 
sie, und wer mit ihm gemeinsame Sache gemacht 
habe, sei gewiss nicht sehr viel besser. 

Aber es handele sich ja gar nicht um ein Al- 
mosen, wandte der erste Bankdirektor ein. Es 
bestehe die sichere Wahrscheinlichkeit, dass die 
Bank sich durchaus halten würde mit ihrer Hilfe; 

359 



nur über diese Krise müsse man wegkommen. 
Sie würde ihr Geld zurückerhalten, auf Heller 
und Pfennig und mit allen Zinsen. 

Sie wandte sich an den Vormundschaftsrich- 
ter. 

„Herr Landgerichtsrat," fragte sie, „ist ein 
Risiko dabei? — Ja oder nein?" 

Das musste er zugeben. Ein Risiko war frei- 
lich dabei. Unvorhergesehene Umstände konnten 
natürlich eintreten. Er habe die amtliche Pflicht 
ihr das zu sagen — aber als Mensch könne er 
nicht anders als ihr dringend zureden, seine Bit- 
ten mit denen der andern Herren vereinen. Sie 
tue ein grosses und gutes Werk, rette eine Men- 
ge von Existenzen. Und die Möglichkeit eines 
Verlustes sei nach menschlichem Ermessen so ge- 
ring. 

Sie erhob sich, unterbrach ihn rasch. „Also ein 
Risiko ist da, meine Herren," rief sie spöttisch, 
„und ich will eben kein Risiko eingehn. Ich will 
auch keine Existenzen retten und habe durchaus 
keine Lust, grosse und gute Werke zu tun." 

Sie nickte den Herrn leicht zu, ging hinaus, 
Hess sie sitzen mit dicken, roten Köpfen. 

Noch aber gab sich die Bank nicht, noch 
kämpfte sie weiter. Schöpfte neue Hoffnung, als 
ihr der Justizrat drahtete, dass Frank Braun, der 
eigentliche Vormund, angekommen sei. Die Herrn 
setzten sich sogleich mit ihm in Verbindung, ver- 
abredeten eine Zusammenkunft für einen der 
nächsten Tage. 

360 



Frank Braun sah wohl ein, dais er nicht so 
rasch wegkomme, wie er geglaubt hatte. Das 
schrieb er seiner Mutter. 

Die alte Frau las seinen Brief, faltete ihn vor- 
sichtig, legte ihn in die grosse, schwarze Truhe, 
die all seine Schreiben enthielt. Die öffnete sie, 
an langen Winterabenden, wenn sie ganz allein 
war, las dann ihrem braunen Hündchen vor, was 
er ihr einmal schrieb. 

Und sie ging auf ihren Balkon, schaute hinun- 
ter auf den hohen Kastanienbaum, der in mäch- 
tigen Armen viele leuchtende Kerzen trug. Auf 
die weissen Blütenbäume des Klostergartens, un- 
ter denen die braunen Mönche still wandelten. 

,Wann wird er kommen, mein lieber Junge?* 
dachte sie. 



361 



DREIZEHNTES KAPITEL, DAS ERWÄHNT, WIE DIE 

FÜRSTIN WOLKONSKI ALRAUNE DIE WAHRHEIT 

SAGTE 



Der Justizrat Gontram schrieb der Fürstin, die 
in Nauheim zurKur war, schilderte ihr die La- 
ge. Es dauerte einige Zeit, bis sie verstand, um was 
es sich handele; Frieda Gontram musste sich 
grosse Mühe geben, sie alles begreifen zu machen. 

Erst lachte sie nur, dann wurde sie nachdenk- 
lich. Und zum Schluss jammerte sie und schrie. 
Als ihre Tochter eintrat, fiel sie ihr wehklagend 
um den Hals. „Armes Kind," heulte sie, „wir 
sind Bettler. Wir liegen auf der Strasse!" 

Und sie goss grosse Laugen östlichen Zornes 
über die tote Exzellenz, sparte ihr kein unfläti- 
ges Schimpfwort. 

„Ganz so schlimm ist es nicht," wandte Frieda 
ein. „Sie haben immer noch Ihre Bonner Villa 
und das Schlösschen am Rhein. Dann die Zinsen 
aus den ungarischen Weingärten. Endlich be- 
kommt Olga ihre russische Rente und — " 

„Davon kann man nicht leben!" unterbrach sie 
die alte Fürstin. „Man verhungert damit!" 

„Wir müssen versuchen, das Fräulein umzu- 
363 



stimmen," bemerkte Frieda. „Wie Papa es uns 
rät!" 

„Er ist ein Esel!" schrie sie. „Ein alter Schuft! 
Er war im Bunde mit dem Geheimrat, der uns be- 
stahl! Nur durch ihn bin ich mit dem hässlichen 
Gauner zusammengetroffen." Und sie meinte, 
dass alle Männer betrügerische Schurken seien, 
und dass sie noch nie im Leben einen kennen ge- 
lernt hätte, der anders gewesen wäre. Wie stünde 
es denn mit Olgas Mann, dem sauberen Grafen 
Abrantes — ? Hätte der nicht auch alles durch- 
gebracht mit schmutzigen Tingeltangelfrauen- 
zimmern, was er nur von ihrem Gelde habe er- 
wischen können? Nun sei er davon mit einer Zir- 
kusreiterin, da der Geheimrat den Daumen auf 
die Papiere gedrückt und ihm nichts mehr her- 
ausgerückt habe — 

„So hat die alte Exzellenz doch da wenigstens 
Gutes getan!" sagte die Gräfin. 

„Gutes?" schrie ihre Mutter. — Als ob es nicht 
ganz gleichgültig wäre, wer die Banknoten ge- 
stohlen hätte! Schweine seien sie, der eine wie 
der andere. 

Aber sie sah doch ein, dass man einen Versuch 
machen müsse. Sie wollte selbst fahren, doch re- 
deten die beiden ihr ab. Sie würde sich hinreissen 
lassen, würde sicher nicht mehr erreichen, wie die 
Herren von der Bank. Man müsse sehr diploma- 
tisch vorgehen, erklärte Frieda, müsse Rücksicht 
nehmen auf die Launen und Kapricen des Fräu- 
leins. Sie wolle fahren, das sei das beste. 

363 



Olga meinte, dass es noch besser wäre, wenn 
sie führe. 

Die alte Fürstin widersprach, aber Frieda er- 
klärte, dass es gewiss nicht gut sei, wenn sie die 
Kur unterbreche und sich solchen Aufregungen 
aussetze. Das sah sie ein. 

Dann einigten sich die beiden Freundinnen und 
fuhren zusammen. Die Fürstin blieb im Bade, 
aber untätig war sie nicht. Sie ging zum Pfarrer, 
bestellte hundert Messen für die arme Seele des 
toten Geheimrats: das ist echt christlich, dachte 
sie. Und da ihr verstorbener Mann orthodox war, 
so fuhr sie hinüber nach Wiesbaden, ging zur rus- 
sischen Kapelle und bezahlte auch dort für hun- 
dert Seelenmessen dem Popen. Das beruhigte sie 
ungemein. Einmal, überlegte sie, würde es ja doch 
kaum etwas nützen, da die Exzellenz protestan- 
tisch war und freidenkerisch dazu. Dann aber 
zählte es für sie ganz gewiss als ein besonders 
gutes Werk: , Segnet, die euch fluchen, liebet 
eure Feinde, tut wohl denen, die euch beleidigen 
und verfolgen.* — Oh, das musste man schon an- 
erkennen dort oben. 

Und, zweimal am Tage, sprach sie in ihrem Ge- 
bete eine Fürbitte für die Exzellenz — mit ganz 
besonderer Inbrunst. So bestach sie den lieben 
Gott. 

* * * 

Frank Braun empfing die beiden Frauen in 
Lendenich, führte sie auf die Terrasse, plauderte 

364 



mit ihnen von alten Zeiten. „Versucht euer Glück, 
Kinder," sagte er. „Mir hat mein Reden nichts 
genutzt!" 

„Was hat sie Ihnen geantwortet?" fragte Frie- 
da Gontram. 

„Nicht viel," lachte er. „Sie hat gar nicht zu- 
gehört. Sie machte einen tiefen Knix und erklärte 
mit einem verteufelt würdigen Lächeln, dass 
sie die hohe Ehre meiner Vormundschaft wohl 
zu schätzen wisse, dass sie gar nicht daran den- 
ke, um der Fürstin willen darauf zu verzichten. 
Sie fügte hinzu, dass sie nicht mehr über die Sa- 
che zu sprechen wünsche. Dann knixte sie wie- 
der, noch tiefer, lächelte wieder, noch ehrerbieti- 
ger — und verschwunden war siel" 

„Haben Sie nicht noch einen zweiten Versuch 
gemacht?" fragte die Gräfin. 

„Nein, Olga," sagte er. „Das muss ich nun Ih- 
nen überlassen. — Ihr Blick, als sie fortging, war 
so bestimmt, dass ich die feste Ueberzeugung 
gewann, dass meine Ueberredungskünste genau 
so unfruchtbar sein würden, wie die der andern 
Herrn." Er erhob sich, klingelte dem Diener, Hess 
Tee bringen. 

„Uebrigens haben Sie ja vielleicht eine Chance, 
meine Damen," fuhr er fort. „Ich sagte meiner 
Muhme, als der Justizrat Sie beide vor einer hal- 
ben Stunde telephonisch anmeldete, dass Sie kom- 
men würden und weshalb — ich fürchtete, dass 
sie Sie vielleicht überhaupt nicht empfangen wür- 
de, und das wollte ich jedenfalls durchsetzen. Aber 

365 



ich irrte mich, sie erklärte, dass Sie ihr alle beide 
sehr willkommen seien, dass sie seit Monaten 
schon mit Ihnen in sehr reger Korrespondenz ste- 
he. — Darum — " 

Frieda Gontram unterbrach ihn. „Du schriebst 
ihr?" rief sie scharf. 

Gräfin Olga stotterte: „Ich — ich — habe ihr 
ein paarmal geschrieben — ihr kondoliert — und 
— und — " 

„Du lügst!" rief Frieda. 

Da sprang die Gräfin auf. „Und du? — 
Schriebst du ihr nicht? Ich wusste, dass du es 
tatest, alle zwei Tage schriebst du, darum bliebst 
du stets so lange allein auf in deinem Zimmer." 

„Du hast mich ausspionieren lassen durch die 
Kammer Jungfer!" warf ihr Frieda entgegen. Die 
Blicke der Freundinnen kreuzten sich, warfen ei- 
nen glimmenden Hass, schärfer als Worte. Sie 
verstanden sich gut: die Gräfin fühlte, dass sie 
zum ersten Male nicht tun würde, was die Freun- 
din verlangte, und Frieda Gontram empfand die- 
sen ersten Widerstand gegen ihre herrschende 
Ueberlegenheit. Aber sie waren verbunden durch 
zu lange Jahre ihres Lebens, durch zu viele ge- 
meinsame Erinnerungen — das konnte nicht so 
niederbrennen im Augenblick. 

Frank Braun sah es wohl. „Ich störe," sagte 
er. „Uebrigens wird Alraune gleich selbst kom- 
men, sie wollte nur Toilette machen." Er ging zur 
Gartentreppe, grüsste. „Ich werde die Damen ja 
nachher wohl noch sehen." 

366 



Die Freundinnen schwiegen. Olga sass in dem 
Rohrsessel, mit grossen Schritten ging Frieda auf 
und nieder. Dann hielt sie an, blieb stehen vor der 
Freundin. 

„Höre, Olga," sagte sie leise. „Ich habe dir im- 
mer geholfen. Im Ernst und im Spiel. Bei allen 
deinen Abenteuern und Liebschaften. — Ist das 
nicht wahr?" 

Die Gräfin nickte: „Ja, das ist wahr. — Aber 
ich habe genau das Gleiche getan, habe dir nicht 
weniger geholfen." 

„So gut du's eben konntest!" sprach Frieda 
Gontram. „Doch will ich es gerne anerkennen. 
— Wollen wir also Freundinnen bleiben?" 

„Gewiss!" rief Gräfin Olga. „Nur — nur — 
Ich verlange ja nicht viel!" 

„Was verlangst du?" fragte die andere. 

Und sie antwortete: „Mach mir keine Hinder- 
nisse!" 

„Hindernisse?" gab Frieda zurück. „Was für 
Hindernisse? Jede soll ihr Glück versuchen — 
wie ich es dir schon sagte auf dem Lichtmess- 
ball!" 

„Nein," beharrte die Gräfin. „Ich will nicht 
mehr teilen. Ich habe so oft mir dir geteilt — und 
habe immer den kürzeren gezogen. Es ist un- 
gleich — darimi sollst du verzichten diesmal, mir 
zuliebe." 

„Wieso ungleich?" rief Frieda Gontram. „Doch 
höchstens zu deinen Gunsten — du bist die Schö- 
nere." 

367 



„Ja," erwiderte ihre Freundin, „aber das ist 
nichts. Du bist die Klügere. Und ich habe es oft 
erfahren müssen, dass das mehr wert ist in — in 
diesen Sachen." 

Frieda Gontram griff ihre Hand. „Komm Ol- 
ga," schmeichelte sie, „sei vernünftig. Wir sind 
ja hier nicht nur wegen unserer Gefühle. — Hör 
zu: wenn es mir gelingt, das kleine Fräulein um- 
zustimmen, wenn ich dir und deiner Mutter die 
Millionen rette — willst du mir dann freie Hand 
lassen? — Geh in den Garten, lass mich allein 
mit ihr." 

Grosse Tränen traten aus den Augen der Grä- 
fin. „Ich kann nicht," flüsterte sie. „Lass du mich 
mit ihr reden — ich will dir ja gerne das Geld 
lassen. — Dir ist es ja doch nur eine rasche Lau- 
ne. 

Frieda seufzte laut auf, warf sich auf die Chai- 
selongue, griff mit den hageren Händen tief in 
die Seidenkissen. „Eine Laune? — Glaubst du, 
dass ich solche Umstände mache einer Laune wil- 
len? — Bei mir, fürchte ich, sieht es nicht viel 
anders aus wie bei dir!" Starr schienen ihre Zü- 
ge, hart blickten die klaren Augen ins Leere. Ol- 
ga sah sie, sprang auf, kniete nieder vor der 
Freundin, die beugte den blonden Kopf. Ihre 
Hände fanden sich, eng pressten sie sich aneinan- 
der, schweigend mischten sich ihre Tränen. 

„Was sollen wir tun?" fragte die Gräfin. 
„Verzichten!" sagte Frieda Gontram scharf. 
368 



„Verzichten — alle beide. — Mag daraus wer- 
den, was will!" 

Gräfin Olga nickte, drängte sich eng an die 
Freundin. 

„Steh auf," flüsterte diese. „Da kommt sie. — 
Trockne rasch deine Tränen. — Da, nimm mein 
Taschentuch." 

Olga gehorchte, ging hinüber auf die andere 
Seite. Aber Alraune ten Brinken sah wohl, was 
geschehen war. 

Sie stand in der grossen Türe, in schwarzen 
Trikots, wie der lustige Prinz aus der Fleder- 
maus. Sie verbeugte sich kurz, grüsste, küsste den 
Damen die Hände. „Nicht weinen," lachte sie, 
„nicht weinen, das macht die schönen Aeuglein 
trüb." 

Sie klatschte in die Hände, rief dem Diener zu, 
dass er Champagner bringen solle. Sie füllte selbst 
die Kelche, reichte sie den Damen und nötigte 
sie, zu trinken, „'s ist mal bei mir so Sitte," träl- 
lerte sie, „chacun a son goüt." 

Sie führte die Gräfin Olga zu der Chaiselongue, 
streichelte ihre vollen Arme. Setzte sich dann ne- 
ben Frieda Gontram, schenkte ihr einen langen, 
lachenden Blick. Sie blieb in ihrer Rolle, bot Ca- 
kes an und Petits fours, tropfte Peau d'Espagne 
aus ihrem Goldfläschchen auf die Tücher der Da- 
men. 

Und dann, plötzlich, begann sie. „Ja, nicht 
wahr, es ist sehr traurig, dass ich Ihnen nicht hel- 
fen kann. Es tut mir so sehr leid." 

14 Kwers, Alraune 369 



Frieda Gontram richtete sich auf, öffnete die 
Lippen, mühsam genug. „Und warum nicht?" 
fragte sie. 

„Ich habe gar keinen Grund," antwortete Al- 
raune. „Wirklich gar keinen! — Ich mag einfach 
nicht — das ist alles." Sie wandte sich an die Grä- 
fin: „Glauben Sie, dass die Mama sehr darunter 
leiden wird?" Sie schliff das: sehr — dabei zwit- 
scherte sie süss und grausam zugleich, wie eine 
Schwalbe auf ihrem Jagdflug. 

Die Gräfin zitterte unter ihrem Blick. „Ach 
nein," sagte sie, „nicht so sehr." Und sie wieder- 
holte Friedas Worte: — „Sie hat ja noch ihre 
Bonner Villa und das Schlösschen am Rhein. 
Dann die Zinsen aus den ungarischen Weingär- 
ten. Und endlich bekomme ich meine russische 
Rente und — " 

Sie stockte, mehr wusste sie nicht; sie hatte 
keine Ahnung von ihren Verhältnissen, wusste 
kaum, was Geld eigentlich war. Nur, dass man 
damit in schöne Läden gehen könne, Hüte zu 
kaufen und andere hübsche Sachen. Und dazu 
würde es ja wohl völlig genug sein. Sie entschul- 
digte sich ordentlich, es sei nur so ein Gedanke 
von Mama gewesen. Aber das Fräulein möge sich 
nur ja nicht bemühen, sie hoffe nur, dass dieser 
unliebsame Zwischenfall keine Trübung bringe 
in ihre Freundschaft — 

Sie schwatzte daher, ohne nachzudenken, un- 
vernünftig und sinnlos. Fing nicht einen der stren- 
gen Blicke der Freundin, duckte sich warm unter 

370 



dem grünstrahlenden Auge des Fräulein tcn Brin- 
ken, wie ein Waldhäschcn in der Sonne der Kohl- 
felder. 

Frieda Gontram wurde unruhig. Zuerst ärgerte 
sie sich über die ungeheure Dummheit ihrer 
Freundin, dann fand sie ihre Art abgeschmackt 
und lächerlich. Keine Fliege, dachte sie, fliegt so 
täppisch auf den Giftzucker. Endlich aber, je 
mehr Olga plauderte, je schneller unter dem Blik- 
ke Alraunens die konventionelle Schneedecke ih- 
rer Gefühle dahinschmolz, erwachte auch in Frie- 
da das Empfinden wieder, das zu unterdrücken 
sie gerade fest bestrebt war. Nun wanderten ihre 
Blicke hinüber, hefteten sich eifersüchtig genug 
auf des Prinzen Orlowski schlanke Gestalt. 

Alraune bemerkte es. „Ich danke Ihnen, liebe 
Gräfin,** sagte sie, „das beruhigt mich ungemein, 
was Sie da sagen." Sie wandte sich zu Frieda 
Gontram: „Der Justizrat hat mir nämlich solche 
Mordgeschichten von dem sicheren Ruin der 
Fürstin vorerzählt!" 

Frieda suchte nach einem letzten Halt, gab sich 
gewaltsam einen Ruck. „Mein Vater hat recht ge- 
habt." erklärte sie schroff. „Natürlich ist der Zu- 
sammenbruch unvermeidlich. — Die Fürstin wird 
das Schlösschen verkaufen müssen — " 

„Oh, das macht gar nichts," erklärte die Grä- 
fin, „wir sind ohnehin nie dort!" 

„Schweig doch!" rief Frieda. Ihre Augen trüb- 
ten sich, sie fühlte, dass sie ganz zwecklos für eine 
verlorene Sache kämpfte. „Die Fürstin wird ih- 

«4* 371 



ren Haushalt auflösen müssen, wird sich nur sehr 
schwer an die veränderten Verhältnisse gewöh- 
nen. Ob sie sich ein Auto halten kann, ist zwei- 
felhaft; vermutlich nicht mehr." 

„Ach, wie schade!" flötete der schwarze Prinz. 

„Auch Pferde und Wagen wird sie verkaufen 
müssen," fuhr Frieda fort, „die Dienerschaft 
grösstenteils entlassen — " 

Alraune unterbrach sie: „Wie ist es mit Ihnen, 
Fräulein Gontram? Werden Sie bei der Fürstin 
bleiben?" 

Sie stutzte bei dieser Frage, die ihr völlig un- 
erwartet kam. „Ich — " stammelte sie, „ — ich — 
aber gewiss — " 

Da flötete das Fräulein ten Brinken: „Sonst 
würde ich mich sehr freuen, wenn ich Ihnen mein 
Haus anbieten dürfte. Ich bin so allein, ich ge- 
brauche Gesellschaft — kommen Sie zu mir." 

Frieda kämpfte, schwankte einen Augenblick: 
„Zu Ihnen — Fräulein — ?" 

Aber Olga warf dazwischen: „Nein, nein! Sie 
muss bei uns bleiben! — Sie darf meine Mutter 
jetzt nicht verlassen." 

„Ich war nie bei deiner Mutter." erklärte Frie- 
da Gontram. „Ich war bei dir." 

,,Einerlei!" rief die Gräfin. „Bei mir oder ihr. 
— Ich will nicht, dass du hier bleibst!" 

„O Verzeihung," spottete Alraune, „ich glaub- 
te, dass das Fräulein seinen eigenen Willen habe." 

Gräfin Olga erhob sich, alles Blut wich aus ih- 
rem Gesicht. „Nein," schrie sie, „nein, nein!" 

37a 



i 



„Ich nehme keinen, der nicht von selbst 
kommt," lachte der Prinz, „das ist mal so Sitte 
bei mir. Und ich dränge auch nicht — bleiben 
Sie nur bei der Fürstin, wenn Sie das lieber mö- 
gen, Fräulein Gontram." Sie trat nahe hin zu ihr, 
griff ihre beiden Hände. „Ihr Bruder war mein 
guter Freund," sagte sie langsam, „und mein 
Spielkamerad. — Ich habe ihn oft geküsst — " 

Sie sah, wie diese Frau, fast doppelt so alt wie 
sie selbst, ihre Lider senkte unter ihren Blicken, 
fühlte, wie ihre Hände feucht wurden unter ihrer 
Finger leichter Berührung. Sie trank diesen Sieg, 
kostete ihn aus. 

„Wollen Sie hier bleiben?" flüsterte sie. 

Frieda Gontram atmete schwer. Ohne den Blick 
zu heben, trat sie hin zu der Gräfin. „Verzeih 
mir, Olga," sagte sie, „ich muss bleiben." 

Da warf sich ihre Freundin auf das Sofa, grub 
den Kopf in die Kissen, wand sich in hysterischem 
Schluchzen. 

„Nein," jammerte sie, „nein, nein!" Richtete 
sich auf, hob die Hand, als ob sie die Freundin 
schlagen wolle, lachte dann gell auf. Lief die 
Treppe hinab in den Garten, ohne Hut, ohne Son- 
nenschirm. Ueber den Hof und hinaus in die Gas- 
sen. 

„Olga!" rief ihr die Freundin nach. „Olga! — 
Höre doch! Olga!" 

Aber das Fräulein ten Brinken sagte: „Lass 
sie nur. Sie wird schon zahm werden." — Hoch- 
mütig klang ihre Stimme. 

* ♦ * 

• 373 



Frank Braun frühstückte, draussen im Garten, 
unter dem Fliederbaum; Frieda Gontram gab 
ihm seinen Tee. „Es ist gewiss gut für dies Haus," 
sagte er, „dass Sie da sind. Nie sieht man, dass 
Sie etwas tun und doch läuft alles am Schnür- 
chen. Die Dienstboten haben eine seltsame Ab- 
neigung gegen meine Base, gefallen sich in ei- 
ner passiven Resistenz. Die Leute haben keine 
Ahnung von sozialen Kampfmitteln, aber schon 
waren sie bei einer Art Sabotage angelangt. Und 
die offene Revolution wäre längst ausgebrochen, 
wenn sie nicht ein wenig Liebe zu mir hätten. 
Nun sind Sie im Hause — und plötzlich geht alles 
von selbst. — Ich mache Ihnen mein Kompli- 
ment, Frieda!" 

„Danke," erwiderte sie. „Ich bin froh, wenn 
ich etwas tun kann für Alraune." 

„Nur", fuhr er fort, „werden Sie bei der Für- 
stin um so mehr vermisst, da geht alles drunter 
und drüber, seit die Bank ihre Zahlungen einge- 
stellt hat. Da, lesen Sie meine Post!" Er schob 
ihr einige Briefe hinüber. 

Aber Frieda Gontram schüttelte den Kopf. 
„Nein — entschuldigen Sie — ich will nichts le- 
sen. Will nichts wissen von alledem." 

Er beharrte: „Sie müssen es wissen, Frieda. 
Wenn Sie die Briefe nicht lesen wollen, will ich 
Ihnen die Tatsachen kurz mitteilen. „Ihre Freun- 
din ist aufgefunden worden — " 

„Lebt sie?" flüsterte Frieda. 

„Ja, sie lebt!" erklärte er. „Als sie von hier 

374 



weglief, irrte sie herum, die ganze Nacht durch 
und den nächsten Tag. Sie muss erst hineinge- 
gangen sein ins Land auf die Berge zu. Dann 
im Bogen zurück an den Rhein. Fährleute sahen 
sie nicht weit von Remagen. Sie beobachteten sie, 
blieben in ihrer Nähe, da ihnen ihr Benehmen 
verdächtig vorkam. Und als sie den Sprung tat 
von der Krippe hinab, ruderten sie heran, fisch- 
ten sie nach wenigen Minuten aus den Fluten. 
Das war gegen Mittag, vor vier Tagen. Sie brach- 
ten die heftig sich Sträubende zum Gerichtsge- 
fängnis — " 

Frieda Gontram stützte ihren Kopf in beide 
Arme. „Ins Gefängnis — ?" fragte sie leise. 

„Gewiss," antwortete er. „Wohin hätten sie sie 
wohl sonst bringen sollen? Es lag auf der Hand, 
dass sie in Freiheit den Selbstmordversuch sofort 
erneuern würde — so wurde sie in Schutzhaft 
genommen. Dazu verweigerte sie jede Auskunft, 
schwieg hartnäckig. Uhr, Portemonnaie, sogar 
ihr Taschentuch hatte sie längst weggeworfen — 
und aus der Krone und den verrückten Buchsta- 
ben in ihren Wäschezeichen konnte niemand klug 
werden. Erst als die von Ihrem Vater veranlass- 
ten behördlichen Recherchen eintrafen, stellte 
man ihre Persönlichkeit fest." 

„Wo ist sie?" fragte Frieda. 

„In der Stadt," erwiderte er. „Der Justizrat 
holte sie von Remagen, brachte sie in die Privat- 
irrenanstalt des Professors Dalberg. Hier ist sein 
Bericht — ich fürchte, dass Gräfin Olga wohl 

375 



recht lange dort wird bleiben müssen. Gestern 
abend ist die Fürstin eingetroffen. — Sie, Frieda, 
sollten Ihre arme Freundin bald einmal besuchen, 
der Professor stellt fest, dass sie sehr still und 
ruhig ist." 

Frieda Gontram erhob sich. „Nein, nein!" rief 
sie. „Ich kann nicht — " Langsam ging sie über 
die Kieswege unter duftendem Flieder. 

Frank Braun sah ihr nach. Wie eine marmorne 
Larve schien dies Gesicht, wie ein festes Schick- 
sal in harten Stein geschnitten. Dann, plötzlich, 
fiel ein Lächeln auf die kalte Maske, wie ein leich- 
ter Sonnenstrahl, mitten durch tiefen Schatten. 
Ihre Lider hoben sich, ihre Augen suchten durch 
die Rotbuchenallee, die zum Herrenhause führte. 
— Und er hörte das helle Lachen Alraunes. 

, Seltsam ist ihre Macht,* dachte er. ,Ohm Ja- 
kob hat schon recht in seines Lederbandes Me- 
ditationen.* 

Er überlegte. O ja, es war schwer sich ihr zu 
entziehen. Keiner wusste, was es war, und doch 
flogen sie alle in diese heisse Stichflamme. — 
Auch er? Er? 

Das war gewiss : es war da etwas, das ihn reiz- 
te. Er verstand nicht recht, wie es wirkte — auf 
seine Sinne, auf sein Blut, oder vielleicht auf das 
Hirn — aber dass es wirkte, empfand er gut. Es 
war nicht wahr, dass er allein um ihrer Angele- 
genheiten willen noch immer da war, wegen der 
Prozesse und Vergleiche — nun der Fall der 
Mühlheimer Bank entschieden war, konnte er mit 

376 



Hilfe der Anwälte recht gut alles erledigen — 
auch ohne persönlich hier zu sein. 

Und doch war er da — immer noch. Er stellte 
fest, dass er sich selbst belog, dass er künstlich 
neue Gründe sich schuf, mit allen möglichen lang- 
wierigen Verhandlungen, um seine Abreise zu 
verschieben. Und es deuchte ihn fast, als ob seine 
Base das merke, ja, als ob ihr stiller Einfluss 
ihn so handeln mache. 

»Ich werde morgen nach Hause fahren,' dach- 
te er. . ^ 

Dann sprang ihm der Gedanke in den Nacken: 
,Warum denn?' Fürchtete er sich etwa? Hatte er 
Angst vor diesem zarten Kinde? Steckten ihn die 
Narreteien an, die sein Oheim in dem Lederban- 
de niedergelegt hatte? 

Was würde geschehen? Im schlimmsten Falle 
ein kleines Abenteuer! Gewiss nicht sein erstes 
— und sein letztes kaum! War er nicht ein eben- 
bürtiger Gegner, ein überlegener vielleicht? La- 
gen nicht auch Leichen auf dem Lebenswege, 
den sein Fuss schritt? — Warum sollte er flie- 
hen? 

Er schuf sie einst: er, Frank Braun. Sein war 
der Gedanke, und ein Instrument nur war des 
Onkels Hand. Sein Wesen war sie — viel mehr 
noch wie das der Exzellenz. 

Jung war er damals, schäumend wie Most. Voll 
bizarrer Träume, voll himmelstürmender Phanta- 
sien: er spielte Fangball mit den Sternen. Da 
brach er eine seltene Frucht aus dem finsteren 

377 



Urwald des Unerf erschlichen, der seine wilden 
Schritte hemmte. Fand einen guten Gärtner, dem 
gab er sie. Und der Gärtner senkte den Kern in 
die Erde, begoss den Keim, pflegte das Reis, war- 
tete des jungen Bäumchens. 

Nun war er zurück: da leuchtete ihm sein Blü- 
tenbaum. Giftig war er sicherlich: wer unter ihm 
ruhte, den traf sein Hauch. Manche starben da- 
von — viele, die lustwandelten in seinem süssen 
Dufte — der kluge Gärtner auch, der ihn pflegte. 

Er aber war nicht der Gärtner, dem über alles 
sein seltener Blütenbaum lieb ward. War nicht 
einer der Leute, die im Garten wandelten, zufäl- 
lig und unbewusst. 

Er war der, der einst die Frucht brach, die den 
Kern gab. Seither aber war er manche Tage ge- 
ritten durch die wilden Wälder des Unerforsch- 
lichen, war tief gewatet durch die schwülen 
Fiebersümpfe des Unbegreiflichen. Manches heis- 
se Gift hatte da seine Seele geatmet, manchen 
Pesthauch und manch grausamen Rauch sündi- 
ger Brände. Ach, es schmerzte wohl, quälte sehr 
und riss eiternde Schwären — aber es warf ihn 
nicht. Gesund ritt er von neuem unter des Him- 
mels Dach — nun ward er sicher genug, wie in 
blauem Panzer aus Stahl. 

O gewiss: er war immun — 

Kein Kampf, ein Spiel schien es ihm nun. — 
Dann aber — gerade dann, wenn es nur ein Spiel 
war — sollte er gehen — war es nicht so? Wenn 
sie nur ein Püppchen war — gefährlich für alle 

378 



andern, ein harmloses Spielzeug aber für seine 
starken Fäuste — dann war dies Abenteuer bil- 
lig genug- Nur — wenn es wirklich ein Kampf 
war, einer mit gleich starken Waffen — nur dann 
war es der Mühe wert — 

.Schwindel!' dachte er wieder. Wem erzählte 
er denn eigentlich diese Heldeneigenschaften? 
Hatte er nicht oft genug allzu sichere Siege ge- 
kostet? — Episoden? 

Nein, es war nicht anders, wie es stets war. 
Kannte man jemals des Gegners Kräfte? War 
nicht der kleinen Giftwespe Stich weit gefährli- 
cher, wie des Kaimans Rachen, dem seine Win- 
chesterbüchse in sicherem Arm gegenüberlag? 

Er fand nicht heraus, lief herum im Kreise, wie 
er sich auch drehte. Kam immer zu dem Punkte: 
Bleibe! 

— „Guten Morgen, Vetter," lachte Alraune ten 
Brinken. Sie stand dicht vor ihm, neben Frieda 
Gontram. 

„Guten Morgen," antwortete er kurz. „Lies die 
Briefe da. — Es würde dir nichts schaden, wenn 
du dir ein wenig überlegen wolltest, was du da 
wieder angestellt hast. — Es wäre Zeit, die Narr- 
heiten zu lassen, etwas Vernünftigeres zu tun, et- 
was, das der Mühe wert wäre." 

Sie sah ihn scharf an. „So?" sagte sie, jedes 
Wort lang dehnend: „Und was, meinst du, wäre 
wohl der Mühe wert?" 

Er erwiderte nichts — da er keine Antwort 
wusste im Augenblick. Er erhob sich, zuckte mit 

379 



den Achseln und ging in den Garten. Hinter ihm 
scholl ihr Gelächter. 

„Schlechter Laune, Herr Vormund?** 

* ^ * 

* 

Am Nachmittage sass er in der Bibliothek. Ir- 
gendwelche Akten lagen vor ihm, die gestern 
Rechtsanwalt Manasse geschickt hatte. Aber er 
las sie nicht. Starrte in die Luft, rauchte hastig 
eine Zigarette nach der andern. 

Dann zog er die Schublade auf, nahm wieder 
einmal des Geheimrats Lederband heraus. Las, 
langsam und genau, dachte nach über jedes kleine 
Geschehnis. 

Es klopfte, rasch trat der Chauffeur ein. „Herr 
Doktor,** rief er, „die Fürstin Wolkonski ist da. 
Sie ist sehr aufgeregt, schrie nach dem Fräulein, 
noch aus dem Wagen heraus. Aber wir dachten, 
dass es vielleicht besser wäre, wenn Sie sie zu- 
erst empfingen — so bringt sie der Aloys hierher." 

„Recht so!** sagte er. Sprang auf, ging der Für- 
stin entgegen. Sie schob sich mühsam durch die 
schmale Tür, wälzte ihre Massen in den halb- 
dunklen Saal, dessen grüne Holzläden die Sonne 
nur spärlich einliessen. „Wo ist sie?** keuchte sie. 
„Wo ist das Fräulein?** 

Er reichte ihr die Hand, führte sie zum Diwan. 
Sie erkannte ihn wohl, nannte seinen Namen, 
aber sie dachte nicht daran, sich auf irgendein 
Gespräch mit ihm einzulassen. 

„Fräulein Alraune suche ich," schrie sie, 
„schaffen Sie das Fräulein her!** Sie gab nicht 
380 



eher Ruhe, bis er dem Diener schellte und ihm 
Auftrag gab, dem Fräulein den Besuch der Für- 
stin zu melden, dann erst schenkte sie ihm Gehör. 

Er fragte sie nach dem Befinden ihres Kindes 
und die Fürstin erzählte ihm mit einem ungeheu- 
ren Wortschwall, wie sie ihre Tochter angetrof- 
fen habe. Nicht einmal erkannt habe die ihre Mut- 
ter, still und apathisch habe sie am Fenster ge- 
sessen und hinausgesehen in den Garten. Es sei 
die frühere Klinik des Geheimrats, dieses Betrü- 
gers, die nun Professor Dalberg zur Nervenheil- 
anstalt umgewandelt habe. Dasselbe Haus, in 
dem diese — 

Er unterbrach sie, schnitt ihren Redefluss ab. 
Ergriff schnell ihre Hand, beugte sich nieder, 
blickte mit geheucheltem Interesse auf ihre Rin- 
ge. „Verzeihen Durchlaucht," rief er rasch, „wo- 
her stammt dieser wundervolle Smaragd? Ein 
Kabinettstück geradezu!" 

„Es ist ein Knopf von der Magnatenmütze 
meines ersten Mannes." erwiderte sie. „Ein al- 
tes Erbstück." Sie schickte sich an, weiterzure- 
den, aber er Hess sie nicht zu Worte kommen. 

„Es ist ein Stein von ungewöhnlicher Rein- 
heit!" beteuerte er. „Und von seltener Grösse! 
Einen ähnlichen sah ich nur in dem Marstalle des 
Maharadscha von Rolinkore — er hatte ihn 
seinem Lieblingspferde als linkes Auge eingesetzt. 
Als rechtes trug es einen birmanischen Rubin, der 
nur wenig kleiner war." Und er erzählte von der 
Liebhaberei indischer Fürsten, ihren schönen 

381 



Pferden die Augen auszustechen und ihnen dafür 
Glasaugen oder grosse Cabochons einzusetzen. 

„Es klingt grausam," sagte er, „aber ich ver- 
sichere Sie, Durchlaucht, die Wirkung ist ver- 
blüffend, wenn Sie so ein herrliches Tier sehen, 
das Sie mit starren Alexandritaugen ansieht oder 
Ihnen Blicke zuwirft aus tiefblauen Sternsaphi- 
ren." 

Und er sprach von Steinen; er erinnerte sich 
gut aus seiner Studentenzeit, dass sie von Juwe- 
len und Perlen etwas verstand und dass das im 
Grunde das einzigste war, das sie wirklich inter- 
essierte. Sie gab ihm Antwort; rasch erst und 
abgerissen, wurde dann ruhiger mit jeder Mi- 
nute. Zog ihre Ringe ab, zeigte sie ihm der Reihe 
nach, erzählte ihm von jedem eine kleine Ge- 
schichte. 

Er nickte, tat aufmerksam genug. ,Nun mag 
die Base kommen,' dachte er, ,der erste Sturm 
ist vorbei.* 

Aber er irrte sich. Alraune kam; lautlos öffnete 
sie die Tür. Schritt leise über den Teppich, setzte 
sich dann in einen Sessel, ihnen gegenüber. 

„Ich bin so froh, Sie zu sehen, Durchlaucht," 
flötete sie. 

Die Fürstin schrie auf, jappte nach Atem. 
Schlug ein grosses Kreuz, dann noch ein zwei- 
tes auf orthodoxe Art. 

„Da ist sie," stöhnte sie, „da sitzt sie!" 

„Ja," lachte Alraune, „wirklich und lebendig!" 
Sie stand auf, streckte der Fürstin die Hand 

382 



hin. „Es tut mir so leid," fuhr sie fort. „Mein 
aufrichtiges Mitleid, Durchlaucht 1" 

Die Fürstin nahm ihre Hand nicht. Eine Mi- 
nute lang war sie sprachlos, keuchte, rang nach 
Fassung. Dann aber fand sie sich wieder. „Ich 
brauche dein Mitleid nicht!" rief sie. „Ich habe 
mit dir zu sprechen." 

Alraune setzte sich, winkte leicht mit der 
Hand. „Bitte sprechen Sie, Durchlaucht." 

Nun begann die Fürstin. Ob das Fräulein wis- 
se, dass sie ihr Vermögen verloren habe durch die 
Manipulationen der Exzellenz? Aber natürlich 
wisse sie es ja, alle die Herren hätten ihr ja haar- 
klein erzählt, was sie hätte tun müssen — sie 
aber habe sich geweigert, ihre Pflicht zu erfül- 
len! Ob sie wisse, was mit ihrer Tochter gesche- 
hen sei? Sie erzählte, wie sie sie gefunden habe in 
der Anstalt, und was die Meinung der Aerzte 
sei. Immer erregter wurde sie, immer höher und 
kreischender schwoll ihre Stimme. 

Sie wisse das alles genau, erklärte Alraune ru- 
hig. 

Die Fürstin fragte: was sie nun zu tun ge- 
denke? Ob sie etwa die Absicht habe in die 
schmutzigen Fusstapfen ihres Vaters zu treten? 
Oh, der sei ein sauberer Gauner gewesen, in kei- 
nem Romane könne man einen geriebeneren Lum- 
pen finden. Nun habe er ja seinen Lohn. Sie be- 
harrte nun bei der Exzellenz, schrie alles laut 
heraus, wie es ihrer Zunge gefiel. — Sie nahm 
an, dass der plötzliche Anfall Olgas auf das Fehl- 

383 



schlagen ihrer Mission zurückzuführen sei, so- 
wie darauf, dass ihr Alraune die langjährige 
Freundin abspenstig gemacht habe. Und sie 
glaubte, dass, wenn das Fräulein jetzt helfen 
würde, nicht nur ihr Vermögen gerettet sei, son- 
dern durch diese Nachricht auch ihr Kind. 

„Ich bitte nicht," schrie sie „ich fordere. Ich 
verlange mein Recht. Du hast das Unrecht be- 
gangen, du, mein eigenes Patenkind, und dein 
Vater! Mach es nun wieder gut, soweit das mög- 
lich ist. Es ist eine Schande, dass ich dir das erst 
sagen muss — aber du wolltest es ja nicht an- 
ders." 

„Was soll ich noch retten?" sagte Alraune 
leise. „Soviel ich weiss, ist die Bank bereits vor 
drei Tagen zusammengebrochen. Da ist Ihr Geld 
futsch, Durchlaucht!" Sie pfiff es: pff futsch — 
man hörte, wie die Banknoten in alle Winde flat- 
terten. 

„Das macht nichts!" erklärte die Fürstin. „Der 
Justizrat sagte mir, dass es nicht ganz zwölf Mil- 
lionen seien, die dein Vater in dieser elenden Bank 
von meinem Gelde investierte. Du wirst mir ein- 
fach diese zwölf Millionen geben — von deinem 
Gelde. Dir macht es so nichts aus — das weiss 
ich .gut!" 

„Ach?" machte Fräulein ten Brinken. „Befeh- 
len Sie sonst noch etwas, Durchlaucht?" 

„Allerdings," rief die Fürstin. „Du wirst Fräu- 
lein Gontram mitteilen, dass sie gleich dein Haus 
zu verlassen hat. Sie soll sofort mit mir zu meiner 

384 



armen Tochter fahren, ich verspreche mir von 
ihrer Gegenwart, und besonders wenn sie ihr die 
Mitteilung bringt, dass diese leidige Vermögens- 
angelegenheit geregelt ist, eine sehr günstige 
Wirkung für die Gräfin — vielleicht eine plötz- 
liche Heilung. Ich werde Fräulein Gontram kei- 
nerlei Vorwürfe über ihr undankbares Benehmen 
machen, und auch dir gegenüber verzichte ich 
darauf, dein Verhalten weiter zu kennzeichnen. 
Nur wünsche ich, dass die Angelegenheit sogleich 
in Ordnung gebracht wird." 

Sie schwieg, holte tief Atem nach der gewal- 
tigen Anstrengung dieser langen Rede. Sie nahm 
ihr Taschentuch, fächelte sich, wischte die dicken 
Schweisstropfen ab, die von ihrem hochroten Ge- 
sichte perlten. 

Alraune erhob sich ein wenig, machte eine 
leichte Verbeugung. „Durchlaucht sind zu gü- 
tig," flötete sie. 

Dann schwieg sie. Die Fürstin wartete eine 
Weile; fragte endlich: „Nun?" 

„Nun?" gab das Fräulein zurück in demselben 
Tonfalle. 

„Ich warte — " rief die Fürstin. 

„Ich auch — " sagte Alraune. 

Die Fürstin Wolkonski rutschte hin und her 
auf dem Diwan, dessen alte Federn sich tief bo- 
gen unter ihrer Fülle. Eingepresst in ihre gewal- 
tige Corsage, die immer noch in die mächtigen 
Fleischmassen eine Art Figur einschnitt war sie 
schwer und schleppend in ihren Bewegungen. Ihr 

25 Ewers, Alraune 385 



Atem ging kurz, unwillkürlich leckte ihre dicke 
Zunge die trockenen Lippen. 

„Darf ich Ihnen ein Glas Wasser bringen las- 
sen, Durchlaucht?" zwitscherte das Fräulein. 

Sie tat, als hörte sie nicht. „Was gedenkst du 
nun zu tun?" fragte sie feierlich. 

Und unendlich einfach sprach Alraune: „Gar 
nichts." 

Die alte Fürstin starrte sie an mit runden Kuh- 
augen, als verstände sie gar nicht, was dieses jun- 
ge Ding da meine. Schwerfällig erhob sie sich, tat 
ein paar Schritte, Hess die Blicke umherschwei- 
fen, als suchte sie etwas. Frank Braun stand auf, 
nahm die Wasserkaraffe vom Tische, schenkte ein 
Glas ein, reichte es ihr. Sie trank es gierig. 

Auch Alraune war aufgestanden. „Ich bitte 
mich zu entschuldigen, Durchlaucht," sagte sie. 
„Darf ich Fräulein Gontram von Ihnen grüssen?" 

Die Fürstin ging auf sie zu, siedend, zum Plat- 
zen voll von verhaltener Wut. 

,Nun zerspringt sie.* dachte Frank Braun. 

Aber sie fand die Worte nicht, suchte vergeb- 
lich nach einem Anfang. „Sag ihr," keuchte sie, 
„sag ihr, dass sie mir nie wieder vor die Augen 
kommen soll! Ein Frauenzimmer ist sie — nicht 
besser wie du!" 

Sie stampfte mit schweren Schritten durch den 
Saal, fauchend, schwitzend, die mächtigen Arme 
in der Luft schwingend. Da fiel ihr Blick auf die 
offene Schublade, sie sah das Halsband, das sie 
einst dem Patenkinde schenkte: Goldketten mit 

386 



Brillanten und Schnüre grosser Perlen um die 
brandrote Haarlocke der Mutter. Ein Zug tri- 
umphierenden Hasses (log über ihr verschwom- 
menes Gesicht, rasch riss sie das Halsband heraus. 

„Kennst du das?" schrie sie. 

„Nein," sagte Alraune ruhig, „ich habe es noch 
nie gesehen." 

Die Fürstin trat dicht vor sie hin: „So hat der 
Schuft von Geheimrat es dir unterschlagen — 
das sieht ihm ähnlich genug! Es war mein Pa- 
tengeschenk für dich, Alraune!" 

„Danke," sagte das Fräulein. „Die Perlen 
scheinen recht hübsch zu sein, und die Steine 
auch — wenn sie echt sind." 

„Sic sind echt!" schrie die Fürstin. „Sie sind 
so echt, wie die Haare, die ich deiner Mutter ab- 
schnitt!" Sie warf das Halsband dem Fräulein 
in den Schoss. 

Alraune nahm das sonderbare Schmuckstück, 
wog es prüfend in der Hand. „Meiner — Mut- 
ter?" sagte sie langsam. „Sie hatte sehr schöne 
Haare, die Mutter, scheint es." 

Die Fürstin stellte sich breit hin, stemmte die 
Hände fest in die Hüften. Ihrer Sache sicher, wie 
ein Waschweib. „Sehr schöne Haare," lachte sie, 
„sehr schöne! So schöne, dass alle Männer ihr 
nachliefen und ihr einen ganzen Taler bezahlten, 
um eine Nacht zu schlafen bei diesen schönen 
Haaren!" 

Das Fräulein sprang auf, einen Augenblick 
wich ihr das Blut aus dem Gesicht. Aber sie lä- 

15' 387 



chelte gleich wieder, sagte ruhig und höhnisch: 
„Sie werden alt, Durchlaucht, alt und kindisch." 

Das war das Ende, nun gab es kein Zurück 
mehr für die Fürstin. Sie brach los, ordinär, un- 
endlich schamlos wie eine trunkene Bordellwir- 
tin. Schrie, überschlug sich, heulte, goss ihre 
Nachttöpfe unflätiger Reden. Eine Hure sei Al- 
raunens Mutter gewesen, eine der niedrigsten 
Sorte, die um Markstücke sich verschachert habe. 
Und ein elender Lustmörder der Vater, Noerris- 
sen sei sein Name gewesen, sie wisse es wohl. Für 
Geld habe der Geheimrat die Dirne gekauft zu 
seinem schuftigen Experiment, habe sie befruch- 
tet mit dem Samen des Hingerichteten. Sie sei 
dabei gewesen, sie selbst, wie er der Mutter den 
eklen Samen eingespritzt habe, dessen stinkende 
Frucht sie sei — sie, Alraune, die da vor ihr sitze I 
Eines Mörders Tochter und einer Dirne Kind! 

Das war ihre Rache. Sie ging hinaus, trium- 
phierend, leichten Schritts, geschwollen von dem 
Stolze ihres Sieges, der sie um zehn Jahre ver- 
jüngte. Schlug die Türe krachend ins Schloss. 

— Nun war es still in der weiten Bibliothek. 

Alraune sass in ihrem Sessel, schweigend, ein 
wenig bleich. Nervös spielten ihre Hände mit dem 
Halsbande, ein leichtes Zucken spielte um ihre 
Lippen. 

Endlich erhob sie sich. „Dummes Zeug," flü- 
sterte sie. 

Sie machte ein paar Schritte, dann besann sie 
sich. Trat hin zu ihrem Vetter. 

388 



„Ist CS wahr, Frank Braun?" fragte sie. 

Er zögerte einen Augenblick. Stand auf, sagte 
langsam: „Ich glaube, dass es wahr ist." Er trat 
hin zum Schreibtisch, nahm den Lederband, reich- 
te ihn ihr hin. 

„Lies das." sagte er. 

Sie sprach kein Wort, wandte sich zum Ge- 
hen. 

„Nimm auch das mit." rief er ihr nach. Und 
er reichte ihr den Knobelbecher, der aus ihrer 
Mutter Schädel, und die Würfel, die aus ihres 
Vaters Knochen gefertigt waren. 



389 



VIERZEHNTES KAPITEL, DAS VERZEICHNET, WIE 

FRANK BRAUN MIT DEM FEUER SPIELTE UND WIE 

ALRAUNE ERWACHTE 



An diesem Abende kam das Fräulein nicht zum 
Essen, Hess sich von Frieda Gontram nur ein 
wenig Tee und ein paar Cakes hinaufbringen. 
Frank Braun wartete auf sie eine Weile, hoffte, 
dass sie vielleicht später noch herunterkommen 
würde. Dann ging er in die Bibliothek, nahm un- 
lustig die Akten vom Schreibtisch auf. Aber er 
konnte sich nicht recht hineinlesen, klappte sie 
wieder zu, entschloss sich zur Stadt zu fahren. 
Vorher entnahm er der Schublade noch die letz- 
ten kleinen Erinnerungen: das Stückchen der 
Seidenschnur, die durchschossene Karte mit dem 
Kleeblatte und endlich das Alraunmännlein. Er 
packte alles zusammen, siegelte dann das braune 
Papier, Hess das Paketchen dem Fräulein hinauf- 
bringen. Er schrieb kein Wort hinzu — alle Er- 
klärungen würde sie ja in dem Lederbande fin- 
den, der ihre Initialen trug. 

Dann klingelte er dem Chauffeur, fuhr in die 
Stadt. Wie er erwartet hatte, traf er Herrn Ma- 
nasse in dem kleinen Weinhause am Münster- 

390 



platze; bei ihm war Stanislaus Schacht. Er setzte 
sich zu ihnen, begann zu plaudern. Er vertiefte 
sich mit dem Rechtsanwalt in einige Rechtsfra- 
gen, erörterte das Für und Wider bei diesem und 
jenem Prozess. Sie beschlossen, einige zweifel- 
hafte Sachen allein dem Justizrat zu überlassen, 
der sie schon zu irgendeinem annehmbaren Ver- 
gleich führen würde, bei anderen wieder glaubte 
Manasse bestimmt ein obsiegendes Urteil zu er- 
reichen. In manchen Fällen schlug Frank Braun 
vor, ruhig ein Anerkenntnisurteil hinnehmen zu 
wollen, aber Manasse widersprach. Nur nicht an- 
erkennen — und wenn des Gegners Verlangen 
sonnenklar war und hundertmal berechtigt! Er 
war der gradeste und ehrlichste Anwalt beim 
Landgericht, einer, der seinem Klienten gewiss 
stets alle Wahrheit ins Gesicht sagte und vor der 
Barre wohl schwieg, nie aber log — und doch 
war er viel zu sehr Jurist, um nicht einen einge- 
fleischten Hass gegen jede Anerkennung zu ha- 
ben. 

„Es erhöht uns nur die Kosten," wandte Frank 
Braun ein. 

„Wenn schon!" kläffte der Rechtsanwalt. „Was 
macht das bei den Objekten!? — Und ich sage 
Ihnen: man kann nie wissen. — Irgendeine 
Chance hat man immer noch." 

„Eine juristische — vielleicht — " antwortete 
Frank Braun — „aber — " Er schwieg: anderes 
gab es ja nicht für den Anwalt. Das Gericht 
sprach Recht — darum war das Recht, wie es 

391 



eben entschied. Heute so freilich — und ganz 
anders nach ein paar Monaten in der höheren In- 
stanz. Dennoch: das Gericht gab schliesslich das 
Urteil, das dann heilig war — und nicht die Par- 
tei tat es. Anerkenntnisnehmen aber hiess selbst 
Urteil sprechen, hiess dem Gerichte vorgreifen. 
Manasse aber war Anwalt, war ganz Partei: und 
wie er den Richter parteilos wünschte, so war es 
ihm ein Greuel, wenn er selbst ein Urteil nehmen 
sollte oder geben für seine Partei. 

Frank Braun lächelte. „Wie Sie wollen," 
sagte er. 

Er sprach mit Stanislaus Schacht, liess sich 
von dessen Freunde Dr. Mohnen erzählen und 
von all den andern, die damals hier waren, als er 
studierte. Ja, der Joseph Theyssen war nun lange 
schon Regierungsrat und der Klingelhöffer war 
Professor in Halle — der würde wohl nächstens 
den neuen Lehrstuhl für Anatomie hier bekom- 
men. Und der Fritz Langen — und der Bastian 

— und — 

Frank Braun hörte zu, blätterte in diesem le- 
benden Gotha der Universität, der alle Persona- 
lien kannte. „Sind Sie immer noch immatriku- 
liert?" fragte er. 

Stanislaus schwieg, ein wenig gekränkt. Aber 
der Rechtsanwalt bellte: „Was? Das wissen Sie 
nicht? Er hat ja sein Doktorexamen gemacht — 

— vor fünf Jahren schon!" 

Schon — vor fünf Jahren schon! Frank Braun 
rechnete nach. Das muste also in seinem fünfund- 

392 



vierzigsten, nein, im sechsundvierzigsten Scnne- 
ster geschehen sein. 

„Also doch!" sagte er. Er erhob sich, streckte 
ihm die Hand hin, die der andere kräftig schüt- 
telte. „Da erlauben Sie mir, Ihnen zu gratulie- 
ren, Herr Doktor!" fuhr er fort. — „Aber — sa- 
gen Sie mir — was fangen Sie denn nun eigent- 
lich an?" 

„Ja, wenn er das wüsste!" rief der Rechtsan- 
walt. 

Dann kam Kaplan Schröder, Frank Braun trat 
auf ihn zu, ihn zu begrüssen. 

„Auch einmal wieder im Lande?" rief der 
Schwarzrock. „Das muss man feiern!" 

„Ich bin der Wirt," erklärte Stanislaus Schacht. 
„Er muss mit mir auf meinen Doktorhut anstos- 
sen. 

„Und mit mir auf meine neue Vikarswürde," 
lachte der Geistliche, „also teilen wir uns in die 
Ehre, wenn's Ihnen recht ist, Dr. Schacht." 

Sie einigten sich und der weisshaarige Vikar 
bestellte dreiundneunziger Scharzhofberger, den 
das Weinhaus durch seine Vermittlung bekom- 
men hatte. 

Er prüfte den Wein, nickte befriedigt, stiess an 
mit Frank Braun. „Sie haben's gut," sagte er, 
„stecken die Nase in alle unbekannten Meere und 
Länder, man liest es ja in den Blättern. — Un- 
sereins muss zu Hause sitzen, sich damit trSsten, 
dass an der Mosel immer noch ein guter Wein 

393 



wächst. — Die Marke da bekommen Sie draus- 
sen gewiss nicht!" 

„Die Marke schon," antwortete er, „aber den 
Wein nicht. — Nun, Hochwürden, was treiben 
Sie sonst?" 

„Was soll ich treiben?" erwiderte der Geist- 
liche. „Man ärgert sich eben: immer preussi- 
scher wird's an unserm alten Rhein. Da schreibt 
man zur Erholung faule Stücke für den Tünnes 
und den Bestevader, für den Schäl und den Speu- 
manes und die Marizzebill. Den ganzen Plautus 
und den Terenz hab ich schon ausgeplündert für 
Peter Millowitschs Kölner Hänneschen-Thea- 
ter — nun bin ich bei Holberg. Und denken Sie, 
der Kerl — Herr Direktor nennt er sich heute — 
bezahlt mir jetzt sogar Honorare — auch so eine 
preussische Erfindung." 

„Freuen Sie sich doch!" knurrte Rechtsanwalt 
Manasse. „Uebrigens hat er eine Arbeit über 
Jamblichos herausgegeben," wandte er sich an 
Frank Braun, „und ich sage Ihnen, es ist ein ganz 
vorzügliches Buch." 

„Nicht der Rede wert," rief der alte Vikar. 
„Nur ein kleiner Versuch — " 

Stanislaus Schacht unterbrach ihn. „Gehen Sie 
doch!" sagte er. „Ihre Arbeit ist grundlegend für 
das ganze Wesen der alexandrinischen Schule, 
Ihre Hypothese über die Emanationslehre der 
Neoplatoniker — " 

Er ging los, dozierte, wie ein streitbarer Bi- 
schof auf dem Konzil. Machte hie und da einige 

394 



Bedenken, meinte, das» es nicht richtig sei, dass 
der Verfasser sich so ganz auf den Boden der 
drei kosmischen Prinzipien gestellt habe, wenn 
es ihm auch vielleicht nur so habe gelingen kön- 
nen, den Geist Porphyrs und seiner Schüler völ- 
lig zu erfassen. Manasse mischte sich ein, end- 
lich auch der Vikar. Und sie stritten, als ob es 
nichts Wichtigeres gäbe auf der weiten Welt, als 
diesen seltsamen Monismus der Alexandriner, der 
doch im Grunde nichts war, als eine mystische 
Selbstvernichtung des Ichs, durch Ekstase, As- 
kese und Theurgie. 

Schweigend hörte Frank Braun zu. ,Das ist 
Deutschland,' dachte er, .das ist mein Land/ — 
Vor einem Jahre, fiel ihm ein, hatte er in einer 
Bar gesessen, irgendwo in Melbourne oder Sid- 
ney — drei Männer waren mit ihm, ein Oberrich- 
ter, ein Bischof der Hochkirche und ein berühm- 
ter Arzt. Die disputierten und stritten nicht min- 
der eifrig, wie die drei, die nun bei ihm sassen — 
aber es handelte sich darum, wer der bessere Bo- 
xer sei: Jimmy Walsh aus Tasmanien oder der 
schlanke Fred Costa, der Champion von Neu- 
Süd-Wales. 

Hier aber sass ein kleiner Rechtsanwalt, der 
noch immer beim Justizrat übergangen wurde, 
sass ein Geistlicher, der närrische Stücke für die 
Puppenbühne schrieb, der wohl ein paar Titel, 
aber nie eine Pfarre hatte, sass endlich der ewige 
Student Stanislaus Schacht, der mit einigen vier- 
zig Jahren glücklich seinen Doktor gemacht hatte 

395 



und nun nicht mehr wusste, was er mit sich an- 
fangen sollte. Und diese drei kleinen Schlucker 
sprachen über die gelehrtesten, weltfernsten Din- 
ge, die dazu nicht das geringste mit ihrem Berufe 
zu tun hatten, sprachen mit derselben Leichtig- 
keit, mit derselben Sachlichkeit, mit der sich die 
Herren in Melbourne über einen Boxmatch un- 
terhielten. Oh, ganz Amerika und ganz Australien 
konnte man durchsieben und dazu neun Zehntel 
von Europa — und man würde nicht eine solche 
Fülle von Wissen finden — 

, — Nur — es ist tot,* seufzte er. ,Es ist längst 
verstorben und riecht nach Verwesung — frei- 
lich, die Herren merken es nicht!* 

Er fragte den Vikar, wie es seinem Pflegesohne 
ginge, dem jungen Gontram. Sogleich unterbrach 
sich Rechtsanwalt Manasse. 

„Ja, erzählen Sie, Hochwürden, deshalb bin ich 
ja gerade hergekommen. Was schreibt er?** 

Vikar Schröder knöpfte den Rock auf, zog sei- 
ne Brieftasche heraus und entnahm ihr einen 
Brief. „Da, lesen Sie selbst!** sagte er. „Sehr 
tröstlich klingt's nicht!** Er reichte das Kuvert 
dem Rechtsanwalt. 

Frank Braun warf einen raschen Blick auf den 
Poststempel. „Aus Davos?** fragte er. „So ward 
ihm doch seiner Mutter Erbteil?** 

„Leider,** seufzte der alte Geistliche. „Und er 
war ein so frischer, guter Junge, der Josef! Ei- 
gentlich gar nicht zum Geistlichen geschaffen, 
— ich hätte ihn, weiss Gott, was anderes studie- 

396 



ren lassen, ob ich auch selbst den schwarzen Rock 
trage, wenn ich's nicht seiner Mutter versprochen 
hätte auf dem Totenbette. Uebrigens würde er 
schon seinen eigenen Weg gegangen sein, so wie 
ich auch — ich sag Ihnen: summa cum laude hat 
er sein Doktorexamen gemacht! Ich bekam alle 
Dispense für ihn beim Erzbischof, der mir per- 
sönlich ja sehr wohlwill. Bei der Arbeit über 
Jamblichos hat er mir tüchtig geholfen — ja aus 
ihm könnte etwas werden! Nur — leider — " 

Er stockte, leerte langsam sein Glas. „Kam es 
so plötzlich, Hochwürden?" fragte Frank Braun. 

„Das kann man wohl sagen," antwortete der 
Geistliche. „Den ersten Anstoss gab gewiss eine 
seelische Impression: der plötzliche Tod seines 
Bruders Wolf. Sie hätten den Josef sehen sollen, 
draussen auf dem Friedhof; er wich nicht von 
meiner Seite, während ich meine kleine Rede 
hielt, starrte auf einen gewaltigen Kranz blut- 
roter Rosen, der auf dem Sarge lag. Er hielt sich 
aufrecht, bis die Feier beendet war, dann aber 
fühlte er sich so schwach, dass wir ihn förmlich 
tragen mussten, Schacht und ich. Im Wagen 
schien er besser, aber zu Hause bei mir wurde er 
wieder ganz apathisch. Und das einzige, das ich 
an diesem Abend aus ihm herausholen konnte, 
war: dass er nun der Letzte sei von den Gontram- 
buben und dass jetzt er an der Reihe sei. Und 
diese Apathie wich nicht mehr, er blieb von Stund 
an überzeugt, dass seine Tage gezählt seien, ob- 
wohl die Professoren nach sehr eingehender Un- 

397 



tersuchung mir eigentlich im Anfang recht viel 
Hoffnung machten. Dann ging es rapid, von Tag 
zu Tag konnte man den Verfall feststellen. — 
Nun haben wir ihn nach Daves geschickt — aber 
es scheint, dass das Lied bald aus ist." 

Er schwieg, dicke Tränen standen in seinen 
Augen. — „Seine Mutter war zäher," brummte 
der Rechtsanwalt, „die lachte sechs Jahre lang 
dem Klappermann ins Gesicht." 

„Gott schenke ihrer Seele ewigen Frieden," 
sagte der Vikar und füllte die Gläser. „Trinken 
wir auf sie einen stillen Schluck — in memori- 
am. 

Sie hoben die Gläser und leerten sie. „Nun ist 
er bald ganz allein, der alte Justizrat," bemerkte 
Dr. Schacht. „Nur seine Tochter scheint völlig 
gesund zu sein — sie ist die einzige, die ihn ein- 
mal überleben wird." 

Der Rechtsanwalt knurrte: „Die Frieda? — 
Nein, das glaub ich nicht." 

„Und warum nicht?" fragte Frank Braun. 

„Weil — weil — " begann er. „Ach, warum soll 
ich's nicht sagen!?" Er sah ihn an, bissig, wü- 
tend, als wolle er ihm an die Kehle fahren. „War- 
um die Frieda nicht alt werden wird, wollen Sie 
wissen? — Ich will's Ihnen sagen: weil sie nun 
ganz in den Klauen steckt — von der verdamm- 
ten Hexe da draussen! — Darum nicht — nun 
wissen Sie'sl" 

,Hexe* — dachte Frank Braun, ,er nennt sie 
Hexe, so wie es Ohm Jakob tut in seinem Leder- 

398 



bände.' „Wie meinen Sie das, Herr Rechtsan- 
walt?" fragte er. 

Und Manasse bellte: „Genau, wie ich's sage. 

— Wer dem Fräulein ten Brinken zu nahe kommt 

— der klebt fest, wie die Fliege im Sirup; und 
wer einmal festklebt bei ihr — der erstickt und 
da nützt kein Zappeln! — Nehmen Sie sich in 
acht, Herr Doktor, ich warne Sie! Es ist undank- 
bar genug — so zu warnen, ich hab's schon ein- 
mal getan — ohne jeden Erfolg — bei dem Wölf- 
chen. — Jetzt sind Sie daran — fliehen Sie fort, 
solange es noch Zeit ist. Was wollen Sie auch 
noch hier? — Es sieht mir gerade so aus, als ob 
Sie schon leckten von ihrem Honig!" 

Frank Braun lachte, aber es klang ein wenig 
gewollt. „Meinetwillen kein Grund zur Angst, 
Herr Rechtsanwalt!" rief er. — Aber er über- 
zeugte den andern nicht — und weniger noch 
sich selbst. 

Sie Sassen und tranken. Tranken auf den Dok- 
torhut Schachts und auf die Vikarswürde des 
Geistlichen. Tranken auch auf das Wohlergehen 
Karl Mohnens, von dem keiner mehr etwas ge- 
hört hatte, seit er die Stadt verliess. „Er ist ver- 
schollen." sagte Stanislaus Schacht; dann wurde 
er sentimental und sang gefühlvolle Lieder. 

Frank Braun empfahl sich. Ging zu Fusse hin- 
aus nach Lendenich, durch die duftenden Früh- 
lingsbäume — wie in alter Zeit. 



399 



Er kam über den Hof, da sah er Licht in der 
Bibliothek. Er ging hinein — Alraune sass auf 
dem Diwan. 

„Du hier, Mühmchen?" grüsste er. „So spät 
noch auf?" 

Sie antwortete nicht, winkte ihm mit der Hand 
Platz zu nehmen. Er setzte sich ihr gegenüber, 
wartete. Aber sie schwieg und er drängte sie 
nicht. 

Endlich sagte sie: „Ich wollte mit dir spre- 
chen." Er nickte, aber sie schwieg wieder. 

So begann er: „Du hast den Lederband gele- 
sen?" 

„Ja." sagte sie. Sie holte tief Atem, sah ihn an. 
„Ich bin also nur ein — ein Witz, den du einmal 
machtest, Frank Braun?" 

„Ein Witz — ?" wandte er ein. „Ein — Gedan- 
ke, wenn du willst — " 

„Also gut, ein Gedanke," sagte sie. „Was 
liegt an dem Wort? — Was ist ein Witz 
anderes als ein lustiger Gedanke? Und ich 
meine — er war lustig genug." Sie lachte 
hell auf. „Aber nicht darum warte ich hier 
auf dich; ich will etwas anderes von dir wissen. 
Sag mir: glaubst du daran?" 

„Woran soll ich glauben?" antwortete er. „Ob 
alles so war, wie es der Onkel erzählt in dem Le- 
derband? Ja, das glaub ich wohl." 

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. „Nein, das 
meine ich nicht. Natürlich ist es so — warum 
sollte er lügen in diesem Bande? — Ich will wis- 

400 



scn, ob du auch glaubst — so wie das mein — 
mein — also: dein Onkel tat — dass ich ein an- 
deres Wesen bin, wie andere Menschen, dass ich 

— nun, das bin, was mein Name bedeutet?" 
„Wie soll ich dir diese Frage beantworten?" 

sagte er. „Frag einen Physiologen — der wird 
dir sicher erwidern, dass du genau so gut ein 
Mensch bist wie jeder andere auf der Welt, wenn 
auch dein Debüt hier ein etwas ungewöhnliches 
war. — Wird hinzufügen, dass alle die Gescheh- 
nisse reine Zufälligkeiten waren, Nebensächlich- 
keiten, die — " 

„Das geht mich nichts an," unterbrach sie. 
„Für deinen Onkel wurden diese Nebensächlich- 
keiten zur Hauptsache. Es ist auch im Gnmde 
wohl gleichgültig, ob sie das waren, oder nicht. 
Ich will von dir wissen: teilst du diese Ansicht? 
Glaubst du auch, dass ich ein besonderes Wesen 
sei?" 

Er schwieg, suchte nach einer Antwort; wusste 
nicht, was er erwidern sollte. Er glaubte es wohl 

— und glaubte es doch wieder nicht — 
„Siehst du — " begann er endlich. 

„Sprich doch," drängte sie. „Glaubst du: dass 
ich dein frecher Witz bin — der dann Formen 
annahm? Dein Gedanke, den der alte Geheimrat 
in seinen Tiegel warf, den er kochte und destil- 
lierte, bis das daraus wurde, was nun vor dir 
sitzt?" 

Diesmal besann er sich nicht. „Wenn du es so 
fassest: ja, das glaube ich." 

a6 Ewers, Alraune 4OI 



Sie lachte leicht auf. „Ich dachte es mir wohl. 

— Und darum wartete ich auf dich, heute nacht, 
um dich, so bald wie möglich, von diesem Hoch- 
mut zu heilen. Nein, Vetter, du warfst nicht die- 
sen Gedanken in die Welt, du nicht — so wenig, 
wie der alte Geheimrat es tat." 

Er verstand sie nicht: „Wer denn sonst?" frag- 
te er. 

Sie griff mit der Hand unter die Kissen. „Das 
da!" rief sie. Sie warf das Alräunchen leicht in 
die Luft, fing es wieder auf. Streichelte es zärt- 
lich mit nervösen Fingern. 

„Das da? Warum das da?" fragte er. 

Sie gab zurück: „Dachtest du je früher daran 

— vor dem Tage, als Justizrat Gontram die 
Kommunion der beiden Kinder feierte?" 

„Nein," erwiderte er, „gewiss nicht." 

„Dann aber sprang dies Ding von der Wand 
herab: da kam dir der Gedanke! — Ist es nicht 
so?" 

„Ja," bestätigte er, „so war es." 

„Nun wohl," fuhr sie fort, „so kam er von aus- 
sen zu dir hin, irgendwoher. Als der Rechtsanwalt 
Manasse seine Rede hielt, als er wie ein gelehrtes 
Buch schwatzte, euch auseinandersetzte, was dies 
Alräunchen sei und was es bedeute — da wuchs 
die Idee in deinem Hirn. Ward gross und stark, 
so stark, dass du die Kraft fandest, sie deinem 
Onkel zu suggerieren, ihn zu bestimmen, sie aus- 
zuführen : mich zu schaffen. Wenn es also stimmt, 
Frank Braun, dass ich ein Gedanke bin, der in 

403 



die Welt kam und Menschenform annahm, so bist 
du nur ein vermittelndes Werkzeug — nicht mehr, 
wie der Geheimrat oder sein Assistenzarzt, nicht 
anders wie — " Sie stockte, schwieg. 

Nur einen Augenblick. Dann fuhr sie fort: 
„ — wie die Dirne Alma und der Raubmörder, die 
ihr zusammenkuppeltet — ihr und — der Tod!" 

Sie legte das Alräunchen auf die Seidenkissen, 
sah es an mit fast innigen Blicken. Und sie sagte: 
„Du bist mein Vater, du bist meine Mutter. Du 
bist das, was mich schuf." 

Er schaute ihr zu. .Vielleicht ist es so,* dachte 
er. ,Die Gedanken wirbeln durch die Lüfte, wie 
der Blütenstaub, spielen herum, senken sich end- 
lich in irgendeines Menschen Hirn. Oft verküm- 
mern sie dort, verdorren und sterben — o wenige 
nur finden einen guten Nährboden. — »Vielleicht 
hat sie recht,' dachte er. ,Mein Hirn war immer 
eine gut gedüngte Pflanzstätte für alle Narrhei- 
ten und krausen Phantasien.' Und es schien ihm 
gleichgültig, ob er einst dieses Gedankens Samen 
in die Welt warf — oder ob er die fruchtbare Er- 
de war, die ihn aufnahm. 

Aber er schwieg, Hess sie bei ihren Gedanken. 
Blickte sie an: ein Kind, das mit seinem Püppchen 
spielte. 

Sie erhob sich langsam, Hess das hässliche 
Männlein nicht aus den Händen. 

„Ich wollte dir noch etwas sagen," sprach sie 
leise. „Zum Danke dafür, dass du mir den Leder- 
band gabst und ihn nicht verbranntest." 

*6* 403 



„Was ist es?" fragte er. 

Sie unterbrach sich. „Soll ich dich küssen?" 
fragte sie. „Ich kann küssen — " 

„Das wolltest du sagen, Alraune?" sagte er. 

Sie erwiderte: „Nein, das nicht! — Ich dachte 
nur: dann könnte ich dich auch einmal küssen. 
Dann — Aber erst will ich dir das sagen, was ich 
wollte: geh fort!" 

Er biss sich in die Lippen. „Warum?" 

„Weil — weil es wohl besser ist," antwortete 
sie. „Für dich — vielleicht auch für mich. Aber 
darauf kommt es nicht an. — Ich weiss ja nun, 
wie es steht — bin nun ja — aufgeklärt. Und ich 
denke: wie es bisher ging, wird es wohl weiter 
gehen — nur, dass ich nicht blind mehr daher- 
laufe — dass ich nun sehe: alles. Und dann — 
dann wäre nun wohl an dir die Reihe. Und dar- 
um ist es besser, wenn du gehst." 

„Bist du deiner Sache so sicher?" fragte er. Und 
sie sprach: „Muss ich nicht?" 

Er zuckte die Achseln. „Vielleicht — ich weiss 
es nicht. Aber sage mir: warum möchtest du mich 
schonen?" 

„Ich hab dich gern." sagte sie still. „Du warst 
gut zu mir." 

Er lachte. „Waren das die andern nicht?" 

„Doch," antwortete sie, „jeder war es. Aber ich 
empfand es nicht so. Und sie — alle — sie liebten 
mich. — Du nicht — noch nicht." 

Sie ging zum Schreibtisch, nahm eine Postkar- 
te und gab sie ihm. „Hier ist eine Karte von dei- 

404 



ner Mutter; sie kam heute abend schon, der Die- 
ner brachte sie aus Versehen herauf, mit meiner 
Post. Ich las sie. Deine Mutter ist krank — sie 
bittet dich so sehr, zurückzukommen — auch 
sie." 

Er nahm die Karte. Starrtc vor sich hin, un- 
schlüssig. Er wusste, dass sie recht hatten, alle 
beide, fühlte gut, dass es Narrheit sei, hier zu 
bleiben. Und dann fasste ihn ein knabenhafter 
Trotz, der ihm .nein* zuschrie, ,nein!' 

„Wirst du fahren?" fragte sie. 

Er zwang sich; sprach mit fester Stimme: „Ja, 
Base!" 

Er sah sie scharf an, belauerte jeden Zug ihres 
Gesichtes. Ein kleines Zucken um die Mundwin- 
kel, ein leichter Seufzer hätte ihm genügt, irgend 
etwas das ihm ihr Bedauern gezeigt hätte. Aber 
sie blieb still und ernst, kein Hauch bewegte ihre 
starre Maske. 

Das kränkte ihn, verletzte ihn, deuchte ihm ein 
Affront und eine Beleidigung. Er presste die Lip- 
pen fest aufeinander. ,So nicht,*' dachte er, ,so 
gehe ich nicht.' 

Sie kam auf ihn zu, reichte ihm die Hand. 
„Gut," sagte sie, „gut. — Nun will ich gehen. 
— Ich will dich auch küssen zum Abschied, wenn 
du magst." 

Da flackerte ein rasches Feuer in seinen Au- 
gen. Ohne es zu wollen, sagte er: „Tu es nicht, 
Alraune, tu es nicht!" Und seine Stimme nahm 
ihren Tonfall an. 

405 



Sie hob den Kopf, fragte rasch: „Warum 
nicht?" 

Wieder gebrauchte er ihre Worte, aber sie emp- 
fand, dass es nun Absicht war. „Ich hab dich 
gern," sagte er, „du warst gut zu mir, heute. — 
Manche rote Lippen küsste mein Mund — und 
sie wurden sehr bleich. Nun — nun wäre wohl 
die Reihe an dir. Und darum ist es besser, wenn 
du mich nicht küsst!" 

Sie standen sich gegenüber, stahlhart leuchte- 
ten ihre Augen. Unmerklich spielte ein Lächeln 
um seine Lippen, blank und scharf war seine gute 
Waffe. Nun mochte sie wählen. Ihr, Nein* war sein 
Sieg und ihre Niederlage — leichten Herzens 
konnte er dann gehen. Ihr ,Doch* aber war der 
Kampf. 

Und sie empfand das alles — so gut wie er. 
Wie am ersten Abende würde es sein, genau so. 
Nur: damals war es der Anfang und ein erster 
Hieb — da war noch Hoffnung auf manchen 
Gang in dem Zweikampf. Jetzt aber — war es 
das Ende. 

Er aber war es, der den Handschuh warf — 

Sie griff ihn auf. „Ich fürchte mich nicht," 
sprach sie. 

Er schwieg, sein Lächeln erstarb auf seinen 
Lippen. — Nun wurde es Ernst. 

„Ich will dich küssen," wiederholte sie. 

Er sagte: „Nimm dich in acht! — Auch ich 
werde dich küssen." 

Sie hielt seinen Blick. „Ja," sagte sie. — Dann 

40O 



lächelte sie. „Setz dich, du bist ein wenig zu grosi 
für mich!" 

„Nein," rief er hell, „so nicht!" Er ging zu 
dem breiten Diwan, legte sich lang hin, bettete 
den Kopf in die Kissen. Streckte die Arme weit 
aus nach beiden Seiten, schloss die Augen. 

„Nun komm, Alraune!" rief er. 

Sie trat näher, kniete zu seinen Raupten. Zö- 
gerte, schaute ihn an, warf sich dann plötzlich 
zu ihm nieder, fasste seinen Kopf, drängte ihre 
Lippen auf die seinen. 

Er umarmte sie nicht, rührte die Arme nicht. 
Aber seine Finger krampften sich zur Faust. Er 
fühlte ihre Zunge, spürte ihrer Zähne leichten 
Bisa — 

„KÜSS weiter," flüsterte er, „küss weiter." 

Irgendein roter Nebel lag vor seinen Augen. Er 
hörte des Geheimrats hässliches Lachen, sah die 
grossen, seltsamen Augen der Frau Gontram, wie 
sie den kleinen Manasse bat, ihr das Alräunchen 
zu erklären. Hörte das Kichern der beiden Fest- 
mädchen Olga und Frieda und die zerbrochene 
und doch so schöne Stimme der Madame de Vire, 
die „Les Papillons" sang. Sah den kleinen Hu- 
sarenleutnant, der eifrig dem Rechtsanwalt zu- 
hörte, sah Karl Mohnen, wie er das Alräunchen 
abwischte mit der grossen Serviette — 

„Küss weiter!" murmelte er. 

Und Alma — ihre Mutter. Rot wie ein Feuer- 
brand, schneeweiss die Brüste mit kleinen blauen 
Adern. Und die Hinrichtung ihres Vaters — so 

407 



wie sie Ohm Jakob geschildert hatte in dem Le- 
derbande — aus der Fürstin Mund — 

Und die Stunde, in der der Alte sie schuf — 
und die andere, in der sein Arzt sie zur Welt 
brachte — 

„KÜSS mich," flehte er, „küss mich." 

Er trank ihre Küsse, sog das heisse Blut sei- 
ner Lippen, die ihre Zähne zerrissen. Und er be- 
rauschte sich, wissend und mit Willen, wie an 
schäumendem Wein, wie an seinen Giften vom 
Osten — 

„Lass," rief er plötzlich, „lass, du weisst nicht, 
was du tust!" 

Da drängten sich ihre Locken noch enger um 
seine Stirn, fielen ihre Küsse wilder noch und 
heisser. 

Nun lagen zertreten des Tages klare Gedan- 
ken. Nun wuchsen die Träume, schwoll des Blu- 
tes rotes Meer. Nun schwangen Mänaden die 
Thyrsosstäbe, schäumte des Dionysos heiliger 
Rausch. 

„Küss mich — " schrie er. 

Aber sie Hess ihn los, Hess die Arme sinken. 
Er schlug die Augen auf, blickte sie an. 

„Küss mich!" wiederholte er leise. Glanzlos 
blickte ihr Auge, kurz ging ihr Atem. Langsam 
schüttelte sie den Kopf. 

Da sprang er auf. „So will ich dich küssen," 
rief er. Hob sie hoch auf die Arme, warf die Sträu- 
bende auf den Diwan. Kniete nieder — dahin, wo 
sie eben gekniet hatte. 

408 



„Schliess die Augen — " flüsterte er. 

Und er beugte sich nieder — 

Gut, gut waren seine Küsse. — Schmeichelnd 
und weich, wie ein Harfenspiel in der Sommer- 
nacht. Wild auch, jäh und rauh, wie ein Sturm- 
wind über dem Nordmeer, Glühend, wie ein Feu- 
erhauch aus des Aetna Mund, reissend und ver- 
zehrend, wie des Maelstroms Strudel — 

,Es versinkt,' fühlte sie, ,alles versinkt.' 

Dann aber schlugen die Lohen, brannten him- 
melhoch alle heissen Flammen. Flogen die Brand- 
fackeln, zündeten die Altäre, wie mit blutigen 
Lefzen der Wolf durch das Heiligtum sprang. 

Sie umschlang ihn, presste sich eng an seine 
Brust — 

„Ich brenne," jauchzte sie — „ich verbrenne—** 

Da riss er die Kleider ihr vom Leibe. 



Hoch schien die Sonne, da erwachte sie. Sic 
sah wohl, dass sie nackt dalag, aber sie bedeckte 
sich nicht. Sie wandte den Kopf, sah ihn aufrecht 
neben sich sitzen — nackt wie sie selbst. 

Sie fragte: „Wirst du fahren heute?" 

„Willst du, dass ich fahren soll?" gab er zu- 
rück. 

„Bleibe," flüsterte sie, „bleibe I'* 



409 



FÜNFZEHNTES KAPITEL, DAS SAGT, WIE ALRAUNE 
IM PARKE LEBTE 



Er schrieb seiner Mutter nicht, an diesem Tage 
nicht, noch am nächsten. Schob es auf bis zur 
anderen Woche und weiter — durch Monate. Er 
lebte in dem grossen Garten der Brinken, wie einst 
als Knabe, als er die Schulferien hier verbrachte. 
Sass in den warmen Gewächshäusern oder unter 
der gewaltigen Zeder, deren Spross irgendein 
frommer Ahne vom Libanon brachte. Wandelte 
unter den Maulbeerbäumen, vorbei an dem klei- 
nen Teiche, den die Hängeweiden tief überschat- 
teten. 

Ihnen gehörte der Garten in diesem Sommer, 
ihnen allein, Alraune und ihm. Das Fräulein hatte 
strengen Befehl gegeben, dass keiner hinein- 
durfte von den Dienstboten, bei Tage nicht und 
nicht in der Nacht. Nicht einmal die Gärtner wa- 
ren ausgenommen; sie wurden weggeschickt in 
die- Stadt, erhielten den Auftrag, die Gärten ihrer 
Villen in der Coblenzer Strasse zu pflegen. Die 
Mieter freuten sich und erstaunten über des Fräu- 
leins Aufmerksamkeit. 

Nur Frieda Gontram ging durch die Wege. Sie 
sprach kein Wort über das, was sie nicht wusste 

410 



und doch ahnte, aber ihre verkniffenen Lippen, 
ihre scheuen Blicke redeten laut genug. Sie wich 
ihm aus, wo sie ihn traf — und war doch immer 
da, sowie er mit Alraune zusammen war. 

„Hol's der Kuckuck," brummte er, „ich wollte, 
sie wäre auf dem Blocksberg!" 

„Ist sie dir lästig?" fragte Alraune. 

„Dir etwa nicht?" gab er zurück. 

Sie erwiderte: „Ich hab es nicht so bemerkt. 
Ich achte sie kaum." 

— An diesem Abend traf er Frieda Gontram 
bei dem blühenden Schlehdorn. Sie stand auf von 
ihrer Bank, wandte sich zum Gehen. Ein heisser 
Hass traf ihn aus ihrem Blick. 

Er ging auf sie zu: „Was ist es, Frieda?" 

Sie sagte: „Nichts! — Sie können zufrieden 
sein. Sie werden ja nun bald von mir befreit sein." 

„Wieso?" fragte er. 

Ihre Stimme zitterte: „Ich muss eben gehen — 
morgen! Alraune sagte mir, dass Sie mich nicht 
wünschen." 

Ein unendlicher Jammer sprach aus ihren Blik- 
ken. „Warten Sie hier, Frieda, ich will mit ihr 
reden." 

Er eilte ins Haus, kam zurück nach einer Weile. 

„Wir haben es überlegt," begann er, „Alraune 
und ich. Es ist nicht nötig, dass Sie fortgehen — 
für immer. Nur, Frieda, ich mache Sie nervös mit 
meiner Gegenwart — und Sie ebenso mich, ver- 
zeihen Sie. Darum wird es besser sein, dass Sie 
verreisen — nur für eine Zeitlang. Fahren Sie 

4n 



nach Davos zu Ihrem Bruder, kommen Sie zu- 
rück in zwei Monaten." 

Sie stand auf, sah ihn fragend an, immer noch 
voll Angst. „Ist das wahr?" flüsterte sie. „Nur 
für zwei Monate?" 

Er antwortete : „Gewiss ist's wahr, warum soll- 
te ich lügen, Frieda?" 

Sie griff seine Hand, eine grosse Freude machte 
ihr Gesicht leuchten. „Ich bin Ihnen sehr dank- 
bar!" sagte sie. „Dann ist alles gut — wenn ich 
nur wiederkommen darf!" 

Sie grüsste, ging dem Hause zu. Blieb plötz- 
lich stehen, kam zu ihm zurück. „Noch etwas, 
Herr Doktor," sagte sie. „Alraune gab mir einen 
Scheck heute morgen, aber ich zerriss ihn, weil 
— weil — kurz, ich zerriss ihn. Nun werde ich 
doch Geld gebrauchen. Zu ihr will ich nicht ge- 
hen — sie würde fragen — und ich will nicht, 
dass sie fragt. Darum — wollen Sie mir das Geld 
geben?" 

Er nickte. „Natürlich will ich. — Darf auch 
ich nicht fragen, warum Sie den Scheck zerris- 
sen?" 

Sie sah ihn an, zuckte mit den Schultern. „Ich 
hätte eben das Geld nicht mehr gebraucht, wenn 
ich sie auf immer hätte verlassen müssen — " 

„Frieda," drängte er, „wohin wären Sie gegan- 
gen?" 

„Wohin?" Ein bitteres Lachen klang aus ihren 
dünnen Lippen. „Wohin? Denselben Weg, den 

41a 



Olga gingl — Nur, glauben Sie mir, Doktor, ich 
hätte mein Ziel gefunden!" 

Sie nickte ihm leicht zu, schritt weg, ver- 
schwand zwischen den Birkenstämmen. 
♦ ♦ ♦ 

Früh, wenn die junge Sonne erwachte, kam er 
im Kimono aus seinem Zimmer. Ging in den Gar- 
ten, den Weg, der an den Spalieren vorbeiführtc. 
Ging in die Rosenbeete, schnitt Boule de Neige, 
Kaiserin Augusta Viktoria, Frau Carl Drusky 
und Merveille de Lyon. Bog links ein, wo die 
Lärchen standen und die Silbertannen. 

Auf der Brüstung des Teiches sass Alraune. 
Sass in schwarzem Seidenmantel, brockte Brot- 
krumen, warf sie den Goldfischen zu. Wenn er 
kam, flocht sie einen Kranz aus den bleichen Ro- 
sen, rasch und geschickt, krönte dann ihre Lok- 
ken. Sie warf den Mantel ab, sass im Spitzen- 
hemde, plätscherte mit den nackten Füssen in 
dem kühlen Wasser. 

Sie sprachen kaum. Aber sie zitterte, wenn sei- 
ne Finger leicht ihren Nacken rührten, wenn sein 
naher Hauch ihrer Wange schmeichelte. Lang- 
sam streifte sie das Hemd ab, legte es auf die 
Bronzenixe an ihrer Seite. Sechs Najaden sassen 
herum auf der Marmorbrüstung des Teiches, gös- 
sen Wasser aus Krügen und Urnen, spritzten es 
in dünnem Strahle aus den Brüsten. Allerlei Ge- 
tier kroch um sie herum, grosse Hummern und 
Langusten, Schildkröten, Fische, Wasserschlan- 
gen und Reptile. In der Mitte aber blies Triton 

4X3 



sein Hörn, um ihn prustete pausbackiges Meer- 
volk mächtige Wasserstrahlen in die blaue Höhe. 

„Komm, mein Freund!" sagte sie. 

Dann stiegen sie in das Wasser. Es war sehr 
kühl und ihn fröstelte; blau wurden seine Lippen 
und eine rasche Gänsehaut zog sich um seine Ar- 
me. Er musste tüchtig schwimmen, um sich schla- 
gen und treten, sein Blut zu erwärmen, sich an- 
zupassen an die ungewohnte Temperatur. Sie 
aber merkte davon nichts, war in ihrem Elemente 
im Augenblick, lachte ihn aus. Wie ein Frösch- 
lein schwamm sie herum. 

„Dreh die Hähne auf!" rief sie. 

Er tat es ; da hoben sich nahe am Rande, bei der 
Galatea Bild, leichte Wogen an vier Stellen des 
Teiches. Wallten eine kleine Weile, überschlu- 
gen sich, wuchsen dann höher und höher. Stie- 
gen auf, stark und gewaltig, steigend und fallend, 
höher noch als der Meermänner Strahlen. Vier 
leuchtende, funkenregnende Silberkaskaden. 

Da stand sie, zwischen den vieren, mitten im 
schimmernden Regen. Wie ein holder Knabe, 
schlank, zart. Lange küsste sie dann sein Blick. 
Kein Mangel war in dem Ebenmass dieser Glie- 
der, kein kleinster Fehler in dem süssen Bild- 
werk. Gleichmässig war ihre Farbe, weisser Pa- 
rosmarmor mit einem leichten Hauche von Gelb. 
Nur die Innenseiten der Oberschenkel leuchteten 
rosig, zeigten eine seltsame Linie. 

»Daran ging Dr. Petersen zugrunde,* dachte er. 
414 



Beugte sich nieder, kniete, kUsste die rosigen 
Stellen. 

„Was sinnst du?" fragte sie. 

Er sagte: „Nun will mich deuchen: eine Melu- 
sine seist du! — Sieh die Meermädchen rings — 
sie haben keine Beine; nur einen langen schuppi- 
gen Fischschwanz. Sie haben keine Seele, die Ni- 
xen, aber es heisst, dass sie dennoch manchmal 
ein Menschenkind lieben. Irgendeinen Fischer 
oder einen fahrenden Ritter. So lieben, dass sie 
hinauskommen aus der kühlen Flut, hinaus auf 
das Land. Dann gehen sie zu einer alten Hexe 
oder zu einem Zauberdoktor — der braut 
widrige Gifte, die müssen sie trinken. Und er 
nimmt ein scharfes Messer und beginnt zu schnei- 
den. Mitten hinein in den Fischschwanz. Es tut 
sehr weh, sehr weh, aber Melusine verbeisst ihren 
Schmerz um ihrer grossen Liebe willen. Klagt 
nicht, weint nicht, bis ihr der Schmerz die Sinne 
raubt. Aber wenn sie erwacht — ist ihr Schwänz- 
lein verschwunden und sie geht daher auf zwei 
schönen Beinen — wie ein Menschenkind. — 
Nur die Marken sieht man, wo der Giftdoktor 
schnitt." 

„Aber sie bleibt doch eine Nixe?" fragte sie, 
„Auch mit Menschenbeinen? — Und eine Seele 
schafft ihr der Zauberer nicht?" 

„Nein," sagte er, „das kann er nicht. — Aber 
noch etwas sagt man von den Nixen." 

„Was sagt man?" fragte sie. 

Und er erzählte: „Nur so lange sie unberührt 

415 



ist, hat Melusine ihre unheimliche Macht. Aber 
wenn sie ertrinkt in des Liebsten Küssen, wenn 
sie ihr Magdtum einbüsst in ihres Ritters Um- 
armung — da verliert sich der Zauber. Keine 
Schätze kann sie mehr bringen und kein Rhein- 
gold, aber auch das schwarze Leid, das ihr folg- 
te, meidet nun ihre Schwelle. Wie ein anderes 
Menschenkind ist sie von nun an — " 

„Wenn es so wäre!" flüsterte sie. Sie zerriss 
den weissen Kranz ihres Hauptes, schwamm weg, 
zu den Meermännern und Tritonen, zu den Nixen 
und Najaden. Warf ihnen blühende Rosen in 
den Schoss. 

„Nehmt sie, Schwestern — nehmt sie!" lachte 
sie. „Ich bin ein Menschenkind — " 



Ein gewaltiges Himmelbett stand in Alraunens 
Schlafzimmer, niedrig, auf barocken Säulchen. 
Zwei Schäfte wuchsen am Fussende, die trugen 
Schalen mit goldenen Flammen. Schnitzarbeiten 
zeigten die Seiten: Omphale, der Herakles den 
Rocken spinnt, Perseus, der Andromeda küsst, 
Hephaistos, der Ares und Aphrodite in seinem 
Netze fängt — viele Ranken woben sich dazwi- 
schen, Tauben spielten darin und geflügelte Kna- 
ben. Schwer vergoldet war das alte Prachtbett, 
das Fräulein Hortense de Monthyon einst brach- 
te aus Lyon, als sie des Urgrossvaters Frau 
wurde. 

Er sah Alraune auf einem Stuhle stehen, im 

416 



Kopfende des Bettes, eine schwere Zange in der 
Hand. 

„Was machst du da?" fragte er. 

Sie lachte. „Warte nur, gleich bin ich fertig." 
Sie klopfte und riss, vorsichtig genug, an dem 
goldenen Amor, der mit Pfeil und Bogen ihr zu 
Raupten schwebte. Zog einen Nagel und noch 
einen heraus, fasste den kleinen Gott, drehte ihn 
hin und her — bis er lose war. Griff ihn, sprang 
hinab, legte ihn oben auf den Schrank. Nahm das 
Alraunmännchen dort heraus, kletterte mit ihm 
wieder hinauf auf ihren Stuhl, befestigte es zu 
des Bettes Raupten mit Drähten und Schnüren. 
Kam herab, betrachtete kritisch ihr Werk. 

„Wie gefällt es dir?" fragte sie ihn. 

„Was soll das Männlein da?" gab er zurück. 

Sie sagte: „Da gehört es hin! — Der goldene 
Amor gefällt mir nicht — der ist für alle Leute. 
— Ich will Galeotto haben, mein Wurzelmänn- 
lein." 

„Wie nennst du es?" fragte er. 

„Galeotto!" erwiderte sie. „War er es nicht, 
der uns zusammenbrachte? — Nun mag er da 
hängen, mag zuschauen durch die Nächte." 

♦ ♦ ♦ 

Manchmal ritten sie aus, zur Abendzeit, oder 
auch in den Nächten, wenn der Mond schien. Rit- 
ten durch die sieben Berge, oder nach Rolandseck 
und ins Land hinein. 

Einmal fanden sie eine weisse Eselin, am Fuss 
des Drachenfels, bei den Leuten, die die Tiere 

»7 Ewers, Alraun« 417 



vermieteten, um hinaufzureiten zur Burg. Er 
kaufte sie. Es war ein noch junges Tier, gut ge- 
pflegt und schimmernd wie frischer Schnee. Bi- 
anka hiess sie. Sie nahmen sie mit sich, hinter den 
Pferden, an einem langen Strick, aber das Tier 
blieb stehen, stemmte die Vorderbeine ein wie ein 
störrisches Maultier, liess sich würgen und zer- 
ren. 

Endlich fanden sie ein Mittel, es gefügig zu 
machen. Er kaufte in Königswinter eine grosse 
Düte voll Zucker, nahm Bianka den Strick ab, 
liess sie frei laufen, warf ihr ein Stück Zucker 
nach dem andern aus dem Sattel zu. So lief die 
Eselin nach, hielt sich dicht am Bügel, schnup- 
perte an seinen Gamaschen. 

Der alte Froitsheim nahm die Pfeife aus dem 
Munde, als sie ankamen, spuckte bedächtig aus, 
grinste wohlgefällig. „Ein Esel," kaute er, „ein 
neuer Esel! Das ist nun bald dreissig Jahre her, 
dass wir keinen Esel mehr im Stall hatten. Wis- 
sen Sie noch, junger Herr, wie ich Sie reiten liess 
auf dem alten grauen Jonathan?" — Er holte ei- 
nen Bund junger Mohrrüben, gab sie dem Tiere, 
streichelte ihm sein zottiges Fell. 

„Wie heisst sie, junger Herr?" fragte er. Er 
sagte ihm den Namen. 

„Komm Bianka," sprach der Alte, „du sollst es 
gut haben bei mir, wir wollen Freundschaft 
schliessen." Dann wandte er sich wieder an Frank 
Braun. „Junger Herr," fuhr er fort, „ich hab drei 
Enkelkinder im Dorf, zwei kleine Mädchen und 

418 



einen Jungen; es sind des Schusters Kinder, hin- 
ten auf dem Wege nach Godesberg. Sie kommen 
manchmal mich zu besuchen, Sonntagsnachmit- 
tags. Darf ich sie einmal reiten lassen, auf dem 
Esel? — Nur hier im Hofe?" 

Er nickte, aber ehe er noch antworten konnte, 
rief das Fräulein: „Warum fragst du mich nicht, 
Alter? Es ist mein Tier, er hat es mir geschenkt I 
— Nun will ich dir sagen: du darfst sie reiten 
lassen. — Auch durch den Garten, wenn wir 
nicht zu Hause sind." 

Des Freundes Blick dankte ihr — nicht der 
alte Kutscher. Der sah sie an, halb misstrauisch 
und halb verwundert. Brummte irgend etwas Un- 
verständliches. Lockte die Eselin mit den safti- 
gen Mohrrüben hinein in den Stall. Rief den 
Stallburschen, stellte ihm Bianka vor, dann den 
Pferden, der Reihe nach. Führte sie herum hinter 
die Wirtschaftsgebäude, zeigte ihr den Kuhstall 
mit den schweren holländischen Kühen und dem 
jungen Kälbchen der schwarz-weissen Liese. Zeig- 
te ihr die Hunde, die beiden klugen Spitze, den 
alten Hofhund und den frechen Fox, der im Stalle 
schlief. Brachte sie zu den Schweinen, wo die 
mächtige Yorkshiresau ihre neun Ferkelchen 
nährte, zu den Ziegen und zum Hühnerhofe. 
Mohrrüben frass Bianka und folgte ihm; es schien 
ihr zu gefallen auf Brinken. 

— Oft, am Nachmittage, klang des Fräuleins 
helle Stimme vom Garten her. 

„Bianka!" rief sie. „Bianka!" 

»7* 4»9 



Dann öffnete der alte Kutscher ihre Box, mach- 
te die Stalltüre weit auf. Und in leichtem Trabe 
kam die Eselin in den Garten. Blieb stehen ein 
paarmal, frass grüne saftige Blätter, tat sich güt- 
lich in dem hohen Klee. Wandte sich ab, lief wei- 
ter, wenn wieder der Lockruf erscholl: „Bianka". 
Suchte die Herrin. 

Auf dem Rasen lagen sie, unter den Eschen- 
bäumen. Kein Tisch — nur eine grosse Platte auf 
dem Grase, die war mit weissem Damasttuch ge- 
deckt. Viele Früchte lagen da, allerlei Leckerbis- 
sen und Naschwerk, zwischen den Rosen; zur 
Seite standen die Weine. 

Bianka schnupperte. Sie verachtete Kaviar und 
die Austern nicht minder, wandte sich verächt- 
lich ab von allen Pasteten. Aber vom Kuchen 
nahm sie und ein Stückchen Eis aus dem Kühler, 
frass ein paar Rosen zwischendurch. 

„Zieh mich aus!" sagte Alraune. Dann löste 
er die Oesen und Haken und öffnete die Druck- 
knöpfe. 

Wenn sie nackt war, hob er sie auf die Ese- 
lin. Rittlings sass sie auf des weissen Tieres 
Rücken, hielt sich leicht an der zottigen Mähne. 
Langsam, im Schritt, ritt sie über die Wiesen, 
er 'ging ihr zur Seite, legte die rechte Hand auf 
des Tieres Kopf. Klug war Bianka, stolz auf den 
schlanken Knaben, den sie trug, blieb nicht ein- 
mal stehen, ging wie mit Samthufen leicht. 

Da, wo die Dahlienbeete endeten, führte der 
schmale Weg an dem kleinen Bache vorbei, der 

420 



den Marmorteich speiste. Sic gingen nicht über 
die Holzbrücke; vorsichtig, Fuss um Fuss, wa- 
tete Bianka durch das klare Wasser. Sah neugie- 
rig zur Seite, wenn vom Ufer ein grüner Frosch 
in die Wellen sprang. Er führte das Tier, vorbei 
an den Himbeerstauden, pflückte rote Beeren, 
teilte sie mit Alraune. Und durch die dichten Bü- 
sche der Rosenlorbeem. 

Dort, rings umschlossen von dichten Ulmen, 
lag das grosse Nelkenfeld. Sein Grossvater legte 
es an, für Gottfried Kinkel, seinen guten Freund, 
der diese Blumen liebte. Jede Woche sandte er 
dem Dichter einen grossen Strauss, solange er 
lebte. 

Kleine Fedemelken, viele Zehntausende, wo- 
hin nur das Auge sah. Silberweiss leuchteten alle 
die Blumen, silbergrün ihre langen schmalen 
Blätter. Weithin, weithin in der Abendsonne, ein 
silberner Grund. 

Quer hinüber trug Bianka das weisse Mädchen, 
quer hinüber und rund herum. Tief trat die weis- 
se Eselin durch das silberne Meer, das mit leich- 
ten Wellen des Windes ihre Füsse küsste. 

Er aber stand am Rande und schaute ihr zu. 
Trank sich satt an den süssen Farben. 

Dann ritt sie zu ihm. „Ist es schön. Lieber?" 
fragte sie. 

Und er sagte ernst: „Es ist sehr schön. — Rei- 
te weiter." 

Sie antwortete: „Ich bin froh." Leicht legte sie 
die Hand dem klugen Tiere hinter die Ohren, 

431 



dann schritt es aus. Langsam, langsam durcü 
leuchtendes Silber — 

* 

„Was lachst du?" fragte sie. 

Sie sassen auf der Terrasse, am Frühstücks- 
tisch und er las seine Post. Da war ein Brief des 
Herrn Manasse, der schrieb ihm über die Burber- 
ger Erzkuxe. „Sie werden in den Blättern von 
den Goldfunden in der Hocheifel gelesen haben," 
sagte der Rechtsanwalt. „Die Funde befinden 
sich zum grossen Teile auf dem Mutungsgebiete 
der Burberger Gewerkschaft. Ob sich allerdings 
herausstellen wird, dass die kleinen Goldadern 
bei den sehr erheblichen Kosten einen rationel- 
len Abbau verlohnen werden, erscheint mir recht 
zweifelhaft. Immerhin sind die Papiere, die vor 
vier Wochen noch völlig wertlos waren, zum 
Teil auch durch die geschickten Pressenachrich- 
ten der Gewerkschaftsdirektoren rapid gestiegen 
und standen vor einer Woche schon auf Pari. 
Heute nun erfahre ich durch Bankdirektor Baller, 
dass sie bereits zweihundertvierzehn notieren. 
Ich habe daher dem mir befreundeten Herrn Ihre 
Aktien übergeben und ihn gebeten, sie sofort zu 
veräussern ; das wird morgen geschehen, vielleicht 
werden Sie also einen noch höheren Kurs erzie- 
len." 

Er reichte den Bogen Alraune herüber. „Das 
hätte sich Ohm Jakob auch nicht träumen las- 
sen," lachte er, „sonst hätte er meiner Mutter und 
mir gewiss andere Kuxen vermacht!" 

422 



Sie nahm den Brief, las ihn aufmerksam durch, 
bis zum Ende. Dann Hess sie ihn sinken, starrte 
vor sich hin. Wachsbleich war ihr Gesicht. 

„Was ist dir?" fragte er. 

„Doch — er hat es gewusst," sagte sie langsam, 
„er hat es genau gewusst! — " Dann wandte sie 
sich zu ihm: „Wenn du Geld verdienen willst — 
verkaufe die Kuxen nicht," fuhr sie fort und ihre 
Stimme klang sehr ernst. „Man wird noch mehr 
Gold finden — sie werden noch höher steigen, 
viel höher, deine Kuxen!" 

„Es ist zu spät," sagte er leicht, „die Papiere 
sind bereits verkauft um diese Stunde! — Uebri- 
gens — bist du so sicher?" 

„Sicher?" wiederholte sie. „Wer sollte sicherer 
sein als ich?" 

Sie Hess ihren Kopf sinken auf den Tisch, 
schluchzte laut auf. „So fängt es an — so — " 

Er stand auf, legte ihr den Arm um die Schul- 
ter. „Unsinn!" sagte er. „Schlag dir doch die Gril- 
len aus dem Hirne! — Komm Alraune, wir wol- 
len baden gehen, das frische Wasser spült die 
dummen Spinnweben fort. Plaudere mit deinen 
Nixenschwestern — die werden dir bestätigen, 
dass Melusine kein Unheil mehr bringen kann, 
seit sie ihren Liebsten küsste." 

Sie stiess ihn fort, sprang auf. Stand ihm ge- 
genüber, sah ihm starr in die Augen. 

„Ich hab dich lieb," rief sie, „ja, das hab ich. 
— Aber es ist nicht wahr — der Zauber wich 
nicht! Ich bin keine Melusine, bin nicht des fri- 

4*3 



sehen Wassers Kind! Aus der Erde stamm ich — 
und die Nacht schuf mich." 

Gelle Töne brachen von ihren Lippen — und 
er wusste nicht, ob es ein Schluchzen war oder 
ein Lachen. 

Er griff sie in seinen starken Armen, achtete 
nicht auf ihr Sträuben und Schlagen. Wie ein 
wildes Kind fasste er sie, trug sie fort, die Stu- 
fen hinab in den Garten. Trug die Schreiende hin 
zu dem Teiche, warf sie hinein, weit im Bogen, 
mit allen Kleidern. 

Sie erhob sich, stand einen Augenblick, be- 
täubt und verwirrt. Nun Hess er die Kaskaden 
spielen, ein plätschernder Regen umfing sie. 

Da lachte sie laut. „Komm," rief sie, „komm 
auch du!" Sie entkleidete sich, warf ihm übermü- 
tig die nassen Stücke an den Kopf. „Bist du noch 
nicht fertig?" drängte sie. „So eil dich doch!" 

Wie er bei ihr stand, sah sie, dass er blutete. 
Von den Wangen fielen die Tropfen, vom Halse 
und vom linken Ohre. „Ich hab dich gebissen," 
•flüsterte sie. 

Er nickte. Da reckte sie sich hoch, umfing sei- 
nen Nacken, trank mit glühenden Lippen das rote 
Blut. 

„Nun ist es gut!" sagte sie. ' 

Sie schwammen herum. — Dann ging er ins 
Haus, brachte ihr einen Mantel. Und wie sie zu- 
rückkehrten, Hand in Hand, unter den Blutbu- 
chen, sagte sie: „Ich danke dir. Liebster!" 
* * 



424 



Nackt lagen sie unter dem roten Pyrrhus. Aus- 
einander fielen ihre Leiber, die eines waren durch 
heisse Mittagstunden — 

Zerknickt und zertreten lagen ihre Zärtlichkei- 
ten, alle Liebkosungen und süssen Worte. Wie 
die Blümchen, wie die zarten Gräser, über die 
ihrer Liebe Sturm brach. Tot lag der Feuerbrand, 
der sich selbst frass mit gierigen Zähnen: da 
wuchs aus der Asche ein grausamer, stahlharter 
Hass. 

Sie sahen sich an — nun wussten sie, dass sie 
Todfeinde waren. 

Ekel und widrig deuchte ihn die lange rote 
Linie auf ihren Schenkeln, der Speichel rann ihm 
im Mund, als habe er ein bitteres Gift aus ihren 
Lippen gesogen. Und die kleinen Wunden, die 
ihre Zähne rissen und ihre Nägel, schmerzten und 
brannten, schwollen auf — 

,Sie wird mich vergiften,' dachte er, ,wie sie es 
einst mit Dr. Petersen machte.' 

Ihre grünen Blicke lachten hinüber, aufrei- 
zend, höhnisch und frech. Er schloss die Augen, 
biss die Lippen aufeinander, krampfte die Finger 
fest zusammen. Aber sie stand auf, wandte sich 
um, trat ihn mit dem Fusse, nachlässig und ver- 
ächtlich. 

Da sprang er hoch, stand vor ihr, kreuzte ih- 
ren Blick — 

Nicht ein Wort kam aus ihren Zähnen. Aber 
sie spitzte die Lippen, hob den Arm. Spie ihn an, 
schlug ihm die Hand ins Gesicht. 

4^5 



Und er warf sich auf sie, schüttelte ihren Leib, 
wirbelte sie herum an ihren Locken. Schleuderte 
sie zu Boden, trat, schlug sie, würgte sie eng am 
Halse. 

Sie wehrte sich gut. Ihre Nägel zerfetzten sein 
Gesicht, ihr Gebiss schlug sich in Arme und 
Brust. Und in Geifer und Blut suchten sich ihre 
Lippen, fanden sich, nahmen sich, in brünstigen 
Schmerzen — 

Dann griff er sie, schleuderte sie fort, meter- 
weit, dass sie ohnmächtig niedersank auf den 
Rasen. 

Taumelte weiter, ein paar Schritte, sank nie- 
der, starrte hinauf in den blauen Himmel, 
wunschlos, willenlos — lauschte auf seiner Schlä- 
fen Schlag — 

Bis ihm die Lider sanken — 

Wie er erwachte, kniete sie zu seinen Füssen. 
Trocknete mit ihren Locken seiner Wunden 
Blut, riss ihr Hemd in lange Streifen, verband 
ihn, kunstgerecht — 

„Lass uns gehen, Geliebter." sagte sie. „Der 
Abend fällt." 

* * 

Kleine, blaue Eierschalen lagen auf dem Wege. 
Er suchte in den Büschen, fand das geplünderte 
Nest eines Kreuzschnabels. 

„Diese frechen Eichhörnchen!" rief er. „Es 
sind viel zu viele im Parke, sie werden uns noch 
alle Singvögel vertreiben." 

426 



„Was soll man tun?" fragte sie. 

Er sagte: „Ein paar abschiessen!" 

Sie klaschtc in die Hände. „Ja, ja!" lachte sie. 
„Wir wollen auf die Jagd gehen!*' 

„Hast du irgendeine Büchse?" fragte er. 

Sie besann sich. „Nein — ich glaube, es ist 
keine da, wenigstens keine, die man gebrauchen 
kann. — Man muss eine kaufen — „Aber 
warte," unterbrach sie sich, „der alte Kutscher 
hat eine. Der schiesst manchmal die fremden Kat- 
zen, wenn sie wildem." 

Er ging zum Stall. „Hallo, Froitzheim," rief 
er. „Hast du eine Büchse?" 

„Ja," erwiderte der Alte, „soll ich sie holen?" 

Er nickte. Dann fragte er: „Sag mir doch, Al- 
ter, du wolltest doch deine Urenkel reiten las- 
sen auf Bianka? Sie waren hier, letzten Sonntag 
— aber ich habe nicht gesehen, dass du sie auf 
die Eselin gesetzt hast." 

Der Alte brummte, ging in sein Zimmer, nahm 
die Büchse von der Wand. Kam wieder, setzte 
sich schweigend hin, schickte sich an, sie zu rei- 
nigen. 

„Nun?" machte er, „willst du mir nicht ant- 
worten?" 

Froitsheim kaute mit trockenen Lippen. „Ich 
mag nicht — " brummte er. 

Frank Braun legte ihm die Hand auf die Schul- 
ter. „Sei vernünftig, Alter, sag was du auf dem 
Herzen hast. Ich denke, mit mir kannst du frei 
sprechen!" 

4«? 



Da sagte der Kutscher: „Ich will nichts an- 
nehmen von unserm Fräulein — mag von ihr kein 
Geschenk. Ich bekomme mein Brot und meinen 
Lohn — dafür tu ich meine Arbeit. Mehr will 
ich nicht." 

Er fühlte, dass kein Zureden half bei diesem 
harten Schädel. So schlug er eine kleine Volte, 
warf einen Köder hin, auf den er anbeissen 
konnte. „Wenn das Fräulein etwas Besonderes 
von dir verlangt, tust du*s?" 

„Nein," sagte störrisch der Alte, „nicht mehr, 
als meine Pflicht." 

„Aber wenn sie für eine besondere Leistung 
dich besonders bezahlt," fuhr er fort, „dann wirst 
du's tun?" 

Der Kutscher wollte noch immer nicht recht 
heran. „Das kommt darauf an — " kaute er. 

„Sei nicht bockbeinig, Froitzheim!" lachte 
Frank Braun. „Das Fräulein — nicht ich — will 
deine Büchse ausleihen, um Eichhörnchen zu 
schiessen — das hat gar nichts zu tun mit dei- 
ner Pflicht. Und dafür — verstehst du: zum Ent- 
gelt! — erlaubt sie dir, dass du die Kinder auf 
der Eselin darfst reiten lassen. — Es ist ein Han- 
del: schlägst du ein?" 

„Ja," sagte der Alte grinsend, „so mach ich's." 

Er reichte ihm die Büchse hin, nahm aus der 
Schublade eine Schachtel Kugelpatronen. 

„Die geb ich drein!" sprach er. „So hab ich's 
gut bezahlt und bin ihr nichts schuldig — Rei- 
ten Sie aus heute nachmittag, junger Herr?" 

428 



fuhr er fort. „Gut, um fünf Uhr sind die Pferde 
fertig." — Dami rief er dem Stallburschen, trug 
ihm auf, zu der Schusterfrau zu laufen, seiner 
Enkelin. Sie solle die Kinder herschicken zum 
Abend — 

— Früh am Morgen stand Frank Braun un- 
ter den Akazien, die des Fräuleins Fenster küss- 
ten, pfiff seinen kurzen Pfiff. 

Sie öffnete, rief herunter, dass sie gleich kom- 
men würde. 

Hell klangen ihre leichten Schritte auf den 
Steinfliesen, mit einem Sprunge war sie die Stu- 
fen der Gartenterrasse hinunter. Stand vor ihm. 

„Wie siehst du aus?" rief sie. „Im Kimono? 
Geht man so auf die Jagd?" 

Er lachte: „Nun, für Eichkatzein wird's ja 
noch langen. — Aber wie schaust du denn aus?!" 

Sie war als Wallensteinischer Jäger. „Regi- 
ment Holk!" rief sie. „Gefall ich dir?" 

Hohe gelbe Reiterstiefel trug sie, ein grünes 
Wams und einen mächtigen graugrünen Hut mit 
wippenden Federn. Eine alte Pistole steckte im 
Gürtel und ein langer Säbel schlug ihr um die 
Beine. 

„Den leg nur ab!" sagte er. — „Das Wild wird 
eine mächtige Angst vor dir bekommen, wenn du 
so auf die Pürsch gehst." 

Sie verzog die Lippen: „Bin ich nicht hübsch?" 
fragte sie. 

Er nahm sie in die Arme, küsste rasch ihre 
Lippen. „Reizend bist du, du eitler Fratz!" lachte 

489 



er. „Und für die Eichhörnchen wird dein Holk- 
scher Jäger es so gut tun, wie mein Kimono." 

Er schnallte ihr den Säbel ab und die langen 
Sporen, legte ihre Steinschlosspistole weg und 
nahm dafür des Kutschers Lefaucheuxbüchse. 
„Nun komm, Kamerad," rief er, „Weidmanns- 
heil!" 

Sie gingen durch den Garten, traten leise auf, 
lugten durch die Büsche und hinauf in die Kro- 
nen der Bäume. 

Er schob eine Patrone in die Büchse und spannte 
den Hahn. „Hast du schon einmal geschossen?" 
fragte er. 

„O ja," nickte sie. „Wölfchen und ich waren 
zusammen auf der grossen Kirmes in Pützchen, 
da haben wir in der Schiessbude uns geübt." 

„Gut," sagte er, „dann weisst du ja, wie du 
den Lauf anlegen und wie du visieren musst." 

Es raschelte über ihnen in den Zweigen. 
„Schiess," flüsterte sie, „schiessl Da oben ist 
eins!" 

Er hob die Büchse, schaute hinauf. Aber er 
Hess sie wieder sinken. „Nein, das nicht!" er- 
klärte er. „Das ist ein junges Tier, kaum ein Jahr 
alt. Dem wollen wir noch etwas das Leben las- 
sen." 

Sie kamen zum Bach, dorthin, wo er aus dem 
Birkenwäldchen hinaustrat in die Wiesen. Dicke 
Junikäfer surrten in der Sonne, gelbe Schmetter- 
linge schaukelten über den Margeriten. Ein Pis- 
pern und Wispern überall, Grillen zirpten, Bie- 

430 



nen summten, Heuhüpfer in allen Grössen spran- 
gen zu ihren Füssen. Die Unken quakten im 
Wasser und oben jubelte eine kleine Lerche. 

Sie schritten über die Wiesen, den Rotbuchen 
zu. Da hörten sie, dicht am Rande ein ängstliches 
Gezwitscher, sahen einen kleinen Hänfling aus 
den Büschen flattern. Frank Braun ging leise vor, 
schärfte die Blicke. 

„Da ist der Räuber!" murmelte er. 

„Wo?" fragte sie. „Wo?" 

Aber schon krachte sein Schuss — ein starker 
Eichkater fiel herab von dem Buchenstamme. 

Er hob ihn hoch am Schwanz, zeigte ihr den 
Schuss. „Der plündert keine Nester mehrl" 
sagte er. 

Sie pürschten weiter durch den grossen Park; 
ein zweites Eichhorn schoss er von der Geiss- 
blattlaube und ein drittes, graubraunes, aus der 
Krone eines Birnbaums. 

„Du schiesst immer!" rief sie. „Lass mir nun 
einmal die Büchse!" 

Er gab sie ihr. Zeigte ihr wie man laden müsse, 
Hess sie ein paarmal auf einen Stanun schiesseu. 
„Nun komm!" rief er. „Zeig was du kannst!" 
Er drückte ihr den Lauf herunter. „So!" belehrte 
er sie, „immer zur Erde die Mündung und nicht 
in die Luft." 

Nahe beim Teiche sah er ein junges Tier auf 
dem Wege spielen. Sie wollte gleich schiessen, 
aber er hiess sie noch ein paar Schritte heran 

43» 



schleichen. „So ist's nahe genug — nun gib's 
ihm." 

Sie knallte los — das Eichhörnchen sah sich 
erstaunt um, sprang dann schnell emen Stamm 
hinauf und verschwand in den dichten Zweigen. 

Ein zweites Mal ging es nicht besser — viel 
zu gross nahm sie die Entfernung. Wenn sie aber 
versuchte, näher heranzukommen, fliichteten die 
Tiere, ehe sie noch einen Schuss abgeben konnte. 

„Die dummen Geschöpfe!" schimpfte sie. 
„Warum halten sie denn bei dir still?" 

Sie schien ihm entzückend in diesem kindli- 
chen Aerger. „Wahrscheinlich, weil sie mir eine 
besondere Freude machen wollen," lachte er. „Du 
machst zuviel Lärm in deinen Lederröhren, das 
ist es! Aber warte nur, wir wollen schon näher 
herankommen!" 

Dicht beim Herrenhause, wo die Haselnuss- 
sträucher sich an die Akazien drängten, sah er 
wieder ein Eichhorn. 

„Bleib hier stehen," flüsterte er, „ich treibe es 
dir zu. Schau nur dort auf die Büsche hin und 
wenn du es siehst, so pfeife schnell, dass ich Be- 
scheid weiss. Es wird sich wenden bei deinem 
Pfiff — dann schiesse!" 

Er ging herum in weitem Bogen, spähte durch 
das Buschwerk. Endlich entdeckte er das Tier 
auf einer niedern Akazie, trieb es herunter, jagte 
es in die Haselstauden. Er sah, dass es die Rich- 
tung auf Alraune nahm, ging ein wenig zurück, 
wartete dann auf ihren Pfiff. 

432 



Aber er hörte nichts. Nun ging er zurück in 
demselben Bogen, kam hinter ihr auf den brei- 
ten Weg. Da stand sie, die Büchse in der Hand, 
starrte angestrengt in das Buschwerk geradeaus. 
Und — ein wenig links von ihr — kaum drei Me- 
ter entfernt, spielte das Eichhörnchen lustig in 
den Haselzweigen. 

„Da ist es jal" rief er halblaut. „Da! Oben, 
ein wenig nach links!" 

Sie hörte seine Stimme, wandte sich hastig 
nach ihm um. Er sah, wie sie die Lippen zum 
Sprechen öffnete, hörte zugleich einen Schuss und 
fühlte einen leichten Schmerz an der Seite. 

Dann hörte er ihren gellenden, verzweifelten 
Schrei, sah, wie sie die Büchse wegwarf und auf 
ihn zustürzte. Sie riss seinen Kimono auf, griff 
mit den Händen an die Wunde. 

Er bog den Kopf, schaute hinab. Es war eine 
lange, aber ganz leichte Streifwunde, kaum drang 
ein wenig Blut heraus. Nur die Haut war ver- 
brannt, zeigte eine breite, schwarze Linie. 

„Hol's der Henker!" lachte er. „Das war nahe 
vorbei! — Gerade über dem Herzen." 

Sie stand vor ihm, zitternd, bebend in allen 
Gliedern, vermochte sich kaum aufrechtzuer- 
halten. Er stützte sie, redete ihr zu. „Aber es ist 
ja nichts, Kind, ist ja gar nichts! Wir werden es 
etwas auswaschen, dann mit Oel befeuchten. — 
So überzeug dich doch, dass es nichts ist!" 

Er schlug den Kimono noch weiter zurück, 
a8 Ewers, Alnane 433 



wies ihr die nackte Brust. Mit irren Fingern 
fühlte sie die Streifwunde. 

„Dicht über dem Herzen," murmelte sie, „dicht 
über dem Herzen." 

Dann plötzlich griff sie mit beiden Händen 
nach ihrem Kopf. Ein jäher Schreck fasste sie, 
sie sah ihn an mit entsetzten Blicken, riss sich 
los aus seinen Armen, lief zum Hause, sprang 
die Stufen hinauf — 



434 



SECHZEHNTES KAPITEL, DAS VERKÜNDET, WIE 
ALRAUNE EIN ENDE NAHM 



Langsam ging er hinauf in seinZimmer.Erwusch 
die Wunde und verband sie. Und er lachte 
über die Schiesskünste des Mädchens. „Sie wird 
es schon lernen," dachte er, „wir werden ein we- 
nig üben mit der Scheibe." 

Dann fiel ihm ihr Blick ein, als sie fortlief. Auf- 
gelöst, voll wilder Verrweiflung, als ob sie ein 
Verbrechen begangen habe. Und es war doch nur 
ein unglücklicher Zufall — der dazu noch recht 
glücklich ablief — 

Er stutzte. — Ein Zufall? — Ah, das war es: 
sie nahm es nicht als Zufall. Nahm es als — Ge- 
schick. 

Er überlegte — 

Gewiss war es so. Darum erschrak sie — dar- 
um rannte sie weg — als sie ihm ins Auge sah, 
ihr eigen Bild dort fand. Davor graute ihr — vor 
dem Tode, der seine Blumen streute, wo immer 
ihr Fuss schritt — 

Der kleine Rechtsanwalt hatte ihn gewarnt. 
„Nun sind Sie an der Reihe." — Hatte nicht Al- 
raune ihm dasselbe gesagt, als sie ihn bat, zu ge- 
hen? Und wirkte der alte Zauber nicht auf ihn, 

^8* 435 



so gut wie auf alle anderen? Wertlose Papier 
hatte ihm der Onkel vermacht — nun schlug man 
Gold aus den Felsen. Reich machte Alraune — 
und sie brachte den Tod — 

Plötzlich erschrak er — jetzt erst. Noch ein- 
mal entblösste er seine Wunde — 

O ja, es stimmte schon, gerade unter dem Riss 
pochte sein Herz. Nur die kleine Bewegung, die 
den Körper drehte, als er mit dem Arm nach dem 
Eichhörnchen zeigte — die allein rettete ihn. 
Sonst — sonst — 

Aber nein, er wollte nicht sterben. Schon um 
der Mutter willen, dachte er. Ja, wegen ihr — 
doch auch wenn sie nicht gewesen wäre. Auch für 
sich selbst. In so langen Jahren hatte er gelernt 
zu leben, nun beherrschte er diese grosse Kunst, 
die ihm mehr gab, wie vielen tausenden andern. 
Voll und stark lebte er, stand auf dem Gipfel und 
genoss gut diese Welt und all ihre Herrlichkei- 
ten, 

,Das Schicksal liebt mich,* dachte er, ,es 
droht mit dem Finger. — Das ist deutlicher wie 
des Rechtsanwalts Worte. Noch ist es Zeit.* Er 
zog seinen Koffer hinter dem Schranke her, riss 
dön Deckel auf. Begann zu packen. — Wie 
schloss doch Ohm Jakob seinen Lederband? — 
„Versuche dein Glück! Schade, dass ich nicht 
mehr da bin, wenn du an die Reihe kommst: das 
hätte ich sehr gerne gesehn!" 

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Ohm Jakob," 
436 



murmelte er, „diesmal wirst du keine Freude an 
mir erleben, diesmal nicht." 

Er waif die Stiefel zusammen, griff nach den 
Strümpfen. Legte dann ein Hemd zurecht und 
den Anzug, den er anziehen wollte. Sein Blick 
fiel auf den tiefblauen Kimono, der über der 
Stuhllehne hing. Er nahm ihn auf, betrachtete den 
brandigen Riss, den die Kugel machte. 

„Ich sollte ihn dalassen," sagte er, „ein Anden- 
ken für Alraune. Sie mag es zu ihren andern Er- 
innerungen legen." 

Ein tiefer Seufzer klang hinter ihm. Er wandte 
sich um — mitten im Zimmer stand sie, in dün- 
nem Seidcnmantel, sah ihm zu mit grossen, offe- 
nen Augen. „Du packst?" flüsterte sie. „Du gehst 
fort — ich dachte es wohl." 

Ein Ball stieg ihm im Halse hoch. Aber er 
würgte ihn hinunter, nahm sich fest zusammen: 
„Ja, Alraune, ich reise nun," sagte er. 

Sie warf sich auf einen Stuhl, antwortete nicht, 
sah ihm schweigend zu. Zum Waschtisch ging 
er, nahm ein Ding nach dem andern, Kämme, 
Bürsten, Seifen und Schwämme. Warf endlich 
den Deckel zu, schloss den Koffer. 

„So!" rief er hart. „Nun bin ich fertig." Er 
trat auf sie zu, ihr die Hand zu reichen. 

Sie rührte sich nicht, hob den Arm nicht. Und 
geschlossen blieben ihre bleichen Lippen. 

Nur ihre Augen sprachen: „Reise nicht," ba- 
ten sie. „Verlass mich nicht. Bleibe bei mir." 

„Alraune!" murmelte er. Und es klang wie ein 

437 



Vorwurf, wie eine Bitte zugleich, ihn ziehen zu 
lassen. 

Aber sie Hess ihn nicht los, hielt ihn fest mit 
ihren Blicken: „Verlass mich nicht." 

Er fühlte, wie sein Wille dahinschmolz. Und 
fast mit Gewalt wandte er die Augen von ihr ab. 
Aber gleich öffneten sich ihre Lippen. „Reise 
nicht," forderte sie. „Bleibe bei mir!" 

„Nein!" schrie er. „Ich will nicht. Du wirst 
mich zugrunde richten, wie die andern!" Er 
wandte ihr den Rücken, ging zum Tisch, riss ein 
paar Flocken aus der Verbandwatte, die er für 
seine Wunde gebraucht hatte. Befeuchtete sie 
mit Oel, stopfte sie fest in die Ohren. 

„So, nun rede," rief er, „wenn du magst. Ich 
hör dich nicht. Ich seh dich nicht. — Ich muss 
fort und du weisst es: lass mich gehen." 

Sie sagte leise: „So wirst du mich fühlen." Sie 
trat zu ihm, legte leicht ihre Hand auf seinen 
Arm. Und ihrer Finger Beben sprach: — „Blei- 
be bei mir! — Verlass mich nicht." 

So süss war dieser leichte Kuss ihrer kleinen 
Hände, so süss. ,Gleich reiss ich mich los,* dachte 
er, »gleich! Eine kleine Sekunde nur!' Er schloss 
die Augen, kostete tiefatmend ihrer Finger 
schmeichelnden Druck. Aber ihre Hände hoben 
sich und seine Wangen bebten unter der weichen 
Berührung. Langsam schlang sie die Arme ihm 
um den Nacken, bog seinen Kopf herab, reckte 
sich hoch, brachte ihre feuchten Lippen an seinen 
Mund. 

438 



,Wic seltsam es doch ist,' dachte er. .Ihre Ner- 
ven sprechen und die meinen verstehen diese 
Sprache.' 

Sie zog ihn zur Seite, einen Schritt weit. 
Drückte ihn nieder auf das Bett. Setzte sich auf 
seine Knie, hüllte ihn ein in einen Mantel schmei- 
chelnder Zärtlichkeiten. Zog mit spitzen Fingern 
die Watte aus seinen Ohren, raunte ihm schwüle, 
kosende Worte zu. Er verstand sie nicht, so leise 
sprach sie. Aber er empfand wohl den Sinn, fühlte, 
dass es nicht mehr war: „Bleibet" — Dass es 
nun klang: „Wie gut, dass du bleibst." 

Noch immer lagen seine Lider fest über den 
Augen. Noch immer hörte er nur ihrer Lippen 
wirres Geflüster, fühlte nur ihrer Finger kleine 
Spitzen, die über seine Brust liefen und über das 
Gesicht. Sie zog ihn nicht, sie drängte ihn nicht 
— und doch fühlte er ihrer Nerven Strom, der 
ihn hinabzog auf das Bett. Langsam, langsam 
Hess er sich sinken. 

Dann, plötzlich, sprang sie auf. Er öffnete die 
Augen, sah wie sie zur Türe lief und sie schloss, 
dann am Fenster die schweren Gardinen eng zu- 
zog. Still floss eine matte Dämmerung durch 
den Raum. 

Er wollte sich erheben, aufstehen. Aber sie war 
zurück, ehe er noch ein Glied rührte. Warf den 
schwarzen Mantel ab, kam hin zu ihm. Schloss 
ihm von neuem die Lider mit sanftem Finger, 
drängte ihre Lippen an die seinen. 

Er fühlte ihre kleine Brust in seiner Hand, 

439 



fühlte ihrer Zehen Spitzen, die spielten auf sei- 
nes Beines Fleisch. Fühlte ihre Locken, die über 
seine Wangen fielen — 

Und er wehrte sich nicht. Gab sich ihr hin, wie 
sie wollte — 

„Bleibst du?" fragte sie. Aber er empfand gut, 
dass es keine Frage mehr war. Dass sie nur es hö- 
ren wollte — auch von seinen Lippen. 

„Ja," sagte er leise. 

Ihre Küsse fielen wie ein Regen im Mai. Ihre 
Zärtlichkeiten tropften, wie ein Schauer von Man- 
delblüten im Abendwinde. Ihre schmeichelnden 
Worte sprangen, wie der Kaskaden schimmernde 
Perlen im Parkteiche. 

„Du lehrtest es mich!" hauchte sie, „Du — du 
zeigtest mir, was Liebe sei — nun musst du blei- 
ben für meine Liebe, die du schufst!" 

Sie fuhr leicht über seine Wunde, küsste sie 
mit zärtlicher Zunge. Hob den Kopf, sah ihn an 
mit irren Augen. „Ich tat dir weh" — flüsterte 
sie, „ich traf dich — dicht am Herzen. — Willst 
du mich schlagen? Soll ich die Peitsche holen? Tu 
was du willst! — Reisse mir Wunden mit deinen 
Zähnen — nimm auch das Messer. Trinke mein 
Blut — tu, was du magst — alles, alles ! — Deine 
Sklavin bin ich." 

Wieder schloss er die Augen, seufzte tief. ,Die 

Herrin bist du!* dachte er. ,Die Siegerin!* 

* ^ * 
* 

Manchmal, wenn er in die Bibliothek trat, war 
ihm, als ob ein Lachen irgendwoher käme aus den 

*40 



Ecken. Das erstemal, als er es hörte, glaubte er, 
dass es Alraune sei, ob es gleich nicht klang, wie 
ihre Stimme. Er suchte herum und fand nichts. 

Als er es wieder hörte, erschrak er. .Es ist Ohm 
Jakobs heisere Stimme,' dachte er. ,Er lacht mich 
aus.' Dann fasste er sich, nahm sich zusammen. 
.Eine Sinnestäuschung,' murmelte er — »und das 
ist kein Wunder. Meine Nerven sind überreizt.* 

Wie im Taumel ging er daher. Schleichend, 
schwankend, wenn er allein war, mit hängenden 
Bewegungen und stierem, apathischem Blicke. 
Uebcrladen aber, gespannt in allen Nerven, wenn 
er bei ihr war — da jagte sein Blut, das sonst 
still und sickernd dahinkroch. 

Er war ihr Lehrer — das ist wahr. Er öffnete 
ihren Blick, lehrte sie aller Zenanen Geheimnisse 
in den Ländern des Morgens, alle Spiele der alten 
Völker, denen die Liebe eine Kunst ist. Aber es 
war, als ob er nichts Fremdes ihr sage, nur die 
Erinnerung in ihr wachrufe an etwas, das längst 
ihr eigen war. Oft, ehe er noch sprach, flammten 
ihre raschen Lüste, brachen heraus wie ein Wald- 
brand zur Sommerzeit. 

Er warf die Fackel. Und doch graute ihm vor 
dieser Feuersbrunst, die sein Fleisch versengte, 
die ihn in alle Gluten und Fieber warf und wie- 
der ihn verdorrte und sein Blut gerinnen machte 
in den Adern. 

Einmal, wie er über den Hof schlich, traf er 
Froitsheim. 

441 



„Sie reiten nicht mehr, junger Herr?" fragte 
der alte Kutscher. 

Er sagte still: „Nein, nun nicht mehr." Da fiel 
sein Blick auf des Alten Auge und er sah, wie 
sich die vertrockneten Lippen öffneten. 

„Sprich nicht, Alter!" sagte er rasch. „Ich 
weiss, was du mir sagen willst! — Aber ich kann 
nicht — ich kann nicht." 

Der Kutscher sah ihm lange nach, wie er da- 
vonging, zum Garten hin. Spuckte aus, schüttelte 

bedächtig den Kopf, schlug dann ein Kreuz. 

* * 

* 

Eines Abends sass Frieda Gontram auf der 
Steinbank unter den Blutbuchen. Er schritt auf 
sie zu, bot ihr die Hand. „Schon zurück, Frie- 
da?" 

„Die zwei Monate sind vorbei," sagte sie. 

Er griff sich mit der Hand an die Stirn. „Vor- 
bei?" murmelte er. „Mich deuchte es kaum eine 
Woche. — Wie geht es Ihrem Bruder?" fuhr er 
fort. 

„Er ist tot," erwiderte sie, „lange schon. Wir 
haben ihn dort oben begraben, in Davos — Vi- 
kar Schröder und ich." 

„Tot!" gab er zurück. Dann, als wollte er die 
Gedanken wegjagen, fragte er rasch: „Was gibt 
es sonst Neues da draussen? Wir leben als Ein- 
siedler, kommen nicht heraus aus dem Garten." 

„Am Schlagfluss starb die Fürstin," begann 
sie. „Die Gräfin Olga — " Aber er Hess sie 
nicht weiter sprechen. „Nein, nein!" rief er, 

442 



„sagen Sie nichts. Ich will nichts hören. Tod — 
Tod und Tod! — Schweigen Sie, Frieda, schwei- 
gen Sie!" 

— Nun war er froh, dass sie da war. Sie spra- 
chen wenig zusammen, aber sie sassen still bei- 
einander. Heimlich, wenn das Fräulein im Hause 
war. Alraune grollte, dass Frieda Gontram zurück 
war. „Warum ist sie gekommen? — Ich will sie 
nicht haben! Ich will niemanden ausser dir." 

„Lass sie doch," sagte er. „Sie ist ja keinem ina 
Wege, versteckt sich, wo sie kann." 

Alraune sagte: „Sie ist zusammen mit dir, wenn 
ich nicht dabei bin. Ich weiss es. Aber sie mag 
sich in acht nehmen!" 

„Was willst du tun?" fragte er. 

Sie antwortete: „Tun? Nichts! Hast du verges- 
sen, dass ich nichts zu tun brauche? — Alles 
kommt von selbst." 

Noch einmal erwachte in ihm ein Widerstand. 
„Du bist gefährlich," sagte er, „wie eine giftige 
Beere." 

Sie hob die Lippen. „Warum nascht sie also? 
Ich habe ihr befohlen, wegzugehen für immer! — 
Du aber machtest zwei Monate daraus. — Es ist 
deine Schuld." 

„Nein!" rief er. „Das ist nicht wahr. Sic wäre 
ins Wasser gegangen damals — ** 

„Um so besser!" lachte Alraune. 

Er brach ab, sagte rasch: „Die Fürstin ist tot. 
Ein Schlagfluss traf sie — " 

„Gott sei Dank!" lachte Alraune. 

443 



Er biss die Zähne aufeinander, griff ihre Arme, 
schüttelte sie. „Eine Hexe bist du!" zischte er. 
„Man sollte dich totschlagen." 

Sie wehrte sich nicht, wie auch seine Hände 
sich in ihr Fleisch krampften. „Wer?" lachte sie. 
„Du?" 

„Ja ich!" schrie er. .„Ich! — Ich pflanzte den 
Samen zu dem Giftbaum — so werde ich auch 
die Axt finden, ihn zu fällen — die Welt zu be- 
freien von dir!" 

„Tu's doch," flötete sie sanft, „Frank Braun, 
tu's doch!" 

Wie Oel floss ihr Spott auf das Feuer, das ihn 
brannte. Heiss und rot wob ihm der Qualm vor 
den Augen, drang stickig hinein in seinen Mund. 
Sein Gesicht verzerrte sich, rasch Hess er sie los, 
hob die geballte Faust. 

„Schlag zu," rief sie, „schlag zu! — Oh, so hab 
ich dich gern!" 

Da sank sein Arm; da ertrank sein armer Wille 

in ihrer Zärtlichkeiten Fluten. 
* * 

In dieser Nacht wurde er wach. Ein flackern- 
der Lichtschein fiel über ihn, der kam von den 
Kerzen des grossen Silberleuchters her, der auf 
dem Kamine stand. Er lag in der Urgrossmutter 
mächtigem Bette; über ihm, gerade über ihm 
schwebte das hölzerne Männlein. »Wenn es fällt, 
wird es mich erschlagen,* dachte er im Halb- 
schlaf. ,Ich muss es fortnehmen.* 

Dann fiel sein Blick nach unten. Da kauerte am 

444 



Fussende Alraune, leise Worte klangen von ihrem 
Munde, irgend etwas klapperte leicht in ihren 
Händen. Er wandte ein wenig den Kopf, lauerte 
hinüber. 

Sie hielt den Becher — ihrer Mutter SchädeL 
Warf die Würfel — ihres Vaters Knochen. 

„Neun," murmelte sie. — „Und sieben — : 
sechzehn!" Wieder gab sie die beinernen Würfel 
in den Schädelbecher, schüttelte die klappernden 
Dinger leicht hin und her. „Elf!" rief sie. 

„Was treibst du da?" unterbrach er sie. 

Sie wandte sich um. „Ich spiele. — Ich konnte 
nicht recht schlafen — da spielte ich." 

„Was hast du gespielt?" fragte er. 

Sie schlüpfte zu ihm hin, rasch wie ein glattes 
Schlänglein. „Wie es werden soll, hab ich ge- 
spielt. Wie es werden soll — mit dir und mit 
Frieda Gontram!" 

„Nun — und wie wird es?" fragte er weiter. 

Sie trommelte mit den Fingern auf seiner 
Brust. „Sie wird sterben," zwitscherte sie, „Frie- 
da Gontram wird sterben." 

„Wann?" drängte er. 

„Ich weiss nicht." sprach sie. „Bald — sehr 
bald!" 

Er krampfte die Finger zusammen. „Nun — 
und wie ist es mit mir?" 

Sie sagte: „Ich weiss es nicht — du hast mich 
unterbrochen. — Soll ich weiterspielen?" 

„Nein," schrie er, „nein! — Ich will es nicht 
wissen!" 

445 



Er schwieg, brütete schwer vor sich hin. Schrak 
plötzlich auf — isetzte sich auf, starrte zur Türe. 

Leise Schritte schlürften vorbei, ganz deutlich 
hörte er eine Diele krachen. 

Er sprang aus dem Bette, machte ein paar 
Schritte zur Türe hin, lauschte angestrengt. Nun 
glitt es die Treppe hinauf. 

Dann hörte er hinter sich ihr helles Lachen. 
„Lass sie doch!" klingelte sie. „Was willst du 
von ihr?" 

„Wen soll ich lassen?" fragte er. „Wer ist es?" 

Sie lachte immer noch: „Wer? — Frieda Gon- 
tram! Deine Angst ist verfrüht, mein Ritter — 
noch lebt sie ja!" 

Er kam zurück, setzte sich auf des Bettes 
Rand. „Bring mir Wein!" rief er. „Ich will trin- 
ken." 

Sie sprang auf, lief ins Nebenzimmer, brachte 
die Kristallkaraffe, Hess den Burgunder in die ge- 
schliffenen Gläser bluten. 

„Sie läuft immer herum," erklärte sie. „Tag 
und Nacht. Sie kann nicht schlafen, sagt sie, da 
steigt sie durch das ganze Haus." 

Er hörte nicht, was sie sprach, stürzte den 
Wein hinunter, streckte das Glas ihr wieder hin. 

„Mehr!" forderte er. „Gib mehr!" 

„Nein," sagte sie, „so nicht! — Leg dich nie- 
der — ich will dich tränken, wenn du durstig 
bist." Sie drückte sein Haupt herunter in die Kis- 
sen, kniete vor ihm auf dem Boden. Nahm einen 
Schluck Wein — gab ihn ihm in ihrem Munde. 

446 



Trunken wurde er vom Wein, trunkener noch 
von den Lippen, die ihn reichten — 

Die Sonne glühte am Mittag. Sie sassen auf der 
Marmorbrüstung des Teiches, plätscherten mit 
den Füssen im Wasser. 

„Geh in mein Zimmer/' sagte sie. „Auf dem Toi- 
lettentisch liegt eine Angel, zur linken Hand — 
die bring mir!" 

„Nein!" erwiderte er. „Du sollst nicht angeln. 
Was taten dir die goldenen Fischlein?" 

Sie sprach: „Tu's!" 

Da stand er auf, ging zum Herrenhause. Er 
kam in ihr Zimmer, — nahm die Angel, betrach- 
tete sie kritisch. Dann lächelte er befriedigt: 
„Nun, sie wird nicht viel fangen mit dem Ding 
da!" — Aber er unterbrach sich, schwere Falten 
zogen sich auf seiner Stime. „Nicht viel fangen?" 
fuhr er fort. „Sie wird die Goldfischlein fangen 
und wenn sie einen Fleischhaken hineinwürfe!" 

Sein Blick fiel zum Bette, oben auf das Wur- 
zelmännchen. Er warf die Angel in die Ecke, griff 
einen Stuhl in plötzlichem Entschluss. Stellte 'ihn 
auf das Bett, stieg hinauf, riss mit schnellem 
Ruck das Alräunchen herunter. Er suchte Papier 
zusammen, warf es in den Kamin, zündete es an 
und legte das Männlein darauf. 

Er setzte sich auf den Boden, schaute den 
Flammen zu. Aber sie frassen nur das Papier, 
sengten nicht einmal das Alräunchen, schwärzten 
es nur. Und es schien ihm, als ob es lache, als ob 

447 



sein hässliches Gesicht sich zur Fratze verziehe 

— ah, zu dem Grinsen Ohm Jakobs! Und jetzt 

— jetzt scholl wieder dieses klebrige Lachen — 
ringsumher aus den Ecken. 

Er sprang auf, nahm sein Messer vom Tische, 
öffnete die scharfe Klinge. Griff das Männlein 
heraus aus dem Feuer. 

Hart war das Wurzelholz und unendlich zäh, 
nur kleine Späne vermochte er abzutrennen. Aber 
er gab nicht nach, schnitt und schnitt — ein 
Stückchen um das andere. Heller Schweiss perlte 
von seiner Stirne, seine Finger schmerzten ihn 
von der ungewohnten Arbeit. Er machte eine 
Pause, holte neues Papier, Stösse nie gelesener 
Zeitungen. Warf die Splitter darauf, überschüt- 
tete sie mit ihrem Rosenöl und mit Eau de Co- 
logne. 

Ah, nun brannte es, lichterloh. Doppelte Kraft 
gab ihm die Flamme, schneller und stärker trenn- 
te er die Späne vom Holze, gab immer neue 
Nahrung dem Feuer. Kleiner wurde das Männ- 
lein, verlor seine Arme und beide Beine. Immer 
noch gab es nicht nach, wehrte sich, stiess ihm 
spitze Splitter tief in die Finger. Aber er netzte 
den hässlichen Kopf mit seinem Blute, grimmig 
lachend, schnitt neue Späne herunter von dem 
Leibe. 

Dann erklang ihre Stimme. Heiser, fast gebro- 
chen — 

„Was tust du?" rief sie. 

Er sprang auf, warf das letzte Stück in die fres- 

448 



senden Flammen. Wandte sich um, wild, wahn- 
sinnig leuchteten seine grünen Augen. „Ich hab 
es totgeschlagen!" schrie er. 

„Mich!" jammerte sie, „mich! — " Sie griff mit 
beiden Händen zur Brust. „Es tut weh," flüsterte 
sie, „es tut weh." 

Er schritt an ihr vorbei, schlug die Türe kra- 
chend ins Schloss — 

— Doch eine Stunde später lag er wieder in 
ihren Armen, schlürfte wieder ihre giftigen Küs- 
se — 

• ♦ ♦ 

Wahr ist es — er war ihr Lehrer. An seiner 
Hand wandelte sie durch der Liebe Park, tief hin- 
ein auf versteckten Pfaden, weitab von der Men- 
ge breiten Alleen. Aber wo, in dichtem Gestrüpp, 
die Pfade zu Ende waren, wo sein Fuss kehrt- 
machte vor jähen Abgründen, da schritt sie la- 
chend weiter. Unbekümmert und frei aller Furcht 
und Scheu, leicht wie in hüpfendem Tanzschritt. 
Keine rote Giftfrucht wuchs in der Liebe Park, 
die ihre Finger nicht pflückten, die ihre Lippen 
nicht lächelnd kosteten — 

Von ihm wusste sie, wie süss die Trunkenheit 
sei, wenn die Zunge kleine Bluttropfen schlürft, 
aus geliebtem Fleische. Ihre Gier aber schien un- 
ersättlich und unstillbar ihr brennender Durst — 

— Matt war er von ihren Küssen in dieser 
Nacht, löste sich langsam aus ihren Gliedern. 
Schloss die Augen, lag wie ein Toter, starr und 

29 Ewers, Air« UQC 449 



unbeweglich. Aber er schlief nicht, hell, wach 
blieben seine Sinne, trotz aller Müde. 

Durch lange Stunden lag er so. Der helle Voll- 
mond fiel durch die offenen Fenster, breit herein 
auf das weisse Bett. Und er hörte, wie sie sich 
regte an seiner Seite, leise stöhnte und irre Worte 
flüsterte, wie immer in solchen Mondnächten. Er 
hörte sie aufstehen, singend zum Fenster gehen, 
dann langsam zurückkommen. Fühlte, wie sie 
sich über ihn neigte, lange ihn anstarrte. 

Er rührte sich nicht. Wieder stand sie auf, lief 
zum Tisch, kam dann zurück. Und sie blies, 
schnell und schneller auf seine linke Brust, war- 
tete nun, lauschte auf seine Atemzüge. 

Dann fühlte er, vAe etwas Kaltes und Schar- 
fes seine Haut ritzte, und begriff, dass es ein 
Messer war. ,Nun wird sie stossen' — dachte 
er. Aber das schien ihm nicht schmerzlich, schien 
ihm süss zu sein und sehr gut. Er bewegte sich 
nicht, wartete still auf den raschen Riss, der sein 
Herz öffnen sollte. 

Sie schnitt — langsam und leicht. Nicht sehr 
tief — aber tief genug, dass sein Blut heiss her- 
ausquoll. Er hörte ihr schnelles Atmen, öffnete 
ein wenig die Lider, blinzelte hinauf. Ihre Lip- 
pen standen halb offen, gierig schob sich die klei- 
ne Zungenspitze zwischen die blanken Zähne. 
Ihre weissen Brüstchen hoben sich rasch und ein 
irres Feuer sprühte aus ihren starren grünen Au- 
gen. 

Dann, plötzlich, warf sie sich über ihn. Drängte 

450 



den Mund an die offene Wunde, trank — 
trank — 

Still lag er, unbeweglich; fühlte wie sein Blut 
zum Herzen flutete; es schien ihm, als ob sie ihn 
austränke, all sein Blut schlürfe, nicht einen letz- 
ten Tropfen ihm lassen wolle. Und sie trank — 
trank — durch Ewigkeiten trank sie — 

Endlich hob sie den Kopf. Er sah wie sie glüh- 
te; rot leuchteten ihre Wangen in dem Mond- 
schein, kleine Tropfen perlten auf ihrer Stime. 
Sie koste mit schmeichelndem Finger ihrer ro- 
ten Labe versiegten Quell, drückte rasch ein paar 
leichte Küsse darauf. Wandte sich dann, blickte 
mit starren Augen in den Mond — 

Irgend etwas zog sie. Sie stand auf, ging mit 
schweren Schritten zum Fenster. Stieg auf einen 
Stuhl, setzte einen Fuss auf das Fensterbrett — 
Übergossen von silbernem Lichte — 

Dann, wie mit einem raschen Entschluss, stieg 
sie wieder hinab. Sah nicht rechts und nicht links, 
glitt geradeaus durch das Zimmer. „Ich komme," 
flüsterte sie, „ich komme." 

Oeffnete die Tür, ging hinaus. 

Eine Weile lag er noch still, lauschte auf die 
Tritte der Schlafwandlerin, die sich irgendwo ver- 
loren in fernen Räumen. Stand dann auf, zog 
Schuhe und Strümpfe an, griff nach seinem Man- 
tel. Er war froh, dass sie fort war, nun würde er 
eine Weile schlafen können. Weg, weg — ehe sie 
zurückkam — 

Er ging über den Flur, seinem Zimmer zu. Da 

29* 45« 



hörte er Tritte, drückte sich eng in eine Tümi- 
sche. Aber es war eine schwarze Gestalt, war 
Frieda Gontram in ihren Trauerkleidern. Sie trug 
eine Kerze in der Hand, wie immer auf ihren 
nächtlichen Spaziergängen; die brannte trotz des 
Vollmondes. Er sah ihre bleichen, verzerrten Zü- 
ge, die harten Querfalten über der Nase, den zu- 
sammengepressten, verkniffenen Mund. Sah ihr 
scheues, abgekehrtes Auge — 

,Besessen ist sie!* dachte er, — ,besessen — 
wie ich.* - 

Einen Augenblick dachte er daran zu sprechen 
mit ihr, zu überlegen, ob — ob — vielleicht — 

Aber er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, es 
kann doch nichts helfen.** 

Sie versperrte ihm den Weg zu seinem Zimmer, 
so beschloss er hinüberzugehen zur Bibliothek, 
sich dort auf den Diwan zu legen. Er schlich die 
Treppen hinab, kam zur Haustüre, zog den Rie- 
gel zurück und löste die Kette. Schlüpfte leise 
hinaus und weiter, über den Hof. 

Weit auf stand das Eisentor, wie am Tage, das 
wunderte ihn. Er ging hindurch, blickte auf die 
Strasse. Im tiefen Schatten lag die Nische des 
Heiligen, heller wie sonst leuchtete der weisse 
Stein. Viele Blumen lagen zu seinen Füssen, vier, 
fünf Lämpchen brannten dazwischen. Und es 
deuchte ihn, als ob der Menschen Flammen, die 
sie ewig nannten, ankämpfen wollten gegen des 
Mondes Licht. 

„Armselige Lämpchen,** murmelte er. Aber es 

452 



war ihm doch wie eine Hilfe, wie ein Schutz 
gegen die unergründlichen Mächte der grausamen 
Natur. Sicher fühlte er sich in diesem Schatten, 
nahe bei dem Heiligen, den des Mondes Licht 
nicht traf, der seine eigenen Flammen brannte. 
Er blickte auf, sah auf die harten Züge des Stein- 
bildes. Und es schien ihm, als ob sie lebten in 
dem Flackerlichte der Lämpchen, schien ihm, als 
ob sich der Heilige höher recke, stoLz hinaus 
blicke, dorthin, wo der Mond schien. 

Da sang er, leise surrend, wie vor vielen Jah- 
ren, aber heiss, inbrünstig fast: 

„Johann von Ncpomuk, 

Retter vor Flutgefahr, 

Schütz* mich vor Lieb'! 

Lass andere liebestoll werden, 

Lass mir die Ruh' auf Erden. 

Johann von Nepomuk 

Schütz* mich vor Lieb'." 
Dann ging er zurück, durch das Tor und über 
den Hof. — Auf der Steinbank, vor den Ställen, 
sass der alte Kutscher; er sah, wie er den Arm 
hob und ihm winkte. Rasch eilte er über das 
Steinpflaster. 

„Was gibt es, Alter?" flüsterte er. Froitsheim 
antwortete nicht, hob nur die Hand, wies mit der 
kurzen Pfeife nach oben. 
„Was?" fragte er. „Wo?" 
Dann aber sah er gut. Auf dem hohen Dache 
des Herrenhauses schritt ein schlanker, nackter 
Knabe, ruhig, und sicher. Alraune war es. 

453 



Weit offen standen ihre Augen, blickten nach 
oben, hoch nach oben, zum Vollmond. 

Er sah, wie ihre Lippen sich bewegten, sah, 
wie sie die Arme leicht emporstreckte in die 
Sternennacht. Wie ein Verlangen war es, wie ein 
sehnsüchtiger Wunsch. 

Und immer noch schritt sie dahin. Hinab auf 
den First und nun den Rand entlang. Schritt um 
Schritt. 

Sie musste fallen, musste hinabstürzen! Eine 
jähe Angst fasste ihn, seine Lippen öffneten sich, 
sie zu warnen, sie anzurufen. 

„Air " 

Aber er erstickte den Ruf. Sie warnen, ihren 
Namen schreien — das hiess ja gerade: sie tö- 
ten! Sie schlief, war sicher — solange sie schlief 
und daherwandelte in diesem Schlafe. Aber wenn 
er sie rief — wenn sie erwachte — dann, dann 
musste sie stürzen! 

Irgend etwas in ihm forderte: , Schrei! Schrei! 
— Schrei: dann bist du gerettet! — Ein kleines 
Wort nur, nur ihren Namen — Alraune! Du 
trägst ihr Leben auf deiner Zungenspitze — ihr 
Leben und dein eigenes! — Schrei! Schrei!' 

Seine Zähne bissen sich übereinander, seine Au- 
gen schlössen sich, seine Hände verschlangen sich 
fest. Aber er empfand: jetzt, jetzt wird es ge- 
schehen. Ah, es gab kein Zurück, er musste es 
tun! Alle seine Gedanken schmolzen zusammen, 
schmiedeten sich zu dem einen langen, scharfen 
Morddolche: „Alraune" — - 

454 



— Da scholl es her, weit durch die Nacht, hell 
gellend, wild und verzweifelt — : „Alraune — 
Alraune 1" 

Er riss die Augen auf — starrte hinauf. Er sab, 
wie sie ohen die Arme fallen Hess, wie ein jähet 
Zittern durch ihre Glieder ging. Wie sie sich 
wandte, entsetzt zuriickblickte auf die grosse, 
schwarze Gestalt, die aus der Dachluke kroch. 
Sah, wie Frieda Gontram die Anne weit öffnete, 
vorstürzte — hörte noch einmal ihren Angst- 
schrei: „Alraune". 

Dann sah er nichts mehr, ein wirrer Nebel 
deckte seine Augen. Nur einen dumpfen Fall hör- 
te er, einen zweiten gleich darauf. Und einen 
leichten hellen Schrei — nur einen. 

Der alte Kutscher griff seinen Arm, zog ihn 
vor. Er schwankte, fiel beinahe — sprang dann 
hoch, lief mit raschen Schritten über den Hof, 
dem Hause zu — 

Er kniete an ihrer Seite — bettete ihren süssen 
Leib in seine Arme. Blut, viel Blut färbte die kur- 
zen Locken — 

Er legte sein Ohr an ihr Herz, hörte ein lei- 
ses Pochen. „Sie lebt noch," flüsterte er, „oh, sie 
lebt noch." Und er küsste ihre bleiche Stirn. 

Er sah zur Seite, wo der alte Kutscher um Frie- 
da Gontram sich mühte. Er sah ihn den Kopf 
schütteln und schwerfällig aufstehn. „Das Genick 
hat sie gebrochen," hörte er ihn sprechen. 

Was galt es ihm? — Alraune lebte ja — sie 
lebte. 

45S 



„Komm Alter," rief er, „wir wollen sie hinein- 
tragen." 

Er hob ein wenig ihre Schultern — da schlug 
sie die Augen auf. 

Aber sie erkannte ihn nicht. „Ich komme," flü- 
sterte sie, „ich komme — " 

Dann fiel ihr Kopf zurück — 

Er sprang auf — jäh raste sein wilder Schrei, 
brach sich rings an den Häusern, flutete viel- 
stimmig über den Garten. „Alraune — Alraune! 
— Ich war es — ich — !" 

Der alte Kutscher legte ihm die schwielige 
Hand auf die Schulter, schüttelte den Kopf. 

„Nein, junger Herr," sagte er, „Fräulein Gon- 
tram rief sie an." 

Er lachte gell: „ — War es nicht mein 
Wunsch?" 

Finster wurde des Alten Gesicht. Rauh klang 

seine Stimme. „Mein Wunsch war es." 

* * 

* 

Die Dienstboten kamen aus den Häusern. Ka- 
men mit Licht und mit Lärm, schrien und spra- 
chen, füllten den weiten Hof — 

Taumelnd, wie ein Trunkener, schwankte er 
dem Hause zu, stützte sich auf des alten Kut- 
schers Arm — 

„Ich will nach Hause," flüsterte er. „Die Mut- 
ter wartet." 



456 




^^V^Sj^ 



■ V 



AUSKLANG 



Spät ist der Sommer, nun heben, dicht vom 
Stengel, die Stockrosen ihre Köpfe. Streuen die 
Malven ihre matten Klänge, rings in die weichen 
Farben: blasses Gelb, Lila imd weiches Rosa. 

Als du klopftest, liebe Freundin, da rief der 
junge Lenz. Als du eintratest durch die schmale 
Pforte, in meiner Träume Garten, sangen den ra- 
schen Schwälblein Narzissen den Willkomm und 
gelbe Himmelschlüssel. Blau und gut waren deine 
Augen und deine Tage waren wie die schweren 
Trauben lichtblauer Glyzenen, tropften hinab zxan 
weichen Teppich; da schritt mein Fuss weich da- 
hin durch sonnenglitzemde Laubengänge — 

Und die Schatten fielen. Und in den Nächten 

457 



stieg die ewige Sünde hinaus aus dem Meer, kam 
von Süden her, aus der Sandwüsten Glut. Spie 
weit aus ihren Pesthauch, streute rings in meine 
Gärten ihrer brünstigen Schönheiten Schleier. 
Wilde Schwester, da wachte deine heisse Seele, 
aller Schanden froh, voll aller Gifte. Trank mein 
Blut, jauchzte und schrie, aus schmerzender 
Qual und aus küssenden Lüsten. 

Zu wilden Pranken wuchsen deiner rosigen Nä- 
gel süsse Wunder, die Fanny manikürte, deine 
kleine Zofe. Zu mächtigen Hauern deiner blanken 
Zähne leuchtende Milchopale, zu einer Morddirne 
starrenden Zitzen deiner süssen Kinderbrüstchen 
schneeweisse Kätzlein. Feurige Vipern zischten 
deine Goldlocken und aus deinen Augen, sanften 
Steinaugen, die das Licht brechen wie meines 
stillen Goldbuddhas leuchtende Sternsaphire, ra- 
sten die Blitze, die allen Wahnsinns Fesseln in 
ihren Gluten schmelzen — 

Aber Goldlotos wuchs in meiner Seele Teich, 
schob sich mit breiten Blättern auf die weite Flä- 
che, deckte der Tiefen grause Wirbel und Strudel. 
Und die silbernen Tränen, die die Wolke weinte, 
lagen wie grosse Perlen auf den grünen Blättern, 
leuchteten durch den Mittag, wie geschliffene 
Mondsteine. Wo der Akazien blasser Schnee lag, 
warf Goldregen nun sein giftiges Gelb — da fand 
ich, Schwesterlein, die grosse Schönheit der keu- 
schen Sünde. Und ich verstand die Lüste der Hei- 
ligen. 

Vor dem Spiegel sass ich, geliebte Freundin, 

458 



trank aus dem Spiegel die Ueberfülle deiner Sün- 
den. Wenn du schliefest, am Sommermittage, in 
dünnem Seidenhemde auf weissem Linnen. 

Eine andere warst du, blonde Freundin, wenn 
die Sonne lachte durch meiner Gärten Pracht — 
holdes Schwesterlein meiner traumstillen Tage. 
Und eine ganz andere, blonde Freundin, wenn sie 
sank im Meere, wenn die grause Finsternis leise 
kroch aus den Büschen — wilde, sündige Schwe- 
ster meiner heissen Nächte. Ich aber schaute, bei 
des lichten Tages Schein, alle Sünde der Nacht, 
in deiner nackten Schönheit. 

Aus dem Spiegel ward mir die Erkenntnis, aus 
dem alten Spiegel im Goldrahmen, der so manche 
Spiele der Liebe sah in dem weiten Erkerzimmer 
im Schlosse von San Costanzo. Aus diesem Spie- 
gel kam mir die Wahrheit, wenn ich aufsah von 
den Blättern des Lederbandes: süsser als alles ist 
die keusche Sünde der Unschuld. 



— Dass es Wesen gibt — keine Tiere — selt- 
same Wesen, die aus verruchter Lust absurder 
Gedanken entsprangen — du wirst es nicht leug- 
nen, liebe Freundin, du nicht. 

Gut ist das Gesetz, gut alle strenge Norm. Gut 
ist der Gott, der sie schuf und gut der Mensch, 
der sie wohl achtet. Der aber ist des Satans Kind, 
der mit frecher Hand hineingreift in der ewigen 
Gesetze eherner Fugen. 

459 



Der Böse hilft ihm, der ein gewaltiger Herr 
ist — da mag er schaffen nach eigenem stolzem 
Willen — tvider alle Natur. In alle Himmel 
ragt sein Werk — und bricht doch zusammen und 
begräbt im Sturze den frechen Tropf, der es 
dachte — 



Nun schrieb ich dir, Schwester, dies Buch. — 
Alte, längst vergessene Narben riss ich auf, misch- 
te ihr dunkles Blut mit dem hellen und frischen 
der letzten Qualen: schöne Blüten wachsen aus 
solchem Boden, den Blut düngt. Sehr wahr, schö- 
ne Freundin, ist all das, was ich dir erzählte — 
doch nahm ich den Spiegel, trank aus seinem Gla- 
se der Ereignisse letzte Erkenntnis, früher Er- 
innerungen ureigenstes Geschehen. 

Nimm, Schwester, dies Buch. Nimm es von ei- 
nem wilden Abenteurer, der ein hochmütiger Narr 
war — und ein stiller Träumer zugleich — 

Von einem, Schwesterlein, der neben dem Le- 
ben herlief — 



460 



MIRAMAR — LESINA — BRIONI 

April — Oktober 191 1 



INHALT 

Seite 

Auftakt 5 

Erstes Kapitel, 

das zeigt, wie das Haus war, in dem 

der Gedanke Alraune in die Welt sprang 9 

Zweites Kapitel, 

das erzählt, wie es geschah, dass man 
Alraune erdachte 34 

Drittes Kapitel, 

das zu wissen tut, wie Frank Braun 
den Geheimrat überredete, Alraune zu 
schaffen 59 

Viertes Kapitel, 

das Kunde gibt, wie s\t Alraunensyint- 

' ter fanden . 73 

Fünftes Kapitel, 

das vermeldet, wen sie zu ihrem Vater 
wählten, und wie der Tod Pate stand, 
als Alraune zum Leben kam . . . 147 

Intermezzo 171 

Sechstes Kapitel, 

das davon handelt, wie das Kindlein 
Alraune heranwuchs 175 

Siebentes Kapitel, 

das mitteilt, was geschah, als Alraune 

ein Mägdlein war 198 



Achtes Kapitel, 

das ausführt, wie Alraune Herrin ward 

auf dem Sitze der Brinken . . . . aai 

Neuntes Kapitel, 

das davon spricht, wer Alraunens Lieb- 
haber waren und wie es ihnen erging 238 

Zehntes Kapitel, 

das schildert, wie Wolf Gontram an 
Alraune zugrunde ging 375 

Elftes Kapitel, 

das wiedergibt, welches Ende dem Ge> 
heimrat durch Alnutne ward . . . 30a 

Intermezzo 331 

Zwölftes Kapitel, 

das berichtet, wie Frank Braun in ///- 
rannens Welt tritt 335 

Dreizehntes Kapitel, 

das erwähnt, wie die Fürstin Wol- 
konski Alraune die Wahrheit sagte . 36a 

Vierzehntes Kapitel, 

das verzeichnet, wie Frank Braun mit 
dem Feuer spielte und wie Alraune er- 
wachte 390 

Fünfzehntes Kapitel, 

das sagt, wie Alraune im Parke lebte 410 

Sechzehntes Kapitel, 

das verkündet, wie Alraune ein Ende 
nahm 435 

Ausklang 457 



Werke von HANNS HEINZ EWERS 
MÄRCHEN UND FABELN: 

1901 : EIN FABELBUCH (mit Etzel). IV. Aufl. Verl. Alb. 

Langen, München. 
1903: DIE VERKAUFTE GROSSMUTTER. VI. Aufl. Verl. 

Franz Moeser Nachf., Leipzig. 
1904: DIE GINSTERHEXE. V. Aufl. Verl. Franz Moeser 

Nachf., Leipzig. 

ESSAY: 

1905: EDGAR ALLAN POE. II. Aufl. Verl. Schuster und 
Löflfler, Berlin. 

REISEN: 

1909 : MIT MEINEN AUGEN — (Fahrten durch die lateinische 
Welt). IV. Aufl. Verl. Konr. VV. Mecklenburg, Berlin. 

191 1: INDIEN UND ICH. V. Aufl. Verl. Georg Müller, 
München. 

GEDICHTE: 

1910: MOGANNINAMEH (Gesammelte Gedichte). Einmalige 
Aufl. Verl. Georg Müller, München. 

NOVELLEN UND GESCHICHTEN: 

1907: DAS GRAUEN. VIH.Aufl. Verl. Georg Müller, München. 
1908: DIE BESESSENEN. VL Aufl. Verl. Georg Müller, 

München. 
1910: GROTESKEN. V. Aufl. Verl. Georg Müller, München. 

THEATER: 
1908: DELPHI. Drama in drei Akten. Verl. Georg Müller, 
München. 

ROMANE: 

1909: DER ZAUBERLEHRLING oder DIE TEUFELS- 
JÄGER. V. Aufl. Verl. Georg Müller, München. 

1912: ALRAUNE, DIE GESCHICHTE EINES LEBEN- 
DEN WESENS. Verl. Georg Müller, München. 



Druck von Mänicke & Jahn in Rudolstadt. 



^T Btf«r8, Hanns Heinz 

2609 Alraune 

W^5A8 



PLEASE DO NOT REMOVE 
CARDS OR SLIPS FROM THIS POOCET 

UNIVERSmr OF TORONTO LIBRARY 



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